Psychologie
Frauen und Männer können Krisen unterschiedlich meistern
Veröffentlicht am:15.01.2026
5 Minuten Lesedauer
In der Forschung gibt es vereinzelt Hinweise darauf, dass sich Männer und Frauen bei Resilienz und Stressbewältigung unterscheiden. So zeigte eine Studie, dass Frauen eher auf soziale Unterst ützung und Männer auf Emotionskontrolle setzen.

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Gibt es einen Zusammenhang zwischen Geschlecht und Resilienz?
Wie Menschen Belastungen erleben und mit ihnen umgehen, ist nicht nur individuell unterschiedlich, sondern könnte auch durch das Geschlecht beeinflusst werden. Dabei geht es weniger um „stärker“ oder „schwächer“, sondern darum, welche Strategien zur Stressbewältigung erlernt und durch das Umfeld gefördert werden. Besonders hilfreich in Krisen ist die sogenannte Resilienz, die innere Widerstandskraft. Sie und die zugehörigen Schutzfaktoren, zum Beispiel Selbstwirksamkeit oder Optimismus, wirken als „Gegenspieler“ zu negativen Faktoren wie Verletzlichkeit und Risiken. Resilienzfaktoren helfen Menschen dabei, trotz Belastungen stabil zu bleiben oder schwierige Situationen gut zu überstehen. Doch genau hier gibt es Unterschiede zwischen Menschen. Und auch das Geschlecht scheint eine Rolle dabei zu spielen, wie belastungsfähig eine Frau oder ein Mann ist und was sie als Belastung empfinden.
Überwinden Männer Krisen anders als Frauen?
Jeder Mensch durchlebt Höhen und Tiefen – für das Wohlbefinden ist vor allem der Umgang mit Krisen entscheidend. Eine Studie der University of California in San Diego zeigt, dass Männer und Frauen unterschiedliche Stärken in Bezug auf Weisheit haben. Unter dem Begriff „Weisheit“ fassen Forschende Fähigkeiten wie Mitgefühl, Selbstreflexion, Emotionskontrolle, Resilienz und kognitive Fähigkeiten zusammen. Die Forschenden untersuchten 659 Personen zwischen 27 und 103 Jahren und nutzten zwei validierte Weisheitsskalen: den San Diego Wisdom Scale (SD-WISE) und die dreidimensionale Weisheitsskala (3D-WS). Während Frauen bei den mitfühlenden und reflektierenden Aspekten höhere Werte erzielten, zeigten Männer in kognitiven Aufgaben und bei der Steuerung von Emotionen die stärkeren Ergebnisse. Männer und Frauen könnten beim Umgang mit Stress also von unterschiedlichen Fähigkeiten Gebrauch machen, etwa der Selbstreflektion oder der Kontrolle der eigenen Emotionen und so verschieden widerstandfähig (resilient) sein. In beiden Gruppen war Weisheit zudem mit mehr psychischem Wohlbefinden, Optimismus und Resilienz verbunden und stand im Zusammenhang mit weniger Depression und Einsamkeit – hier gab es also keine Abweichungen. Die Forschenden führen die bestehenden Unterschiede zwischen den Geschlechtern auf biologische und soziokulturelle Ursachen zurück.
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Welche Rolle spielt die Biologie bei Resilienz und Stressbewältigung?
Frauen gelten im Allgemeinen als mitfühlend und empathisch gegenüber anderen Menschen. Möglicherweise sind genetische Faktoren daran beteiligt: So können Unterschiede im Oxytocin-Rezeptorgen dazu beitragen, dass Frauen besonders einfühlsam reagieren. In Laborstudien zeigten Frauen und Männer zudem zwar ähnliche Leistungen bei Empathie-Aufgaben, doch die Gehirnaktivität unterschied sich: Frauen aktivierten stärker emotionale und selbstbezogene Areale, Männer dagegen kognitive Regionen. Weitere Studien zu Aufgaben der Emotionsregulation zeigten ebenfalls Unterschiede in der neuronalen Aktivität zwischen den Geschlechtern, wobei offenbleibt, inwieweit diese angeboren oder erlernt sind. Insgesamt deuten diese Befunde darauf hin, dass biologische Prozesse die Art und Weise, wie Menschen empathische oder kognitive Fähigkeiten nutzen, beeinflussen können.
