Psychologie
Haben Menschen mit Hochsensibilität auch eine innere Widerstandskraft?
Veröffentlicht am:22.01.2026
4 Minuten Lesedauer
Ein Alltag im Großraumbüro, laute Feiern oder hektische Tage: Viele Situationen bedeuten für hochsensible Menschen puren Stress und führen schnell zu dem Vorurteil, sie seien besonders verletzlich. Dabei birgt Hochsensibilität besondere Stärken.

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Was ist Hochsensibilität genau?
Hochsensible Menschen gelten oft als besonders verletzlich. Sie nehmen Reize intensiver wahr und reagieren stärker auf Stress als andere. Aber bedeutet das automatisch, dass sie weniger innere Widerstandskraft, also Resilienz haben? Univ.-Prof. Dr. Philipp Yorck Herzberg erforscht Hochsensibilität – und räumt mit einigen Missverständnissen auf.
Hochsensibilität ist ein Temperamentsmerkmal, das zum Teil genetisch bedingt ist und keine Charakterschwäche. Hochsensible Menschen nehmen äußere und innere Reize wie Geräusche, Gerüche, Stimmungen, aber auch eigene Gedanken intensiver wahr und verarbeiten sie tiefer. Durch diese verstärkte Reizverarbeitung neigen sie zur Überstimulation, sie werden schneller überfordert. „Die Personen sind nicht empfindlich, sondern haben sozusagen ein feiner eingestelltes Nervensystem“, erklärt Professor Herzberg. Viele Betroffene berichten, dass sie die Hochsensibilität als belastend empfinden, aber auch als eine Stärke oder inneren Reichtum, den sie nicht missen möchten.
Univ.-Prof. Dr. Philipp Yorck Herzberg

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Univ.-Prof. Dr. Philipp Yorck Herzberg ist Lehrstuhlinhaber der Professur für Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik an der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg. Zudem forscht er schwerpunktmäßig zu diesen Themengebieten.
Welche Symptome haben Menschen, die hochsensibel sind?
Überreizung und Überforderung entstehen bei hochsensiblen Personen vor allem, wenn zu viele Eindrücke gleichzeitig auf sie einwirken. Typische Situationen dafür sind Großraumbüros mit Telefonklingeln und Gesprächen im Hintergrund, laute Feiern, Supermärkte oder lange Tage mit vielen sozialen Kontakten. Abends fühlen sich Betroffene dann häufig dünnhäutig, erschöpft, reagieren schneller gereizt und haben das Bedürfnis, sich zurückziehen. Wer allerdings aus der schnelleren Überreizung von hochsensiblen Menschen schließt, dass sie nicht resilient sind, irrt sich. „Hochsensible sind nicht per se weniger resilient“, betont der Experte . Vielmehr kann man Hochsensible in zwei Subtypen unterteilen: die vulnerable und die resiliente Sensitivitätsgruppe. Die vulnerable Gruppe reagiert besonders stark auf Überforderung und Stress. Diese Menschen sind oft ängstlicher, machen sich mehr Sorgen und ziehen sich lieber zurück. Sie bevorzugen meist ruhige Umgebungen und kleinere soziale Kreise. Die resiliente Gruppe dagegen zeigt ein anderes Muster: Diese hochsensiblen Menschen gelten als offener, energiegeladener und optimistischer. Sie nehmen zwar ebenfalls viele Reize intensiv wahr, haben aber häufig schon früh gelernt, anders damit umzugehen oder sich ein passendes Umfeld zu schaffen.
Online-Fragebogen zur Selbsteinschätzung von Hochsensibilität
Wer vermutet, dass er oder sie hochsensibel sein könnte, kann durch diesen Online-Fragebogen eine erste Klarheit bekommen. Er ist mehrsprachig, wissenschaftlich fundiert und wurde von der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg in Kooperation mit der Universität Leiden entwickelt.

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Wie zeigt sich Hochsensibilität bei Erwachsenen?
Personen mit Hochsensibilität sind stärker von den Reizen ihrer Umwelt abhängig als andere Menschen. In belastenden, unstrukturierten Umfeldern geraten sie daher schneller an ihre Grenzen. „In wertschätzenden, gut strukturierten Umgebungen können sie dagegen überdurchschnittlich leistungsfähig, kreativ und ausdauernd sein“, erklärt Professor Herzberg. Im Erwachsenenalter können sich Betroffene diese passenden Rahmenbedingungen selbst schaffen: etwa durch ausreichend Ruhephasen, wertschätzende Freunde und Vorgesetzte oder Mitarbeitende, die Hochsensibilität nicht als fehlende Belastbarkeit missverstehen, und einen passenden Job.
Privat wie beruflich haben Hochsensible häufig ein gutes Gespür für Details, Ästhetik, Farben, Veränderungen und Wortmelodien sowie feine Antennen für Menschen. Entsprechend findet man sie oft in kreativen oder künstlerischen Bereichen. Weniger geeignet sind dagegen dauerhaft hektische und laute Arbeitsumfelder wie ein Callcenter. Auch in Berufen, in denen Empathie und das Erfassen feiner Nuancen wichtig sind, etwa in Helferberufen, Pädagogik, Therapie, Gestaltung oder Forschung, können sie ihre Wahrnehmung gezielt einsetzen. „Im richtigen Umfeld können Hochsensible sehr resilient sein“, betont der Forscher. Bei Kindern sind die Bezugspersonen, insbesondere die Eltern, dafür verantwortlich, solche förderlichen Umgebungen zu gestalten – anstatt Anforderungen an sie zu stellen, ohne die besonderen Bedürfnisse der Kinder zu berücksichtigen.
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Wie können hochsensible Menschen ihre Resilienz trainieren?
Wie jeder und jede andere können hochsensible Personen ihre Resilienz fördern und ausbauen. Dabei helfen beispielsweise spezielle Resilienztrainings, in denen sie lernen, wo die eigene Stärken liegen und frühzeitig wahrzunehmen, wann belastende Reize oder Überforderung einsetzen. Teilweise können hierfür auch mehrtägige Kurse im Rahmen von Bildungsurlaub genutzt werden. Auf der Handlungsebene sollten Hochsensible folgende gesundheitsförderliche Verhaltensweisen berücksichtigen:
- regelmäßig Sport treiben
- sich ausgewogen ernähren
- die eigenen Grenzen kommunizieren
„Es ist wichtig, Grenzen zu setzen, bevor die Überreizung eintritt. Nicht erst, wenn die eigene Kapazität erschöpft und man am Ende ist“, betont Professor Herzberg. Besser ist es, früh, freundlich, aber klar und bestimmt zu vermitteln: „Ich brauche jetzt eine kurze Pause, komme danach aber gern wieder dazu.“ Hilfreich sind zudem Morgenrituale: einen Körper- und Stimmungscheck machen, das eigene Energielevel wahrnehmen und die Tagesplanung inklusive Mikropausen danach ausrichten. Abends können Reflexionsrituale einen Überblick verschaffen: Was hat mir Kraft gegeben, was hat Kraft entzogen? So können Hochsensible Reizüberflutung früher erkennen und gezielter steuern sowie ihre Resilienz stärken.
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