Psychologie
Selbsthilfegruppen: Was sie leisten und wie sie wirken
Veröffentlicht am:07.04.2026
7 Minuten Lesedauer
Immer mehr Menschen möchten sich mit anderen austauschen, die ähnliche chronische Erkrankungen oder Behinderungen haben. Eine Selbsthilfegruppe bietet dafür Raum. Was kann sie bewirken und wie unterscheidet sie sich von anderen Angeboten?

© iStock / LordHenriVoton
Inhalte im Überblick
Was ist eine Selbsthilfegruppe?
In einer Selbsthilfegruppe schließen sich Menschen freiwillig und lose zusammen, um gemeinsam eine Krankheit, Behinderung oder soziale Probleme zu bewältigen, von denen sie selbst oder ihre Angehörigen betroffen sind. Selbsthilfegruppen geht es nicht darum, mit ihrer Arbeit Geld zu verdienen.
In Deutschland gibt es fast zu allen gesundheitlichen, psychosozialen und sozialen Themen Selbsthilfegruppen. Ihre Ziele und ihre Arbeit sind vor allem auf die Mitglieder ausgerichtet, nicht auf Außenstehende. Das unterscheidet sie von anderen Formen des bürgerschaftlichen Engagements.
Seit vielen Jahren unterstützen und fördern die gesetzlichen Krankenkassen sowie ihre Verbände die Aktivitäten von gesundheitsbezogenen Selbsthilfegruppen. Gefördert werden Gruppen, die zur gesundheitlichen Prävention und Rehabilitation der Versicherten beitragen.
Passende Artikel zum Thema
Warum sind Selbsthilfegruppen wichtig?
Selbsthilfegruppen sind eine wichtige Stütze für Menschen, die sich in einer schwierigen Lebenssituation befinden, eine (chronische) Erkrankung oder eine Behinderung haben. Die Gruppe kann ihnen das Gefühl geben, nicht allein zu sein. Die Gemeinschaft kann Seele, Geist und Körper guttun.
Im Mittelpunkt der Selbsthilfegruppen steht, Hilfe zu erhalten, aber auch Hilfe zu geben und die Lebensumstände der Betroffenen zu verbessern. Die Mitglieder machen sich gegenseitig Mut, spenden einander Trost und lernen, mit den körperlichen und seelischen Folgen einer Behinderung, Krise oder Erkrankung umzugehen.
Für manche ist es ein bewegendes Erlebnis, anderen helfen zu können. Viele Selbsthilfegruppen arbeiten auch mit Ärztinnen und Ärzten zusammen, die Vorträge halten oder für Fragestunden zur Verfügung stehen. Selbsthilfegruppen wirken oft auch auf das soziale und politische Umfeld ein.
Welche Bedeutung haben Selbsthilfegruppen für die Gesundheit?
Forschungen zeigen, dass die Identifikation mit einer Selbsthilfegruppe das psychische Wohlbefinden stärken und schützen kann. Eine Feldstudie mit Menschen mit chronischen Erkrankungen belegt den sozialen Heileffekt.
Die Selbsthilfegruppe fördert das Gefühl, Kontrolle über sich selbst, über Handlungen und Ereignisse zu haben. Sie stärkt das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Unterstützung, Wertschätzung und Bedeutung. Voraussetzung ist jedoch, dass der Gruppe auch Handlungsfähigkeit zugeschrieben wird.
Betroffene und Fachleute sehen Erfolge von Selbsthilfegruppen beim Thema Sucht und einen Rückgang von Depressionen und Ängsten. Sich über Diagnose, Therapie, Betreuung und Pflege auszutauschen, ist auch ein wichtiger Schritt hin zu mündigen Patientinnen und Patienten.
Wie wichtig ist Verbundenheit mit anderen?
Wer sich mit anderen Menschen verbunden fühlt, ist gesünder, glücklicher und lebt länger. Dieser Effekt wird als „social cure“, also „soziales Heilmittel“, bezeichnet. Die Verbundenheit beschränkt sich nicht nur auf Freundschaften und Familie. Sie kann auch mit sozialen Gruppen bestehen, zum Beispiel mit Mitgliedern eines Vereins, der Dorfgemeinschaft oder Kolleginnen und Kollegen.
Wie viele Selbsthilfegruppen gibt es in Deutschland?
Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland etwa 100.000 Selbsthilfegruppen. Drei bis dreieinhalb Millionen Menschen sollen in den Gruppen aktiv sein. Die ersten Gruppen haben sich nach dem Ersten Weltkrieg gegründet. Sie kümmerten sich um Kriegsversehrte und Hinterbliebene.
In den 1970er Jahren stieg die Zahl an Selbsthilfegruppen stark an. Ein Grund dafür war die Unzufriedenheit der Menschen mit der medizinischen Versorgung, den Einstellungen und dem Verhalten der Ärzteschaft. Gleichzeitig förderte das Bundesministerium für Forschung Projekte zur Patientenaktivierung, Selbst- und Laienhilfe.
Seitdem sind Selbsthilfegruppen viel professioneller geworden. Sie haben sich in indikationsbezogenen Selbsthilfeorganisationen zusammengeschlossen. Diese bieten Schulungs- und Trainingskonzepte für Betroffene und ihre Angehörigen an. So wird die Perspektive der Patientinnen und Patienten in die Versorgung einbezogen – etwa bei Krebserkrankungen in onkologischen Behandlungszentren.
