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Gesundheitsmagazin

Herz & Kreislauf

Gründe für die Notaufnahme: wie Sie einen Notfall erkennen

Veröffentlicht am:01.04.2022

5 Minuten Lesedauer

Ein echter Notfall oder nicht? Wann der Weg in die Notaufnahme wirklich notwendig ist und wann Sie sich besser bei einem niedergelassenen Arzt oder dem ärztlichen Bereitschaftsdienst vorstellen, erklärt der Leiter einer Notaufnahme im Interview.

In einer Notaufnahme schiebt ein Arzt einen Rollstuhl durch den Gang.

© iStock / upixa

Porträt von Dr. med. Mark Frank, Leiter der Notaufnahme des Städtischen Klinikums Dresden

© Städtisches Klinikum Dresden

Dr. med. Mark Frank ist Leiter der Notaufnahmen des Städtischen Klinikums Dresden. Im Interview erklärt er, welche Symptome auf einen echten Notfall hindeuten, wie Patienten in der Notaufnahme nach Dringlichkeit eingestuft werden und welche Patienten die Notaufnahme belasten.

Herr Dr. Frank, wann muss ich in die Notaufnahme?

Es gibt Symptome, die an einen lebensbedrohlichen Notfall denken lassen und es notwendig machen, sofort die Notaufnahme aufzusuchen. Das sind unter anderem:

  • Atemnot: Dahinter können zahlreiche ernsthafte Erkrankungen stecken. Zum Beispiel ein Herzinfarkt, eine Lungenembolie, allergische Reaktionen, eine Herzschwäche oder eine Lungenentzündung.
  • Schmerzen in der Brust oder im Rücken zwischen den Schulterblättern: Bei diesen Symptomen kann ein Herzinfarkt vorliegen.
  • Starke Bauchschmerzen: Bei Oberbauchschmerzen kann es sich ebenfalls um einen Herzinfarkt handeln. Möglich sind bei starken Bauchschmerzen auch akute Erkrankungen von Organen im Bauchraum sowie Entzündungen der Bauchspeicheldrüse, Gallensteine oder eine Blinddarmentzündung.
  • Bewusstlosigkeit/Ohnmacht bei anderen: Hinter einer Veränderung der Bewusstseinslage können zahlreiche ernsthafte Erkrankungen stecken. Etwa ein Schlaganfall, Herz-Kreislauf-Stillstand, ein Krampfanfall, eine Vergiftung oder Schädelverletzung.
  • Sprachstörungen und einseitige Lähmungen: Bei „verwaschener“ Sprache und/oder einseitiger Lähmung der Gesichtsmuskulatur beziehungsweise Kraftlosigkeit einer Extremität (Arm und/oder Bein) liegt mit großer Wahrscheinlichkeit ein Schlaganfall (Apoplex) vor.

Welche Symptome deuten bei Kindern auf einen Notfall hin?

Um echte Notfälle handelt es sich zum Beispiel, wenn Infekte mit hohem Fieber auftreten, Bewusstseinsstörungen oder -veränderungen vorliegen, das Kind Krampfanfälle erleidet oder etwas verschluckt hat. Allgemein gilt: Kinder besser immer vorstellen, als es zu lassen. Bereits beim Anruf über die 112 kann am Telefon eingeschätzt werden, ob es sich um einen Notfall handelt. Wir haben beispielsweise auch häufig Kinder in der Notaufnahme, die vom Wickeltisch gefallen sind oder die nach einem Sturz eine Beule haben. In den meisten Fällen ist nichts passiert, aber bei einem kleinen Prozentsatz ist es dann eben doch ein Notfall. Deswegen ist eine Abklärung sinnvoll.

Kommen häufig Menschen mit harmlosen Symptomen in die Notaufnahme?

Ja, zahlreiche Patienten kommen mit harmlosen Krankheitsbildern in die Notaufnahme. Bei den meisten liegt dann tatsächlich kein Notfall vor. Bei einigen scheinbar harmlosen Symptomen steckt jedoch etwas Ernsthaftes dahinter. Die Schwierigkeit ist, dass man erst hinterher beurteilen kann, ob der Weg zum niedergelassenen Arzt oder in die Bereitschaftspraxis sinnvoller gewesen wäre. Für den Patienten ist es nicht banal, diese Entscheidung zu treffen. Auch wir haben erst nach einer Untersuchung und Diagnostik ein vollständiges, sichtbares Bild vom Patienten. Wir tragen letztlich die Verantwortung, sollten wir eine Fehleinschätzung treffen.

Nehmen wir an, jemand kommt mit einem Zeckenbiss. Hier könnte man meinen, ein Besuch beim niedergelassenen Arzt sei ausreichend. Aber eventuell hat sich schon ein roter Hof um den Biss gebildet, der auf eine Borreliose hinweisen kann. In diesem Fall ist es sinnvoll, neurologische Störungen auszuschließen. Auch andere scheinbar harmlose Symptome können sich als ernsthaft herausstellen. So können Rückenschmerzen beispielsweise auf einen Herzinfarkt hinweisen. 

