Stress

Wie Resilienz Gesellschaften für die Krisenbewältigung stärkt

Veröffentlicht am:27.01.2026

13 Minuten Lesedauer

Pandemie, Kriege oder der Klimawandel verunsichern viele Menschen. Resiliente Menschen und Gesellschaften können solche Krisen besser bewältigen. Doch was macht sie überhaupt resilient?

Auf einer Wiese in einem Park stehen im Kreis eine Gruppe von Menschen, darunter Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene, Erwachsene und alte Menschen sowie ein Rollstuhlfahrer. Sie fassen sich an den Händen und heben die Arme in die Höhe.

© iStock / Rawpixel / KI-bearbeitet

Was versteht man allgemein unter Resilienz?

Es gibt verschiedene Vorstellungen davon, was unter dem Begriff Resilienz zu verstehen ist. Die vorherrschende Definition beschreibt Resilienz als die Fähigkeit, belastende Situationen oder Ereignisse gut zu überstehen, im Idealfall sogar gestärkt daraus hervorzugehen und psychisch gesund zu bleiben.

Wie gut ein Mensch Stress, Rückschläge und Krisen wegsteckt, hängt demnach von seiner persönlichen Resilienz ab. Resiliente Menschen können belastende Erfahrungen besser verarbeiten. Dazu kann ein Todesfall im privaten Umfeld genauso gehören wie eine gesellschaftliche Krise oder eine Umweltkatastrophe.

Was bedeutet soziale Resilienz?

Soziale oder gesellschaftliche Resilienz bezieht sich nicht auf die Widerstandsfähigkeit von Individuen, sondern auf die von ganzen Gesellschaften. In Fachkreisen ist auch von Multi-Resilienz die Rede. Soziale Resilienz bezeichnet die Fähigkeit einer Gesellschaft, Schocks und Stressfaktoren zu verarbeiten und dabei ihre Institutionen und Systeme intakt zu halten. Gewissermaßen ist soziale Resilienz ein gesellschaftliches Immunsystem, das für Krisen gewappnet ist.

Die Rolle der kollektiven Resilienz für ganze Gesellschaften rückt zunehmend in den Fokus der Forschung. Vor allem die Widerstandsfähigkeit einer Gesellschaft im Umgang mit Krisen, wie sie beispielsweise durch die Corona-Pandemie oder den Klimawandel verursacht werden, ist dabei von Interesse. Die entscheidende Frage für die Forschung lautet: Wie kann eine Gesellschaft ihre Resilienz steigern, um Krisen besser zu bewältigen?

Vier Frauen verschiedenen Alters pflanzen in einem Park gemeinsam einen Baumsetzling. Sie tragen grüne T-Shirts und blaue Arbeitshandschuhe. Der Baum befindet sich bereits im Pflanzloch, um das die Frauen knien. Eine von ihnen hält eine Schaufel, eine andere eine Hacke in der Hand. Die beiden anderen füllen mit ihren Händen Erde in das Loch.

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Gemeinsames Engagement stärkt die soziale Resilienz und verbessert die Fähigkeit von Gesellschaften zur Krisenbewältigung.

Welche Wechselwirkung gibt es zwischen individueller und sozialer Resilienz?

Die Forschung geht davon aus, dass individuelle und soziale Resilienz sich gegenseitig stärken. Maßnahmen zur Förderung der individuellen Resilienz unterstützen daher auch die Resilienz der Gesellschaft insgesamt. Für eine resiliente Gesellschaft ist dieses Wechselspiel zwischen der Resilienz einzelner Personen und der gesamtgesellschaftlichen Resilienz von großer Bedeutung.

Ein Umfeld mit gerechten Bildungsmöglichkeiten und Arbeitsbedingungen sowie einem funktionierenden Gesundheitssystem erhöht die Teilhabe- und Chancengerechtigkeit. Dies stärkt den Gemeinschaftssinn und hat somit indirekt auch einen positiven Einfluss auf die individuelle und soziale Resilienz. Maßnahmen, die Bildungsgerechtigkeit sowie angemessene Arbeits- und Gesundheitsstandards fördern, stärken die Resilienz der gesamten Gesellschaft.

Welche Voraussetzungen haben resiliente Gesellschaften?

