Stoffwechsel

Warum die Studienteilnahme von Frauen für die Gesundheitsgerechtigkeit wichtig ist

Veröffentlicht am:05.02.2026

10 Minuten Lesedauer

Männer und Frauen können unterschiedlich auf Medikamente reagieren. Die Forschung hat dies lange nicht genug berücksichtigt. Mögliche Folgen: ungewissere Wirkung und erhöhtes Risiko für Nebenwirkungen bei Frauen. Wie werden Studien inklusiver?

In einem medizinischen Labor sitzen zwei Frauen in weißen Kitteln an einem Arbeitstisch. Auf dem Tisch stehen ein Mikroskop, ein aufgeklappter Laptop und ein Monitor. Beide schauen auf den Monitor, auf dem eine der Frauen mit dem Zeigefinger auf etwas zeigt.

© iStock / DMP

Medikamentenentwicklung und die biologischen Geschlechter

Alle Menschen sind gleichberechtigt, aber physiologisch sind nicht alle Menschen gleich. Zum Beispiel bestehen Unterschiede zwischen Männern und Frauen, was die Wirkungsart und die Wirksamkeit von Medikamenten betrifft. Diese Unterschiede können genetisch, physiologisch oder hormonell beeinflusst sein.

Frauen sind durchschnittlich kleiner und leichter als Männer. Wenn Frauen die gleiche Menge eines Medikaments einnehmen wie Männer, bekommen sie oft im Verhältnis zum Körpergewicht eine höhere Dosis. Männer und Frauen unterscheiden sich auch in der Verteilung von Fett- und Muskelmasse sowie im Körperwasseranteil. Männer haben einen höheren Anteil an Gesamtkörperwasser als Frauen. Das begünstigt die Verteilung von wasserlöslichen Medikamenten. Frauen haben dagegen einen deutlich höheren Körperfettanteil und Männer eine höhere Muskelmasse. Beides kann die Speicherung von Wirkstoffen im Gewebe beeinflussen.

Die Rolle des Stoffwechsels

Bereits diese körperlichen Unterschiede verdeutlichen, dass das biologische Geschlecht eine Rolle dabei spielt, wie sich Arzneimittel im Körper verteilen, wie schnell sie wirken und wie lange sie im Körper verbleiben. Hinzu kommen unterschiedliche Stoffwechselvorgänge, die von der Funktionsweise des Magen-Darm-Trakts über die Aktivität von Leberenzymen bis hin zur Nierenleistung reichen. All dies hat Einfluss auf die Wirkung von Medikamenten, denn beispielsweise werden Wirkstoffe bei Männern in der Leber teilweise schneller abgebaut und häufig über die Nieren schneller ausgeschieden als bei Frauen. Ob dies zu erheblichen Problemen während der Behandlung mit Medikamenten führt, ist aktuell in den meisten Fällen nicht bekannt.

Der Einfluss der Hormone

Schließlich spielen die starken Unterschiede im Hormonhaushalt zwischen Männern und Frauen eine maßgebliche Rolle für die Medikamentenwirksamkeit. Zwar schwankt der Spiegel einzelner Hormone bei jedem Menschen, jedoch ist der Hormonhaushalt bei Männern tendenziell stabiler als bei Frauen. Eine schwangere Frau und eine Frau in den Wechseljahren haben einen wesentlich anderen Hormonhaushalt als nichtschwangere Frauen im gebärfähigen Alter. Aber auch hormonelle Verhütungsmittel und sogar schon die Schwankungen des Hormonspiegels im Verlauf des Menstruationszyklus könnten einen erheblichen Einfluss auf die Wirkung von Arzneimitteln haben.

Nicht jede Studie kann alle Formen von Vielfalt berücksichtigen

Unsere Gesellschaft ist vielfältiger, als es die bloße Unterscheidung zwischen weiblich und männlich widerspiegelt. Binär ermittelte Studienergebnisse sind möglicherweise für andere Bevölkerungsgruppen, etwa trans- oder intersexuelle Menschen, nicht aussagekräftig genug. Aber nicht immer können alle Gruppen in Studien einbezogen werden. Sie können für bestimmte Studiendesigns zu klein sein, um verallgemeinerbare Ergebnisse zu erzielen.

Wie werden Geschlechtsunterschiede in der Medikamentenentwicklung beachtet?

Obwohl die körperlichen Unterschiede zwischen Männern und Frauen die Aufnahme, Verteilung, Verstoffwechselung, den Abbau und damit die Wirkung von Arzneimitteln erheblich beeinflussen können, schlägt sich das häufig nicht hinreichend in der Entwicklung vieler aktueller Medikamente nieder. In der Vergangenheit basierten die meisten klinischen Studien auf Daten von Männern, wobei von ähnlichen Ergebnissen für beide Geschlechter ausgegangen wurde. Auch aktuell fehlen für eine beträchtliche Anzahl zugelassener Arzneimittel geschlechtsspezifische Daten, und nur wenige Arzneimittel werden mit einer geschlechtsspezifischen Dosierungsanleitung verschrieben.

Die Folge ist: Die in Studien ermittelten Wirkungen, Verträglichkeiten, Nebenwirkungen und Dosierungen treffen auf Frauen mitunter nicht zu. Dadurch besteht das Risiko einer ausbleibenden Wirkung und möglicherweise schwerwiegender Nebenwirkungen.

Was sind klinische Studien?

