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Ischias: wenn der Schmerz auf die Nerven geht

Eine Frau hält sich mit den Händen ihren unteren Rücken.

© iStock / Staras

Lesezeit: 6 MinutenAktualisiert: 06.09.2021

Machen Menschen Bekanntschaft mit einem reißenden Schmerz, der sich vom Rücken über das Gesäß und den Oberschenkel bis in den Fuß ausbreitet, nennen Mediziner das Ischalgie (bei Schmerzen im Bein) oder Lumboischialgie (wenn die Schmerzen auch im unteren Rücken bestehen), im Volksmund spricht man auch einfach vom Ischias. Glücklicherweise gibt es Übungen, mit denen den Schmerzen begegnet werden kann. Die Experten PD Dr. med. habil. Tanja Schlereth, Oberärztin an der DKD Helios Klinik Wiesbaden (Deutsche Klinik für Diagnostik) und der Sportwissenschaftler und Gesundheitsexperte Prof. Dr. Ingo Froböse erklären, wie der Ischiasnerv nicht zum Plagegeist wird.

Inhalte im Überblick

    Ischiasschmerzen sind keine klassischen Rückenschmerzen

    Eine telefonische Befragung im Rahmen der „BURDEN“-Studie 2020 deckt auf: Über 60 Prozent der Interviewteilnehmer litten in den letzten zwölf Monaten unter Rückenschmerzen. Besonders häufig war der untere Rücken betroffen. Rückenschmerzgeplagte sind somit nicht allein. Allerdings ist die Ursache nicht ganz so einfach auf den Punkt zu bringen. Viele Faktoren können Kreuzschmerzen begünstigen.

    Dazu zählen:

    • Bewegungsmangel
    • einseitige Belastungen
    • muskuläre Verspannungen
    • degenerative Bandscheibenveränderungen
    • Arthrose der Wirbelgelenke
    • psychischer Stress
    • Reizungen der Nervenwurzeln

    Wenn es um eine Reizung der Rückennerven geht, kommt auch die Ischialgie ins Spiel. Hierbei ist entweder der Ischiasnerv selbst gereizt oder die Nervenwurzeln im Bereich der unteren Lendenwirbel, aus denen der Ischiasnerv hervorgeht. Die quälenden Schmerzen können durch Bandscheibenvorwölbungen oder Bandscheibenvorfälle, degenerative Veränderungen der Wirbelgelenke oder Druck auf den Ischiasnerv entstehen.

    Hierbei entsteht der Schmerz nicht dadurch, dass unmittelbare Strukturen der Wirbelkörper oder Muskeln in Mitleidenschaft gezogen werden, sondern durch einen Druck auf den Ischiasnerv.

    Univ.-Prof. Dr. Ingo Froböse, Institut für Bewegungstherapie und bewegungsorientierte Prävention und Rehabilitation / Zentrum für Gesundheit durch Sport und Bewegung.
    Univ.-Prof. Dr. Ingo Froböse, Institut für Bewegungstherapie und bewegungsorientierte Prävention und Rehabilitation / Zentrum für Gesundheit durch Sport und Bewegung

    © Sebastian Bahr

    „Das Besondere an einer Ischialgie ist, dass die Schmerzen durch die Komprimierung des Ischiasnervs und seiner Nervenwurzeln verursacht werden. Sobald Nerven involviert sind, bleibt der Schmerz nicht mehr lokal, sondern kann in andere Körperteile ausstrahlen. Wird etwa der Ischiasnerv im Bereich des Gesäßes oder im Bereich der Nervenwurzeln gereizt, kann der Schmerz in den unteren Rückenbereich, aber auch in die Beine ziehen.

    Eine Ischialgie ist daher kein „echter“ Rückenschmerz, weil keine anatomischen Strukturen der Wirbelkörper oder Muskeln direkt dafür verantwortlich sind. Dadurch hebt sich die Ischialgie von anderen Rückenschmerzen ab.“, so Prof. Dr. Ingo Froböse.

    Genau prüfen: Rückenschmerzen oder Ischias

    Ischiasschmerzen sind kein seltenes Phänomen, müssen aber von klassischen Rückenschmerzen abgegrenzt werden. Es ist besonders wichtig, die richtige Diagnose zu finden, um die Schmerzen loszuwerden. Bei der Beurteilung von Rückenschmerzen gibt es auch noch sogenannte Flags (Flaggen). Darunter verstehen Mediziner Warnhinweise, die das weitere Vorgehen bestimmen. Insbesondere bei den Red Flags (Rote Flaggen) kann ein unmittelbarer medizinischer Eingriff notwendig sein. Red-Flag-Symptome einer Ischialgie sind beispielsweise höhergradige Lähmungen und Blasenentleerungsstörungen.

    PD Dr. med. habil. Tanja Schlereth, Oberärztin an der DKD Helios Klinik Wiesbaden (Deutsche Klinik für Diagnostik)
    PD Dr. med. habil. Tanja Schlereth, Oberärztin an der DKD Helios Klinik Wiesbaden (Deutsche Klinik für Diagnostik), Lehrtätigkeit an der Universitätsmedizin Mainz, federführend bei der Leitlinie „Diagnose und nicht-interventionelle Therapie neuropathischer Schmerzen.“

    © Petra Hahner

    Yellow Flags (Gelbe Flaggen) sind psychosoziale Risikofaktoren mit erhöhtem Risiko für das Auftreten chronischer Rückenschmerzen wie Depressivität, Katastrophisierungstendenzen, Angstvermeidungsverhalten, ausgeprägtes Schonverhalten und Neigung zur Somatisierung. Red Flags sind Symptome bzw. Warnhinweise, deren Auftreten eine kurzfristige und gegebenenfalls sogar notfallmäßige Abklärung und Therapie erfordern.“, erklärt Dr. Tanja Schlereth.

