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Aua, das tut weh! Das verbirgt sich hinter Schmerzen

Ein Vater versorgt das verletzte Knie seines Sohnes.

© iStock / FG Trade

Lesezeit: 5 MinutenAktualisiert: 16.08.2021

Schmerzen sind wichtige Signale. Sie warnen den Körper vor Gefahren für die Gesundheit. Doch manchmal bleiben sie und werden unerträglich. Wie Schmerzen entstehen und behandelt werden können.

Inhalte im Überblick

    Wie Schmerz entsteht

    Schmerz hämmert, sticht, beißt oder bohrt. Er kommt überfallartig oder ist einfach immer da, verdrängt jedes andere Gefühl. Schmerz ist in der Regel eine Folge von Krankheiten oder Verletzungen. Doch Schmerz ist kein Gegner, sondern ein nützlicher Helfer. Er zeigt uns, wo Reizungen, Wunden oder Entzündungen entstanden sind, und ob diese sich ausbreiten. Eine unangenehme Erfahrung, die manchmal auch ohne erkennbaren Anlass auftritt. Woran liegt das? Und was ist überhaupt Schmerz?

    „Wie stark wir den Schmerz empfinden und wie viel Aufmerksamkeit wir ihm schenken, hängt von verschiedenen biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren ab. Dabei spielen Hormone genauso eine Rolle, wie der familiäre und kulturelle Umgang mit Schmerz.“

    Dr. Astrid Gendolla, Fachärztin für Neurologie, Schmerztherapie und Psychotherapie

    Dr. Astrid Gendolla
    Fachärztin für Neurologie, Schmerztherapie und Psychotherapie

    Dr. Astrid Gendolla

    Wir empfinden Schmerz, wenn freie Nervenenden auf verschiedene Reize wie zum Beispiel Hitze, Kälte, Druck, Verletzung, Entzündung oder Gifte reagieren und Schmerzbotenstoffe ausschütten“, erklärt Dr. Astrid Gendolla, Fachärztin für Neurologie, Schmerztherapie und Psychotherapie. „Der Nerv leitet den Schmerzreiz über das Rückenmark ans Gehirn weiter. Dort wird er im Limbischen System, der sogenannten Gefühlszentrale, bewertet.“

    Dieses Urteil darüber, wie stark wir den Schmerz empfinden und wie viel Aufmerksamkeit wir ihm schenken, hängt von verschiedenen biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren ab. Dabei spielen Hormone genauso eine Rolle, wie der familiäre und kulturelle Umgang mit Schmerz. „Schmerzempfinden wird auch in der Familie gelernt“, sagt Dr. Gendolla. „Denn für die Schmerzbewertung im Gehirn macht es einen Unterschied, ob man als Kind erfahren hat, dass es besser ist, sich nicht so anzustellen, oder ob liebevoll gepustet wurde, wenn etwas wehtat.“

    Vom Reiz zum Schmerz

    Wie wir Schmerz erleben

    Schmerz ist ein unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis, so die Definition der Weltschmerzorganisation.

    Diese beiden Anteile im Erleben von Schmerz sind untrennbar miteinander verbunden. Wir nehmen Schmerz als Sinneseindruck wahr – also als stechend, bohrend oder dumpf. Zugleich bewerten wir ihn emotional und beschreiben ihn beispielsweise als mörderisch, quälend oder auch als unerträglich.

    Von akutem zu chronischem Schmerz

    Akute Schmerzen signalisieren uns, dass irgendwo im Körper etwas nicht stimmt. „Akuter Schmerz ist ein Schadensmelder, der auf mögliche Gesundheitsgefährdungen aufmerksam machen möchte. Er hilft, die Information ,gefährlich‘ im Gehirn zu verankern, damit wir zum Beispiel zukünftig nicht mehr auf die heiße Herdplatte fassen“, erklärt Dr. Gendolla.

    Akuter Schmerz ist zeitlich begrenzt. Gehen wir aus der Gefahrenzone – die Herdplatte oder eine zu starke Belastung – und wird die entstandene Verletzung behandelt, verschwindet er wieder. Das gilt jedoch nicht für chronischen Schmerz, dieser bleibt.

    Ein Mann und eine Frau joggen eine Treppe runter.
    Bei chronischen Schmerzen ist Bewegung wichtig, auch wenn es schwerfällt – so kommen Sie aus der schmerzverstärkenden Schonhaltungen heraus.

