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Exzessives Shoppen: Wenn Konsum zur Sucht wird

Eine Frau trägt mehrere Einkaufstaschen über den Schultern und schlendert durch eine Einkaufsstraße zum Shoppen

© iStock / MMPhotography

Lesezeit: 8 MinutenAktualisiert: 02.07.2021

Etwa fünf Prozent der deutschen Bevölkerung sind stark kaufsuchtgefährdet. Betroffene erwerben Konsumgüter, die sie gar nicht benötigen. Wie sich das problematische Verhalten äußert, ist sehr individuell. Der deutsche Begriff „Kaufsucht“ suggeriert, dass es sich um eine Suchterkrankung handelt, aber das ist in Expertenkreisen weiterhin noch ungeklärt. Klar ist, dass Betroffene sehr beeinträchtigt sein können. Prof. Dr. med. Dr. phil. Astrid Müller ist Expertin auf dem Gebiet der Kaufsucht. Im Interview erklärt die Psychologin, wie es zu einer Kaufsucht kommen kann, welche Konsequenzen möglich sind und wo Betroffene Hilfe finden.

Inhalte im Überblick

    Prof. Dr. med. Dr. phil. Astrid Müller, Leitende Psychologin und Lehrbeauftragte an der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH)

    Prof. Dr. med. Dr. phil. Astrid Müller ist Leitende Psychologin und Lehrbeauftragte an der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH).

    Als Leiterin der Arbeitsgruppe „Substanzungebundene Abhängigkeitserkrankungen“ forscht sie zum pathologischen Kaufen

    Wann spricht man von Kaufsucht?

    Es gibt Kriterien, um normales Kaufen von pathologischem Kaufen (auch Kaufsucht oder Shoppingstörung) zu unterscheiden:

    • Es besteht wiederholt ein Kontrollverlust beim Einkaufen, der in Kaufattacken mündet.
    • Das Kaufverlangen ist dabei ausgesprochen intensiv.
    • Betroffene beschäftigen sich sehr oft gedanklich mit kaufbezogenen Themen und Konsumgütern.
    • Sie erwerben Ware in einer Stückzahl, die nicht notwendig ist oder kaufen Ware, die sie überhaupt nicht brauchen oder längerfristig nicht benutzen. Oft werden die Konsumgüter verstaut, vergessen, verschenkt oder sogar entsorgt.
    • Das Kaufen erfolgt aus emotionalen Gründen wie zum Beispiel schlechter Stimmung oder Langeweile. Der Kaufakt wird als belohnend und identitätsstiftend erlebt.
    • Durch das Kaufverhalten entstehen negative Konsequenzen wie etwa Konflikte mit der Familie und Freunden, berufliche sowie finanzielle Probleme und Verschuldung. Es werden Geldsummen ausgegeben, die früher oder später die finanziellen Ressourcen der Betroffenen aufbrauchen.

    Die Kaufsucht ist keine eigenständige Diagnose. Wie wird sie eingeordnet?

    Man rechnet sie bisher zu den Störungen der Impulskontrolle. Es wird aber darüber diskutiert, ob sie als Verhaltenssucht klassifiziert werden sollte. Neue experimentelle Befunde haben die Ähnlichkeit zu Suchterkrankungen nachgewiesen.

    Wer ist vor allem von Kaufsucht betroffen?

    Die Störung zieht sich querbeet durch alle Einkommensklassen und Altersstrukturen. Es scheint eher Frauen als Männer und eher jüngere Menschen als ältere zu betreffen. Das Alter verschiebt sich aber immer weiter nach hinten. Und es gibt definitiv auch Männer, die kaufsüchtig sind.

    Ist die Kaufsucht bei Frauen und Männern unterschiedlich ausgeprägt?

    Sie kann je nach Person anders ausgeprägt sein, wir bemerken bei den Betroffenen aber schon ein geschlechtsstereotypes Einkaufen. Frauen kaufen gerne Kleidung, Schuhe, Kosmetik und Dekoartikel, Männer eher Technik.

