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Ängste bei Kindern: Wie Sie Ihren Nachwuchs stärken

Veröffentlicht am:02.03.2022

9 Minuten Lesedauer

Ängste sind ein normaler Teil der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Eltern können ihre Kinder jedoch stärken und ihnen viele Ängste nehmen. Bei Anzeichen von Angststörungen sollten sie zunächst ihren Kinderarzt ansprechen.

Ein kleines Mädchen liegt ängstlich im Bett und zieht die Bettdecke über das Gesicht, sodass nur die Augen hervorgucken.

© iStock / Raul_Mellado

Inhalte im Überblick

    Entwicklungsbedingte Ängste bei Kindern – wichtig für das Erwachsenwerden

    Wenn Kinder vor allem Möglichen Angst haben, sehr schüchtern sind oder Gruppen meiden, fragen sich Eltern, welches Ausmaß an Ängsten noch normal ist. Weil sich ein Angstempfinden, das an tatsächliche Gefahren angepasst ist, erst noch entwickeln muss, verspüren Kinder viel häufiger Ängste als Erwachsene. Gleichzeitig sind Ängste bei Kindern selten so schwerwiegend, dass man von einer krankhaften Angststörung sprechen kann.

    Ängste sind ein wichtiger Teil der menschlichen Gefahrenabwehr

    Angst vor Gefahren löst Reaktionen aus: angemessene Vorsicht oder einen Fluchtreflex. Wenn Kinder Angst vor bestimmten Tieren haben, so geht dies entwicklungsgeschichtlich auf die sinnvolle Furcht vor wilden Tieren zurück. Diese Furcht war in menschlicher Vorzeit ein Überlebensvorteil. Manche Dinge, vor denen Menschen mitunter überhöhte Angst haben, sind heute noch gefährlich – etwa tiefes Wasser oder Gewitter –, andere sind harmlos, beispielsweise Spinnen in Deutschland.

    Gewisse Ängste wiederum können bei besonderen Personengruppen angemessen sein, beispielsweise die Furcht vor Bienen oder Wespen, wenn das Kind oder ein Elternteil bereits eine schwere allergische Reaktion hatte. Demgegenüber gibt es Phobien, die als übertriebene Angstreaktionen auf bestimmte Lebewesen oder Gegenstände zu bewerten sind.

    Welche Ängste gibt es bei Kindern?

    Für die Entwicklung ist eine „gesunde“ Kinderangst wichtig und Angst zu haben ist noch lange keine Angststörung. Die notwendige Angst vor reellen Bedrohungen nennt man Realangst. Hierzu zählen zum Beispiel die Angst vor konkreten Gefahren wie dem Herunterfallen am offenen Fenster oder vor dem Ertrinken im Meer. Manche Realängste müssen erlernt und von den Eltern vermittelt werden, zum Beispiel um Sicherheit im Straßenverkehr oder beim Umgang mit technischen Geräten zu erlangen: Das Kind weiß ja nicht von sich aus, dass die Herdplatte heiß ist. Realängste schützen das Kind vor echten Gefahren. Weitere häufige Formen von Ängsten bei Kindern sind:

    Trennungsangst

    Trennungsängste entwickeln sich gegen Ende des ersten Lebensjahrs. Sie gehören zu den ersten starken Gefühlen eines Kindes und sind eine Begleiterscheinung auf dem Weg zur Selbstständigkeit. Das Kleinkind steht im Zwiespalt zwischen eigener Unabhängigkeit und dem Bedürfnis nach Nähe zur engsten Bezugsperson. Beim sogenannten Fremdeln geht es auch um Angst: Angst vor Fremden an sich und davor, dass vertraute Bezugspersonen durch andere ersetzt werden.

    Die Ausdruckformen der Trennungsangst wandeln sich mit dem Alter. Bei Kleinkindern ist die Einschlafangst, wenn das Kind allein im Bettchen liegt, eine Ausprägung der Trennungsangst. Bei Kindergartenkindern äußert sich Trennungsangst häufig als Angst vor dem Zurückgelassenwerden in der Einrichtung. Im Schulalter können Kinder auf Klassenfahrten unter starkem Heimweh leiden. Nicht selten reagieren Kinder und Jugendliche, die unter Trennungsangst leiden, mit körperlichen Symptomen wie Bauchschmerzen oder Übelkeit.

