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AOK – Die Gesundheitskasse

Hilfe, mein Kind hat aus Versehen Pillen geschluckt…

 Ein kleines Kind greift in ein großes Fläschchen voller weißer Tabletten.
Lesezeit: 5 MinutenAktualisiert: 12.08.2020

Für Eltern ein Albtraum: Unser Kind hat womöglich etwas Giftiges gegessen – Pillen, Beeren oder Pilze. Was tun? Wir fragen Prof. Florian Eyer. Er erklärt, worauf es im Notfall ankommt, wie Eltern am besten reagieren können, und wie die Notrufexperten helfen

Inhalte im Überblick

    Die Mutter greift im Halbschlaf nach der Salbe. Weil ihre Tochter zahnt, reibt sie das wunde Zahnfleisch der Kleinen regelmäßig mit einem schmerzstillenden Gel ein. Auch nachts. Verschlafen schraubt sie den Tubendeckel ab. Erst beim Cremen fällt ihr auf, dass die Salbe anders riecht als sonst – und ist schlagartig hellwach. Als sie das Licht einschaltet, merkt die entsetzte Mutter, dass sie die falsche Tube erwischt hat: Engelwurzsalbe, ein Erkältungsbalsam! Ist das nicht giftig? Sofort wählt sie die Nummer des Giftnotrufs. Und ist damit einer von fast 40 000 besorgten Anrufern pro Jahr. „Bei etwa der Hälfte geht es dabei um Vergiftungen von Kindern unter 14 Jahren“, erklärt Prof. Florian Eyer, Klinischer Toxikologe und Leiter des Giftnotrufs an der Technischen Universität München. 

    Herr Prof. Eyer, wo lauern denn im Haushalt die größten Gefahren für Kinder?

    Am gefährlichsten sind tatsächlich Medikamente, die Erwachsene unabsichtlich irgendwo herumliegen lassen. Herzwirksame Präparate sind für Kinder besonders kritisch. Also: Beta-Blocker, Calciumantagonisten oder Digitalis-Präparate. Das Kind kann – entsprechend der Wirkung des Medikaments – einen niedrigen Blutdruck und eine niedrige Herzfrequenz bekommen. Das kann dann im schlimmsten Fall auch kritisch niedrig werden …

    Und was macht man, wenn ein Kind ein Herzmedikament verschluckt hat?

    Wenn es dem Kind wirklich schlecht geht, zuerst den Notruf 112 wählen – und danach beim Giftnotruf anrufen! Glücklicherweise sind die Einnahmemengen aber meist gering, weil Kinder naturgemäß keine Dinge mögen, die bitter schmecken. Und da gilt dann der alte Spruch von Paracelsus: „Die Dosis macht das Gift!“

    Was ist mit anderen Medikamenten wie beispielsweise der Engelwurzsalbe?

    Das ist in der Regel ungefährlich. Wenn ein Kind aber zum Beispiel Omas Schilddrüsenhormone oder die Antibabypille der Mutter in größeren Mengen verschluckt hat, rate ich – nach Anruf beim Giftnotruf – zur Einnahme von Aktivkohle, um das Gift zu binden. Je früher, desto besser! Außerdem können die Kinder zur „Verdünnung“ des Medikaments ein Glas Wasser trinken. Bekommt das Kind allerdings Kopf- oder Bauchschmerzen oder wird es extrem schläfrig, sollte es unmittelbar einem Arzt vorgestellt werden!

    Sind Wasser und Aktivkohle die perfekten Erste-Hilfe-Maßnahmen?

    Aktivkohle sollte man immer zu Hause haben! Dennoch sollte man sie erst nach Rücksprache mit uns einnehmen. Dasselbe gilt für Wasser. Bei Waschmitteln zum Beispiel könnte das Wasser die Schaumbildung noch verstärken. Da wäre es dann eher ratsam, ein Butterbrot zu essen und ein Entschäumungsmittel (aus der Apotheke) zu geben, um die Bläschen aufzulösen und dadurch die Atemwege freizuhalten.

    Sind Waschmittel nicht giftig?