    Wie viele Menschen sind in Deutschland kaufsüchtig?

    Etwa fünf Prozent der deutschen Bevölkerung ist stark kaufsuchtgefährdet. Diese Ergebnisse basieren auf Umfragen. Wie viele Menschen tatsächlich eine ausgeprägte Kaufsucht haben, ist noch nicht bekannt. Dafür müssten die Personen, die bei den Umfragen hohe Werte erzielt haben, eingeladen und befragt werden. Noch fehlen uns diese Daten.

    Mehrere Pakete vom Online-Shopping sind im Raum verteilt, eins wird gerade von einer Person ausgepackt
    Die Kaufsucht verlagert sich zunehmend ins Internet – es gibt einen Trend zum Online-Shopping

    © iStock / Maridav

    Warum ist die Forschung noch so jung?

    Das liegt zum einen daran, dass die Erkrankung nicht als offizielle Diagnose anerkannt ist – in diesem Fall wird auch weniger Geld in die Forschung investiert. Zum anderen will man das Kaufen nicht per se pathologisieren, also für krankhaft halten. Denn es geht nicht um alle Menschen, die online shoppen – was sie tun, ist völlig normal. Bei 95 Prozent der Menschen ist das Kaufen gesundheitlich nicht problematisch.

    Wie äußerst sich eine problematische Kaufsucht?

    Es gibt ein sehr breites Spektrum. Manche Personen jagen nach Schnäppchen, andere kaufen nur exklusive, teure Ware. Es gibt Kaufsüchtige, die nur Online-Shopping betreiben oder nur im stationären Handel kaufen. Und natürlich gibt es auch Mischformen. Andere kaufen unaufgefordert Geschenke für ihr Umfeld. Die Präferenzen sind individuell.

    Auch der Verlauf der Kaufsucht kann sehr unterschiedlich sein. Betroffene berichten von langen Phasen, in denen sie symptomfrei sind, die sich mit Phasen abwechseln, in denen der Kaufsucht täglich nachgegangen wird.

    Warum werden Menschen kaufsüchtig?

    Bei allen Betroffenen besteht eine materielle Werteorientierung, möglich sind auch Selbstwertprobleme. Dann gehen die Ursachen jedoch weit auseinander. Das kann noch hinter einer Kaufsucht stecken:

    • Schwierige Kindheitserfahrungen
    • Der Umgang mit Geld wurde im Elternhaus nicht erlernt
    • Spezifische Persönlichkeitsaspekte wie zum Beispiel Impulsivität, Narzissmus
    • Depressionen
    • Soziale Ängste
    • Borderline-Persönlichkeitsstörung
    • Binge-Eating-Störung

    Wobei wir nicht mit Sicherheit sagen können, was zuerst da war: Ein klassisches Henne-Ei-Problem. Waren die Betroffenen ängstlich oder depressiv und haben ihre negativen Gefühle mit dem Kaufen kompensiert oder haben sie mit ihrer Kaufsucht weitere psychische Probleme entwickelt? Hier fehlen Daten und Untersuchungen. Wir gehen aber davon aus, dass eine gewisse psychische Vulnerabilität schon vor der Kaufsucht besteht. Das Kaufen ist sehr positiv besetzt, so kann – wie bei substanzabhängigen Störungen – schnell eine Eigendynamik entstehen. Damit verstärken sich die psychischen Probleme, die vorher schon da waren.

    Konkrete, interne Auslöser, die zu Kaufattacken führen können, sind negative Gefühlszustände. Etwa:

    Aber auch externe Faktoren wie das schicke Kleid der Freundin oder die Smartwatch des Kollegen, können Auslöser sein. Betroffene wollen diese Konsumgüter dann unbedingt sofort haben.