    © iStock / Nikada

    Wenn die Nerven immer empfindlicher werden

    Von chronisch ist die Rede, wenn der Schmerz länger als drei Monate anhält. Der Deutschen Schmerzgesellschaft zufolge leiden acht bis 16 Millionen Menschen in Deutschland unter chronischen Schmerzen – häufig als Folge von Erkrankungen des Bewegungsapparates.

    „Bei diesem sinnlosen Leiden ist das Nervensystem geschädigt, und dasselbe Nervensignal wird ohne Grund immer wieder geschickt und kommt verstärkt im Hirn an“, so die Expertin. Eine Erklärung für diese Verselbstständigung kommt aus der Hirnforschung: Die anhaltenden Schmerzen hinterlassen im Nervensystem sogenannte Schmerzspuren, welche die Nervenzellen immer empfindlicher machen. Neurologen bezeichnen dies auch als Schmerzgedächtnis. Das Nervensystem hat den Schmerz, den wir als Dauerschmerz empfinden, quasi gelernt. Schon geringste Reize können Schmerzen auslösen. Selbst dann, wenn keine klare Ursache für den Schmerz mehr besteht.

    Weniger fassbar ist seelischer Schmerz, der ebenfalls einen chronischen Verlauf nehmen kann. Seelisches Leiden aktiviert dieselben Hirnareale wie körperlicher Schmerz. Das Nervensystem kennt deshalb keine Trennung von Schmerzen körperlichen oder seelischen Ursprungs. Das ist einer der Gründe dafür, dass Depressionen, Stress und andere negative Gefühle Schmerzen verstärken können. Noch häufiger ist es aber umgekehrt. „Wer unter chronischen Schmerzen leidet, hat nachweislich ein höheres Risiko, an einer Depression zu erkranken“, sagt Dr. Gendolla.

    „Je länger ein chronischer Schmerz vorhanden ist, umso stärker hat er sich festgesetzt und umso länger dauert es, sich von ihm zu befreien. Darum ist es wichtig, Schmerzen bereits im akuten Stadium zu behandeln.“

    Dr. Astrid Gendolla
    Fachärztin für Neurologie, Schmerztherapie und Psychotherapie

    Welche Ursachen die Schmerzen auch haben – werden sie chronisch, entsteht eine Schmerzkrankheit. Je länger ein chronischer Schmerz vorhanden ist, umso stärker hat er sich festgesetzt und umso länger dauert es, sich von ihm zu befreien. Darum ist es wichtig, Schmerzen bereits im akuten Stadium zu behandeln. Ziel der chronischen Schmerzbehandlung ist es, die gestörte, dauerhafte Reizübertragung zu unterbrechen. Bei leichten bis mäßigen Schmerzen kommen zunächst nicht-opioide Schmerzmittel zum Einsatz. Zu ihnen zählen die meisten freiverkäuflichen Präparate. Erst wenn diese und auch verschreibungspflichtige Medikamente erfolglos bleiben, wird der Arzt eine individuelle Schmerztherapie verordnen.

    Parallel zur medikamentösen Behandlung raten Schmerzmediziner ihren Patienten zudem, sich so viel wie möglich zu bewegen. „Jeder Schritt ist auch ein Schritt aus dem Schmerz heraus“, sagt Astrid Gendolla. „Denn Krankengymnastik, aber auch moderater Ausdauersport wie Walking oder Fahrradfahren helfen, schmerzverstärkende Schonhaltungen auszugleichen. Zudem ist es besser, dem Schmerz Paroli zu bieten, als sich ihm ganz und gar auszuliefern.“

    Den Schmerz wieder verlernen

    Das Schmerzgedächtnis lässt sich wieder umprogrammieren. Dabei kann eine kognitive Verhaltenstherapie oder das Führen eines Schmerztagebuches helfen. „Auch tägliche Meditation kann mit der Zeit aus dem Teufelskreis des Schmerzes herausführen,“ sagt Astrid Gendolla. Dazu muss man den Schmerz zunächst akzeptieren. „Nur dann kann man ihn aktiv angehen“, so die Schmerztherapeutin. Wenn man sich immer wieder bewusst macht, dass man dem Schmerz nicht hilflos ausgeliefert ist, wird sich seine Wahrnehmung und Bewertung im Gehirn allmählich ändern.

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