#Selbstliebe am 20.04.2022

Mut zu mehr Selbstliebe: Entdecke deine individuelle Schönheit

Selbstliebe und Schönheitsideale: Eine Frau betrachtet ihre grau werdenden langen Haare im Spiegel.
Stocksy / Francesca Russell

Schönheitsideale vs. Selbstliebe: Bin ich wirklich schön? Bin ich zu dick? Bin ich unsportlich? Wir gehen der Frage auf den Grund, warum es vielen Menschen schwerfällt, sich so zu akzeptieren, wie sie sind.

Schlanker, fitter, schöner: Das Streben nach dem idealen Körper ist ein kaum zu gewinnender Wettlauf gegen die Zeit und gesellschaftliche Normen. Stets makellose Körper und perfekte Leben, die einem soziale Netzwerke vor Augen halten, kratzen am eigenen Selbstbewusstsein, führen zu ständigen Vergleichen mit anderen und prägen nachhaltig das Verständnis von Schönheit. Viele unterwerfen sich diesen vermeintlich perfekten Schönheitsidealen und vergessen dabei etwas viel Wichtigeres: Selbstliebe und Selbstakzeptanz.

Kathrin Müller, stellvertretende Leiterin des Referats Medienpädagogische Unterstützungssysteme am Landesmedienzentrum Baden-Württemberg, erklärt im Interview die Auswirkungen moderner Schönheitsideale, welche Rolle soziale Medien dabei spielen und gibt Tipps für mehr Selbstliebe.

Frau Müller, warum ist es für die Menschen so wichtig, „schön“ zu sein?

Generell sehnen wir uns alle nach Nähe und Anerkennung. Wir wollen gemocht werden von den Menschen um uns herum. Der erste Eindruck, den wir von jemand anderem bekommen, entsteht binnen weniger Sekunden. Diese kurze Zeit reicht aus, um ein erstes Bild von unserem Gegenüber zu haben. Und in der Regel basiert dieser erste Eindruck auf den Äußerlichkeiten. Wie sieht jemand aus? Welche Kleidung trägt er? Wie ist seine Körperhaltung? Daher versuchen viele Menschen durch ihr Äußeres einen gewissen Eindruck bei anderen zu machen, um akzeptiert zu werden.

Welche Rolle spielen dabei die gängigen Schönheitsideale?

Schönheitsideale bieten eine Form der Orientierung. Sie liefern gewisse Kriterien, an denen wir festmachen können, was man unter „schön sein“ versteht. Und sie geben vor, was von anderen akzeptiert wird, wenn jemand in einer bestimmten Art und Weise auftritt.

Natürlich messen und vergleichen wir uns auch gerne mit anderen. Daher orientieren sich viele Menschen an dem, was die Gesellschaft ihnen vorlebt. Wer sich hierbei jedoch Werbegesichter, Stars und Influencer zum Vorbild nimmt, gerät früher oder später an seine Grenzen. Denn nicht jeder hat die Zeit und das Geld, um wie sein Idol beispielsweise sechs Stunden täglich ins Fitnessstudio zu gehen oder sich für die vermeintliche Schönheit unters Messer zu legen. Das führt bei manchen Menschen zu Frustration, da sie die angestrebten Ideale nicht erreichen können. Ganz zu schweigen davon, dass wir uns fragen sollten, ob das Erreichen eines bestimmten Äußeren es wirklich wert ist, dass wir uns selbst einschränken, uns irgendwann selbst nicht mehr wiedererkennen oder sogar unsere Gesundheit riskieren.

Wie schafft man es dennoch, sich selbst schön zu finden?

Es hilft immer, sich klarzumachen, was man an anderen Menschen grundsätzlich mag. Dabei wird einem schnell bewusst, dass es meistens gar nicht die Äußerlichkeiten sind. Stattdessen sind es bestimmte innere Eigenschaften wie Hilfsbereitschaft, Humor oder Zuverlässigkeit, die jemanden attraktiv erscheinen lassen. Das vergessen wir im Alltag leider viel zu oft: Es ist nicht das Äußere, was uns definiert!

Um sich das klarzumachen, hilft es, mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen und sie direkt zu fragen: Was schätzt du eigentlich an mir? Was gefällt dir gut an mir? Dieser Blick von außen kann sehr aufschlussreich sein. Nicht selten mögen Freunde manche Eigenschaften an einem besonders, die man selbst kaum erwähnenswert findet.

Darüber hinaus ist es wichtig, sich zwischendurch Pausen von der visuellen Welt zu nehmen. Also bewusst auf soziale Netzwerke wie Instagram, TikTok oder YouTube zu verzichten und Beauty- und Fitness-Magazine liegenzulassen. Stattdessen sollte man die Zeit nutzen, um sich mit Menschen zu umgeben, die einen glücklich machen.

Ebenso können bestimmte Hobbys hilfreich sein. Zum Beispiel eine Sportart, in der ich etwas erreiche, worauf ich schon lang hingearbeitet habe. Solche Erfolge führen vor Augen, wozu man eigentlich in der Lage ist. So entkommt man der permanenten Körperfixierung und Dinge, die einen als Menschen wirklich ausmachen, rücken mehr in den Vordergrund.

