Zum Hauptinhalt springen
AOK – Die Gesundheitskasse

Achtsamkeit in der Pflege

Pflegerin übt Achtsamkeit in ihrem Pflegeberuf aus und nimmt sich Zeit für die Bedürfnisse der zu Pflegenden.

© iStock / interstid

Lesezeit: 8 Minuten28.12.2021

In der Pflege tickt oft die Uhr: Jeder Vorgang ist durchgetaktet, zeitlich optimiert, und es muss auch noch dokumentiert werden. Der gravierende Personalmangel in der Pflege sorgt ebenfalls für eine weiter zunehmende Arbeitsverdichtung und damit zu einer schnelleren Erschöpfung bei den Pflegenden.

Inhalte im Überblick

    Widmen Pflegekräfte Patienten durch einen achtsamen Umgang mehr Aufmerksamkeit, so bekommen sie mehr über Bedürfnisse, Ängste und andere Emotionen heraus. Gleichzeitig können die Achtsamkeitsübungen dabei helfen, die psychische Erholung auch während der Arbeit zu fördern. Im Interview erklärt Frau Dr. Claudia Lorena Orellana Rios, Psychologin an der Asklepios Klinik Triberg, wie wichtig Achtsamkeit im Pflegealltag ist und wie sie gelebt wird.

    Was bedeutet Achtsamkeit in der Pflege?

    Achtsamkeit in der Pflege bedeutet für die Pflegekräfte nicht nur, aufmerksamer zu sein, sondern eine Haltung einzunehmen, die viele von ihnen bereits kennen: nämlich eine offene, nicht bewertende. In der Regel können Menschen, die den Pflegeberuf ergreifen, diese Haltung ganz leicht im Umgang mit anderen umsetzen, da sie sehr gut für Menschen da sein können. Belastende Arbeitsbedingungen und ein Mangel an gesellschaftlicher Beachtung für wichtige Werte in der Medizin führen jedoch bei manchen Pflegekräften dazu, dass sie eine Art Schutzmauer um sich herum errichten. Ein anderes Problem, was häufig damit zusammenhängt, ist, dass Pflegekräfte oft wenig Anleitung und/oder Übung darin haben, achtsam mit den eigenen Bedürfnissen umzugehen. Achtsamkeit im Pflegealltag bedeutet also, mit einer freundlichen und absichtsvollen Fokussierung der Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt, zwischen sich und den Patienten bzw. den zu Pflegenden zu pendeln.

    Wie können Patienten und Pflegekräfte von der Achtsamkeit profitieren?

    Patienten spüren sehr wohl, wenn behandelnde Personen, seien es Ärzte, Psychologen oder Pflegekräfte, mit ihrer Aufmerksamkeit und ihren Ressourcen in der Gegenwart sind und nicht in Vergangenheit oder Zukunft verloren. Sowohl Patienten in den Krankenhäusern als auch zu Pflegende können dadurch selbst ruhiger und entspannter sein. Sie spüren, dass ihr Gegenüber gelassen ist und die Behandlungsziele so gut wie möglich an ihre Situation anpasst. Eine achtsame Haltung hat zudem den Vorteil, dass Pflegende sich leichter abgrenzen können, weil sie mit sich selbst besser in Kontakt sind. Die wache Gelassenheit, die Pflegekräfte durch eine achtsame Haltung bekommen, ermöglicht ihnen oftmals einen größeren Handlungsspielraum. Sie können nun eindeutiger wählen, was, wem und für wie lange sie ihre Aufmerksamkeit schenken. Sie können sich zum Beispiel dafür entscheiden, jemandem eine Minute länger zuzuhören. Nicht aus irgendwelchen Automatismen heraus oder weil sie es müssen, sondern weil sie bemerken, dass es in dem Moment wichtig ist. Das mündet zudem auch auf natürliche Weise in qualitativ hochwertige Pflege, die Pflegekräfte nicht unnötigerweise überlastet. So kann das Pflegepersonal zu einem zuverlässigen Ruhepol in einer Umgebung werden, die Patienten und zu Pflegende eher als stressig und hektisch empfinden.

