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AOK – Die Gesundheitskasse

Habe ich nur Rücken oder ist es die Bandscheibe?

Lesezeit: 6 MinutenAktualisiert: 29.09.2020

Schmerz, lass nach – den Wunsch kennt jeder, der sich schon mal an einer Getränkekiste verhoben hat. Woran man einen Bandscheibenvorfall erkennt, was im Akutfall hilft und wie chronische Schmerzen verhindert werden können.

Inhalte im Überblick

    Sie sind die Belastbarkeitswunder zwischen den Wirbeln: Tagein, tagaus federn die Bandscheiben teils bis zu Hunderte Kilo schweren Druck auf die Wirbelsäule ab. Bis Verschleiß oder Überlastung den 23 „Stoßdämpfern“ zwischen den Wirbelkörpern womöglich so zusetzen, dass sie buchstäblich nachgeben. Etwa 121.000 Patienten werden laut Gesundheitsberichterstattung des Bundes pro Jahr in Deutschland stationär wegen eines Bandscheibenvorfalls behandelt.

    Hinzu kommen etwa noch einmal so viele Patienten mit gleicher Diagnose, die ambulant behandelt werden, schätzt Dr. Klaus Schnake. Der Rücken-Experte leitet die Sektion Wirbelsäule bei der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) und betreut als Chefarzt des Wirbelsäulenzentrums im Malteser Waldkrankenhaus St. Marien in Erlangen täglich Patienten mit Bandscheibenerkrankungen. 

    Jede Bandscheibe besteht aus einem elastischen Gallertkern mit hohem Wassergehalt, der von einem knorpeligen, aber elastischen Faserring aus Kollagen fest umschlossen ist. Bei Bewegung des Körpers verhalten sich die Bandscheiben wie Polster, die bei Belastung zusammengedrückt werden. Durch den geleeartigen Kern wird der Druck verteilt. Bei Entlastung dehnt sich die Bandscheibe wieder aus.

    Das Problem: Der Faserring kann reißen. Entsteht ein Riss, wölbt sich an der Stelle der Gallertkern nach außen. Mediziner sprechen dann von einer Vorwölbung, der sogenannten Protrusion. Zerreißt der Faserring ganz, tritt ein Teil des Gallertkerns aus und drückt in vielen Fällen schmerzhaft auf die Nerven im Wirbelkanal: der klassische Bandscheibenvorfall, in der medizinischen Fachsprache „Prolaps“. Am häufigsten betroffen ist der untere Bereich der Wirbelsäule.

    Verschleiß auf Platz eins

    Veranlagung, körperliche Belastung und Adipositas erhöhen das Risiko für einen Bandscheibenvorfall. Auch Rauchen ist ein Feind der Bandscheiben, da Nikotin ihre Versorgung mit Nährstoffen beeinträchtigt. Mit zunehmendem Alter, aber auch durch die genannten Risikofaktoren, verlieren die Bandscheiben immer mehr Wasser und damit ihre dämpfenden Eigenschaften.

    Sie nutzen sich schlicht ab. Jüngste Studien der südkoreanischen Pusan National University (2018) belegen, dass das Risiko, einen Bandscheibenvorfall zu erleiden, mit jeder Lebensdekade zunimmt. Im höheren Alter sind insgesamt mehr Frauen betroffen. 

    „Wer sich regelmäßig bewegt, steckt Schmerzen anders weg als ein typischer ,Schreibtischtäter‘ ohne Ausgleich.“

    Dr. Klaus Schnake
    Leiter der Sektion Wirbelsäule der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) und Chefarzt des Wirbelsäulenzentrums im Malteser Waldkrankenhaus in Erlangen

    Auch anhaltende schwere körperliche Arbeit könne starke Verschleißerscheinungen hervorrufen, sagt Dr. Schnake. Einer der größten Feinde der Bandscheibenfunktionalität ist aber ein „alter Bekannter“ unter den Gesundheitssünden: der Mangel an Bewegung. Wer viel sitzt und sich wenig bewegt, tut seinem Körper nichts Gutes. Die Bandscheiben bilden da keine Ausnahmen, sie leben nämlich von einem Wechselspiel aus Be- und Entlastung.

