Achtsamkeit
Mehr Resilienz durch Radikale Akzeptanz
Veröffentlicht am:13.01.2026
15 Minuten Lesedauer
Resilienz bedeutet auch, sich mit unabänderlichen Situationen abzufinden und lösungsorientiert zu handeln. Das Schlüsselwort lautet hier: Radikale Akzeptanz. Sie gilt als Baustein für psychische Widerstandsfähigkeit. Doch was heißt das konkret?

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Was ist Akzeptanz in der Psychologie und was ist Radikale Akzeptanz?
In der Psychologie beschreibt Akzeptanz eine Haltung, bei der man sich bewusst darum bemüht, schwierige Situationen und Gefühle anzuerkennen und nicht zu verdrängen. Mit anderen Worten: Dinge so anzunehmen, wie sie sind, anstatt sie zu ignorieren, zu vermeiden oder sich eine andere Situation zu wünschen. Die psychologische Forschung legt nahe, dass ein solches Verhalten ein entscheidender Schritt sein kann,
- um schwierige und belastende Erfahrungen zu verarbeiten und
- um weniger negative Emotionen zu empfinden.
Radikale Akzeptanz und Dialektische Verhaltenstherapie
Radikal hat im Kontext von Akzeptanz nichts mit extrem zu tun. Radikal heißt in seiner Grundbedeutung so viel wie „weitreichend“. Es geht also um eine umfassende Akzeptanz dessen, was faktisch gegeben und unabänderbar ist. Das Konzept der Radikalen Akzeptanz ist Teil der Dialektischen Verhaltenstherapie. Diese besondere Form der Psychotherapie wurde ursprünglich von der US-amerikanischen Psychologin Marsha Linehan entwickelt, um selbstmordgefährdete Menschen mit Borderlinestörungen zu unterstützen. Radikale Akzeptanz kann aber auch psychisch gesunden Menschen dabei helfen, Probleme zu bewältigen.
Negativen Gefühlen mit Akzeptanz begegnen
Radikale Akzeptanz bedeutet, den gegenwärtigen Moment vollständig anzuerkennen und anzunehmen, einschließlich seiner Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten. Einige Aspekte des Lebens liegen außerhalb unserer Kontrolle – der Kampf gegen sie führt nur zu weiteren Belastungen.
Menschen empfinden in angespannten Lebenssituationen negative Gefühle, beispielsweise:
- Leid
- Trauer
- Frustration
Das Konzept der Radikalen Akzeptanz zielt darauf ab, negative Gefühle positiv zu verarbeiten. Die Grundannahme dabei ist: Solange diese Gefühle unterschwellig brodeln, ist das belastend. Eine Radikale Akzeptanz kann dagegen helfen:
- negative Emotionen zu regulieren,
- ungünstige Denkmuster zu verändern,
- und wichtige und schätzenswerte Aspekte des Lebens zu erkennen, um die Motivation zu stärken.
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Radikale Akzeptanz in der therapeutischen Praxis und im Alltag
Radikale Akzeptanz ist kein psychologisches „Selbsthilfe-Tool“. Professionelle Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen setzen sie ein, um die innere Resilienz ihrer Patienten und Patientinnen zu stärken. Dafür sind sie in der Dialektischen Verhaltenstherapie oder in anderen Behandlungsstrategien wie der Acceptance- und Commitment-Therapie (ACT) geschult. Sie verfügen über das notwendige Know-how, um Akzeptanz in ihren Patienten und Patientinnen zu fördern. Unter professioneller Anleitung lernen diese, auch die schmerzhafte Realität bewusst anzunehmen und so ihre psychische Widerstandsfähigkeit zu stärken.
Wann ist professionelle Unterstützung unerlässlich?
Das bedeutet jedoch nicht, dass Sie Radikale Akzeptanz nicht auch ohne professionelle Anleitung praktizieren können. Wer jedoch schwerwiegende psychische Probleme hat oder sogar befürchtet, an einer psychischen Erkrankung zu leiden, braucht professionelle Hilfe. Wenn es hingegen „nur“ darum geht, die persönliche Resilienz zu stärken, um einen stressigen Alltag oder belastende Ereignisse besser zu bewältigen, kann selbstpraktizierte Radikale Akzeptanz hilfreich sein.