    Magische Angst

    Die Furcht vor Gespenstern oder Monstern kann belastende Angstzustände und Albträume verursachen. Vor allem zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr entwickeln Kinder eine ungeheure Vorstellungskraft. In der Fülle von Eindrücken, die auf Heranwachsende einprasseln und verarbeitet werden müssen, zerfließen die Grenzen zwischen Realität und Fantasie und für Ihr Kind scheinen magische Gestalten tatsächlich zu existieren. Oder an sich harmlose Dinge entwickeln ein Eigenleben und lösen bei Kindern Furcht aus. Das kann ein Schrank sein, dem die kindliche Fantasie zusätzliche, angsteinflößende Eigenschaften zuschreibt.

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    Kindliche Angststörungen: krankhafte Ängste

    Bis zur Einschulung können die meisten Kinder ihre Trennungsangst weitgehend selbst regulieren. Auch die magische Phase ist meist überwunden. Sollten solche Ängste aber bis ins Schulalter fortdauern, kann das auf eine Angststörung hindeuten. Außerdem gibt es, unabhängig vom Alter, Ausprägungen von Ängsten bei Kindern und Jugendlichen, die über das normale, für die kindliche Entwicklung notwendige Maß hinausgehen und deshalb als Angststörung bezeichnet werden. Bei manchen Kindern ist die Trennungsangst so intensiv, dass sie sich über Jahre beharrlich weigern, allein im Kindergarten zu bleiben oder zur Schule zu gehen. Und manche Jugendliche sind nicht bloß schüchtern, sondern haben eine ausgeprägte und sozial einschränkende Angst vor Situationen, bei denen sie mit anderen Menschen zusammentreffen.

    Wenn die Ängste von Kindern und Jugendlichen also einen altersunüblichen Schweregrad aufweisen, kann eine Angst im Sinne einer psychischen Störung angenommen werden. Man spricht zum Beispiel von einer sozialen Angststörung, wenn die soziale Angst sehr viel stärker ist als bei Gleichaltrigen und länger als sechs Monate anhält. Die bei Kindern und Jugendlichen häufigsten Angststörungen sind:

    Generalisierte Angststörung

    Eine generalisierte Angststörung wird als sorgenbehafteter Dauerzustand beschrieben, wobei Betroffene nicht immer angeben können, wovor sie eigentlich Angst haben oder was ihnen Sorgen bereitet. Kinder und Jugendliche mit einer generalisierten Angststörung machen sich viele Sorgen um verschiedene alltägliche Dinge. Oft sind diese Sorgen übertrieben und/oder unbegründet. Da die Sorgen in der Regel nicht kontrollierbar sind, können die Kinder die sorgenvollen Gedanken nicht einfach abstellen, sondern müssen kontinuierlich darüber nachdenken.

    Zu den Symptomen der generalisierten Angststörung gehören nervöse Anspannung, Erwartungsangst und das Bedürfnis nach Bestätigung. Vieles im Lebensumfeld wird als Bedrohung wahrgenommen („Mein Kind hat Angst vor allem“). Betroffene Kinder und Jugendliche sind oft angespannt, vermeiden scheinbar gefährliche Situationen oder leiden unter Nervosität, Konzentrations- und Schlafstörungen – und generell an ihren Sorgen um die Familie oder die Schule.

    Phobien

    Eine Phobie ist eine übermäßig starke und dauerhafte Angst vor bestimmten Dingen oder Situationen, die normalerweise harmlos sind. Phobische Kinder weinen oder klammern sich an einen Elternteil, wenn sie beispielsweise einen Hund sehen. Phobien sind im Kleinkindalter am häufigsten und können sich auf sehr unterschiedliche Dinge beziehen, aber oft lösen Tiere, Fremde, laute Geräusche oder Menschenmengen Ängste aus.

    Soziale Angst

    Diese Sonderform der Phobie übt einen besonders negativen Einfluss auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen aus. Betroffene Kinder und Jugendliche befürchten, sich in bestimmten Situationen zu blamieren, sich lächerlich zu machen, zu versagen oder erniedrigt zu werden. Die typischen Symptome sozialer Ängste unterscheiden sich nach Altersgruppen.

