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So gesund ist Langeweile

Eine junge Frau mit Langeweile liegt auf dem Bauch auf dem Sofa und lässt die Arme herunterhängen.

© iStock / fizkes

Lesezeit: 5 Minuten03.12.2021

Jedem ist ab und zu langweilig. Wir bekämpfen die Langeweile mit Serien, Büchern oder dem Smartphone. Doch was ist Langeweile eigentlich, was macht sie mit unserer Psyche und ist Langeweile gesund oder schädlich?

Inhalte im Überblick

    Dr. Thomas Götz, Professor an der Universität Wien im Bereich Bildungspsychologie

    © Dr. Götz

    Dr. Thomas Götz ist Professor an der Universität Wien im Bereich Bildungspsychologie und forscht zum Thema Langeweile.

    Im Interview beantwortet er die spannendsten Fragen zu dem Thema.

    Was ist eigentlich Langeweile?

    Langeweile ist eine Emotion, die sich aus verschiedenen Bestandteilen zusammensetzt. Schauen wir uns einen gelangweilten Menschen an, fällt uns Folgendes auf:

    • Die Person empfindet bei Langeweile in der Regel ein unangenehmes Gefühl (affektive Komponente).
    • Sie möchte die langweilige Situation verlassen (motivationale Komponente).
    • Die Person hat das Gefühl, dass die Zeit sehr langsam vergeht (kognitive Komponente).
    • Ihre körperliche Aktivität ist gering (physiologische Komponente).
    • Der Körperausdruck der Person wirkt entsprechend gelangweilt (zum Beispiel „versinken“ gelangweilte Menschen im Stuhl oder haben einen gelangweilten Gesichtsausdruck; expressive Komponente).

    Langweilt sich jeder Mensch gleich schnell?

    Nein, es gibt eine ganz individuelle Neigung zur Langeweile, das bedeutet, manche Menschen langweilen sich schneller, manche erst später. Dies hängt vor allem mit der Persönlichkeit zusammen. Extravertierte Menschen, also eher nach außen gerichtete Personen, langweilen sich in der Regel schneller als introvertierte Menschen, die mehr in sich gekehrt sind. Aber auch innerhalb der Gruppe der Introvertierten und Extravertierten gibt es relativ große Unterschiede in der Neigung zur Langeweile – das heißt, Langeweile-Neigung ist etwas stark Individuelles. Es ist spannend, bei sich selbst zu beobachten, wie schnell man sich langweilt.

    Wie schädlich ist Langeweile?

    Wissenschaftliche Studien zeichnen hier ein sehr klares Bild. Was die Leistung anbelangt, wie beispielsweise Schulnoten, so führt Langeweile zu schlechteren Leistungen. Wenn sich zum Beispiel Schüler im Unterricht langweilen, dann sind sie nicht bei der Sache, nehmen entsprechend weniger Informationen auf und schneiden dann bei Leistungstests schlechter ab.

    Zudem ist Langeweile für das körperliche und psychische Wohlbefinden schädlich. Studien zeigen, dass gelangweilte Menschen eher zum Unglücklichsein, Rauchen, Drogenkonsum, zu Spielsucht, kriminellem Verhalten sowie zu Übergewicht neigen. Man sollte daher die Langeweile aufgrund ihrer durchaus schädlichen Wirkungen ernst nehmen.

    Warum ist Langeweile auch wichtig?

    Langeweile hat eine Bedeutung für uns – sonst gäbe es dieses Gefühl gar nicht. Sie ist die einzige Emotion, die dann stark ausgeprägt ist, wenn uns etwas im Kern unwichtig ist. Alle anderen Emotionen wie Freude, Stolz, Hoffnung, Ärger und Angst werden hingegen schwächer, wenn uns etwas unwichtig erscheint. Das heißt, wenn wir uns langweilen, dann ist das auch immer ein Hinweis darauf, dass uns die entsprechende Situation oder Tätigkeit eigentlich nicht wichtig ist und uns nicht wirklich erfüllt. Insofern ist die Langeweile ein sehr bedeutendes Signal, um solche Situationen entweder zu verändern oder auch zu meiden.

