Zum Hauptinhalt springen
AOK WortmarkeAOK Lebensbaum
Gesundheitsmagazin

Psychologie

Trichotillomanie: Was tun bei zwanghaftem Haareausreißen?

Veröffentlicht am:12.01.2023

6 Minuten Lesedauer

Bei der Trichotillomanie verspüren Betroffene den Drang, sich die Haare herauszureißen. Gleichzeitig leiden sie unter dem Haarverlust, den sie immer schlechter verstecken können. Die kognitive Verhaltenstherapie bietet erfolgsversprechende Hilfe.

Eine Frau, die unter Trichotillomanie leidet, ist kurz davor, sich einige Haare vom Kopf auszureißen.

© iStock / coffeekai

Inhalte im Überblick

    Porträt von Prof. Dr. Andreas Wittorf

    © Universitätsklinikum Tübingen

    Prof. Dr. Andreas Wittorf leitet die Spezialambulanz für Zwangsstörungen am Universitätsklinikum Tübingen. Im Interview erklärt er, was Betroffene tun können, um das zwanghafte Haareausreißen zu stoppen.

    Was ist Trichotillomanie und wie wird sie diagnostiziert?

    Bei der Trichotillomanie nehmen Menschen einen enormen Drang wahr, sich die Haare einzeln oder büschelweise auszureißen. Die meisten Betroffenen machen das in einem unbewussten Zustand, wie in einer Art Trance. Sie nehmen sich also nicht gezielt vor, die Haare herauszureißen. Die Trichotillomanie ist ein eigenständiges Krankheitsbild, sie zählt zu den psychischen Erkrankungen. Sich hin und wieder ein Haar auszuzupfen, bedeutet aber nicht , dass eine Trichotillomanie vorliegt. Hier ist vor allem der Leidensdruck entscheidend. Bei der Erkrankung können Betroffene zum einen unter dem Drang selbst leiden, weil er beispielsweise den Alltag bestimmt. Viel tiefgreifender sind aber meist die Konsequenzen – zeigen sich beispielsweise auf dem Kopf kahle Stellen, meiden Menschen mit Trichotillomanie mitunter aus Scham soziale Kontakte. Bei der Trichotillomanie gibt es keine objektiven Diagnosekriterien. Die Erkrankung muss also nicht beispielsweise durch kahle Stellen sichtbar sein. In einem persönlichen Gespräch finden Mediziner und Medizinerinnen heraus, wie Betroffene die Situation beim Haareausreißen erleben, wie hoch ihr Leidensdruck ist und ob sie Beeinträchtigungen im Alltag wahrnehmen.

    Warum reißen sich Menschen die Haare heraus?

    Betroffene geben an, dass sie sich oft aus einem emotionalen Zustand heraus die Haare ausreißen. Auslöser können Langeweile, das Gefühl von innerer Leere, Traurigkeit, Angst oder Nervosität sein. Was zu dem Verhalten führt, ist aber ganz individuell. Das Besondere an der Trichotillomanie ist, dass das Haareauszupfen bei Betroffenen nicht nur innere Spannungen reduziert, sondern von ihnen oft auch als genussvoll empfunden wird. Häufig bleibt es nicht nur beim Haareausreißen – Betroffene nehmen das losgelöste Haar und berühren damit die Lippen oder kauen darauf herum. Manchmal schlucken sie die Haare auch herunter.

    „Das Besondere an der Trichotillomanie ist, dass das Haareauszupfen bei Betroffenen nicht nur innere Spannungen reduziert, sondern von ihnen oft auch als genussvoll empfunden wird.“

    Prof. Dr. Wittorf
    Leiter der Spezialambulanz für Zwangsstörungen am Universitätsklinikum Tübingen

    Warum empfinden Betroffene das Haareausreißen dennoch als sehr belastend?

    In dem Moment, in dem sich Betroffene die Haare auszupfen, empfinden sie die Situation zwar als genussvoll, stimulierend oder ablenkend. Irgendwann tauchen sie aus der Art Trance aber wieder auf, dann kommt meistens die Reue: Was habe ich da getan? Viele Menschen schämen sich dafür, sich selbst so „zuzurichten“. Hat das Verhalten schon sichtbare Spuren hinterlassen, trauen sich Betroffene aufgrund der lichten Haarstellen häufig nicht mehr unter Menschen. Zum Beispiel, weil sie Angst haben, darauf angesprochen zu werden. Das trifft besonders auf Frauen zu, da sie im Erwachsenenalter deutlich häufiger an einer Trichotillomanie erkranken als Männer. Üblicherweise fängt das Problem aber bereits in der Pubertät an, zwischen 11 und 13 Jahren. Allerdings kommt das Haareausreißen auch bereits bei Kindern vor – hier sind Mädchen und Jungen gleich oft betroffen.

    Welche Ursachen führen zu einer Trichotillomanie?

    Es existiert keine einzelne Ursache, die erwiesenermaßen immer eine Trichotillomanie herbeiführt. Bestimmte Menschen sind aber durchaus anfälliger für ein solches Verhaltensmuster. Dazu gehören Personen, die soziale Ängste haben. Auch eine geringere psychologische Flexibilität, bei der Menschen unangenehme Gefühle ignorieren, könnte eine Trichotillomanie begünstigen. Ebenfalls anfälliger sind Personen, die generell Schwierigkeiten damit haben, Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken. Geraten Menschen in Stress und verfügen über keine passenden Stressbewältigungsmaßnahmen – weil sie die Probleme beispielsweise nicht kommunzieren, können sie das Haareausreißen für sich als emotionales Ventil entdecken.