    Ischialgie-Therapie: So kommt der Ischiasnerv zur Ruhe

    Anstatt das Bett zu hüten, sollten sowohl Menschen mit Rückenschmerzen als auch einer Ischialgie in Bewegung bleiben. Auf diese Weise können sich verspannte Rückenmuskeln entspannen und die Reizung nachlassen. Oft hilft auch eine Stufenbettlagerung, bei der die Wirbelsäule entspannt wird. Hierfür legt man die Unterschenkel auf ein dickes Kissen oder einen Kasten, sodass die Knie und die Hüfte im 90-Grad-Winkel gebeugt sind.

    Wenn Bettruhe eingehalten wird, sollte diese nicht länger als drei Tage dauern. Bei akuten Schmerzen können Schmerzmittel helfen, um den Teufelskreis zu durchbrechen, der dadurch entsteht, dass die Schmerzen zur Verspannung der Muskeln führen und die Verspannung die Schmerzen verschlimmert. Rückenschmerzen und auch Ischialgien haben selten eine Ursache, die eine Operation erfordert. Auch bei Bandscheibenvorfällen werden mehr als Dreiviertel der Patienten ohne Operation wieder beschwerdefrei.

    „Beim Auftreten von Red Flags sollte zeitnah ein Arzt aufgesucht werden, insbesondere bei plötzlichem Auftreten von Rückenschmerzen nach einem akuten Trauma, bei dem es zu einer Rückenverletzung gekommen sein könnte, insbesondere bei Patienten, die eine Osteoporose haben oder lange Cortison einnehmen.

    Andere Warnhinweise wären das zusätzliche Auftreten von Fieber, Schüttelfrost, bakteriellen Infektionen, Tumorerkrankungen, Immunschwäche, zuvor durchgeführte Infiltrationen an der Wirbelsäule und starkem nächtlichen Schmerz. Zudem sollte beim Auftreten von Lähmungen, Sensibilitätsstörung und insbesondere Blasen- und Mastdarmstörungen zeitnah ein Arzt aufgesucht werden.“, sagt Dr. Tanja Schlereth.

    Wer wird besonders von Ischiasschmerzen geplagt?

    Frau Dr. Schlereth: „Häufiges Tragen schwerer Lasten und monotone Körperhaltung sind neben Übergewicht mechanische Risikofaktoren für die Entwicklung von Rückenschmerzen. Weitere Risikofaktoren sind jedoch Depression, passives Schmerzverhalten, Angst, geringe körperliche Bewegung und berufliche Unzufriedenheit.“

    3 effektive Übungen, um Ischiasschmerzen vorzubeugen

    Bewegung lindert nicht nur akute Ischiasschmerzen, sie eignet sich auch hervorragend, um zukünftigen Schmerzereignissen zuvorzukommen. Den Grundstein legt ein achtsamer Umgang mit dem Rücken. Eine gute Sitzhaltung und das Heben nicht aus dem Rücken heraus, beugen Fehlhaltungen bzw. Überlastungen vor. Eine weitere entscheidende Säule ist die Kräftigung der Rücken- und Bauchmuskulatur. Eine stabile Körpermitte sorgt dafür, dass eine einseitige Beanspruchung der Körperstrukturen vermieden wird. Das ist für auch für „Bürohengste“ wichtig. Dehnübungen leisten ebenfalls einen Beitrag. Wer regelmäßig seine Hüftbeuger und Oberschenkelrückenseiten dehnt, hat weniger Probleme mit verkürzten Muskeln und bringt das Becken in die richtige Position. All diese Maßnahmen tragen dazu bei, dass der Rücken im Alltag weniger beansprucht und damit weniger gereizt wird.

    Und im Akutfall? „Als Sofortmaßnahme empfiehlt sich meist Wärme in Form eines Wärmekissens, eines Bades und auch die vorsichtige Dehnung der Gesäßmuskulatur, des unteren Rückens und der Oberschenkelrückseite.“, erzählt Dr. Ingo Froböse.

    Zudem gibt es spezielle Ischiasübungen:

    Eine Frau dehnt ihren Rücken und ihre Schultern, da sie unter Ischiasschmerzen leidet.
    Vorsichtiges Dehnen der Gesäßmuskulatur, des unteren Rückens und der Oberschenkelrückseite kann eine wirkungsvolle Akutmaßnahme bei auftretenden Ischiasschmerzen sein.

    © iStock / PeopleImages

    Die AOK motiviert: Das Online-Programm „Rückenaktiv“

    Allen AOK-Versicherten steht das Programm „Rückenaktiv“ zur Verfügung. Hier wird wertvolles Wissen rund um den Rücken vermittelt und ein Online-Test angeboten. Interessierte können damit checken, wie rückenfit sie wirklich sind. Das Herzstück ist das individuelle Trainingsprogramm, das von Prof. Dr. Klaus Pfeifer begleitet wird. Gezielte Übungen bringen in 15 Wochen mehr Bewegung in den Alltag. Individuelles Feedback ist übrigens inklusive. Mit der Initiative Rückenaktiv möchte die AOK Versicherten die Rückengesundheit ein Stück näherbringen und Ischiasschmerzen und Co. entgegenwirken.

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