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Sind Frauen für die Verhütung verantwortlich?

Verhütung ist Frauensache: Mann hält Hormonspirale in der Hand.

© iStock / Cavan flocu

Lesezeit: 5 MinutenAktualisiert: 27.05.2021

Ob Pille, Hormonspirale oder Vaginalring, die Verhütung liegt meist in der Hand der Frau. Ist das so, weil für Männer nur das Kondom oder im härtesten Fall eine Vasektomie in Frage kommen? Spielt auch die Macht der Gewohnheit eine Rolle oder liegt es schlichtweg daran, dass Frauen die körperlichen Konsequenzen einer Schwangerschaft tragen? Lesen Sie die Antworten von der ProFamilia-Ärztin Helga Schwarz.

Inhalte im Überblick

    Helga Schwarz ist Ärztin bei der Münchner Beratungsstelle von ProFamilia (Deutsche Gesellschaft für Familienplanung, Sexualpädagogik und Sexualberatung e.V.). Sie berät Frauen und Männer, die sich über Verhütungsmethoden informieren wollen oder andere Fragen rund um die Themen Sexualität und Partnerschaft haben.

    Frau Schwarz, welche Verhütungsmethoden gibt es für Frauen und Männer?

    Die gängigsten Verhütungsmethoden bei sexuell aktiven Frauen und Männern sind die Pille und das Kondom. Während Männern nur das Kondom zu Verfügung steht, haben Frauen die Möglichkeit, mit einer Vielzahl an hormonellen (zum Beispiel Pille, Vaginalring, Hormonspirale) oder nicht hormonellen Methoden (zum Beispiel Kondom, Kupferspirale, Diaphragma) mit unterschiedlichem Pearl-Index zu verhüten. Der Pearl-Index ist das Beurteilungsmaß für die Sicherheit einer Verhütungsmethode.

    Für die hormonelle Verhütung sind die gynäkologischen Praxen zuständig. In die ProFamilia-Beratung kommen jedoch oft Frauen, die unglücklich sind, weil sie in der Praxis nur in einer Richtung beraten werden. Sie leiden unter Nebenwirkungen der Pille, haben zum Beispiel Stimmungsschwankungen, Kopfschmerzen oder keine Lust auf Sex. Viele der Frauen haben schon mehrere unterschiedliche Pillen ausprobiert, aber bei allen sind Nebenwirkungen aufgetreten. Es gibt eben Frauen, die mit der hormonellen Verhütung nicht zurechtkommen. Sie benötigen einen anderen Weg.

    Außerdem verzichten heute viele Frauen bewusst auf die Hormone, oder?

    Ja, es ist zum Trend geworden, dass die Pille als Verhütungsmittel hinterfragt wird. Es gibt zu diesem Thema immer wieder Schwankungen, die von der Gesellschaft abhängig sind. Ende der 60er-Jahre war die Pille die Selbstbefreiung der Frau!

    Die Frauen waren so glücklich über das Medikament, dass die Nebenwirkungen wohl weniger hinterfragt wurden. Außerdem hat die Pille ja auch positive Nebenwirkungen, etwa, dass die Menstruation nicht so stark ist und weniger Schmerzen auftreten. Ursprünglich wurde die Pille ja von der Pharmaindustrie erfunden, um eben diese Beschwerden zu reduzieren.

    Als die Frauenbewegung erstarkte, hinterfragten die Frauen wieder die tägliche Einnahme eines Medikaments. In den 80er-Jahren wurde die Pille schließlich zum Lifestyle-Produkt: Nicht der Beginn der Periode, sondern die Pilleneinnahme wurde zum Initiationsritus. Und auch heute nimmt noch ein sehr hoher Prozentsatz der Frauen die Pille.

    Vermutlich weibliche Hände halten einen Blinder mit rosafarbenen Pillen.

    © iStock / AntonioGuillem

    Ist Verhütung also immer noch Frauensache?

    Das würde ich so nicht sagen. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) macht alle sieben Jahre eine repräsentative Umfrage über das Verhütungsverhalten.

    2018 hat sich gezeigt, dass die junge Altersgruppe von 16 bis 29 Jahren im Vergleich zur letzten Umfrage im Jahr 2011 deutlich seltener die Pille einnimmt. Die Pillennutzung ist bei jungen Menschen um 16 Prozent gesunken (von 72 auf 56 Prozent), dafür kommt das Kondom um 9 Prozent häufiger zum Einsatz.

    Unter den erwachsenen, sexuell aktiven Frauen und Männern verhüten 47 Prozent mit der Pille, 46 Prozent nutzen das Kondom. Hier liegen die Verhütungsmittel also etwa gleich auf.

    Männer übernehmen heute öfter die Verantwortung, indem sie das Kondom deutlich mehr benutzen. Auch sie wollen nicht ungewollt Vater werden. Dass die Verhütung immer noch oft von Frauen geregelt wird, liegt weniger an der Macht der Gewohnheit, als daran, dass Männern einfach keine Alternativen angeboten werden. Alle Verhütungsmittel für Männer befinden sich noch in einem experimentellen Stadium.