    Kindergartenalter: gehemmtes, schüchternes, zurückhaltendes Verhalten (zum Beispiel Angst, im Morgenkreis vorzutragen); die Kinder vermeiden es, in Gruppen mitzumachen; Angst davor, die eigene Meinung zu sagen: Überforderung und Passivität bei neuen Situationen.

    Schulzeit: beginnende Leistungsängste (Angst zu versagen, Angst vor Kritik); Angst, etwas Peinliches zu machen oder sich zu blamieren; Probleme bei der selbstständigen Kontaktaufnahme zu Mitschülern.

    Jugendalter: gesteigerte Leistungsangst; negatives Selbstbild; geringer Selbstwert; depressive Symptome ergänzen Leistungsangst; Angst, Kontakt zum anderen Geschlecht aufzunehmen.

    Eine soziale Phobie ist die Übertreibung einer angemessenen sozialen Zurückhaltung. Eine gewisse Vorsicht ist im menschlichen Miteinander an sich sinnvoll, hindert in ausgeprägter Form Kinder und Jugendliche aber an hinreichender gesellschaftlicher Teilhabe – in Schule, Vereinen, Freundeskreis oder auch in der erweiterten Familie. Betroffene ziehen sich aus der Gemeinschaft zurück und haben oft schulische Probleme.

    Leistungsangst

    Leistungsangst ist die verstärkte Angst, in Prüfungssituationen zu versagen. Alle Menschen empfinden mitunter Leistungsangst. Sie kann jedoch so stark sein, dass Leistungssituationen entweder ganz gemieden werden oder die Angst die Leistung erheblich beeinträchtigt. Da bei Leistungsangst die Bewertung durch andere eine Rolle spielt, wird sie als Sonderform der sozialen Phobie gewertet. Leistungsangst nimmt zu, wenn die schulischen Anforderungen steigen.

    Ursachen von Ängsten und Angststörungen

    Genetische Faktoren

    Es gibt keine einzelne Ursache einer Angstproblematik. Experten gehen aber von einer erblichen Veranlagung aus, die Angststörungen begünstigen: Die Anpassungsfähigkeit an neue Reize, die emotionale Erregbarkeit und die Reaktionsweise des Nervensystems sind zu einem gewissen Grad angeboren. Angststörungen betreffen daher häufig Kinder, bei denen ein Elternteil vergleichbare Probleme hat oder hatte.

    Äußere Einflüsse

    Manche Ängste können auf Lernerfahrungen beruhen. Kinder verbinden in solchen Fällen bestimmte Dinge oder Personen mit einem angsteinflößenden Erlebnis – ohne dass in der Realität ein Zusammenhang bestehen muss. Oder es haben einschneidende Ereignisse stattgefunden wie Todesfälle, Trennung der Eltern oder schwere Erkrankungen in der Familie. Andere Kinder haben tatsächlich bedrohliche Situationen durchlebt, beispielsweise eine Begegnung mit einem aggressiven Hund, und entwickeln im Anschluss eine Phobie.

    Die Rolle der Erziehung

    Auch das elterliche Erziehungsverhalten spielt eine Rolle. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass das Risiko für eine Angststörung sowohl durch eine überbehütende und kontrollierende Erziehung als auch durch wenig emotionale Nähe und Sensibilität gegenüber dem Kind gesteigert wird. Auf Drohungen zur Durchsetzung von Erziehungszielen sollte man verzichten: Kinderschreckfiguren wie der Butzemann, mit denen Eltern früher häufig gedroht haben, fördern kindliche Ängste zusätzlich.

    Was kann man gegen Ängste bei Kindern tun?

    Kindern Angst zu nehmen, erfordert Geduld und achtsame Unterstützung. Wenn Ihr Kind konkrete Ängste hat, ist es wichtig, diese Ängste ernst zu nehmen und sich keinesfalls darüber lustig zu machen. Sprechen Sie mit Ihrem Kind über die Ängste. Aussagen wie: „Davor brauchst du doch keine Angst zu haben!“ zeigen wenig Verständnis und sind deshalb nicht hilfreich. Das Gleiche gilt für Vergleiche mit mutigeren Altersgenossen. Vermitteln Sie Ihrem Kind stattdessen die Sicherheit, dass es sich im Notfall immer auf Ihre Hilfe verlassen kann.

    Ein verunsicherter Teenager-Junge mit sozialer Phobie isoliert sich auf dem Schulhof von seinen Mitschülern.

