Kinder
Resilienz bei Kindern fördern: Eine Kita zeigt, wie es geht
Veröffentlicht am:19.01.2026
7 Minuten Lesedauer
In der Kita Grashüpfer lernen Kinder Resilienz durch Vertrauen, Mitbestimmung und Trost – ein Ansatz, der auch zu Hause funktioniert.

© Miriam Lindthaler
Inhalte im Überblick
- Die Kita als Mutmacher: Mit spielerischen Abenteuern Resilienz entwickeln
- Ängste bei Kindern: Wie Erziehende unterstützen können
- Eltern als Vorbilder: Selbstwirksamkeit fördern, Resilienz stärken
- Mitbestimmung und Verantwortung: So wachsen Kinder über sich hinaus
- Konflikte gemeinsam lösen: das Ampel-System
Die Kita als Mutmacher: Mit spielerischen Abenteuern Resilienz entwickeln
Kleine Füße in Turnschläppchen klettern auf einen Gipfel aus Matten und springen auf der anderen Seite herunter. Lautes Lachen erfüllt die Halle, es ist Turnzeit in der Kita Grashüpfer. Und heute hat sich Erzieherin Ulrike Schreier etwas Besonderes ausgedacht: Die Kinder gehen auf eine Fantasiereise in die Berge.
Hinter dem Gipfel aus Matten befindet sich eine „Gletscherspalte“. Es ist dunkel, aber am Ende der Spalte ist Licht. Ein Kind nach dem anderen zwängt sich durch die enge Kluft. Und was kann jeden im Gebirge überraschen? Eine Lawine. Die Erzieherin und ihr Kollege Simon Konietzka legen eine große, blaue Weichbodenmatte auf den Boden. „Wer traut sich und lässt sich langsam begraben?“, fragen sie in die Runde. Drei Kinder melden sich und legen sich hin. Aufgeregt zappeln sie mit den Füßen und halten sich die Hände vor das Gesicht, als eine zweite Matte langsam auf sie niedersinkt. Nun dürfen die anderen Kinder vorsichtig über die Matte laufen. Die Kleinen wechseln sich ab, sie quietschen und quieken vor Freude.
„Wer früh lernt, sich Problemen zu stellen, ist gut vorbereitet auf die Herausforderungen des Lebens.“
Johanna Kühn
Leiterin der Kita Grashüpfer in Laumersheim
Ängste bei Kindern: Wie Erziehende unterstützen können
An diesem Vormittag wird der Turnraum zu einem Ort, an dem die Kinder ihren eigenen Mut erleben und dabei wichtige Fähigkeiten entwickeln können. In der Kita in Laumersheim in der Nähe von Mannheim ist das Teil der Resilienzförderung. Resilienz bedeutet, Stress, Krisen und Schwierigkeiten bei guter psychischer Gesundheit bewältigen zu können. „Wer schon in jungen Jahren lernt, sich Problemen zu stellen, ist später gut vorbereitet auf die großen Herausforderungen des Lebens“, sagt die Leiterin der Kita Johanna Kühn. Die Kinder spüren in dieser Turnstunde auch ihre eigenen Grenzen und dürfen jederzeit sagen, wenn sie Angst haben und nicht weitermachen wollen.
Wie Alia. Das Mädchen weint, weil es sich vor der Lawine erschrocken hat. Simon Konietzka hebt die Matte hoch und nimmt die Vierjährige fest in seine Arme. Das Spiel ist ungefährlich, trotzdem kullern Tränen über ihre Wange. „Ich hatte Angst“, schnieft Alia. „Weil die Kinder über mich drübergelaufen sind.“ „Wer Angst hat, wird gerettet“, antwortet der Erzieher beruhigend. „Das war sehr mutig von dir, denn das trauen sich sonst nur die älteren Kinder.“ Das Mädchen lächelt und kuschelt sich an ihn, ihre Angst verfliegt.
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Eltern als Vorbilder: Selbstwirksamkeit fördern, Resilienz stärken
Der Umgang des Erziehers mit Alia entspricht den Empfehlungen von Prof. Maike Rönnau-Böse. Seit mehr als 20 Jahren lehrt sie an der Evangelischen Hochschule Freiburg zu Resilienz und Gesundheitsförderung. „Kinder trauen sich mehr zu, wenn sie sich von verlässlichen Personen gehalten und ermutigt fühlen“, sagt sie. „Eltern können hier ein Vorbild sein, indem sie selbst ihre Ängste und Gefühle zeigen.“
Die Expertin lehrte resiliente Pädagogik lange auch an Kindergärten, die Kita Grashüpfer war einer von ihnen. In ihren Schulungen spielt die Förderung von Selbstwirksamkeit – also dem Glauben an die eigenen Fähigkeiten und daran, dass man etwas erreichen kann – eine wichtige Rolle. Selbstwirksamkeit wächst durch Erfahrungen, beispielsweise, wenn Kinder bemerken, wie kompetent sie in einer Sache sind.
Tipps von Prof. Maike Rönnau-Böse: Wie Sie das Selbstvertrauen von Kindern fördern
- Konflikte meistern: Streit und Krisen gehören zum Leben. Lernen Kinder, sich ihnen zu stellen, wachsen sie daran. Wenn sie Konflikte lösen, steigert das ihre Selbstwirksamkeit.