    Wie wird eine Trichotillomanie behandelt?

    Hier gibt es zwei Möglichkeiten: entweder die Psychotherapie oder die medikamentöse Therapie. Die kognitive Verhaltenstherapie ist besonders erfolgsversprechend. Sie setzt bei der Trichotillomanie beispielsweise auf das Habit-Reversal-Training, zu Deutsch Gewöhnungsumkehr-Training. Dabei geht es darum, Betroffene zunächst so anzuleiten, dass sie sich selbst beobachten können. So finden sie heraus, in welchen Situationen sich der Drang ergibt. Mit einem Protokoll halten sie fest, welche Gedanken und Gefühle in dem Moment bestehen. Im nächsten Schritt trainieren sie eine motorische Gegenreaktion – immer wenn sie den Drang verspüren, können sie beispielsweise die Fäuste ballen oder kleine Objekte wie Kastanien in der Hand hin und her bewegen. Führen Betroffene diese Gegenreaktion beim Drang für mindestens zwei Minuten durch, kann es zu einer Entkopplung kommen – das Gefühl, sich die Haare ausreißen zu müssen, kann dann nachlassen.

    Natürlich ist es wichtig, nicht nur Gegenmaßnahmen zu ergreifen, sondern auch die Auslöser zu berücksichtigen. Bei sozialen Ängsten helfen beispielsweise das Trainieren sozialer Kompetenzen und bei ausgeprägten familiären Konflikten Familiengespräche. In einzelnen Fällen eignen sich zur Behandlung auch Medikamente wie Antidepressiva, allerdings ist die Psychotherapie in der Regel deutlich wirksamer.

    Mädchen mit Trichotillomanie spricht mit ihrer Therapeutin.

    © iStock / Vladimir Vladimirov

    Menschen, die an zwanghaftem Haareausreißen (Trichotillomaie) leiden, finden Hilfe in einer Psychotherapie.

    Was können Betroffene selbst tun, um das Haareausreißen zu stoppen?

    Grundsätzlich können Betroffene auch selbst Techniken entwerfen, um dem Drang nicht nachzugeben. Dabei machen sie das Gewöhnungsumkehr-Training praktisch in Eigenregie. Neben dem Fäusteballen oder anderen Ablenkungen ist es sinnvoll, ein Impulstagebuch zu führen. Darin können Betroffene notieren, wann sie den Drang verspüren – so schärfen sie ihre Wahrnehmung für das Problem und für die auslösenden Faktoren. Außerdem sind Entspannungstrainings wie Progressive Muskelentspannung oder Autogenes Training oft hilfreich. Dadurch können Betroffene Stress und Anspannung reduzieren – mögliche Auslöser werden so im Vorhinein beseitigt. Die Trichotillomanie tritt in vielen Fällen gemeinsam mit anderen psychiatrischen Störungen wie Depressionen, Angsterkrankungen, anderen Zwängen oder Suchterkrankungen auf. Ist der Fall komplex, ist eine Psychotherapie in jedem Fall ratsam.

    „Ist der Fall komplex, ist eine Psychotherapie in jedem Fall ratsam, um nicht nur das Symptom, sondern auch die zugrunde liegende Ursache zu behandeln.“

    Prof. Dr. Wittorf
    Leiter der Spezialambulanz für Zwangsstörungen am Universitätsklinikum Tübingen

    Wann ist psychologische Hilfe für Betroffene sinnvoll?

    Psychologische Hilfe ist immer dann sinnvoll, wenn Betroffene einen hohen Leidensdruck haben. Im Falle einer psychischen Erkrankung übernimmt die Krankenkasse die Kosten für eine Behandlung. Am besten beanspruchen Menschen, die sich zwanghaft die Haare ausreißen, möglichst früh Unterstützung , damit sie sich keine irreversiblen (nicht umkehrbaren) Schäden zufügen. Es kommt beispielsweise vor, dass Haare nicht mehr nachwachsen. Zwangserkrankungen, zu denen auch die Trichotillomanie zählt, gelten auch als „heimliche Erkrankungen“ – Betroffene sprechen nicht gerne über die Symptome und ihr Verhalten. Trotzdem ist es hilfreich, wenn Außenstehende die Auffälligkeiten einfühlsam ansprechen. Fallen dem Hausarzt oder der Hausärztin, der Familie oder dem Freundeskreis klar umrissene kahle Stellen auf der Kopfhaut auf, können sie dem Betroffenen einen Besuch in einer Psychotherapiepraxis ans Herz legen, wo eine Diagnose gestellt und eine Behandlung begonnen werden kann. Mit der richtigen Therapie ist eine Reduzierung der Symptome bis hin zu einer Symptomfreiheit möglich.

    Wachsen die Haare bei Trichotillomanie wieder nach?

    Die ausgezupften Haare können durchaus wieder nachwachsen. Reißen sich Betroffene aber über Jahre die Haare aus, können die Haarfollikel so starken Schaden nehmen, dass sie ihre Aktivität einstellen – die Haare wachsen dann an der entsprechenden Stelle nicht mehr nach. Möchten Betroffene kahle Stellen überdecken, können sie dann ein Haarteil oder eine Perücke nutzen. Übrigens ist der Drang zum Haareausreißen meistens – aber nicht nur – auf das Kopfhaar begrenzt. Es gibt Menschen mit Trichotillomanie, die sich Wimpern oder andere Körperhaare auszupfen.

    Waren diese Informationen hilfreich für Sie?

    Noch nicht das Richtige gefunden?