Psychologie
„Cringe“: Warum wir Fremdscham empfinden
Veröffentlicht am:13.03.2026
6 Minuten Lesedauer
„Cringe“ beschreibt unter Jugendlichen das Gefühl der Fremdscham: Wenn sich jemand anderes peinlich verhält und man selbst am liebsten im Boden versinken würde. Mehr über die psychologischen Hintergründe und den Unterschied zu Schadenfreude.

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„Cringe“ – Was ist das?
„Cringe“ – das ist Jugendsprache und nicht jeder versteht es. Gemeint ist nichts anderes als Fremdscham. Aus dem Englischen übersetzt bedeutet „cringe“ schaudern oder zurückschrecken, eine wortwörtliche, oft unwillkürliche körperliche Reaktion auf etwas Unangenehmes.
Ein unpassender Witz, ein peinlicher TV-Auftritt – das Gefühl des „Cringe“ kennt fast jeder. Es beschreibt eine Reaktion auf die Fehltritte anderer – die stellvertretend als äußerst unangenehm erlebt werden. Charakteristisch ist dabei oft, dass die betroffene Person ihren Fauxpas gar nicht wahrnimmt – im Gegensatz zu unserer eigenen Reaktion.
Vor allem die Generation Z und die Millennials haben sich den Begriff umgangssprachlich angeeignet, um auszudrücken, dass etwas auf eine peinliche oder beschämende Art unangenehm ist. 2021 landete der Anglizismus sogar auf Platz eins bei der Wahl für das Jugendwort des Jahres.
„Du bist cringe!“
Für viele Teenager und Teenagerinnen gibt es kaum etwas „Cringigeres“ als die eigenen Eltern. In ihrem jugendlichen Sprachgebrauch beschreibt „cringe“ nicht nur eine Art von Peinlichkeit oder Fremdscham. Es ist vielmehr der Inbegriff von „Uncoolness“ – der unbeholfene Versuch, hip zu sein, der als peinlich fehl am Platz empfunden wird.

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Warum empfinden wir Fremdscham?
In der Psychologie gibt die „Theory of Mind“ Antworten. Sie beschreibt die grundlegende Fähigkeit, sich in die Gedanken- und Gefühlswelt anderer Menschen hineinzuversetzen. Bei der Fremdscham gibt es zwei Szenarien:
- Eine andere Person schämt: Blamiert sich jemand und merkt dies selbst, teilt man gewissermaßen seine Scham.
- Die andere Person schämt sich nicht: Ist sich die betroffene Person des eigenen Missgeschickes nicht bewusst, dürfte man sich auch nicht fremdschämen, weil dies nicht die Perspektive des Gegenübers wäre. Die Theorie besagt, dass wir unsere Scham projizieren, indem wir annehmen, der oder die andere würde sich für seinen Fehltritt schämen.
Das unangenehme Gefühl der Peinlichkeit hat eigentlich etwas Gutes: Es zeigt, dass einem wichtig ist, was andere denken. Und es gibt noch andere psychologische Effekte: Menschen, die das Gefühl von Peinlichkeit kennen, werden als vertrauenswürdiger und großzügiger wahrgenommen.
Studien zeigen, dass beschämte Personen in Experimenten eher etwas abgeben und ihnen eher verziehen wird. Andere empfinden sofort Mitgefühl („Das könnte mir auch passieren“) und genau das kann die Person trotz des oft unangenehmen „Cringe“-Gefühls sympathisch wirken lassen.
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Welche Beispiele gibt es fürs Fremdschämen?
Fremdscham ist ein weitverbreitetes Phänomen mit unterschiedlichen Nuancen. Bei Menschen, die uns besonders nahestehen, kann die Fremdscham beispielsweise besonders ausgeprägt sein (Stichwort: Kontaktschuld-Effekt).
Manchmal verläuft die Grenze zwischen Fremdscham und Schadenfreude zudem sehr schmal. Interessanterweise wird das Gefühl der Fremdscham aber auch gezielt zur Unterhaltung eingesetzt in Form von einem ganzen Genre, der „Cringe“-Comedy.
Bei all dem sollte man den „Spotlight Effekt“ nicht vergessen: die Tendenz von Menschen, den Eindruck, den sie bei anderen hinterlassen – insbesondere in peinlichen Situationen – zu überschätzen. Die meisten Leute sind viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt als dass sie die Peinlichkeiten anderer wahrnehmen würden.
Was ist der Kontaktschuld-Effekt?
Wie stark man Fremdscham empfindet, hängt auch davon ab, wie eng man mit der Person, die sich „cringe“ verhält, verbunden ist. In der Psychologie spricht man vom Kontaktschuld-Effekt: Die Sorge, dass der Fehltritt einer nahestehenden Person schlecht auf einen selber abfärben könnte.