    Wieso gibt es außer dem Kondom immer noch kein Verhütungsmittel für den Mann?

    Es wird nicht genügend Geld in die Forschung investiert. Es gab nur eine ernstzunehmende Studie, die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und einer Non-Profit-Organisation (NGO) finanziert wurde.

    Bei dieser Studie ging es um eine Hormonspritze für den Mann. Sie kam bis in Phase III, die sogenannte therapeutische Bestätigung, in der die Pharmazeutika auf Wirksamkeit und Sicherheit getestet werden. Die Sicherheit der Methode lag mit 96 Prozent sehr hoch. Sie wurde dann aber wegen der auftretenden Nebenwirkungen abgebrochen. Die Männer litten unter Symptomen, die denen der Pille sehr ähnlich waren: Stimmungsschwankungen, Depressionen und der Veränderung der Libido. Die Ansprüche an ein Medikament sind heute aber deutlich höher.

    Ist im Sinne der Gleichberechtigung das Kondom die Lösung?

    Das Kondom ist definitiv eine gleichberechtige Lösung, da auch der Mann Verantwortung übernimmt, indem er es benutzt. Außerdem ist es das einzige Verhütungsmittel, das einen Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten bietet. Auch die Sicherheit, nicht ungewollt schwanger zu werden, ist beim Kondom sehr hoch.

    Allerdings müssen sich Männer unbedingt darüber informieren, welche Kondomgröße sie benötigen und wie sie das Kondom richtig anwenden. Etwa, dass sie es beim Herausziehen festhalten müssen, damit es nicht steckenbleibt oder platzt. Die Informationen über die richtige Anwendung sind natürlich Voraussetzung, um damit sicher zu verhüten und nicht jeder Mann ist erfahren im Umgang mit Kondomen.

    Wie beraten Sie Frauen, die sich unsicher sind, wie sie verhüten sollten?

    Zunächst finde ich heraus, wie viele Ängste die Frau davor hat, ungewollt schwanger zu werden. Außerdem befasse ich mich damit, wie ernsthaft sie sich mit dem Thema auseinandersetzt. Hat sie etwa die Bereitschaft, ihre Temperatur täglich zu messen und ihren Zervixschleim zu beobachten? Die natürliche Familienplanung als Verhütung anzuwenden, ist kein Hexenwerk. Auch für junge Frauen ist das eine gute Option, wenn sie motiviert sind.

    Die Verhütungsmethode hängt also immer von individuellen Präferenzen ab. Frauen mit Essstörungen oder Magen-Darm-Erkrankungen empfehle ich beispielsweise einen Verhütungsring. Dieser wird immer für drei Wochen eingesetzt. Auch für Frauen, die die Pille oft vergessen, ist er eine Option.

    Verschreiben Sie auch die Pillen der 3. Generation?

    Nein, diese Pillen sind ein Lifestyle-Medikament. Sie werden damit beworben für schöne Haare und Haut zu sorgen, außerdem damit, dass sie nicht zu einer Gewichtszunahme führen. Dafür haben die Pillen der 3. Generation ein erhöhtes Thromboserisiko! Wenn Frauen die Pille einnehmen wollen, ist die Pille der 2. Generation diejenige mit dem geringsten Risiko und damit die beste Wahl.

    Haben Sie noch einen Rat an Frauen, die die Pille absetzen wollen, um natürlich zu verhüten?

    Ich habe in letzter Zeit vermehrt ungewollte Schwangerschaften erlebt, weil Frauen die Pille absetzen und danach auf eine Prognose-App vertrauen. Diese Zyklus-Apps sind aber eben reine Prognose-Apps, die die Menstruation abfragen. Es ist praktisch, dass sie einen Kalender ersetzen, als Verhütungsmittel sind sie aber nicht geeignet. Trotzdem zeigen sie an, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, schwanger zu werden. Das ist irreführend und kann schnell in einer ungewollten Schwangerschaft enden.

    Wer natürlich ohne Hormone verhüten will, kann die symptothermale Methode („Natürliche Familienplanung“) anwenden. Dafür messen Frauen täglich ihre Temperatur und beobachten ihren Zervixschleim. Damit die Verhütungsmethode verlässlich ist, müssen Frauen sie etwa drei bis vier Zyklen erlernen. Dabei kann ein Buch unterstützen, empfehlenswert ist: „Natürlich und sicher – Das Praxisbuch: Familienplanung mit Sensiplan“ (Trias Verlag). Außerdem gibt es Verhütungs-Apps, die auf der symptothermalen Methode beruhen und begleitend genutzt werden können. Aber erst dann, wenn die Frau einige Monate alle körperlichen Vorgänge selbst durchdrungen und verstanden hat und sich händisch Notizen gemacht hat.

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