    Bei Bewegung werden sie schwammartig ausgedrückt, im Liegen füllen sie sich wieder und können neue Nährstoffe aufnehmen. Wer sich wenig bewegt, setzt seine Bandscheiben auf Dauerdiät. Sie „verhungern“ praktisch.

    Dr. Klaus Schnake: „Es ist aber nicht das Sitzen selbst die Ursache, wie immer wieder vermutet wird. Es liegt nicht an der Büroarbeit, sondern daran, was man mit dem Rest des Tages anfängt.“ Er kann deshalb nur drei Dinge ans Herz legen: Bewegung, Bewegung und nochmals Bewegung. „Wer sich regelmäßig bewegt, steckt Schmerzen anders weg als ein typischer ,Schreibtischtäter‘ ohne Ausgleich.“

    Der Vorfall schleicht sich an

    Die Abnutzung der Bandscheiben ist ein über Jahre fortschreitender Prozess. Wird dann der volle Einkaufskorb mit einer falschen Bewegung ins Auto gehievt, kann das das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen beziehungsweise den Faserring zum Reißen bringen. Dr. Schnake: „Das ist dann aber eben meist der Auslöser und nicht die Ursache für den Bandscheibenvorfall.“

    Den „Spontan-Vorfall“ beim jungen, sportlichen Erwachsenen gibt es zwar auch. „In der Regel haben aber auch diese Patienten schon Vorschädigungen in der Bandscheibe“, so der Wirbelsäulen-Experte, „sei es durch Abnutzungserscheinungen oder auch durch eine genetische Veranlagung, bei der die Wirbelsäule zum Beispiel durch eine atypische Ausprägung ihrer Doppel-S-Form übermäßigen Belastungen ausgesetzt ist.“

    Ziehen in Beinen oder Armen

    Wenn es im unteren Rücken plötzlich weh tut, denken viele an einen Hexenschuss. In etwa 90 Prozent der Fälle trifft genau das auch zu. „Dabei handelt es sich um sogenannte nicht-spezifische Rückenschmerzen. Das heißt, sie treten ohne ersichtliche Ursache plötzlich auf, sind aber meist auch nach etwa einer Woche wieder verschwunden“, erklärt DGOU-Sektionsleiter Dr. Schnake. Auch muskuläre Verspannungen klingen in der Regel von allein ab.

    Anders sind die Symptome, die von vorgefallenen Bandscheiben herrühren. Diese drücken nämlich häufig auf die empfindlichen Nerven im Wirbelkanal und lösen damit einen starken Schmerz aus, der ausstrahlt. „Zwar ist nicht jedes Ziehen im Rücken oder ein bisschen in den Po ausstrahlender Schmerz gleich ein Bandscheibenvorfall“, warnt Dr. Schnake vor übereilten Schlüssen. „Aber hat man stetig in das Bein ausstrahlende Schmerzen, ist das ein Hinweis auf einen Vorfall im Lendenwirbelbereich. Ein Ziehen im Arm kann auf einen Vorfall im Halswirbelbereich hindeuten“.

    Warnzeichen für einen schweren Vorfall können Lähmungserscheinungen oder eine Blasen- oder Mastdarmstörung sein. „Bei höhergradigen Lähmungen muss dringend behandelt und am besten innerhalb von 48 Stunden operiert werden, bei einer Blasen-Mastdarmstörung noch am gleichen Tag“, so Dr. Schnake. Das komme aber selten vor und mache lediglich zwei bis drei Prozent aller Fälle aus. Ein Arztbesuch ist zwar immer unabdingbar, eine Kernspinaufnahme (MRT) wird aber erst notwendig, wenn ein folgenschwerer Vorfall vermutet wird.

    Das lindert den Schmerz

    Diagnose Bandscheibenvorfall – und jetzt? Spritzen? Gar eine OP? Der Experte rät dazu, dem Körper etwas Zeit zu geben (außer bei Lähmungserscheinungen). Denn zwei Drittel aller Vorfälle lösen sich innerhalb von maximal acht Wochen von alleine auf. Seine Empfehlung: „Erst einmal Schmerzmittel nehmen. Das klingt banal, ist aber wichtig, um den Teufelskreis von schmerzbedingter Fehlhaltung und Muskelverspannung zu durchbrechen.“

    Um die Schmerzen in Schach zu halten, könne kurzfristig mit Wärme gearbeitet werden. Wärmflaschen oder Körnerkissen sollten je nach Befinden so oft und so warm wie möglich aufgelegt werden. 

