Psychologie
Nerven aus Stahl: Wie sich eine Busfahrerin in Gelassenheit übt
Veröffentlicht am:19.03.2026
6 Minuten Lesedauer
Busfahrerin Angela Rossberg schultert große Verantwortung – hinter dem Steuer eines Linienbusses in der Großstadt. Und als pflegende Enkelin. Wie sie mit innerer Stärke und Belastbarkeit ihren Alltag meistert – und was sie dafür lernen musste.

© Miriam Lindthaler
Was ist Resilienz – und wo zeigt sich innere Stärke im Berufsalltag?
Resilienz ist die Fähigkeit mancher Menschen, mit großer Zuversicht und Gelassenheit ihren Alltag zu meistern. Oder – wie es die Resilienzforschung beschreibt – den großen und kleinen Belastungen des Lebens standzuhalten, ohne psychisch krank zu werden. Doch woher kommt diese innere Stärke? Wir machen uns auf die Suche.
Die Frage ist nur: Wo findet sich ein solcher Mensch? Jemand, der Stress und Probleme mit innerer Ruhe bewältigt, und das jeden Tag. Eine Pilotin vielleicht? Zu abgehoben. Ein Spitzenpolitiker? Zu weit weg. Eine Busfahrerin?
Folgendes Szenario tut sich auf: ein voller Bus, gereizte Fahrgäste, der enge Fahrplan, hupende Taxis – Volltreffer! Anruf bei den Leipziger Verkehrsbetrieben: „Haben Sie eine Person in Ihrem Team, die besonders resilient ist?“ Thomas Küster, dem Personalleiter im Fahrdienst, ist sofort klar: „Natürlich, die Angela!“ Und tatsächlich, Angela Rossberg ist die Richtige.
Persönliche Ressourcen: Was innerlich stark macht
Persönlichkeit, Lebenserfahrung, Selbstwirksamkeit und die Fähigkeit, sich abzugrenzen, zählen zu den zentralen persönlichen Ressourcen in Krisen.
→ Angela Rossbergs Ressourcen: Die 40-Jährige hat gelernt, sich selbst zu vertrauen – und Grenzen zu ziehen.Lange wollte sie allen gerecht werden, heute sagt sie auch mal Nein. Ihr Pragmatismus, ihre ruhige Art und die Fähigkeit, selbst in stressigen Situationen gelassen zu bleiben, helfen der Busfahrerin, nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten.
Stressiger Job: Wie bewahrt sich Angela Rossberg ihre Gelassenheit?

© Miriam Lindthaler
Thomas Küster kennt Angela Rossberg schon seit 13 Jahren. Sie kam damals als Quereinsteigerin ins Team. „Ursprünglich habe ich eine kaufmännische Ausbildung gemacht – obwohl ich schon als kleines Kind zu meiner Oma sagte, dass ich Busfahrerin werden wollte“, erinnert sich die 40-Jährige. Heute ist ihr Traumberuf ihr Job.
Sobald sie am Steuer sitze, schwärmt sie, sei sie in ihrem Element. Berufsverkehr, Stau, eine lärmende Schulklasse an Bord – all das mache ihr nichts aus. „Ich blühe in solchen Momenten richtig auf. Meine Kolleginnen und Kollegen halten mich deshalb für ein bisschen bekloppt“, erzählt die Sächsin und lacht. „Aber mir gefällt das – und schließlich weiß ich am Ende des Tages, was ich geschafft habe.“
Soziale Ressourcen: der Wert von Beziehungen
Verlässliche Menschen im Umfeld sind ein Schlüssel zur psychischen Widerstandskraft. Wer sich unterstützt fühlt, trägt Krisen nicht allein.
→ Angela Rossbergs Ressourcen: Die Leipzigerin ist stark eingebunden: Ihr Mann bremst sie, wenn sie sich übernimmt. Kollegen und Kolleginnen schätzen ihre Hilfsbereitschaft – und sie weiß, wen sie anrufen kann, wenn es brennt. Auch bei der Pflege ihrer Oma steht sie nicht allein da: Familie, Pflegedienst, der Freundeskreis – alle helfen mit. Rossberg bringt Menschen zusammen, privat wie beruflich. Und genau dieses Netz trägt sie.
Was stellt die Gelassenheit der Busfahrerin auf die Probe?
Das Einzige, was sie stressen würde, seien vereinzelt laute Fahrgäste. „Wenn jemand direkt hinter mir über den Handy-Lautsprecher telefoniert, lenkt mich das ab, und das ist natürlich gefährlich.“ Ihr Rezept für solche Momente? „Nicht aus der Ruhe bringen lassen und die Person direkt ansprechen.“ Das macht sie dann an der nächsten Haltestelle.
Was tun, wenn alles schiefgeht?