    © iStock / fstop123

    Eine soziale Phobie erschwert Kindern und Jugendlichen die gesellschaftliche Teilhabe.

    Einige hilfreiche Grundregeln:

    • Nehmen Sie Ihrem Kind das, wovor es Angst hat, nicht ab.
    • Besprechen Sie die schwierigen Situationen mit Ihrem Kind und üben sie, diese zu bewältigen.
    • Fördern Sie in die Autonomie Ihres Kindes. Geben Sie ihm ausreichend Zeit und Gelegenheit, Probleme selbst zu lösen.
    • Reden Sie Ihrem Kind die Angst nicht aus, sondern machen Sie deutlich, dass es wichtig ist, sich der Situation zu stellen. Unterstützen Sie Gedanken wie: „Ich schaffe das!“
    • Loben Sie Ihr Kind, wenn es eine Situation bewältigt hat.

    Magischen Ängsten kann man außerdem begegnen, indem man sich auf die kindliche Fantasie einlässt und konkrete Maßnahmen gegen Monster unternimmt, etwa Monsterfallen oder -stoppschilder. Um die Angst vor Dunkelheit abzumildern, helfen Schlaflichter oder ein offener Türspalt.

    Es geht bei der Überwindung kindlicher Ängste darum, durch angeleitete Konfrontation den Kreislauf, der sich aus der Angstvermeidung ergibt, zu durchbrechen. Ein solcher Kreislauf entsteht, wenn beispielsweise die Eltern dem Kind genau das abnehmen, wovor es Angst hat. Das führt zunächst zwar zu einer unmittelbaren Reduzierung der kindlichen Angst, allerdings sammelt das Kind so keine Erfahrungen im Umgang mit der Angst und wird in der nächsten schwierigen Situation wieder versuchen, die Angstquelle zu vermeiden. Eine Überbehütung oder „Überunterstützung“ durch die Eltern kann diesen Teufelskreis und damit die Angst des Kindes noch verstärken. Für Eltern kann es stressig sein, normale Kinderängste auszuhalten – dennoch sollten sie die Auseinandersetzung suchen.

    Es kommt also darauf an, sein Kind in der Auseinandersetzung mit der Angst zu ermutigen, ohne es zu überfordern. Bei normalen, entwicklungsbedingten Ängsten kann Konfrontation hilfreich sein, bei Angststörungen kann sie die Situation aber verschlimmern. Bei krankheitswertigen Ängsten ist es deshalb nicht ratsam, Ihr Kind zu nötigen, sich dem Auslöser seiner Angst zu stellen. Wenn dadurch die Ängste noch verstärkt werden, sollte dieser Ansatz nicht weiterverfolgt werden. Holen Sie sich Hilfe, wenn Sie unsicher sind, welches Verhalten das richtige ist, oder wenn Sie eine Angststörung vermuten. Erste Anlaufstelle ist hier Ihr Kinderarzt.

    Wann sollte man bei kindlicher Angst zum Arzt gehen?

    Wenn sich die kindlichen Ängste hartnäckig halten und die Angst im Leben Ihres Kindes überhandnimmt, sprechen Sie mit Ihrem Kinderarzt darüber. Zunächst muss eine Diagnose gestellt werden. Falls nötig, werden Sie für weitere Untersuchungen an einen Kinder- und Jugendpsychiater oder Therapeuten überwiesen.

    Wie kann man Angststörungen bei Kindern behandeln?

    Bei der Behandlung von Angststörungen sind psychotherapeutische Verfahren mit einer umfassenden Elternberatung das häufigste Heilverfahren. Eine wichtige Rolle bei der Behandlung von Angststörungen spielt die sogenannte Kognitive Verhaltenstherapie, bei der unter anderem beruhigende Verhaltensweisen bei Angst erlernt werden.

    Meistens reicht eine ambulante Behandlung ohne Medikamente aus. Nur bei einer besonders stark ausgeprägten Störung ist zur Unterstützung der Psychotherapie eine medikamentöse Behandlung oder auch eine teilstationäre oder stationäre Behandlungsform sinnvoll.

    Wie bei allen psychischen Erkrankungen gilt bei Angststörungen: Je früher mit der Therapie begonnen wird, desto besser. Deshalb ist es schon beim Verdacht auf eine hartnäckige Angstproblematik ratsam, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.

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