Achtsamkeit

Gesundheit fängt im Kopf an – Resilienz, der unterschätzte Motor unserer Genesung

Veröffentlicht am:25.02.2026

4 Minuten Lesedauer

Dr. med. Heinz-Wilhelm Esser, bekannt als Doc Esser, ist Facharzt für Innere Medizin, Pneumologie und Kardiologie und gibt Gesundheitstipps für den Alltag. Diesmal: Warum Resilienz so wichtig für unsere Gesundheit ist.

In der Mitte ist ein Foto von Doc Esser mit Schirmmütze und Stethoskop zu sehen. Illustrationen daneben zeigen zwei Hände, die ein Herz schützen und ein lachendes Gesicht.

© Manfred Jasmund / AOK

Wenn wir über Gesundheit sprechen, reden wir meistens über Blutdruck, Cholesterin, Medikamente, Ernährung oder Bewegung. Was dabei viel zu oft vergessen wird: Gesundheit fängt im Kopf an. Diese Redewendung ist keine Floskel, sondern ein medizinisches Faktum, das wir täglich in der Praxis beobachten. Nämlich, dass Menschen mit einer stabilen Psyche und einer gut ausgeprägten Resilienz, deutlich besser mit Erkrankungen umgehen – egal ob akut oder chronisch.

Und jetzt kommt die entscheidende Nachricht: Resilienz ist trainierbar.

Was ist Resilienz eigentlich?

Resilienz bedeutet nicht, alles wegzustecken oder immer „gut drauf“ zu sein. Resilienz heißt: Gefühle wahrnehmen, Belastungen erkennen – und trotzdem handlungsfähig bleiben. Es ist nicht die Kunst, nicht umzufallen, sondern sich wieder aufzurichten. Und diese Fähigkeit speist sich aus mehreren Quellen: unter anderem Optimismus, Sinnhaftigkeit, sozialer Rückhalt, Selbstwirksamkeit, Dankbarkeit und Flexibilität.

Und das wirkt sich auch tagtäglich auf meine Arbeit im Krankenhaus oder in der Praxis aus: Patienten, die emotional stabil sind und eine starke Resilienz aufweisen, zeigen eine höhere Behandlungstreue – Medikamente werden mit einer hohen Verlässlichkeit eingenommen, Bewegungsprogramme werden besser und langfristiger umgesetzt, Therapien, die starke Nebenwirkungen mit sich bringen, werden deutlich besser vertragen. Kurz: Diese Patientinnen und Patienten „bleiben dran“, auch wenn es unangenehm wird.

Genau diese Compliance ist in der Langzeitmedizin oft der entscheidende Unterschied zwischen Stagnation und Fortschritt, zwischen Rückfall und Stabilisierung. Resiliente Menschen nehmen ihre Erkrankung nicht als Gegner wahr, sondern als Herausforderung. Und Herausforderungen können wir meistern.

Dr. med. Heinz-Wilhelm Esser alias Doc Esser

Dr. Heinz-Wilhelm Esser ist Facharzt für Innere Medizin, Pneumologie und Kardiologie und leitet als Oberarzt die Abteilung Pneumologie am Sana-Klinikum Remscheid.

Seit 2016 moderiert er verschiedene Fernseh- und Hörfunkformate sowie Podcasts, in denen er verständlich und unterhaltsam über Gesundheitsthemen informiert und neue Therapiemöglichkeiten hinterfragt. Er ist Autor verschiedener Gesundheitsratgeber und hält regelmäßig Fachvorträge.

Resilienz ist neurobiologisch formbar

Unser Gehirn ist ein „Lernmuskel“. Stichwort neuronale Plastizität. Das bedeutet, dass neuronale Netzwerke sich verändern, neu verdrahten und anpassen können – ein Leben lang. Genau das ist die Grundlage, warum wir mentale Stärke üben können wie das Schwimmen, Tanzen oder Klavierspielen.

Und dafür braucht es oft gar keine großen Ritualprogramme, sondern kleine, regelmäßige Irritationen des Alltags. Beispiele, die ich selbst gern empfehle:

  • Zähneputzen mit der anderen Hand
  • einen neuen Weg zum Supermarkt gehen
  • beim Joggen die Route umdrehen
  • bewusst Pausen setzen, wo man sonst durchzieht

Warum hilft das? Weil unser Gehirn aus Routinen gerne gelangweilte Bequemlichkeit macht. Durchbrechen wir diese Muster, entsteht „Neuland im Kopf“. Wir schaffen neue Verschaltungen. Wir bleiben mental flexibel – ein zentraler Kern der Resilienz.

Dankbarkeit: eine unterschätzte Superkraft

Auch wenn es trivial klingen mag: Dankbarkeit ist eines der wirksamsten emotionalen Werkzeuge, die wir haben – wir haben sie nur fast verlernt. Studien zeigen, dass schon drei Minuten bewusster Dankbarkeit pro Tag Stresshormone senken, den Puls beruhigen und das Immunsystem messbar beeinflussen können. Dankbarkeit holt uns aus der Perspektive des Mangels („mir geht es schlecht“, „ich habe zu wenig Energie“, „alles wird schlimmer“) zurück in eine Haltung der Fülle und Anerkennung.

Sie ist kein Schönreden, sondern eine emotionale Stabilisierung, die uns hilft, nicht in endlose Grübelschleifen zu fallen. Für chronisch Erkrankte ist das Gold wert: Wer Dankbarkeit praktiziert, hat eine höhere emotionale Grundstabilität – und damit eine höhere Chance, auch schwierige Therapiewege durchzuhalten.

Selbstachtsamkeit und Sinnhaftigkeit

Ein weiterer wichtiger Baustein ist die Selbstachtsamkeit. Sie ist die bewusste Pause im Strom der Anforderungen. Menschen, die sich regelmäßig Momente gönnen, um in sich hineinzuhorchen – sei es durch Atemübungen, kurze Ruheinseln oder einen Spaziergang – berichten seltener über Kontrollverlust und Ohnmacht. Sie nehmen Warnsignale früher wahr und können gegensteuern.

Und dann ist da noch die Sinnhaftigkeit. Menschen, die einen persönlichen Sinn im Leben verankern – sei es durch Glauben, Spiritualität, Werte oder familiäre Verbundenheit – zeigen erwiesenermaßen eine bessere psychische Stabilität. Der Glaube, das Gefühl von Zugehörigkeit, die Überzeugung, dass es „für irgendetwas gut ist“, wirkt wie ein mentales Geländer.

Sinnhaftigkeit schützt nicht vor Krankheit, aber sie schützt davor, an ihr zu zerbrechen.

Mit das wichtigste Tool: Lachen

Und am Ende, ganz am Ende aller medizinischen Konzepte, aller Therapiepläne, aller psychologischen Modelle, steht etwas, das wir alle in uns tragen: Das Lachen.

Lachen reduziert Stresshormone.

Lachen stärkt das Immunsystem.

Lachen verbessert die Schmerztoleranz.

Lachen verbindet Menschen.

Und Lachen ist die einfachste Form von Resilienztraining.

Ein Mensch, der lacht – und anderen Wohlwollen entgegenbringt –, schützt sich selbst. Denn Wohlwollen reduziert soziale Konflikte, mindert Stress und stärkt das Gefühl der Verbundenheit. Und Verbundenheit ist einer der stärksten Resilienzfaktoren überhaupt.

Wer lacht, lebt leichter. Wer anderen guttut, schützt sich selbst.

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