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Alterungsprozess: Warum altern wir und was passiert dabei?

Mutter, Tocher und Enkelkind sitzen auf einem Sessel. Der Alterungsprozess des Menschen wird deutlich.

© iStock / kate_sept2004

Lesezeit: 6 Minuten29.07.2022

Mit dem Alter verändert sich nicht nur der Körper, sondern auch die Psyche. Zwar ist das Altern ein natürlicher Prozess, trotzdem wirft er viele Fragen auf: Warum altern Menschen und was passiert dabei genau?

Inhalte im Überblick

    Porträt von Dr. Sebastian Grönke, Mitarbeiter des Max-Planck-Instituts für die Biologie des Alterns in Köln.

    © Sonja Tobias

    Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler forschen intensiv zu dem Thema Altern. So auch Dr. Sebastian Grönke vom Max-Planck-Institut für die Biologie des Alterns in Köln.

    Im Interview beantwortet er spannende Fragen zum Thema Altern.

    So funktioniert das Altern

    Was passiert beim Alterungsprozess im Körper?

    Während des Alterungsprozesses reichern sich bei jedem Menschen Schäden im Körper an. Das passiert aber nicht einfach so, wir führen das auf externe und interne Faktoren zurück. Ein Beispiel für einen externen Faktor ist die UV-Einstrahlung, einen inneren Faktor stellen beispielsweise freie Radikale dar, die bei Stoffwechselaktivitäten im Körper entstehen. Das Ergebnis des Alterungsprozesses zeigt sich nicht nur an einer faltigen Haut oder grauen Haaren – bei alternden Menschen sind viele Veränderungen unsichtbar. Tief im Inneren des Körpers beeinträchtigt der Alterungsprozess Makromoleküle wie Enzyme oder die DNA. Funktionieren die Makromoleküle im Alter nicht mehr richtig, wirkt sich das auf die Arbeit der Zellen und der Organe aus.

    Außerdem büßt der Körper ein Stück seiner Reparatur- und Regenerationsfähigkeit ein. Der Organismus kann beispielsweise Fehler, die beim Kopieren der DNA während der Zellteilungen entstehen, nicht mehr komplett beseitigen, dadurch reichern sich Fehler im Erbgut der Körperzellen an. Eine weitere Veränderung spielt sich bei den Stammzellen ab – sie sind im menschlichen Körper für die Regeneration verantwortlich. Zwar teilen sich Stammzellen auch im Alter noch, allerdings bilden sie nicht mehr die gleichen Zellen wie in einem jungen Körper. Auch deshalb lässt die Immunantwort im Alter nach. Es gibt also nicht den einen Alterungsprozess, sondern sehr viele körperliche Vorgänge, die den Menschen innerlich und äußerlich altern lassen.

    Warum altern Menschen überhaupt?

    Es ist nicht so, dass das Altern ein programmierter Prozess ist. Vielmehr ist das Altern ein  Nebeneffekt von Vorgängen, die sich in unserem Körper abspielen, beispielsweise beim Heranwachsen. Wir gehen also davon aus, dass das Altern keine biologische Funktion hat, sondern zwangsläufig entsteht. Wenn wir das Ganze evolutionstechnisch betrachten, ist die Fortpflanzung für den Organismus das Wichtigste.

    Pflanzt sich ein Mensch einmal fort, nimmt der sogenannte Selektionsdruck ab. Darunter verstehen Experten Umweltbedingungen, die eine Veränderung der Anpassung erforderlich machen. Der Druck nimmt deshalb ab, weil der Mensch mit der Fortpflanzung seine Erbinformationen bereits an die nächste Generation weitergegeben hat, auch wenn er das mehrmals tun könnte. Bis zu dieser einen wichtigen Fortpflanzung möchte die Evolution den Körper sozusagen in einem möglichst perfekten Zustand behalten. Im Alter spielt der perfekte Zustand dann keine Rolle mehr – und es können sich Schäden anreichern.