Was unterscheidet Selbsthilfegruppen von anderen Angeboten?
Eine Selbsthilfegruppe hat nichts mit einer Gruppentherapie zu tun. Die Gruppentherapie ist eine professionell angeleitete Form der medizinischen Behandlung und zielt darauf ab, die psychische Gesundheit der Patientinnen und Patienten zu verbessern. Sie wird von Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten angeboten.
In einer Selbsthilfegruppe kommen dagegen Menschen zusammen, ohne das eine Expertin oder ein Experte dabei ist. Die Selbstbetroffenheit und das Handeln in eigener Sache haben alle Selbsthilfegruppen gemeinsam.
Was ist die Junge Selbsthilfe?
Die Junge Selbsthilfe richtet sich speziell an junge Betroffene bis etwa 35 Jahre. Sie organisiert sich anders durch flexiblere, unkonventionellere und digitale Formate und deckt mehr Themen ab, die von Depressionen bis zu Beziehungserfahrungen reicht.
Die jungen Menschen treffen sich in Parks oder Cafés, unternehmen Ausflüge, spielen Theater oder organisieren Events. Bundesweit gibt es über 900 solcher Gruppen.

© iStock / fstop123
Wie arbeiten Selbsthilfegruppen?
Selbsthilfegruppen arbeiten eigenständig und selbstorganisiert, ohne professionelle Leitung von außen. Die Treffen finden regelmäßig statt, viele davon mittlerweile auch online. Die Teilnahme ist freiwillig und kostenlos. Alle Mitglieder sind gleichberechtigt. Sie bestimmen die Themen, Ziele und Aktivitäten der Gruppe.
Selbsthilfegruppen werden spontan oder ganz gezielt gegründet. Sie stehen Betroffenen zur Seite, manchmal auch Angehörigen, beispielsweise Eltern von pflegebedürftigen Kindern. Eine Studie zeigt, dass Eltern die Peer-Beratung durch andere Menschen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden, hilfreicher finden als professionelle Beratungsangebote.
Wie findet man eine Selbsthilfegruppe?
Die Nationale Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe (NAKOS) ist eine gute Anlaufstelle, um eine Selbsthilfegruppe zu finden. Dort können Sie online nach einer Gruppe in Ihrer Nähe suchen. Auch Krankenkassen und Gesundheitsämter können Sie bei der Suche unterstützen.
Manchmal haben auch Haus- und Fachärzte und -ärztinnen Adressen von Selbsthilfegruppen. Eine weitere Möglichkeit ist, sich an eine Selbsthilfe-Kontaktstelle oder an ein Selbsthilfe-Büro in Ihrer Region zu wenden. Diese können Sie zu Selbsthilfegruppen in Ihrer Umgebung beraten. Ihre Adressen finden Sie in der Datenbank bei NAKOS.
Passende Angebote der AOK
„Lebe Balance“
Das AOK-Programm „Lebe Balance“ ist ein Angebot für die psychische Gesundheit. Es bringt Ruhe und Ausgeglichenheit in Ihr Leben, um gelassen durch Alltag und Beruf zu gehen.
Wie gründet man eine Selbsthilfegruppe?
Wer eine Selbsthilfegruppe aufbaut, leistet wichtige Arbeit, die jedoch auch herausfordernd sein kann. Zunächst sollten Sie sich überlegen, warum und welche Art von Selbsthilfegruppe Sie gründen möchten. Mögliche Optionen sind eine Gesprächsgruppe, eine Anonymousgruppe (vor allem bei Suchterkrankungen) oder eine Peer-to-Peer-Group (Betroffene für Betroffene).
Der Aufbau einer Selbsthilfegruppe erfordert Zeit und Geduld und ist manchmal auch mit Kosten verbunden. Außerdem müssen Sie Gleichgesinnte finden und Zeit und Ort für das erste Treffen festlegen. Die Formalien halten sich in Grenzen: einen Raum finden, Kontaktlisten erstellen, Ansprechpersonen festlegen.
Sie können auch Aufgaben und Funktionen verteilen. Peer-to-Peer-Groups wählen oft eine Sprecherin oder einen Sprecher. Zudem betreiben sie viel Öffentlichkeitsarbeit, eigene Internetseiten und lassen Broschüren über ihre Arbeit drucken. Anonymus-Gruppen orientieren sich an einem gemeinsamen Programm.
Wo finden Sie Unterstützung?
Eine Selbsthilfekontaktstelle kann Sie bei der Gründung einer Selbsthilfegruppe beraten. In Deutschland gibt es etwa 330 dieser Stellen. Darüber hinaus bietet die NAKOS einen Leitfaden zum Aufbau von Selbsthilfegruppen an.
Gesundheitsbezogene Selbsthilfegruppen werden von den Krankenkassen aus Fördermitteln unterstützt. Dazu sind sie laut § 20h SGB V gesetztlich verpflichtet. Ansprechpartnerinnen und Anprechpartner finden Sie auf der Website des AOK-Bundesverbandes oder auf dem Privatkundenportal der AOKs.
Die Inhalte unseres Magazins werden von Fachexpertinnen und Fachexperten überprüft und sind auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft.







