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Runner’s High: Wenn laufen beflügelt

Veröffentlicht am:02.02.2022

5 Minuten Lesedauer

Manche Sportler erleben ihn regelmäßig, andere warten ein Leben lang darauf. Die Rede ist vom Runner’s High – einem Zustand, der Läufern ein Hochgefühl beschert. Doch was passiert im Körper? Können Läufer die Glücksmomente bewusst herbeiführen?

Frau erlebt ein Runner’s High beim Joggen auf einer Landstraße.

© iStock / skynesher

Inhalte im Überblick

    Porträt von Prof. Dr. med. Johannes Fuß, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Sexualmedizin, Direktor am Institut für Forensische Psychiatrie und Sexualforschung an der Universität Duisburg-Essen

    © UDE / Frank Preuß

    Prof. Dr. med. Johannes Fuß ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Sexualmedizin. Er ist Direktor am Institut für Forensische Psychiatrie und Sexualforschung an der Universität Duisburg-Essen. Im Interview verrät er, welche körpereigenen Substanzen entscheidend am Runner’s High mitwirken.

    Wie fühlt sich ein Runner’s High an?

    Sportler erzählen uns ganz unterschiedliche Geschichten darüber, wie sie ein Runner’s High erleben. Ein Runner’s High ist also ein subjektives Gefühl. Auch wenn Läufer nicht immer die gleichen Worte wählen, gibt es viele Parallelen. So geben die meisten von ihnen an, in eine Art Rauschzustand zu gelangen. Sie verspüren Euphorie und haben den Eindruck, unendlich lang weiterlaufen zu können. Manche Läufer nehmen während eines Runner’s High weniger Schmerzen wahr – Beine, die sich zuvor schwer wie Blei anfühlten, sind nun federleicht. Scheinbar kann das Hochgefühl auch Angst reduzieren.

    Wir wissen aber nicht nur aus Befragungen mit Sportlern einiges über das Empfinden, sondern auch durch Tierstudien. Bei Mäusen stellte ich mit meinen Forschungskollegen und Kolleginnen beispielsweise fest, dass sie länger auf einer warmen Platte umherlaufen können, wenn sie zuvor einige Stunden im Laufrad trainierten. Dass Wärme an den Füßen durchaus unangenehm ist, zeigt uns der heiße Sand im Sommer. Instinktiv laufen wir der Wärme an den Sohlen davon. Die Mäuse im Experiment leckten sich als Reaktion auf die Wärme die Pfoten – wenn sie zuvor im Laufrand trainierten, war dies erst später der Fall. Wissenschaftler sehen darin einen Hinweis darauf, dass das Runner’s High neben einer erlebten Euphorie zu einer Schmerzdämpfung führen kann.

    Bekommt jeder Läufer ein Runner’s High?

    Nein. In unseren Untersuchungen berichteten etwa 70 Prozent der Ausdauersportler von mindestens einem Runner’s High in ihrem Leben. Manche erleben regelmäßig das Hochgefühl, andere kommen nie in den Genuss. Wir vermuten, dass verschiedene Faktoren dabei eine Rolle spielen. Eine schöne Atmosphäre, zum Beispiel bei einem Berglauf im Urlaub oder die Lieblingsmusik, könnten ein Runner’s High begünstigen. Womöglich ist das die Erklärung dafür, warum manche Ausdauersportler nur ein- oder zweimal in ihrem Leben ein Runner’s High erleben.

    Tritt das Phänomen auch bei anderen Sportarten auf?

    Das Runner’s High beschränkt sich nicht auf das Laufen, auch wenn wir das Hochgefühl schon dem Namen nach mit dem Lauftraining in Verbindung bringen. Grundsätzlich kann es überall dort auftreten, wo Personen eine sportliche Leistung über längere Zeit aufrechterhalten, sprich Ausdauersport betreiben. Menschen, die Rudern oder Fahrradfahren, berichten beispielsweise auch von diesem Hochgefühl. Die meisten Erfahrungen stammen allerdings tatsächlich von Personen, die regelmäßig joggen oder an einem Marathon teilnehmen.

    Was passiert im Körper bei einem Runner’s High?