Schlechtes bleibt schlecht – auch wenn man es akzeptiert
Je schwerwiegender ein belastendes Ereignis ist, desto schwerer fällt die Akzeptanz – insbesondere, wenn damit Schmerz oder Verlust verbunden ist. Radikale Akzeptanz bedeutet nicht, dass Sie jedes Ereignis gutheißen müssen. Auch bedeutet sie nicht, dass Sie sich dadurch zwangsläufig besser fühlen. Ein Ereignis und die damit verbundenen Emotionen bestehen unabhängig davon, ob Sie sie akzeptieren oder nicht. Es geht vielmehr darum, eine psychische Stabilität zu erreichen, die es Ihnen ermöglicht, trotz belastender Ereignisse handlungsfähig zu bleiben. Nach dem Motto: Das Unabänderliche akzeptieren, das Kontrollierbare selbst kontrollieren.
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Radikale Akzeptanz versus Verdrängung und Ablehnung
Im Kern geht es bei der Radikalen Akzeptanz darum, zwei typische menschliche Verhaltensweisen zu vermeiden: Verdrängung und Verurteilung/Ablehnung. Verdrängung ist das Gegenteil von Akzeptanz. Die psychologische Praxis setzt auf Akzeptanz und damit auf die offene Auseinandersetzung mit Problemen. Im Umkehrschluss bedeutet das: Verdrängung schadet uns.
Und was ist mit Verurteilung beziehungsweise Ablehnung gemeint? Ein simples Alltagsbeispiel kann das veranschaulichen:
Sie haben einen Termin und sitzen in einem stark verspäteten Zug. Ein urteilend-ablehnendes Verhalten schlägt sich in negativen Gedanken nieder wie: „Immer passiert mir das!“, „Diese verdammte Bahn!“ oder „Ich bin selbst schuld, hätte ich nur einen Zug früher genommen!“ Solche Vorwürfe und Selbstkritik verstärken die Frustration nur noch. Wenn Sie in einer solchen Situation hingegen versuchen, die Lage radikal zu akzeptieren, bedeutet das zunächst, dass Sie Ihren nachvollziehbaren Frust zulassen und Ihre Enttäuschung akzeptieren. Sie akzeptieren aber auch, dass Sie nichts mehr daran ändern können. Anstatt zu grübeln, kommen Sie womöglich ins Handeln und nutzen die Ihnen durch die widrigen Umstände zur Verfügung stehende Zeit beispielsweise für einen Gang ins Bordbistro, für ein Buch oder um noch etwas zu arbeiten.
Natürlich sind ein verspäteter Zug und ein Trauerfall im persönlichen Umfeld zwei völlig unterschiedlich schwerwiegende Ereignisse. Aber: Wer in alltäglichen Situationen radikale Akzeptanz übt, ist möglicherweise resilienter, wenn es zu schweren Schicksalsschlägen kommt.
Gibt es Übungen für Radikale Resilienz?
Radikale Akzeptanz ist eine praktizierte Geisteshaltung, die durch tägliche Bewusstmachung wächst. Konkrete Übungen, um radikale Akzeptanz herbeizuführen, gibt es in diesem Sinne nicht. Therapeuten und Therapeutinnen stützen sich jedoch auf bestimmte Techniken und Verfahren, um die Akzeptanzbereitschaft ihrer Patienten und Patientinnen zu fördern.
Insbesondere Achtsamkeitsmeditation gilt als eine der am besten erforschten Methoden, um einen akzeptierenden und wertfreien Umgang mit Emotionen zu fördern. Mehr Selbstachtsamkeit bereitet den psychischen Boden für die Kultivierung von Akzeptanz – und damit die Fähigkeit, besser mit negativen Ereignissen umzugehen.
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