- Strukturen und Grenzen geben: Dürfen Kinder im Alltag helfen und sich selbst ausprobieren, steigt ihr Selbstbewusstsein. Feste Rahmenbedingungen und Rituale wie das Tischdecken oder das Aussuchen eines Buchs vor dem Schlafengehen geben Orientierung.
- Individualität respektieren: Kinder im gleichen Alter können unterschiedlich weit entwickelt sein. Ihr Selbstbewusstsein und ihre Zuversicht wachsen, wenn man sie ohne Druck unterstützt und fördert – und mit all ihren Charaktereigenschaften wertschätzt.
Mitbestimmung und Verantwortung: So wachsen Kinder über sich hinaus
Das Gute: „Kinder haben oft Lust auf neue Erfahrungen – sie wollen mitmachen und mitbestimmen“, sagt Leiterin Johanna Kühn. Im Hühnerstall der Kita lässt sich das gut beobachten. Vorsichtig nähert sich die vierjährige Hanna einem der Hühner, die Hände voller Futter. Ein Huhn wurde sogar in der Kita geboren – unter einer Wärmelampe im Flur. Gemeinsam wählten die Kinder den Namen Rakete, weil es so schnell aus dem Ei kam.
Inzwischen flitzt das braune Hühnchen mit dem roten Kamm zwischen den anderen durch den Stall. Wenn die Kinder es hochheben, unter seine weichen Federn fassen und mit ihm kuscheln, achten sie genau auf seine Reaktion. „Sie haben gelernt: Das Huhn möchte heruntergelassen werden, wenn es piept“, erzählt Johanna Kühn. Anfangs sollten die Kinder die Tiere nur füttern und streicheln. Doch sie wollten mehr Verantwortung übernehmen und misten nun auch den Stall aus.
Tipps von Prof. Maike Rönnau-Böse: Wie Sie Kindern Sicherheit vermitteln
- Enge Bindungen eingehen: Bieten Erwachsene emotionale Nähe und Sicherheit, stärkt das auch die psychische Widerstandsfähigkeit der Kleinen. Denn wenn sie anderen vertrauen, trauen sie auch sich selbst mehr zu.
- Authentisch sein: Wer seine Gefühle vor Kindern nicht verbirgt, ermutigt sie, ihre Emotionen ebenfalls zu zeigen. Eltern sollten ihren Kindern erklären, dass die Art, Gefühle zu teilen, andere beeinflusst und sie dazu anregen, gemeinsam nach einer Lösung zu suchen.
Eltern können ihre Kinder auch gezielt zum Mitmachen motivieren – zum Beispiel, wenn sie beim Tischdecken das Geschirr aussuchen dürfen oder beim Aufräumen selbst entscheiden können, wo die Spielsachen hingehören. „Ausprobieren hilft Kindern, ihre Stärken und Fähigkeiten zu entdecken“, erläutert Pädagogin Maike Rönnau-Böse. „Ihr Selbstvertrauen wächst, wenn sie einen eigenen Einfluss auf ihr Leben haben.“ Doch wo Kinder mitreden, entstehen auch Spannungen. Was, wenn die eigenen Ideen nicht zu denen der Erwachsenen passen?
Eine solche Szene spielt sich am Morgen in der Turnhalle ab. Der sechsjährige David möchte den Mattenwagen aus dem Geräteraum holen. Mit diesem könne er wie auf einem Schlitten über den Boden gleiten. „Das geht heute leider nicht“, entgegnet die Erzieherin. David ist zunächst enttäuscht, doch gemeinsam suchen sie nach einem Kompromiss. Das Ergebnis: In der nächsten Turnstunde darf David den Wagen holen und die Kinder damit durch die Halle fahren.
„Ausprobieren hilft Kindern, ihre Fähigkeiten zu entdecken.“

Prof. Maike Rönnau-Böse
Resilienzforscherin und Leiterin des Studiengangs Kindheitspädagogik an der Evangelischen Hochschule Freiburg
© privat
Konflikte gemeinsam lösen: das Ampel-System
„Probleme ansprechen, sich Hilfe holen und eine Lösung finden, zahlen auf die Resilienz ein und stärken die Widerstandsfähigkeit“, fasst Maike Rönnau-Böse zusammen. Die Kinder üben das mit einer Methode, die auch zu Hause funktioniert: dem Ampel-System. Dafür malt man jeweils einen roten, gelben und grünen Kreis auf ein Papier und faltet es einmal zwischen den Kreisen. Hat ein Kind ein Problem, kann es sich das Papier schnappen, auf Rot klappen und in die Höhe heben. Andere Kinder eilen zur Hilfe, und gemeinsam legen sie die Ampel auf Gelb. Danach überlegen alle Kinder, wie sie helfen können. Haben sie eine Lösung gefunden, falten sie die Ampel auf Grün. Ältere Kinder wie David haben das Prinzip bereits verinnerlicht. Er braucht die Ampel nicht mehr, sondern geht direkt auf seine Erzieherin zu.
Solche positiven Erfahrungen in der Konfliktlösung stärken die Kinder nicht nur für ihre eigene Zukunft. Sie tragen ihr Wissen weiter und beeinflussen damit indirekt die Resilienz anderer. Die Mutter eines ehemaligen Kita-Kindes erzählte kürzlich, wie ihre Tochter bemerkte, dass ein Kind in ihrer Klasse gemobbt wurde. Mutig stellte sie sich vorn an die Tafel, machte ihre Mitschülerinnen und Mitschüler auf das Problem aufmerksam – und wurde so ein Vorbild für die ganze Klasse.
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