Präsentismus und seine Folgen

Gehen Beschäftigte trotz Krankheit zur Arbeit, nennt man das Präsentismus. Das Verhalten birgt Risiken und verursacht Kosten. Betriebliche Gesundheitsförderung sollte daher einen umfassenden Ansatz haben und nicht nur Fehlzeiten minimieren.

Präsentismus: weit verbreitet

Gesundheitliche Beschwerden halten viele Beschäftigte nicht davon ab, weiter ihrer Arbeit nachzugehen. Somit kann auch der Verzicht auf Krankmeldungen trotz gesundheitlicher Probleme zu einem Teil zu sinkenden Krankenständen beitragen. Der Fehlzeiten-Report 2018 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) hat gezeigt, dass mehr als jedes fünfte der 2.030 befragten AOK-Mitglieder entgegen dem Rat des Arztes krank zur Arbeit gegangen ist.

„Präsentismus“ ist somit weit verbreitet und sollte bei der Auswertung des Krankheitsgeschehens im Betrieb mitberücksichtigt werden: Wer die krankheitsbedingte Beeinträchtigung der Arbeit und den damit einhergehenden Produktivitätsverlust erfassen will, darf den Krankenstand nicht als alleinigen Maßstab nehmen. Krankheitsbedingte Abwesenheiten und Präsentismus sind gleichermaßen zu betrachten.

Gründe für Präsentismus

Als wesentliche Ursachen für niedrige Krankenstände gelten strukturelle Faktoren. Dazu zählt etwa die Abnahme körperlich stark belastender Tätigkeiten. Auch hat sich die Gesundheitsvorsorge in den Betrieben stark verbessert. Es stehen viele Präventionsangebote zur Verfügung, die von den Beschäftigten wahrgenommen, geschätzt und genutzt werden. Allerdings sind sich Experten weitgehend einig, dass ein niedriger beziehungsweise sinkender Krankenstand nicht zwangsläufig bedeutet, dass sich die Gesundheit der Beschäftigten verbessert hat. Ein sinkender Krankenstand kann auch mit einem steigenden Leistungsdruck im Unternehmen einhergehen und ist dann kein gutes Signal.

Folgen von Präsentismus

Gesundheitsexperten und die Forschung sind sich darin einig, dass es für die Unternehmen teuer wird, wenn Beschäftigte trotz Krankheit zur Arbeit gehen. Dieses Verhalten kann Folgen für Arbeitnehmer und Arbeitgeber haben.

  • Denn es führt zu Produktivitätsverlusten, da die betroffenen Mitarbeiter in ihrer Arbeits- und Leistungsfähigkeit eingeschränkt sind.
  • Zudem können sich erkrankungsbedingt auch die Häufigkeit von Fehlern und das Risiko von Arbeitsunfällen erhöhen.
  • Präsentismus kann eine spätere, dann unter Umständen umso längere Krankschreibung oder Chronifizierung und Langzeitarbeitsunfähigkeit mit den entsprechenden Kosten zur Folge haben.
  • Bei Infektionen wiederum kann es zu einer Ansteckung anderer Mitarbeiter kommen, die dann ihrerseits ausfallen.

Auch wenn noch weitere Forschungsarbeit geleistet werden muss: Alles deutet darauf hin, dass die Kosten für Präsentismus deutlich höher ausfallen als die Kosten für krankheitsbedingte Fehlzeiten. Zu diesem Ergebnis kommt auch ein Beitrag in der Zeitschrift ASU-Zeitschrift für medizinische Prävention. Unter dem Titel „Präsentismus – ein unterschätzter Kostenfaktor“ werden dort deutsche und europäische Studien ausgewertet.

Umgang mit Präsentismus

Viele Unternehmen in Deutschland investieren in die Gesundheit ihrer Mitarbeiter. Dieses Betriebliche Gesundheitsmanagement zahlt sich unmittelbar für sie aus: Untersuchungen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) liefern eindeutige Hinweise darauf, dass Unternehmen, die Betriebliche Gesundheitsförderung betreiben, weniger krankheitsbedingte Personalausfälle haben und deutlich weniger von Präsentismus betroffen sind als Unternehmen, die keine Präventionsmaßnahmen anbieten.

Die WIdO-Experten legen es den Arbeitgebern vor diesem Hintergrund nahe, die Ausrichtung des Betrieblichen Gesundheitsmanagements zu überdenken: Eine niedrige Arbeitsunfähigkeitsquote ist für sich betrachtet kein positives Ergebnis, da Präsentismus kein gewünschter Effekt ist.

Kulturwandel in den Unternehmen nötig

Der renommierte Bielefelder Gesundheitswissenschaftler Professor Bernhard Badura, Mitautor des jährlichen Fehlzeiten-Reports des WIdO und der BAuA-Studie, bringt es auf den Punkt: Er fordert eine Abkehr von der Kultur der Unachtsamkeit für Gesundheit. Diese Kultur sei in vielen Unternehmen anzutreffen und beinhalte insbesondere die Auffassungen, dass

  • seelische Gesundheit ein Tabu sei,
  • wer zur Arbeit erscheint, gesund sei,
  • wer fehlt, krank sei,
  • Gesundheit im Übrigen Privatsache sei und
  • das Topmanagement wenig oder gar nichts über die Gesundheit der Belegschaft wissen müsse.

Vielmehr gelte es, gemeinsam mit den Beschäftigten an betrieblichen Rahmenbedingungen zu arbeiten, um die physische und psychische Gesundheit der Beschäftigten zu stärken und ihre Arbeitsfähigkeit zu erhalten.

Stand

Erstellt am: 01.07.2019

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