    Diese Effekte sind übrigens nicht nur bloße Theorie, sondern wurden bereits in einigen Studien gezeigt. So geben mehrere Untersuchungen Hinweise darauf, dass die Betroffenen zufriedener sind, wenn sie von Pflegekräften versorgt werden, die an Achtsamkeitskursen teilnehmen konnten. In einer anderen Studie stellten Forscher fest, dass es nach einem Achtsamkeitskurs für die Mitarbeiter zu weniger aggressiven Vorfällen, weniger Stürzen und weniger Medikationsfehlern kam als im Vergleich zu den 12 Monaten davor.

    Hilft Achtsamkeit dabei, Stress und Druck im Pflegealltag zu reduzieren?

    Es gibt tatsächlich Hinweise darauf, dass Achtsamkeitsübungen einen positiven Effekt auf Ängste, Depressionen und die Stressbewältigung haben. Forscher beobachteten, dass Gesundheitshelfer durch Achtsamkeit weniger emotional erschöpft waren, sich wohler und zufriedener fühlten sowie leistungsfähiger waren. Insgesamt gibt es aber wenige Studien hierzu. Ich selbst habe im Rahmen meiner Doktorarbeit unter Anleitung meines Doktorvaters, Prof. Stefan Schmidt, untersucht, wie sich Achtsamkeit auf Pflegekräfte auswirkt. Im Mittelpunkt stand ein zehnwöchiger Achtsamkeitskurs, der am Arbeitsplatz von Palliativfachkräften durchgeführt wurde. Nach dem Kurs berichteten die Mitarbeiter über eine deutliche Verbesserung der Burnout-Werte. Zudem berichteten sie über weniger Stress und Angst. Des Weiteren hatten die Pflegekräfte mehr Aufmerksamkeit für ihre eigenen Emotionen und waren dazu in der Lage, negative Emotionen besser auszuhalten – beides ist im Pflegeberuf sehr wichtig, da es dabei hilft, Emotionen zu regulieren.

    Doch was hat den Pflegekräften genau geholfen? Der zehnwöchige Kurs setzte sich aus einem wöchentlichen Übungstag am Arbeitsplatz sowie regelmäßigen Hausaufgaben zusammen. An dem Übungstag nahm das ganze Team (vorwiegend Pflegekräfte), wenn es wollte, an einer 15-minütigen Kurzmeditation teil.

    Dabei wurden Übungen in folgenden Bereichen durchgeführt:

    • Körper-Achtsamkeit
    • Atem-Achtsamkeit
    • Gehmeditation
    • Mitgefühlsübungen (Metta- und Tonglen-Meditation)

    Bei den Hausaufgaben führten die Pflegekräfte die achtsame Haltung weiter, zum Beispiel in Form von achtsamem Gehen während der Arbeitszeit.

    Pfleger übt Achtsamkeit in seinem Beruf aus und kümmert sich intensiv um die Bedürfnisse der zu Pflegenden.
    Durch mehr Achtsamkeit in der Pflege ist es Pflegekräften möglich, verstärkt auf die Bedürfnisse des Einzelnen einzugehen, und sich nicht an einen strikten Terminplan halten zu müssen.

    © iStock / PeopleImages

    Führt mehr Achtsamkeit auch zu mehr Mitgefühl?

    Wie bereits erwähnt, ist bei den meisten Pflegenden die Veranlagung für einen mitfühlenden Umgang mit anderen Menschen bereits vorhanden. Noch gibt es kein valides Instrument, um Mitgefühl in Untersuchungen zuverlässig messen zu können. Allerdings berichteten die Mitarbeiter in unserer Untersuchung davon, dass sie die Achtsamkeit auch nutzten, um die Verbindung zu Angehörigen oder Patienten aufrechtzuerhalten und zu stärken. Achtsamkeitsübungen- und Mitgefühlspraktiken können also sehr wahrscheinlich dabei helfen, die natürlichen Begabungen von Pflegekräften zu nähren und zu stärken.