Allerdings haben wir auch Patienten, die in die Notaufnahme kommen, um sich ein Rezept abzuholen, weil sie vergessen haben, sich rechtzeitig um die Pille beim Frauenarzt zu kümmern. Oder Patienten, die Zeit sparen wollen, weil sie nicht erst zum Hausarzt oder Bereitschaftsarzt und dann mit einer Überweisung zum Facharzt wollen. Auch die Erkenntnis, dass beim Bereitschaftsdienst weniger Behandlungsmöglichkeiten bestehen, weil nicht wie im Krankenhaus alle Fachkompetenzen wie beispielsweise ein HNO-Arzt, Chirurg und Internist in einem Haus versammelt sind, bringt Patienten dazu, direkt in die Notaufnahme zu fahren.

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Belasten solche Patienten die Notaufnahme?

Diese Patienten belasten das Personal und die räumlichen Ressourcen der Notaufnahme. Hier hat der Patient eine Eigenverantwortung. Er sollte sich deswegen bei kleineren Problemen an einen niedergelassenen Arzt oder außerhalb der regulären Sprechzeiten an den Bereitschaftsdienst unter der kostenlosen Rufnummer 116 117 wenden. Bei Notfällen mit Beschwerden wie oben beschrieben, Verletzungen oder wenn Zweifel bestehen, sollte nicht gezögert werden, die Notrufnummer 112 zu wählen.

Wenn in der Notaufnahme ausgeschlossen werden kann, dass es sich um einen Notfall handelt, verweisen wir Patienten auch weiter. Der administrative Aufwand ist für uns allerdings groß, weil ja dennoch eine Befragung stattfinden muss.

Patienten im Wartebereich der Notaufnahme

© iStock / Morsa Images

Damit die Versorgung der Patienten nach Dringlichkeit stattfinden kann, wird bei ihrer Ankunft eine medizinische Einschätzung vorgenommen. Anschließend werden ihnen unterschiedliche Farben zugeteilt, die Auskunft über die Dringlichkeit der medizinischen Hilfe geben.

Gefährdet die Vielzahl von Patienten die Versorgung echter Notfälle?

Diese harmlosen Fälle gefährden die Versorgung von Notfallpatienten nicht. Wir behandeln Patienten nicht nach der Reihenfolge, in der sie in der Notaufnahme erscheinen, sondern nach Dringlichkeit. Patienten werden bei uns zunächst administrativ mit ihrer Gesundheitskarte erfasst, dann wird eine medizinische Ersteinschätzung vorgenommen. Je nach Situation erfolgt die administrative Erfassung auch später, sollte eine unmittelbare medizinische Versorgung notwendig erscheinen.

Nach medizinischer Ersteinschätzung werden Patienten nach der Dringlichkeit in Rot, Orange, Gelb, Grün und Blau eingeteilt:

  • Rot: Dieser Patient muss sofort behandelt werden. Das sind beispielsweise Schwerverletzte nach einem Unfall, Menschen, die nach einem Sturz bewusstlos sind, oder solche mit Herzinfarkt oder Schlaganfall.
  • Orange: Wer als orange eingeordnet wird, muss innerhalb von zehn Minuten behandelt werden. Das betrifft zum Beispiel Patienten mit Bauchschmerzen oder einer allergischen Reaktion.
  • Gelb: Diese Patienten gilt es innerhalb von 30 Minuten zu versorgen. Sie haben beispielsweise starke Schmerzen, die aber nicht lebensbedrohlich sind. Ihr Kreislauf ist stabil und die Spontanatmung ausreichend. Trotzdem sollten die Schmerzen schnellstmöglich gelindert werden.
  • Grün: Patienten dieser Kategorie haben sich zum Beispiel den Fuß umgeknickt. Ihre Schmerzen sind erträglich. Hier sollte innerhalb von zwei Stunden eine Behandlung erfolgen.
  • Blau: Hier werden Fälle eingeordnet, die keinen medizinischen Notfall darstellen. Das sind beispielsweise Patienten mit Erkältungssymptomen. Oder Patienten, die bereits seit längerer Zeit leichte Beschwerden wie etwa Schmerzen in den Gelenken haben oder ein Rezept brauchen, es aber nicht mehr geschafft haben, es beim Hausarzt zu besorgen. 

Wurde der Patient untersucht, wird entschieden, ob er ambulant behandelt werden kann oder stationär aufgenommen wird. Es gibt zahlreiche Beschwerden, bei denen sich trotz Untersuchung zunächst kein eindeutiges Bild ergibt. Besteht eine Unsicherheit, lassen wir Patienten eine Nacht bei uns. So haben wir eine längere Kontaktzeit, können weitere Untersuchungen machen und die Situation am nächsten Tag besser einschätzen.

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