    Sicherlich ist dies nicht immer möglich, aber oft eben schon. Dann sollte man die Langeweile ernst nehmen und auch wirklich etwas verändern:

    • Wenn uns zum Beispiel die Menschen langweilen, mit denen wir uns in der Freizeit treffen, dann sollten wir hier durchaus etwas ändern, indem wir es auf eine konstruktive Art ansprechen oder versuchen, andere Menschen zu finden, bei denen wir uns nicht langweilen. Dasselbe gilt für Hobbys und für die Arbeit.
    • Wenn wir die Langeweile nicht einfach beiseiteschieben, sondern sie bewusst wahrnehmen, dann signalisiert sie uns immer einen Veränderungswunsch. Das trifft genauso auf das Freizeitverhalten wie auf Arbeit oder die Schule zu.
    • Wenn Schüler sich langweilen, dann sollten sie zunächst immer die Ursachen der Langeweile herausfinden, um etwas zu verändern. Tritt die Langeweile zum Beispiel aufgrund von Überforderung auf, dann kann die Nachhilfe helfen. Entsteht die Langeweile durch Unterforderung, so können Eltern gemeinsam mit ihren Kindern überlegen, ob die Schulart die richtige ist. Nehmen Lehrkräfte bei ihren Schülern Langeweile wahr, dann könnte es daran liegen, dass das Thema oder die Art der Vermittlung des Themas die Schüler nicht anspricht.

    Insgesamt ist Langeweile also immer ein wichtiger Impuls für Veränderungen. Vorausgesetzt, wir erkennen mithilfe der Selbstreflexion, also durch das Analysieren des eigenen Denkens, Fühlens und Handelns, die eigentliche Ursache der Langeweile.

    „Wenn wir die Langeweile nicht einfach beiseiteschieben, sondern sie bewusst wahrnehmen, dann signalisiert sie uns immer einen Veränderungswunsch.“

    Dr. Thomas Götz
    Professor an der Universität Wien im Bereich Bildungspsychologie

    Macht Langeweile kreativ oder aggressiv?

    Beides kann passieren. Das hängt ganz von der Ursache der Langeweile ab. So kann zum Beispiel Unterforderungslangeweile Menschen durchaus kreativer machen, Überforderungslangeweile hingegen nicht. Langeweile fördert auch Aggressivität, wenn man keine Möglichkeit zur Veränderung der langweiligen Situation oder Tätigkeit hat. So werden Menschen, die in einer langweiligen Situation gefangen sind, häufig zunehmend aggressiv.

    Ist Langeweile für Kinder wichtiger als für Erwachsene?

    Langeweile signalisiert in jedem Alter einen Veränderungsbedarf, sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen. Ich halte nichts davon, Kinder grundsätzlich dazu zu bewegen, Langeweile auszuhalten. Eltern oder das Schulpersonal wirken einer Langeweile am besten durch ein individuelles Eingehen auf die Interessen und Fähigkeiten der Kinder entgegen.

    Aber nicht nur Kinder äußern Langeweile, die Emotion ist auch bei älteren Menschen oft sehr präsent. Wenn ältere Menschen sich häufig langweilen, dann sollte das von ihrem Umfeld sehr ernst genommen werden. Mit verschiedenen Wegen können Angehörige oder Pflegekräfte dann die Langeweile reduzieren. Das ist wichtig, denn Langeweile kann für das körperliche und psychische Wohlbefinden schädlich sein – insbesondere dann, wenn wir uns sehr intensiv und über einen längeren Zeitraum langweilen.

    „Ich halte nichts davon, Kinder grundsätzlich dazu zu bewegen, Langeweile auszuhalten. Eltern oder das Schulpersonal wirken einer Langeweile am besten durch ein individuelles Eingehen auf die Interessen und Fähigkeiten der Kinder entgegen.“

    Dr. Thomas Götz
    Professor an der Universität Wien im Bereich Bildungspsychologie

    Sollte man Langeweile fördern oder vermeiden?

    Man sollte die Langeweile auf jeden Fall wahrnehmen, das heißt, sich nicht bei den ersten Anzeichen von Langeweile sofort ablenken, zum Beispiel mit dem Smartphone. Dann ist es wichtig, zu reflektieren, warum man sich langweilt und was man dagegen tun könnte. So kann die Langeweile für uns sehr hilfreich sein und unsere persönliche Entwicklung fördern.

    Sich bewusst in langweilige Situationen zu begeben ist sicherlich nicht empfehlenswert. Es wird manchmal behauptet, dass dies für kreative Prozesse gut sein könnte. Aber erstens führt Langeweile häufig gar nicht zur Kreativität, und zweitens können wir auch kreativ sein, ohne dass wir uns dazu vorher langweilen müssen. So können wir uns bewusst Zeit für die Muße nehmen, anstatt uns in langweilige Situationen zu begeben.

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