    Sind Pflegende von Natur aus achtsamer?

    Aus meiner Erfahrung heraus, die ich in den Untersuchungen gemacht habe, würde ich sagen, dass Pflegende per se nicht achtsamer sind als andere Menschen. Zumindest mit Blick auf die generelle Definition von Jon Kabat-Zinn. Er definiert Achtsamkeit als eine bestimmte Art und Weise, aufmerksam zu sein. Nämlich bewusst, im gegenwärtigen Augenblick und ohne zu urteilen. Meiner Erfahrung zufolge sind Pflegende oft mitfühlender als andere Menschen. Im Buddhismus, die Bewusstseinstradition, aus der die moderne Praxis der Achtsamkeit stammt, geht Achtsamkeit immer mit der Kultivierung von wichtigen Qualitäten wie Mitgefühl einher. Sie unterstützen die Praxismotivation und bilden ein ethisches Fundament. Es wird gesagt, dass Achtsamkeit und Mitgefühl wie die zwei Flügel eines Vogels sind. Beide Flügel werden benötigt, um zu fliegen.

    Personen in sozialen Berufen leisten täglich wirksame Hilfe und gehen freiwillig in Bereiche unserer Gesellschaft, in denen sich andere nicht reinwagen. Das Ganze sollte jedoch nicht auf Kosten ihrer Gesundheit stattfinden. Wenn Pflegende anfangen, ihre extrem wertvolle Arbeit als solche anzusehen, könnte dies auch zu einer Wertschätzung durch andere führen.

    Mit welchen Übungen kann der Pflegealltag achtsamer gestaltet werden?

    1. Routinetätigkeiten wie das Desinfizieren der Hände, das Abnehmen des Telefonhörers sowie das An- und Ausziehen von Arbeitsbekleidung eignen sich wunderbar, um Achtsamkeit im Arbeitsalltag zu leben. So können Pflegekräfte beispielsweise ein paar Sekunden, bevor sie die Tür zu einem Patientenzimmer aufmachen, achtsam den Atem wahrnehmen.
    2. Pflegekräfte im Krankenhaus können die langen Strecken, die sie auf Krankenhausfluren zurücklegen, nutzen, um den Bodenkontakt achtsam wahrzunehmen. Ähnliches können Pflegende auf ihren Touren in der ambulanten Pflege oder in den Wohnbereichen der stationären Pflegeeinrichtung tun. Die Achtsamkeitspraxis hat nämlich unter anderem das Ziel, Sinneseindrücke einzusetzen, um mit der Aufmerksamkeit wieder ins Hier und Jetzt zu kommen. Diese Routinetätigkeiten dienen als Anker für die Praxis, und da sie keine Extra-Zeit kosten, erzeugen sie bei den Pflegenden auch keinen zusätzlichen Druck.
    3. Pflegende können Teamsitzungen mit einer kleinen Achtsamkeitsübung anfangen oder sich einmal wöchentlich eine kurze Zeit blocken lassen, in der sie eine Achtsamkeitsübung, zum Beispiel mit einem CD-Player, durchführen. Die Übung in der Gruppe hat den Vorteil, dass sich die Teilnehmer gegenseitig unterstützen können und das Thema der Selbstfürsorge im Team normalisieren. Viele Pflegekräfte trauen sich häufig nicht, belastende Erfahrungen, die sie auf der Arbeit machen, im Team zu thematisieren. Soziale Unterstützung im Team ist jedoch einer der wichtigsten Schutzfaktoren, wenn es darum geht, Belastung im klinischen Alltag abzupuffern. 14
    4. Pflegekräfte können in der Interaktion mit den Patienten eine Übung praktizieren, die sowohl Achtsamkeits- als auch Mitgefühlselemente vereint. Das ist die sogenannte Metta-Meditation. Dabei konzentrieren sich Pflegekräfte auf den Herzbereich. Die Pflegenden können sich dann vorstellen, dass in diesem Körperbereich eine Lichtquelle platziert ist, die mit jedem Ausatmen auf den Anderen ausstrahlt. Man kann dem Gegenüber währenddessen im Stillen etwas wie Ruhe oder Zuversicht wünschen. Diese Übung kann dabei helfen, ein positives Gefühl und eine wohlwollende Haltung während des Patientenkontakts zu entwickeln. Außerdem können Pflegepersonen so eine Verbindung zu ihrem eigenen Körper herstellen und geistesgegenwärtig bleiben. Dadurch, dass die Übung recht komplex ist, eignet sie sich eher für Gespräche als für Pflegehandlungen.