Stichwort Gemeinschaftssinn: Für eine resiliente Gesellschaft muss es einen grundlegenden gesellschaftlichen Zusammenhalt geben. Dieser zeichnet sich durch ein friedliches und respektvolles Zusammenleben der Menschen aus – zumindest sollte die deutliche Mehrheit dazu bereit sein. Dazu gehört auch ein gemeinsames Verständnis von Werten und Regeln im sozialen Miteinander.

Wichtig sind dabei Menschen, die sich engagieren und Verantwortung übernehmen, beispielsweise durch ein Ehrenamt, soziale Freiwilligenarbeit oder politisches Engagement. Aber auch das Vertrauen in öffentliche Institutionen wie die Polizei oder die Verwaltung sowie in politische Maßnahmen trägt zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei.

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Welche Strategien zur Stärkung der sozialen Resilienz gibt es?

Da es sich bei der gesellschaftlichen Resilienz und ihrer Förderung um ein junges, noch wenig erforschtes Konzept handelt, gibt es bislang keine etablierten Methoden. Aber es gibt drei Ansätze, die bedeutsam dazu beitragen können.

  • Vertrauen in die Institutionen ist die Basis für deren Wertschätzung. In der Corona-Pandemie ist in Teilen der Bevölkerung Misstrauen gegenüber Politik und öffentlichen Institutionen entstanden. Vertrauen in die Politik steigert jedoch das Sicherheitsgefühl und ist ein wichtiger Resilienzfaktor. Um die Resilienz zu stärken, muss daher das institutionelle Vertrauen erhalten bleiben oder wieder zurückgewonnen werden.
  • Zusammenkommen als Gemeinschaft: Als Gemeinschaft kann man persönlich oder in den sozialen Medien zusammenkommen, um beispielsweise gemeinsam etwas zu gedenken oder zu trauern. Wie stark Medien ein Gemeinschaftsgefühl prägen können, zeigt das reichweitenstarke Hashtag „Boston Strong“. Es entstand nach dem Anschlag auf den Boston-Marathon, der die Stadtgemeinschaft im Rückblick gefestigt hat.
  • Resilienzvorbilder dienen in erster Linie dazu, positive Aspekte zu stärken und negative zu schwächen. So rückten in der Corona-Pandemie beispielsweise Leistungen von Menschen in den Vordergrund, die besonderen Herausforderungen ausgesetzt waren, wie etwa Gesundheits- und Verkaufspersonal.
Amira erklärt die STOPP-Methode, eine einfache Technik, um Stress zu bewältigen, Emotionen zu regulieren und mehr Gelassenheit im Alltag zu gewinnen.

Wie wichtig sind Akzeptanz und Vorbereitung für die Resilienz?

Katastrophen lassen sich nie ausschließen. Insbesondere freiheitlich-demokratische Staaten können ihre Bevölkerung trotz bestmöglicher Vorbereitung nicht allumfassend vor Bedrohungen wie Terroranschlägen schützen. Resilienz heißt daher auch, Risiken anzuerkennen.

Dies erfordert vor allem in Krisenzeiten, sich an mögliche Risiken zu gewöhnen. Menschen müssen auch psychisch auf den Ernstfall vorbereitet sein. Denn potenzielle Bedrohungen gibt es viele. Ob bei Naturkatastrophen oder Terroranschlägen – die mentale Einstellung ist mitentscheidend, um mit kritischen Situationen umgehen zu können.

Wieso gilt Japan als Vorbild für eine resiliente Gesellschaft?

Japan ist ein gutes Beispiel für ein gezielt vorbereitetes Mindset. Der Inselstaat liegt auf dem Pazifischen Feuerring. Deshalb besteht ein kontinuierliches Risiko für Erdbeben, Tsunamis, Vulkanausbrüche oder Taifune. Die Vielzahl möglicher Naturkatastrophen macht Katastrophenvorsorge zu einem festen Bestandteil des japanischen Alltags.

Technische Vorkehrungen sind dabei nur ein Aspekt. Genauso wichtig sind Aufklärung, Bewusstseinsbildung und Gemeinschaftssinn. Die Bevölkerung wird von klein auf über Risiken und Schutzmaßnahmen aufgeklärt. Regelmäßige gemeinschaftliche Übungen sorgen zusätzlich dafür, dass alle wissen, wie sie sich im Notfall verhalten müssen. Das stärkt auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt und somit die Resilienz der Gesellschaft.