Inwiefern haben sich Schönheitsideale durch soziale Medien verändert? Sind wir noch oberflächlicher geworden?

Grundsätzlich haben sich Schönheitsideale immer wieder gewandelt im Laufe der Jahrhunderte. Das ist nichts Ungewöhnliches. Ob unsere Gesellschaft oberflächlicher geworden ist, sei mal dahingestellt. Aber man merkt schon, dass wir durch Werbung und soziale Medien rund um die Uhr mit bestimmten Bildern konfrontiert werden – mit Botschaften, wie wir angeblich aussehen sollen und wie wir sein sollen.

Dadurch wird suggeriert, dass sich durch ein gewisses Aussehen ein bestimmter Lebensstandard erreichen lässt. So ist zum Beispiel beruflicher Erfolg und Glück in der Liebe mit optischer Attraktivität gekoppelt. Das setzt uns unter Druck.

Im Gegensatz zu früher, spielen heute auch Influencer eine große Rolle. Sie prägen mittlerweile mit, was wir als schön empfinden oder was wir haben wollen.

Fühlst du dich unwohl in deiner Haut? Hier bekommst du Hilfe

Manchmal fällt es sehr schwer, seine individuelle Schönheit zu erkennen, seinen Körper zu akzeptieren und sich auf die eigenen Stärken zu fokussieren. Dabei hat jeder einzelne von uns viel zu bieten. Man muss sich seiner inneren wie äußeren Werte jedoch bewusst sein, und sich trauen, sie anderen Menschen zu zeigen. Falls du das allein nicht schaffst, gibt es professionelle Ansprechpartner, die dir dabei helfen.

An folgende Beratungs- und Hilfsangebote kannst du dich mit deinen Problemen wenden:

Allgemeine Beratung bieten unter anderem:

Beratung und Hilfe bei Essstörungen: 

Wie wirkt sich diese visuelle Dauerkonfrontation auf die Identitätsbildung von Generationen aus, die ein Leben ohne Smartphone gar nicht kennen?

Das lässt sich im Moment noch nicht genau sagen. Wir haben aktuell keine Generation, die wirklich von klein auf mit sozialen Netzwerken und digitalen Medien groß geworden ist. Alle heutigen Erwachsenen haben zumindest noch ein paar Jahre ohne soziale Medien kennengelernt.

Wir sehen aber schon heute, dass beispielsweise Kinder die Posen von Influencern und Models nachahmen. Vor allem jüngere Mädchen posieren gerne wie ihre Idole in den sozialen Netzwerken. Ungeschönte und unverfälschte natürliche Schnappschüsse, wie man sie von früher kennt, gibt es heutzutage nicht mehr. Alles ist inszeniert. Das prägt Kinder und Jugendliche schon in jungen Jahren. Sie machen sich die ganze Zeit Gedanken darüber, wie sie auf andere wirken, sobald eine Kamera auf sie gerichtet ist.

Gibt es diesbezüglich schon wissenschaftliche Erkenntnisse?

Die Forschung hat sich in den letzten Jahren vermehrt mit diesem Thema beschäftigt. Es gab zum Beispiel diverse Studien, die untersucht haben, wie sich bestimmte Bilder in sozialen Netzwerken auf unser Selbstwertgefühl auswirken. Insbesondere bei visuellen Plattformen wie Instagram. Hierbei hat sich gezeigt, dass schon wenige Bilder ausreichen, um unser Selbstwertgefühl negativ zu beeinflussen. Eine Studie aus Großbritannien hat im letzten Jahr nachgewiesen, dass bereits fünf Bilder aus der Kategorie Fitness ausreichen, damit sich Personen unwohl fühlen mit sich selbst. Sie verspüren den Druck, ihren Körper zu trainieren oder empfinden Neid.

Ist eine körperneutrale, offene Gesellschaft im Social-Media-Zeitalter überhaupt möglich?

Gerade die Social-Media-Welt birgt ein riesiges Potenzial, um die Vielfalt unserer Gesellschaft abbilden zu können. Jede Person kann sich hier eine Plattform schaffen – unabhängig von ihrem Aussehen, ihren körperlichen Eigenschaften oder dem Charakter. Allerdings muss sich hier auch viel ändern, was jedoch nicht nur in den Händen der Nutzer liegt. Ein Umdenken in der Werbe-, Mode- und Kosmetikbranche wäre wünschenswert.

Ebenso müssen Plattformbetreiber überlegen, wie sie eigentlich funktionieren wollen. Sie finanzieren sich nach wie vor überwiegend über Werbung. Und eben diese fokussiert sich weiterhin auf die klassischen Schönheitsideale – also weiß, schlank, sportlich, ebenmäßige Haut. Solange sich das am besten verkauft und die Plattformen davon leben, werden sich andere Sachen schwer durchsetzen. 

Jeder Einzelne von uns kann aber schon jetzt im Netz Zeichen setzen für eine offene Gesellschaft. Zum Beispiel, indem Profilen gefolgt wird, die von der gängigen Norm abweichen, die inhaltlich und optisch ganz unterschiedliche Schwerpunkte haben, oder indem Inhalte veröffentlicht und geteilt werden, die Botschaften für mehr Vielfalt, Offenheit und Akzeptanz senden.

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