Welche Rolle spielen soziokulturelle Faktoren bei Resilienz und Stressbewältigung?
Noch stärker als biologische Faktoren könnten soziokulturelle Einflüsse zur Erklärung von Unterschieden zwischen Frauen und Männern in Bezug auf einzelne Weisheitsdimensionen beitragen. Dazu zählen gesellschaftliche Erwartungen, typische Geschlechterrollen und die Art, wie weisheitsrelevante Fähigkeiten bei Jungen und Mädchen gefördert oder gehemmt werden – sei es durch Eltern, Lehrende, Bekannte oder die Gesellschaft insgesamt. Jungen werden häufig dazu erzogen, stark, entscheidungsfreudig und führungsorientiert zu sein, was mit einer stärkeren Kontrolle von Emotionen einhergehen kann. Bei Mädchen wird hingegen häufiger Wert auf Wärme, Fürsorglichkeit und Mitgefühl gelegt. Dies könnte dazu beitragen, dass sie später stärker sozial orientiertes Verhalten zeigen und anderen Menschen mit mehr Akzeptanz begegnen.
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Ist die Prägung bei der Resilienz wichtiger als das Geschlecht?
Wie eine Frau Stress erlebt oder ein Mann Stress bewältigt, hängt vermutlich weniger vom Geschlecht allein ab. Stattdessen scheint das Geschlecht eher als ein moderierender Faktor zu wirken: Es kann beeinflussen, wie andere Schutzfaktoren greifen und wie Mädchen und Jungen im Laufe ihrer Entwicklung mit Herausforderungen umgehen. Mädchen und Jungen machen unterschiedliche Erfahrungen, treffen auf verschiedene Erwartungen und verfügen deshalb auch über teils andere Ressourcen – das kann sowohl Chancen als auch Risiken mit sich bringen. Interessanterweise zeigen Beobachtungsstudien, dass besonders resiliente Kinder und Jugendliche weniger stark an klassischen Geschlechterrollen festhalten. Wer also nicht strikt den typischen Jungen- oder Mädchen-Rollen folgt, zeigt demnach häufig eine höhere psychische Widerstandsfähigkeit. Dieses Phänomen wird auch als „Undoing Gender“ bezeichnet – eine solche Form von Flexibilität im Verhalten könnte einen Beitrag zur Stärkung der Resilienz leisten. Resiliente Mädchen probieren häufiger Aktivitäten aus, die traditionell als „männlich“ gelten, zeigen oft mehr Selbstbewusstsein, Eigenständigkeit und Leistungsorientierung. Resiliente Jungen entwickeln hingegen häufiger ausgeprägte Fürsorglichkeit, emotionale Sensibilität und soziale Orientierung – Fähigkeiten, die traditionell oft als „weiblich“ eingeordnet werden. Resilienz ist somit Frauen oder Männern nicht automatisch in die Wiege gelegt, sondern durch eine Vielzahl individueller, sozialer und kontextueller Faktoren mitbestimmt. Dies trägt auch dazu bei, dass einige Studien keine oder nur geringe Unterschiede in der Resilienz zwischen den Geschlechtern finden.
Egal, ob Mann oder Frau: Wie kann ich eine psychische Krise mit Resilienz überwinden?
Beim Thema Resilienz begegnet Ihnen vielleicht das Konzept der 7 Säulen der Resilienz. Zu diesen zählen Optimismus, Akzeptanz, Lösungsorientierung, soziale Unterstützung, Eigenverantwortung, Selbstfürsorge und Zukunftsplanung. Sie dienen als praktische Orientierungshilfe, um den Umgang mit psychischen Belastungen und Krisen besser zu verstehen. Die Säulen zeigen Wege auf, wie Menschen Herausforderungen bewältigen, innere Stärke aufbauen und auch in schwierigen Zeiten handlungsfähig bleiben können. Wichtig ist: Diese Säulen beziehungsweise Fähigkeiten sind nicht angeboren, sondern erlernbar – unabhängig vom Geschlecht einer Person. Wer gezielt daran arbeitet, kann seine psychische Widerstandskraft stärken, Rückschläge schneller verarbeiten und langfristig stabiler mit Anforderungen in Beruf, Alltag und persönlichen Beziehungen umgehen.
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