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Vitamine

Warum wir in der Regel keine Nahrungsergänzungsmittel brauchen

Veröffentlicht am:01.04.2026

4 Minuten Lesedauer

Dr. med. Heinz-Wilhelm Esser, bekannt als Doc Esser, ist Facharzt für Innere Medizin, Pneumologie und Kardiologie und gibt Gesundheitstipps für den Alltag. Diesmal: Warum Nahrungsergänzungsmittel für gesunde Menschen überflüssig sind.

In der Mitte ist ein Foto von Doc Esser mit Schirmmütze und Stethoskop zu sehen. Links und rechts sind hellblaue Piktogramme zu sehen: links Tabletten und Kapseln, rechts ein Nahrungsergänzungsmitteldose. Der Hintergrund ist gelb mit einem großen roten Kreis.

© Manfred Jasmund / AOK

Bei Erkältungskrankheiten gibt es ja diese zwei Sorten Arztgespräche. Die einen beginnen mit: „Herr Doktor, ich habe seit drei Tagen Fieber.“ Und die anderen mit: „Ich nehme übrigens Magnesium, Zink, Vitamin D, Omega-3, Ashwagandha, Kurkuma, ein Immun-Komplexpräparat und seit neuestem irgendwas mit Mitochondrien – nur zur Sicherheit.“

Dann weiß ich: Jetzt wird’s philosophisch.

Für welche Menschen Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll sind

Um direkt einem Missverständnis vorzubeugen: Ich habe überhaupt nichts gegen Nahrungsergänzungsmittel. Im Gegenteil: Sie sind ein medizinischer Segen, beispielsweise für:

  • ältere Menschen, deren Aufnahmefähigkeit im Darm nachlässt
  • immungeschwächte Patientinnen und Patienten
  • Menschen mit Resorptionsstörungen, also wenn der Körper Nährstoffe gar nicht richtig aufnehmen kann
  • Schwangere, die Folsäure brauchen, damit sich das Nervensystem des Kindes korrekt entwickelt
  • Veganerinnen und Veganer, die ohne Vitamin B12 langfristig ernsthafte neurologische Schäden riskieren würden

Die Liste lässt sich noch weiterführen, sie ist aber auch endlich. Denn es gilt: Hier retten Supplemente Gesundheit. Punkt.

Dr. med. Heinz-Wilhelm Esser alias Doc Esser

Dr. Heinz-Wilhelm Esser ist Facharzt für Innere Medizin, Pneumologie und Kardiologie und leitet als Oberarzt die Abteilung Pneumologie am Sana-Klinikum Remscheid.

Seit 2016 moderiert er verschiedene Fernseh- und Hörfunkformate sowie Podcasts, in denen er verständlich und unterhaltsam über Gesundheitsthemen informiert und neue Therapiemöglichkeiten hinterfragt. Er ist Autor verschiedener Gesundheitsratgeber und hält regelmäßig Fachvorträge.

Wann brauchen wir keine Nahrungsergänzungsmittel?

Aber jetzt kommt der Teil, an dem ich in der Sprechstunde regelmäßig der Spielverderber bin: Als gesunde Menschen brauchen wir sie in aller Regel nicht – und zwar

Warum Supplements sogar ein gesellschaftliches Problem sind

Und genau hier beginnt das Problem – nicht medizinisch, sondern gesellschaftlich. Die Werbung erzählt uns nämlich eine andere Geschichte. Sie sagt: Die moderne Ernährung reiche nicht mehr aus.

Zu wenig Mikronährstoffe. Zu wenig Spurenelemente. Zu viel Stress. Zu wenig Zeit. Zu viel Leben. Und plötzlich fühlt sich ein Apfel an wie ein Risiko – und eine Kapsel wie Sicherheit.

Aber bedeutet das nicht, das Pferd von hinten aufzuzäumen? Wir versuchen, Ernährungsdefizite medikamentös zu lösen, anstatt Ernährung wieder zu lernen.

Wir kompensieren Lebensstil durch Laborchemie. Gesundheit wird zur Bestellung – nicht mehr zur Fähigkeit.

Echte Nährstoffe wirken besser und sind sicherer als Tabletten

Dabei zeigen Studien seit Jahren ziemlich eindeutig: Makro- und Mikronährstoffe aus echter Nahrung werden besser verwertet als solche aus der Tablettendose.

Ein Brokkoli ist eben kein Vitamin-C-Behälter. Er ist ein komplexes biologisches Gesamtsystem – Ballaststoffe, sekundäre Pflanzenstoffe, Struktur, Sättigung, Darmmikrobiom-Futter.

Die Tablette enthält den isolierten Wirkstoff. Das Essen enthält die Wirkung.

Und dann kommt noch etwas dazu, das man ungern hört: Viele Supplemente sind medizinisch eine Blackbox. „Natürlich“ heißt nicht automatisch harmlos. Auch Vitamine wirken pharmakologisch. Und pharmakologische Wirkungen haben Nebenwirkungen.

Wir sehen zum Beispiel unter hochdosierten Präparaten vermehrt Herzrhythmusstörungen, etwa Vorhofflimmern. Ganz zu schweigen von Wechselwirkungen mit echten Medikamenten – also denen, die wirklich notwendig sind.

Die Ironie ist: Manchmal behandeln wir Folgen von Präparaten, die ursprünglich Gesundheit versprochen haben. Deshalb bleibe ich bei meiner vielleicht unmodernen Haltung.

Gesundheit beginnt in der Küche

Supplemente – ja, unbedingt. Aber gezielt. Für die Menschen, die sie brauchen. Für den gesunden Menschen sind sie meist überflüssig – und gelegentlich sogar kontraproduktiv.

Gesundheit lässt sich nicht in Kapseln delegieren. Sie beginnt in der Küche. Und manchmal auch beim Spaziergang statt im Online-Shop.

So – genug geschrieben. Ich gehe jetzt kochen.

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