    Kaufsüchtige sind im Moment des Kaufens davon überzeugt, dass sie die Ware auch tatsächlich brauchen. Es besteht ein starker Besitzwunsch. Das Kaufen wird dazu genutzt, sich besser oder selbstbewusster zu fühlen oder um negative Gefühlzustände zu überdecken. Das Stimmungshoch ist aber von kurzer Dauer, da sich nach dem Kaufakt Einsicht und Reue einstellen. Während des Kaufens werden die negativen Konsequenzen aber ausgeblendet.

    Welche Konsequenzen kann das Verhalten haben?

    Am stärksten spüren die Betroffenen die Schulden. Sie müssen Geld umschichten, verwenden also Geld, das für etwas anderes gedacht war, für ihr exzessives Kaufverhalten. Das führt zu Heimlichkeiten in der Familie, vor dem Partner/ der Partnerin und Freunden. Und auch zu Betrug: Die Zahlungsfähigkeit wird beim Konsumieren vorgegaukelt, Rechnungen aber nicht mehr bezahlt. Dies führt natürlich zu rechtlichen Schritten.

    Und auch im privaten Bereich birgt das sehr viel Konfliktpotenzial. Betroffene räumen zum Beispiel das Sparbuch ihres Kindes leer, das die Großeltern angelegt haben oder sie können einen geplanten Urlaub nicht antreten, weil sie das Geld ausgegeben haben. Manche bestellen auch über den Namen ihres Partners.

    Wie wird die Kaufsucht therapiert?

    Liegt eine behandlungsbedürftige Störung vor, kann psychotherapeutisch behandelt werden. Wir behandeln mit der kognitiven Verhaltenstherapie. Für den tiefenpsychologischen Ansatz gibt es noch zu wenig Studien zur Wirksamkeit bei Kaufsucht.

    Betroffene besuchen bei uns eine Gruppentherapie, an der nur Kaufsüchtige teilnehmen. Vier Monate findet jede Woche ein 90-minütiger Termin statt. Dort werden Verhaltensanalysen gemacht, über die Auslöser von Kaufexzessen gesprochen und nach alternativen Verhaltensweisen gesucht. Dafür müssen sich Betroffene mit ihrer eigenen Geschichte und ihrer Sozialisation auseinandersetzen. Die Behandlung ist durchaus auch einsichtsorientiert. Gemeinsam werden Bewältigungsmechanismen erlernt.

    Ist das Kaufen zum Beispiel mit dem Smartphone gekoppelt, kann bereits der Blick auf das Handy einen starken Kaufreiz, einen Anstoß auslösen. In der Therapie wird dieser Anstoß vom Kaufverhalten entkoppelt. Das muss eingeübt und trainiert werden.

    „Für die Therapie ist es entscheidend, eine eigene innere Änderungsmotivation aufzubauen.“

    Prof. Dr. med. Dr. phil. Astrid Müller
    Leitende Psychologin und Lehrbeauftragte an der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH)

    Wie erfolgreich ist die Therapie?

    Das Problem ist, dass viele Betroffene wenig änderungsmotiviert sind. Die meisten kommen in die Therapie, weil sie verschuldet sind, der Partner sich trennt oder sie vom Arbeitgeber entlassen wurden, weil sie sich finanziell bedient haben. Sie bagatellisieren ihr Verhalten oft und erfinden ihren Mitmenschen gegenüber immer neue Ausreden. Deswegen ist es so entscheidend, in der Therapie eine eigene innere Änderungsmotivation aufzubauen.

    Das ist jedoch schwierig, weil die schnelle Belohnung, die durch das Kaufen eintritt, wegfällt und erst einmal negative Gefühle hochkommen. Viele melden sich zur Therapie an, kommen dann aber nicht oder schaffen es nicht, regelmäßig dabeizubleiben, weil es ihnen nicht direkt besser geht. Ich erlebe aber auch immer wieder, dass Betroffene, die abbrechen, dann ein Jahr später wiederkommen und dranbleiben.