    „Es ist nicht so, dass das Altern ein programmierter Prozess ist. Vielmehr ist das Altern ein Nebeneffekt von Vorgängen, die sich in unserem Körper abspielen.“

    Dr. Grönke
    Mitarbeiter des Max-Planck-Instituts für die Biologie des Alterns in Köln

    Welche körperlichen Veränderungen können im Alter auftreten?

    Wir verbinden mit dem Älterwerden oft ganz bestimmte körperliche Erscheinungen wie eine faltige Haut. Grundsätzlich nehmen aber alle körperlichen Funktionen im Alter ab, nicht nur die Hautelastizität. Dazu zählt auch die Abwehrkraft des Immunsystems. Verantwortlich dafür ist unter anderem die Veränderung eines kleinen Organs, des Thymus. In diesem Organ reifen wichtige Immunzellen, die sogenannten T-Zellen, heran. Durch den Einfluss von Sexualhormonen schrumpft das Organ nach und nach. Dieser Prozess startet bereits im Alter von 20 Jahren und ist etwa im Alter zwischen 40 und 50 Jahren abgeschlossen. Ab diesem Zeitpunkt reifen keine neuen T-Zellen mehr im Thymus heran.

    Da der menschliche Körper mit den T-Zellen Antigene (Fremdkörperstrukturen) erkennt, kann sich ein älterer Mensch deutlich schlechter auf neue Begegnungen, zum Beispiel mit Viren, einstellen. Das Immunsystem altert also gewissermaßen mit. Dafür ist aber nicht nur der Wegfall der T-Zellen-Produktion verantwortlich, sondern auch andere Veränderungen, unter anderem ein Funktionsverlust der Stammzellen.

    Wie verändern sich die Organe im Alter?

    Neben dem bereits angesprochenen Thymus gibt es natürlich noch andere Organe, die altern. Der Alterungsprozess trifft beinahe alle von ihnen. Ein gutes Beispiel ist das menschliche Auge. Zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr bemerken Menschen, dass die Sehkraft nachlässt – die Weitsichtigkeit ist da. Der Prozess tritt aber nicht plötzlich ein, vielmehr gibt es einen konstanten Verlauf. Auch wenn wir die Auswirkungen erst später wahrnehmen, verändert sich das Auge praktisch ab der Geburt.

    Kleine Kinder haben die beste Augenleistung, bei Erwachsenen nimmt die Sehkraft kontinuierlich ab, etwa ab dem Teenageralter. Dahinter stecken bestimmte biologische Mechanismen, so verliert die Augenlinse zum Beispiel ihre Elastizität – sie wird starrer und kann sich nicht mehr auf die optimale Sehschärfe einstellen. Je älter ein Mensch ist, desto mehr Veränderungen an Organen treten auf. Viele Beschwerden sind aber keine direkte Folge des Alterungsprozesses, sie entstehen durch Erkrankungen, die das Alter begünstigt.

    Was verändert sich mit 60 Jahren?

    Aus meiner Sicht gibt es keine entscheidenden Jahre beim Altern. Zum einen deshalb, weil der Alterungsprozess sehr individuell ist – der eine Mensch bekommt bereits mit Anfang 30 graue Haare, der andere behält bis ins hohe Alter seine Haarfarbe. Zum anderen schreiten Alterungsprozesse über einen Großteil der Lebenszeit konstant voran. Das Altwerden auf 34, 60 oder 78 Jahre festzulegen, ist daher schwierig. Oft erwecken Alterungsprozesse aber den Anschein, dass sie plötzlich auftreten, zum Beispiel, wenn die Sehschärfe abnimmt. Deshalb neigen wir dazu, das Alter an Zahlen festzumachen.

    Wann setzt der Alterungsprozess ein?

    Der Alterungsprozess setzt überraschend früh ein, nämlich dann, wenn der Körper ausgewachsen ist. Einmal angestoßen, schreitet der Alterungsprozess stetig voran. Dieser Verlauf ist relativ kontinuierlich, kann sich bei älteren Menschen aber beschleunigen. Wir beobachten, dass Personen ab 75 Jahren vergleichsweise schneller altern beziehungsweise deutlichere Alterungskennzeichen zeigen. Das liegt aber auch daran, dass ältere Menschen ein höheres Risiko für Erkrankungen mitbringen. Das Erkrankungsrisiko für Alzheimer verdoppelt sich beispielsweise nach dem 65. Lebensjahr alle 5 Jahre.