Für die geschlechtsübergreifende Wirksamkeit von Medikamenten ist es wichtig, dass sich gleich viele Frauen wie Männer an klinischen Studien beteiligen. Eine klinische Studie ist die Erprobung von Medikamenten oder Heilverfahren an Menschen. Zuvor haben Forschende die neue Behandlungsform im Labor oder in Tierversuchen getestet. Klinische Studien umfassen verschiedene Phasen. Zu Beginn werden Medikamente an gesunden Freiwilligen erprobt. Erst danach untersuchen Forschende die neue Behandlung an Erkrankten. So lassen sich grundlegende Eigenschaften wie die Wirksamkeit, Verträglichkeit und Sicherheit eines neuen Medikaments überprüfen.

Eine Frau sitzt in einem Sessel und hält in der rechten Hand einen Medikamentenblister. Sie drückt eine Tablette aus dem Blister in ihre geöffnete linke Hand.

© iStock / Jelena Stanojkovic

Damit Arzneimittel für Männer und Frauen gleichermaßen geeignet sind, müssen Frauen in der Medikamentenentwicklung ausreichend repräsentiert sein.

Berücksichtigung der Geschlechter in präklinischen Studien

Bereits präklinische Studien, also Studien, die durchgeführt werden, bevor ein Medikament oder Verfahren an Menschen getestet wird, können ein Defizit bei der Berücksichtigung des Geschlechts aufweisen. Zu diesen Studien zählen neben Labor- auch Tierversuche. Dabei kommt es vor, dass das Geschlecht der Versuchstiere gar nicht erst in das Studiendesign einfließt oder Forschende ihre Versuche überwiegend an männlichen Tieren durchführen. Dies ist ein Faktor, der die Übertragbarkeit der Ergebnisse von Tierversuchen auf alle Menschen, Männer und Frauen, einschränkt.

Wann ein eingeschränkter Fokus der Forschung sinnvoll ist

Es gibt Medikamente und medizinische Verfahren, die sich spezifisch an eine bestimmte Bevölkerungsgruppe richten. In diesen Fällen reicht es in der Regel aus, wenn die Teilnehmenden an klinischen Studien repräsentativ für die Zielgruppe des Medikaments oder des Verfahrens sind. Es kann sogar kontraproduktiv sein, wenn die Teilnehmenden die gesamte Bevölkerung repräsentieren, das Studienziel aber nur eine begrenzte Gruppe betrifft. Dieser Umstand wird durch eine EU-Verordnung von 2022 berücksichtigt. Sie besagt, dass alle Teilnehmenden einer klinischen Studie repräsentativ für die Bevölkerungsgruppe sein müssen, die das betreffende Medikament später anwenden wird. Wenn beispielsweise 60 Prozent der an der Krankheit erkrankten Personen Frauen sind, sollen auch 60 Prozent der Studienteilnehmenden weiblich sein.

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Warum nehmen weniger Frauen als Männern an klinischen Studien teil?

Historisch betrachtet hat die geringere Berücksichtigung von Frauen in klinischen Studien nicht nur mit Diskriminierung, sondern auch mit Vorsicht zu tun. Im Jahr 1977 empfahl die amerikanische Zulassungsbehörde FDA beispielsweise, Frauen im gebärfähigen Alter von frühen klinischen Studien auszuschließen. Zu dieser Entscheidung hatte unter anderem der Contergan-Skandal der späten 1950er und frühen 1960er Jahre beigetragen. Tausende Frauen, die in Europa das Schlaf- und Beruhigungsmittel während der Schwangerschaft eingenommen hatten, brachten Kinder mit erheblichen Fehlbildungen der Gliedmaßen zur Welt.

Mit dem Ausschluss von Frauen aus klinischen Studien sollte erreicht werden, dass Frauen keine Risiken für bereits bestehende oder zukünftige Schwangerschaften eingingen. Daher übertrug man die durch die Forschung mit Männern gewonnenen Erkenntnisse einfach auch auf Frauen.

Auch der im Vergleich zu Männern „schwierige“ Hormonhaushalt von Frauen wurde als Argument für ihre Nichtberücksichtigung angeführt: Schließlich sind Männer nicht im gleichen Maße von Hormonschwankungen betroffen und nehmen auch keine hormonellen Verhütungsmittel ein, die die Wirkung von Medikamenten beeinflussen können. Die Berücksichtigung hormoneller Schwankungen bei weiblichen Probandinnen macht bestimmte Tests vor der Aufnahme in die Studie erforderlich – ein Aufwand, den manche Forschende vielleicht lieber vermeiden möchten.

Doc Felix erläutert, warum Gendermedizin wichtig ist und wie geschlechtsspezifische Unterschiede in Diagnostik, Behandlung und Prävention berücksichtigt werden sollten.

Wie geschlechtergerecht ist die Medikamentenentwicklung heute?

Im Vergleich zu den 1990er Jahren hat die Beteiligung von Frauen an klinischen Studien in den USA und Europa seit Beginn des neuen Jahrtausends stetig zugenommen. Insgesamt liegt der Frauenanteil in klinischen Studien jedoch häufig noch unter 50 Prozent. Dieser Wert wäre statistisch optimal, um relevante geschlechtsspezifische Unterschiede festzustellen. Dieses Problem variiert je nach medizinischem Fachgebiet und ist bei Wirkstoffen, die das Herz-Kreislauf-System betreffen, etwas ausgeprägter.

In Deutschland schreibt das Arzneimittelgesetz seit 2004 vor, dass Frauen gemäß ihrem Anteil an der jeweiligen Krankheit in klinischen Studien zu berücksichtigen sind. Außerdem müssen mögliche geschlechtsspezifische Unterschiede in klinischen Studien in Deutschland verpflichtend untersucht werden. Ergänzend sind pharmazeutische Hersteller dazu verpflichtet, dem Gemeinsamen Bundesausschuss – einem wichtigen Gremium bei der Bewertung neuer Medikamente – eine geschlechtsbezogene Auswertung ihrer Zulassungsstudien einzureichen.

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