    Ergibt es Sinn, Achtsamkeitstraining am Arbeitsplatz durchzuführen, und wie gelingt das?

    Auf jeden Fall. Einen Achtsamkeitskurs im Krankenhaus durchzuführen ist aber eine Ansage an alle Mitarbeitenden. Auch an die, die nicht teilnehmen. Das löst einen tiefgreifenden Auseinandersetzungsprozess mit dem Thema Stress, Selbstfürsorge und auch mit der Art, damit im Team umzugehen, aus. In den Studien, die wir durchgeführt haben, waren die Teilnehmer skeptisch, ob es gelingt, die Achtsamkeitskurse wie geplant durchzuführen. Am Ende der Kurse waren viele Menschen überrascht, wie viel doch möglich ist.

    Es gibt ein paar Bedingungen, die meiner Erfahrung zufolge für das Gelingen eines Achtsamkeitskurses hilfreich sein können:

    • Krankenhausteams sind ebenso sensible Systeme mit einer hohen Belastungsdichte wie die Teams in den ambulanten und stationären Einrichtungen der Langzeitpflege. Die Durchführenden sollten bei den Achtsamkeitskursen deshalb einfühlsam sein und die jeweiligen vorherrschenden Bedingungen berücksichtigen. Es ist sinnvoll, die Teilnehmer am Anfang zu ihren ganz persönlichen Zielen zu befragen. So können die Mitarbeiter das Kursprogramm anpassen, um die Teilnehmer-Zufriedenheit zu erhöhen.
    • Achtsamkeitskurse können dazu beitragen, die arbeitsbedingte Belastung zu reduzieren. Sie sind jedoch kein Ausgleich für mangelndes Personal. Vermutlich bringen Achtsamkeitsübungen ohnehin nur dort Entlastung, wo die Arbeitsbedingungen tragbar sind. Deshalb sollte die Absicht des Kurses mit den Arbeitsbedingungen vereinbar und mit der Leitung der Abteilung abgesprochen sein.

    Wie oft sollte eine Achtsamkeitsübung durchgeführt werden?

    Hier gibt es keine fixe Häufigkeitsangabe. Pflegekräfte können schon von ein paar Minuten, in denen sie den Atem beim stillen Sitzen beobachten, profitieren. Ideal wäre es, wenn Pflegende jedoch zumindest einmal wöchentlich eine längere Übungsspanne (10 bis 30 Minuten, an einem ruhigen Ort, beispielsweise zu Hause) einbauen könnten, da es ein wenig dauert, bis Körper und Psyche während der Achtsamkeitsmeditation zur Ruhe kommen. Mithilfe von regelmäßigen, längeren Übungsphasen entfaltet sich die Wirkung von Achtsamkeit am besten. Pflegekräfte können Unterstützung in Form von Anleitungen aus dem Internet oder Meditations-Apps, die sie täglich an die Meditation erinnern, erhalten. 

    War dieser Artikel hilfreich?

    Eine Frau liegt mit geöffneten Augen im Bett – sie hat eine Schlafparalyse.
    Schlafrhythmus

    Frau steht an ihrem ergonomischen Stehschreibtisch im Büro. Sie arbeitet an ihrem Computer im Stehen.
    Gesund im Job