    Die meisten Waschmittel sind relativ ungefährlich, weil die Mittel heute nicht mehr so aggressiv sind wie früher. Nur mit den sogenannten „Liquid Caps“ kommt es häufiger zu leichteren bis mittelschweren Vergiftungen. Diese Waschmittelkapseln sehen für Kinder aus wie Bonbons. Das Waschmittel darin ist besonders stark konzentriert. Deshalb sollte man die Kapseln unbedingt außerhalb der Reichweite kleiner Kinder aufbewahren – oder auf den Kauf verzichten.

    Gerade habe ich von einem Fall gelesen, in dem sich ein Kind mit einem Nikotinkaugummi vergiftet hat. Wie häufig passiert so etwas?

    Wir erleben das hier gelegentlich mit Liquids für E-Zigaretten, die Nikotin in flüssiger Form enthalten – und zwar in sehr hoher Konzentration. Das kann durchaus gefährlich werden! Deshalb sollte man die Kinder in der Klinik überwachen lassen, weil Nikotin Krämpfe oder Atemstörungen verursachen kann. Bei Zigarettenkippen ist die aufgenommene Menge meist zu gering. Bis zu etwa einer halben Zigarette entscheiden wir oft, dass die häusliche Beobachtung der Kinder ausreicht.

    Welche Tipps geben Sie Eltern, um gefährliche Vergiftungen zu vermeiden?

    Viele Eltern unterschätzen, wie findig schon kleinste Kinder darin sind, komplizierte Sicherheitsverschlüsse zu öffnen. Bitte aufpassen! Außerdem haben wir in der vergangenen Saison gehäuft Fälle erlebt, in denen teilweise hochgiftige Pilze im eigenen Blumentopf gewachsen sind, weil die Sporen offenbar in die Blumenerde gelangt waren. Da reicht es dann nicht, uns ein Bild des Pilzes zu schicken. In solchen Fällen bitte anrufen! Überhaupt raten wir dazu, beim Verdacht einer Vergiftung immer zuerst den Giftnotruf zu wählen und nicht eigenmächtig zu handeln. Leider hält sich noch immer der Irrglaube, dass Milch bei Vergiftungen hilft. Das stimmt nicht! Im Gegenteil: Das Fett in der Milch kann die Giftaufnahme sogar verstärken…

    Wie giftig sind diese Stoffe?

    Wenn man sich mal genau umschaut, sind wir eigentlich permanent von giftigen Dingen umgeben. Gerade für kleine Kinder können einige richtig gefährlich werden.

    Bitte aufpassen

    Selbst die Kleinsten sind oft unerwartet geschickt darin, Sicherheitsverschlüsse zu öffnen. Deshalb bei Verdacht immer den Giftnotruf wählen.

    Giftnotruf-Zentralen (Giftnotruf)
    → Berlin: Giftnotruf der Charité für die Region Berlin-Branden-burg giftnotruf.charite.de 030 19 24 0
    → Bonn: Informationszentrale gegen Vergiftungen Nordrhein-Westfalen, Giftzentrale Bonn Zentrum für Kinderheilkunde, Universitätsklinikum Bonn gizbonn.de 0228 19 24 0
    → Erfurt: Gemeinsames Giftinformationszentrum (GGIZ Erfurt) der Länder Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen in Erfurt ggiz-erfurt.de 0361 73 07 30
    → Freiburg: Vergiftungs- Informations-Zentrale Freiburg, (VIZ)Universitätsklinikum Freiburg uniklinik-freiburg.de/giftberatung 0761 19 24 0
    → Göttingen: Giftinformations-zentrum-Nord der Länder Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein (GIZ-Nord) giz-nord.de 0551 19 24 0
    → Homburg/Saar: Informations- und Behandlungszentrum für Vergiftungen, Universitätsklinikum des Saarlandes und Medizinische Fakultät der Universität des Saarlandes uniklinikum-saarland.de/giftzentrale 06841 19 24 0
    → Mainz: Giftinformationszent-rum (GIZ) der Länder Rheinland-Pfalz und Hessen, Klinische Toxikologie, Universitätsmedizin Mainz giftinfo.uni-mainz.de 06131 19 24 0
    → München: Giftnotruf, Abteilung für Klinische Toxikologie Klinikum rechts der Isar, Technische Universität München toxinfo.med.tum.de 089 19 24

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