    Älterer Mann wacht mit Rückenschmerzen auf, aber gehören diese zum menschlichen Alterungsprozess dazu?
    Für das Altern gibt es keine festen Zahlen, es wird aber häufig an Begleiterscheinungen wie Rückenschmerzen festgemacht.

    © iStock / InnerVisionPRO

    Warum altern manche Menschen nicht?

    Jeder Mensch altert. Es gibt aber durchaus Personen, sogenannte Langlebige, die älter werden als der Durchschnitt unserer Bevölkerung. Experten prägten in diesem Zusammenhang den Begriff „Blue Zones“. Dabei handelt es sich um Regionen, in denen Menschen eine auffällig hohe Lebenserwartung haben. Solche Regionen sind zum Beispiel Okinawa in Japan oder Sardinien in Italien. Der Grund für das hohe Alter könnte sich in den Genen verbergen. Wahrscheinlich ist das aber nur bei Menschen mit einem sehr hohen Lebensalter, also über hundert Lebensjahre, der Fall.

    Wir gehen bei der normalen Bevölkerung davon aus, dass die genetische Ausstattung nur zu 10 bis 15 Prozent Einfluss auf die menschliche Lebenszeit nimmt. Das bedeutet, Umweltfaktoren wie die Ernährung oder der Einfluss von Giftstoffen (Tabakkonsum) sind entscheidend an dem Alterungsprozess beteiligt. Auf den Okinawa-Inseln gibt es ein Sprichwort, wonach man nur so viel essen sollte, bis man 80 Prozent voll ist – wer sich an das Sprichwort hält, schlägt sich den Bauch nicht komplett voll. Die Einwohner von Okinawa essen traditionell im Gesamten weniger und außerdem weniger Fleisch, das könnte auch eine Erklärung für das hohe Lebensalter in der Region sein.

    „Wir gehen bei der normalen Bevölkerung davon aus, dass die genetische Ausstattung nur zu 10 bis 15 Prozent Einfluss auf die menschliche Lebenszeit nimmt.“

    Dr. Grönke
    Mitarbeiter des Max-Planck-Instituts für die Biologie des Alterns in Köln

    Können wir das Altern aufhalten oder verzögern?

    Die Altersforschung beschäftigt sich intensiv mit alterstypischen Prozessen. Noch gibt es aber keine Pille, die den Alterungsprozess nebenwirkungsfrei und einfach ausbremst. Anders als viele denken, ist das Ziel der Altersforschung nicht, die Lebenserwartung der Menschen ins Unermessliche zu steigern. Stattdessen ist unser Ziel, den Alterungsprozess insoweit zu behandeln, dass alterstypische Krankheiten nur in einer möglichst kurzen Lebensphase auftreten – die Erkrankungen begleiten einen Menschen dann nicht mehr über viele Jahrzehnte. Auch wenn die Forschung wichtige Erkenntnisse liefert, kann jeder selbst den Alterungsprozess beeinflussen. Dazu können eine gesunde Ernährung, genügend Bewegung oder ein Rauchverzicht beitragen.

    Ist das Altern nur schlecht?

    Wir begreifen das Altern zunächst als degenerativen Prozess, also als einen funktionsvermindernden Verlauf. Trotzdem hat das zunehmende Alter auch positive Seiten. Ältere Menschen verfügen über einen größeren Erfahrungsschatz, an dem sie andere teilhaben lassen können. Das sichert ihnen einen wertvollen Platz in der Gesellschaft. Außerdem können Menschen mit über 60 Jahren sehr hilfreiche soziale Kompetenzen besitzen. Während eines Konfliktes konnten sie laut einer Studie besser verschiedene Blickwinkel einnehmen oder Kompromisse anvisieren.

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