Dieses „starke Auftreten“, wie ihr Vorgesetzter Thomas Küster es nennt, half ihr auch durch den bislang herausforderndsten Tag als Busfahrerin. „Das war in einem Sommer, kurz nach meinem Quereinstieg“, erinnert sich Angela Rossberg. „Ich fuhr meine gewohnte Route – und stand plötzlich vor einer Baustelle.“ Kein Handy, kein Navi. Also sprach sie die Fahrgäste an. „Und einer kannte sich in der Gegend super aus. Er war sehr nett und hat mich dann gelotst.“
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Auf der Weiterfahrt gab es neue Probleme. Auf einmal meldete sich die Leitstelle über das Funkgerät: „Angela, du verlierst Öl!“ Als dann auch noch das Ersatzfahrzeug liegen blieb, drohte die Stimmung im Bus zu kippen. Da kam Angela Rossberg der rettende Einfall: „Ums Eck war diese super Eisdiele. Dorthin habe ich alle Fahrgäste geschickt.“ So warteten sie gemeinsam, gelassen und Eis schleckend, auf das nächste Ersatzmobil.
Woher stammen Angelas Gelassenheit und innere Stärke?
Im Gespräch mit ihr spürt man diese Superkraft der Gelassenheit schnell. Und merkt, dass sie eine Frohnatur voller Tatendrang ist. „Ich bin ein bisschen wie der Duracell-Hase aus der Werbung“, scherzt die Busfahrerin. Woher das kommt? „Na, sicher von meiner Omi“, lautet ihre Antwort. „Die war auch immer so.“
Als Kind und Jugendliche verbrachte sie viel Zeit bei ihren Großeltern. Die Ehe der beiden war liebevoll, die Atmosphäre warm und herzlich. Besonders die Omi stand ihr sehr nah. „Sie hat die Familie zusammengehalten. Das war ihr sehr wichtig. So wie mir heute.“ Umso schlimmer war es, als ihre Großmutter vor drei Jahren einen Schlaganfall erlitt. Die alte Dame war eine Treppe heruntergestürzt und lag mehrere Wochen auf der Intensivstation.
Als die Enkelin die Nachricht erhielt, versuchte sie, weiter zu funktionieren. „Ich konnte die Leute auf der Arbeit ja nicht im Stich lassen.“ Doch als sie im Bus saß, brach sie in Tränen aus. Sie erinnert sich gut, wie viel Beistand und Verständnis sie vom Team bekam. Rasch wurde der Schichtplan umorganisiert, und Angela Rossberg konnte sich einige Wochen freinehmen. Es gab vieles zu regeln: Arzttermine, die Nachsorge, die Wohnsituation, der Alltag – für all das brauchte die Oma nun die Hilfe der Enkelin.
Strukturelle Ressourcen: zusätzliche Unterstützung
Arbeitsbedingungen, Gesundheitsangebote und der Zugang zu professioneller Unterstützung spielen eine tragende Rolle bei der Bewältigung von Belastungen.
→ Angela Rossbergs Ressourcen: Bei den Leipziger Verkehrsbetrieben hat die Fahrzeugführerin einen sicheren Arbeitsplatz – und einen Teamleiter, der hinschaut. Schulungen zu Deeskalation und Stressbewältigung sowie psychosoziale Beratungsstellen unterstützen die Mitarbeitenden.
Auch privat erhält Rossberg professionelle Hilfe. Zweimal die Woche geht ihre Oma in eine Tagespflege-Einrichtung und wird dort versorgt.
Wie lernt man, Nein zu sagen?
Wenn Thomas Küster über seine Kollegin spricht, betont er, wie gut sie die Doppelbelastung in ihrem Berufs- und Privatleben meistert. Aber auch, dass sie dazu neigt, sich für andere zu überlasten. „Stimmt“, gibt Angela Rossberg zu. „Auch mal Nein zu sagen, das musste ich wirklich lernen.“
Ihr bisher schwerstes Nein musste sie gegenüber ihrer Großmutter äußern. Nach dem Schlaganfall bemühte sich Angela Rossberg um einen Platz bei einer Tagespflege, in der Senioren und Seniorinnen tagsüber versorgt werden. Doch die Oma wollte das nicht.
Von da an fühlte sich die Enkeltochter hin- und hergerissen. Zwischen dem schlechten Gewissen, ihre Großmutter im Stich zu lassen, und dem Frust, kaum Zeit für sich selbst zu haben. „Irgendwann habe ich gesagt: Oma, jetzt ist Schluss. Ich schaffe das nicht, rund um die Uhr für dich da zu sein.“
Das war eine wichtige Erfahrung für Angela Rossberg: Sie lernte, wie gut es tun kann, für die eigenen Bedürfnisse einzustehen. Und dass auch sie, die vor Tatendrang strotzt, Grenzen hat. Seitdem achtet sie mehr auf sich selbst – fährt etwa jeden Tag mit dem Rad von der Arbeit nach Hause, um schon auf dem Weg vom Stress des Tages runterzukommen. In ihrer Wohnung erwarten sie dann zwei Katzen – und ein Partner, der ihr „Gegenpol“ ist. Weil er ein ruhiger, bodenständiger Mensch sei und „weil er mir deutlich sagt, wenn ich einfach mal die Beine hochlegen soll“.
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