Dieser Effekt lässt sich im Hirnscan nachweisen. Wenn kein Fremder, sondern ein Freund oder eine Freundin in ein Missgeschick verwickelt war, zeigte sich in einer Studie mit bildgebenden Verfahren, dass besonders die Hirnareale aktiv waren, die für die Verarbeitung von körperlichem Schmerz verantwortlich sind – Fremdscham tut also buchstäblich weh.
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Was ist der Unterschied zwischen Fremdscham und Schadenfreude?
Fremdschämen ist nicht gleich fremdschämen. Es gibt unterschiedliche stellvertretende Emotionen. Beobachtet man den Fehltritt eines anderen, kann man sich in ihn hineinversetzen und sich stellvertretend für ihn schämen, man teilt also auf empathische Art und Weise die Peinlichkeit des anderen.
Oder das Gefühl driftet in eine andere Richtung und man fühlt nicht mit der Person mit, sondern macht sich über sie lustig, freut sich über das Unglück des anderen – das nennt man dann Schadenfreude. Gemeinsam haben die Reaktionen, dass es immer darum geht, dass jemand aus dem sozialen Rahmen fällt.
Eine Studie (2017) zeigte, dass Schadenfreude und Fremdscham gemeinsame Nervennetzwerke im Gehirn nutzen. Schadenfreude ist eine „diskordante", belohnungsbezogene Reaktion. Fremdschämen hingegen aktiviert Areale, die uns Gefühle anderer mitempfinden lassen – selbst wenn die betroffene Person ihre peinliche Lage noch nicht selbst wahrnimmt.
„Schadenfreude“ – ein internationales Gefühl
Der deutsche Begriff „Schadenfreude“ hat sich sogar in einigen anderen Sprachen etabliert, da er besonders gut zusammenfasst, worum es bei ihr geht: Freude aus dem Leid anderer zu ziehen – umso mehr, wenn die beobachtende Person davon ausgehen, dass der oder die Leidtragende das Missgeschick verdient hat.
Was ist „Cringe“-Comedy?
Ob Fernsehserien, Kinofilme oder Videos in den sozialen Medien: „Cringe“-Humor hat sich längst etabliert. In den sozialen Medien finden sich ganze Zusammenstellungen von Videos sogenannter „cringe“-Momente, die gelikt und geteilt werden. Woher kommt diese Faszination für solche „cringeworthy“ Situationen?
Der „Cringe“-Humor vereint zwei nicht besonders kompatible Gefühle: das unangenehme Gefühl des Fremdschämens mit dem angenehmen Gefühl von Spaß. Dass das gut funktioniert, hängt mit dem engen Beieinanderliegen von Vergnügen und Schauer zusammen – Stichwort Horrorfilme. Ausschlaggebend: eine sichere Distanz zu dem Geschehen.
„Cringe“-Humor funktioniert nicht nur, weil er unangenehme Situationen zuweilen auf die Spitze treibt, sondern auch, indem er an unser Bewusstsein für soziale Regeln appelliert. Bei unbeabsichtigten Fehltritten kann „Cringe“-Humor auch dazu beitragen, bestimmte Normen zu hinterfragen – oder er führt einfach zu einem befreienden Lachen.
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Was kann man gegen Fremdscham tun?
Menschen, die sich selbst sehr genau beobachten, neigen zum Empfinden von (übertriebener) Fremdscham. Häufig beziehen sie ihre Beobachtungen stärker auf sich selbst und können sich schwerer abgrenzen. Psychologen und Psychologinnen empfehlen, in dem Fall zu üben, in unangenehmen Momenten bewusst eine beobachtende Haltung einzunehmen.
Möchte man sich der Fremdscham nicht allzu sehr hingeben, gibt es weitere Strategien, diesem Gefühl nicht zu viel Raum zu geben und es gewissermaßen umzuleiten in eine angenehmere Emotion:
- Humor: Einfach über eine „cringe“ Situation lachen und erleichtert sein, dass es einem selber nicht passiert ist
- Gelassenheit: Einen unangenehmen Moment als solchen anerkennen und akzeptieren
- Neuinterpretation: Die Fremdscham als Hinweis auf die eigene emotionale Sensibilität und Empathiefähigkeit wertschätzen
Letztlich zeigt das Gefühl der Fremdscham auch eine Form von Interesse und Anteilnahme an dem, was um uns herum geschieht. Dies ist nicht zu unterschätzen in einer Welt, in der sich mehr und mehr Menschen unsichtbar und nicht wahrgenommen fühlen.
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