    Wo finden Betroffene Hilfe?

    Die gängigen Anlaufstellen sind Beratungsstellen der Suchthilfe sowie ambulant tätige Psychotherapeuten, die kognitive Verhaltenstherapie anbieten.

    Es gibt an vielen Universitäten und Psychosomatischen Kliniken außerdem Spezialsprechstunden, wo Verhaltenssüchte wie Glücksspielsucht, Videospielsucht oder eben Kaufsucht behandelt werden. Auch Fachstellen der Suchthilfe können erste Anlaufstellen sein.

    Auf der Website der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gibt es ein Verzeichnis mit Suchberatungsstellen. Auch über die Datenbank der Nationalen Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen (NAKOS) finden Betroffene bei Eingabe des Stichworts „Kaufsucht“ und ihres Wohnorts passende Einrichtungen.

    Kann man selbst etwas tun, wenn man zu riskantem Kaufverhalten neigt?

    Es gibt verschiedene Dinge, die helfen können:

    • Betroffene sollten alles aufschreiben, was sie kaufen und sich dabei überlegen: Warum habe ich die Ware gekauft und brauche ich sie überhaupt? Habe ich eingekauft, um ein negatives Gefühl, zum Beispiel Langeweile oder Frustration zu kompensieren? Wem das nur gelegentlich mal passiert, muss sich keine Sorgen machen. Liegt eine Kaufsucht vor, ist das Verhalten ein Muster, das immer wiederkehrt.
    • Es kann auch helfen, keine Kreditkarten zum Einkaufen mitzunehmen und sich vor dem Einkauf eine Liste zu schreiben, was man konkret erwerben will. Auch das Bezahlen in bar wäre sinnvoll, aber das ist ein auslaufendes Modell.

    Für Online-Shopping gilt:

    • Betroffene sollten Funktionen wie den „1-Klick-Kauf“ deaktivieren.
    • Auf dem Handy sollten sich keine Apps oder Webshops zum Shoppen befinden.
    • Betroffene sollten sich außerdem möglichst keiner personalisierten Werbung aussetzen.
    • Es hilft, sich selbst Regeln aufzuerlegen, wie etwa prinzipiell keine Käufe über das Smartphone zu tätigen.

    „Die Kaufsucht verlagert sich zunehmend ins Internet.“

    Prof. Dr. med. Dr. phil. Astrid Müller
    Leitende Psychologin und Lehrbeauftragte an der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH)

    Shoppen Kaufsüchtige vor allem online?

    Es gibt ganz prinzipiell einen Trend zum Onlinehandel, der durch die Covid-19-Pandemie natürlich verstärkt wurde. Und auch die Kaufsucht verlagert sich zunehmend ins Internet. Das Netz bietet viele Attribute, die eine Kaufsucht noch verstärken können:

    • Das Kaufen unterliegt keiner zeitlichen Begrenzung: Das Internet ist 24 Stunden an sieben Tagen die Woche verfügbar.
    • Körperlich sind ebenfalls keine Grenzen gesetzt: Online besteht eine enorme Produktvielfalt, die man beim Einkaufen im stationären Handel niemals ablaufen könnte.
    • Die Recherche- und Kaufprozesse sind stark beschleunigt. So treten auch die positiven Gefühle durch das Kaufen sehr schnell ein.
    • Personalisierte Werbung, Pop-up-Werbung, Möglichkeit zum Preisvergleich.
    • Kreditkäufe oder andere Zahlmodi, bei denen die Zahlung nicht sofort geleistet werden muss.
    • Anonymität: Soziale Kontakte lassen sich vermeiden, Betroffene können unbeobachtet einkaufen.

    Weil das Kaufen im Internet durch die Pandemie noch normaler geworden ist und es zusätzlich das Suchtverhalten fördert, rechne ich damit, dass die Verhaltensstörung durch Covid-19 zunehmen wird. Bisher gibt es dazu aber noch keine Zahlen.

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