    Das ist eine spannende Sache! Jahrelang dachten wir, dass Endorphine das Hochgefühl auslösen. Sie zählen zu den körpereigenen Glückshormonen und verringern Schmerzen. Tatsächlich hängen Endorphine und Ausdauersport miteinander zusammen. Immer dann, wenn ein Mensch Ausdauersport betreibt, steigt auch sein Endorphin-Wert. Daher lag es auf der Hand, dass wir das Runner’s High den Endorphinen zuschreiben. Das Problem ist aber, dass die Endorphine zu groß sind und nicht vom Blut ins Gehirn übergehen. Deshalb haben die Endorphine, die wir im Blut messen, überhaupt nichts mit dem Endorphin-Wert im Gehirn zu tun.

    Endorphine sind also nicht der Schlüssel zum Runner’s High. Der Körper schüttet beim Sport aber noch weitere Substanzen aus, die sogenannten Endocannabinoide. Vereinfacht gesagt sind Endocannabinoide körpereigene Cannabinoide, die als Wirkstoff auch in Cannabis vorkommen.

    „Das Problem ist aber, dass die Endorphine zu groß sind und nicht vom Blut ins Gehirn übergehen. Deshalb haben die Endorphine, die wir im Blut messen, überhaupt nichts mit dem Endorphin-Wert im Gehirn zu tun.“

    Prof. Dr. med. Johannes Fuß
    Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Sexualmedizin, Direktor am Institut für Forensische Psychiatrie und Sexualforschung an der Universität Duisburg-Essen

    Welche Rolle spielen Endocannabinoide?

    Zunächst schaffen die Endocannabinoide das, was Endorphine nicht können – sie gelangen vom Blut ins Gehirn. Sie erfüllen also die Grundvoraussetzung, damit der Sportler Glücksmomente erlebt. Außerdem schreiben Forscher Endocannabinoiden eine angstlösende und schmerzlindernde Wirkung zu. In unserem Mausexperiment verhinderten Medikamente, die Endorphine blockieren, ein Runner’s High nicht. Als wir den Mäusen allerdings Präparate gaben, die eine Endocannabinoid-Wirkung blockieren, erlebten die Tiere kein Runner’s High mehr – sie waren genauso schmerzempfindlich und ängstlich wie zuvor.

    Für uns ist das ein Hinweis darauf, dass Endocannabinoide das Runner’s High entscheidend mitbestimmen. Die Ergebnisse können wir aber nicht unbedingt auf den Menschen übertragen, da die Physiologie von Mäusen anders ist. Deshalb starteten wir einen Versuch mit Ausdauersportlern. Da es beim Menschen kein zugelassenes Medikament zur Blockierung der Endocannabinoid-Wirkung gibt, konzentrierten wir uns auf die Endorphine. Das Ergebnis war das gleiche wie bei den Mäusen: Trotz blockierter Endorphin-Wirkung bekamen die Sportler ein Runnner’s High.

    Junge Sportlerin misst ihre Herzfrequenz, um einen Runner’s High zu begünstigen.

    © iStock / SrdjanPav

    Um ein Runner’s High zu begünstigen, sollte das Training bei etwa 70 Prozent der maximalen Herzfrequenz liegen.

    Können Läufer bewusst ein Runner’s High hervorrufen?

    Das Endocannabinoid-System reagiert auf Belohnungen, wie leckeres Essen oder Musik-Genießen. Im Labor konnten wir zeigen, dass der Körper ebenfalls bei einem Orgasmus Endocannabinoide ausschüttet. Verhaltensweisen, die sich für uns gut anfühlen, beeinflussen das System also positiv.

    Im Sportbereich erhöhen Läufer mit folgenden Tipps die Chancen auf das Hochgefühl:

    • mindestens 30 Minuten Ausdauersport
    • Training bei etwa 70 Prozent der maximalen Herzfrequenz

    Eine Garantie für das Runner’s High erhalten Läufer damit aber nicht.

    Ist das Läuferhoch gefährlich?

    Manche Menschen sind süchtig nach Sport. Ob das irgendetwas mit der Cannabinoid-Ausschüttung zu tun hat, wissen wir aber noch nicht. Bisher gibt es keine Daten, die einen Zusammenhang herstellen. Allerdings ist es vorstellbar, dass Sportler sich nach dem Hochgefühl sehnen und es öfter erreichen möchten. Eine konkrete Gefahr geht von dem Läuferhoch aber höchstens aus, wenn Sportler ihre Grenzen regelmäßig überschreiten und voller Euphorie Verletzungsrisiken eingehen.

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