Für mehr Achtsamkeit und innere Stärke

Wie hat Resilienz in der Corona-Pandemie geholfen?

Wie wichtig Resilienz bei der Krisenbewältigung ist, zeigt die Corona-Pandemie: Sie führte bei vielen Menschen zu erhöhtem Stress bis hin zu psychischen Erkrankungen. Gleichzeitig waren Hilfssysteme wie medizinische und soziale Einrichtungen nur eingeschränkt verfügbar. Bestimmte Bevölkerungsgruppen wie Kinder, Eltern oder Menschen in Seniorenheimen waren besonders stark belastet.

Resiliente Menschen waren während dieser Zeit in der Lage, ihr Verhalten im Alltag zu ändern und sich den neuen Gegebenheiten anzupassen. Die Resilienz der Einzelnen und somit auch der Gesellschaft wurde durch Solidarität gestärkt. Dazu zählte nicht nur das Klatschen als Solidaritätsbekundung gegenüber Pflegekräften, sondern auch das Bewusstsein, ein gemeinsames Ziel zu verfolgen: Die Krise mit so wenig Opfern wie möglich durchzustehen und niemanden im Stich zu lassen. Es entwickelten sich verschiedene Formen der solidarischen Unterstützung, wie zum Beispiel Nachbarschaftshilfen.

Es kommt also auf zwei Dinge an: auf ausreichend verfügbare Ressourcen innerhalb der Hilfssysteme und auf den Willen der Menschen, ihren Alltag trotz Belastung fortzuführen.

Wie kann Resilienz Menschen angesichts des Klimawandels helfen?

Die Folgen des Klimawandels machen viele Menschen hilflos und erzeugen Angst. Der Klimawandel ist ein Beispiel für ein gesellschaftliches Risiko, das vor Ort besteht, sich aber nicht lokal bewältigen lässt. Die gesamte Weltgemeinschaft muss mitwirken.

Wenn im Kontext Klima das Stichwort Resilienz fällt, ist zu beachten, dass der Begriff der Klimaresilienz etwas anderes bezeichnet als die Resilienz in der Psychologie – nämlich die Anpassung von Gesellschaften und Ökosystemen an sich wandelnde klimatische Bedingungen. Beispiele hierfür sind städtebauliche Maßnahmen wie schattenspendende und Feuchtigkeit speichernde Grünflächen und Wasserspender oder auch Verhaltensregeln für den Hitzeschutz.

Psychologische Resilienz angesichts des Klimawandels bedeutet, anzuerkennen, dass es Umweltveränderungen gibt. An diese muss man sich anpassen, ohne als Individuum direkt etwas dagegen tun zu können – beziehungsweise nur sehr eingeschränkt durch eine klimagerechte Lebensweise. Die Hilflosigkeit und die Sorge um die Natur können sehr belastend sein. Das Umweltbundesamt hat zu diesem Thema den Ratgeber „Mentale Gesundheit im Klimawandel” veröffentlicht.

Wie werden Gesellschaften resilienter?

Es gibt keinen Königsweg zu einer resilienten Gesellschaft, aber eine zentrale Erkenntnis: Eine Gesellschaft ist die Summe der Menschen, die in ihr zusammenleben. Steigt die Resilienz der Einzelnen, wird auch die Gesamtgesellschaft resilienter.

Deshalb sind alle Maßnahmen, die die psychische Widerstandsfähigkeit einzelner Menschen stärken, auch gut für die soziale Resilienz. Gesellschaftliche Teilhabe und Chancengleichheit fördern den Zusammenhalt und somit die Resilienz. Ebenso wichtig sind transparente Aufklärung über Bedrohungsszenarien und die Vorbereitung der Menschen auf Krisensituationen. Wer psychisch auf Krisen vorbereitet ist, bewältigt sie in der Regel auch besser.

Die Resilienzförderung ist jedoch nicht allein Aufgabe des freiheitlich-demokratischen Staates. Jeder und jede Einzelne von uns kann etwas für den gesellschaftlichen Zusammenhalt tun und die Resilienz der Gesellschaft stärken. Zuallererst durch einen respektvollen zwischenmenschlichen Umgang im persönlichen Umfeld und in den sozialen Medien.

Fachlich geprüft
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