    „Mobilisation ist wichtig, Bettruhe hat sich nicht bewährt.“

    Dr. Klaus Schnake
    Leiter der Sektion Wirbelsäule der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) und Chefarzt des Wirbelsäulenzentrums im Malteser Waldkrankenhaus in Erlangen

    Wärme und Bewegung

    Auch spezielle Pflaster oder Auflagen, die über mehrere Stunden hinweg Wärme abgeben, können die Durchblutung anregen und damit für Linderung sorgen. Ein bis drei Tage im Bett zu bleiben, sei ebenfalls in Ordnung. „Dann sollte man aber möglichst rasch versuchen, ein bisschen herumzulaufen. Mobilisation ist wichtig, Bettruhe hat sich nicht bewährt“, spricht Schnake aus Erfahrung. Bessern sich die Schmerzen nicht, können Spritzen helfen. Außerdem sollte nach spätestens 14 Tagen mindestens zweimal wöchentlich Physiotherapie auf dem Terminplan stehen.

    In der sogenannten subakuten Phase, die nach etwa drei bis vier Wochen beginnt, sollte zusätzlich die Rückenmuskulatur regelmäßig trainiert werden. Idealerweise täglich zehn bis 15 Minuten. Auch in dieser Phase können bei anhaltenden Schmerzen weiter Spritzen verabreicht werden. 

    Wann eine Operation sinnvoll ist

    Bleiben die ausstrahlenden Schmerzen über mehr als sechs bis acht Wochen trotz konservativer Therapie bestehen, kann das am gelartigen Kern liegen, der ausgetreten ist und auf den Nerv drückt. Enthält dieser mehr Knorpel als Wasser, schrumpft er deshalb kaum. Hält der Arzt eine Schrumpfung für unwahrscheinlich oder kann der Patient die Schmerzen kaum mehr ertragen, sollte eine OP in Erwägung gezogen werden. Denn nach dieser Zeit sind die Chancen sehr gering, dass sich die Beschwerden auch ohne eine OP wieder bessern.

    Dann ist es sinnvoll, den Bandscheibenvorfall, der auf die Nerven drückt, zu entfernen. „Fangen Patienten einmal an, ihr Leben auf den Schmerz auszurichten, wird es oft ganz schwer, sie wieder gesund und fit für die Arbeit zu machen“, berichtet Dr. Schnake. Dass die besten Effekte mit einer OP innerhalb der ersten drei Monate zu erzielen sind, zeigen auch jüngere Studien.

    Eines sollte man allerdings wissen, ehe man sich unters Messer begibt: Eine OP beseitigt ausschließlich die Symptome des Bandscheibenvorfalls, also in der Regel die Bein- oder Armschmerzen. Die gute Nachricht: Die meisten Patienten sind nach dem Eingriff schmerzfrei. Die schlechte: „Wir müssen den Patienten ehrlich sagen: An der geschädigten Bandscheibe können wir nichts machen, der Rücken wird also möglicherweise eine Baustelle bleiben.“

    Damit meint er vor allem den Einsatz, der nötig ist, um erneute Vorfälle zu vermeiden. Bei etwa zehn Prozent der Patienten „verrutscht“ die Bandscheibe ein weiteres Mal. „Eine passive Therapie nach dem Motto, ich lege mich hin und lasse mich massieren, bringt gar nichts“, macht der Mediziner klar. Wer fit werden will, muss mitarbeiten. Am besten geht das mit Bewegung. Radfahren, Nordic Walking, Yoga, Schwimmen, moderates Ausdauertraining und gezielte Übungen können die Muskulatur kräftigen. 

    Chefarzt Dr. Klaus Schnake empfiehlt außerdem, den Risikofaktoren an den Kragen zu gehen und zum Beispiel mit dem Rauchen aufzuhören oder eine Ernährungsberatung in Anspruch zu nehmen. Das kann in jedem Lebensalter zu einer guten Prognose beitragen.

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