Kinder
Geschwister beeinflussen unsere Persönlichkeit weniger als gedacht
Veröffentlicht am:08.04.2026
6 Minuten Lesedauer
Macht es einen Unterschied, ob man mit einer Schwester oder mit einem Bruder aufwächst? Neue Erkenntnisse zeigen, dass Geschwister die eigene Persönlichkeitsentwicklung kaum prägen. Wie sich Geschwister tatsächlich auf uns auswirken.

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Geschwister und Persönlichkeitsentwicklung: Was sagt die Wissenschaft?
Psychologinnen und Psychologen erforschen seit Jahrzehnten die Frage, ob und wie Geschwister die eigene Persönlichkeit beeinflussen. Lange kursierten dazu widersprüchliche Ergebnisse und Vorurteile. Neuere Studien zeigen jedoch, dass Geschwister einen geringeren Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung haben als angenommen.
Persönlichkeitsentwicklung beschreibt die Entfaltung emotionaler Reaktionen, des Lebensstils, des persönlichen Rollenverhaltens, von Werten und Zielen. Auch charakterliche Eigenschaften und zwischenmenschliche Beziehungen im Laufe des Lebens machen die Persönlichkeitsentwicklung aus.
Im Kontext Geschwisterbeziehungen stehen dabei zwei Fragen im Mittelpunkt:
- Beeinflusst das Geschlecht der Geschwister die Persönlichkeitsentwicklung?
- Beeinflusst die Geschwisterfolge die Persönlichkeitsentwicklung?
Beeinflusst das Geschlecht der Geschwister die Persönlichkeitsentwicklung?
Die Geschwisterpsychologie untersucht, ob das Aufwachsen mit einer Schwester oder mit einem Bruder einen Unterschied in der Persönlichkeitsentwicklung macht. Dazu gibt es zwei gegensätzliche Theorien.
Lernen wir von unseren Geschwistern oder wollen wir nur anders sein?
- Die Theorie des sozialen Lernens geht davon aus, dass Geschwister voneinander lernen und sich anpassen. Demnach fördert eine Schwester Eigenschaften, die in der Gesellschaft als typisch weiblich gelten, ein Bruder hingegen männliche.
- Die Theorie der Geschwisterdifferenzierung besagt, dass sich Geschwister bewusst voneinander abgrenzen, um sich zu unterscheiden. Demnach würde eine Schwester „weibliche“ Eigenschaften reduzieren und ein Bruder „männliche".
Welche Erkenntnisse zu Geschwistern liefert die aktuelle Forschung?
Eine Studie der Universität Leipzig widerlegt beide Theorien. Die Forschenden werteten Daten von 85.887 Personen aus repräsentativen Umfragen in neun Ländern aus. 55.203 Personen hatten ein jüngeres Geschwisterkind, 50.909 ein älteres Geschwisterkind und 20.225 beides. Dabei wurden die Persönlichkeitsmerkmale Risikotoleranz, Vertrauen, Geduld, Kontrollüberzeugung und die Big Five (Extraversion, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, emotionale Stabilität und Offenheit) untersucht.
Das Ergebnis: Die Forschenden fanden keine kausalen Zusammenhänge zwischen dem Geschlecht des nächstjüngeren oder nächstälteren Geschwisterkindes und der Persönlichkeitsentwicklung. Dies deutet darauf hin, dass das Geschlecht von Geschwistern keinen systematischen Einfluss auf die Persönlichkeit hat. Die Ergebnisse sind über die verschiedenen Länder hinweg konsistent.
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Beeinflusst die Geschwisterfolge die Persönlichkeitsentwicklung?
Neuere Studien zeigen: Auch die Geschwisterfolge – also ob man beispielsweise Erstgeborener, Sandwichkind, Nesthäkchen oder Einzelkind ist – hat keinen oder nur einen sehr geringen Einfluss auf die Persönlichkeit. Die Forschung betrachtet die Geschwisterfolge mehr als indirekten Faktor, der weniger Gewicht hat als beispielsweise die elterliche Disziplin, die Interaktion zwischen den Geschwistern sowie die genetische und hormonelle Veranlagung.
Zur Geschwisterfolge bestehen weit verbreitete Ansichten und Vorurteile. So gelten Erstgeborene zum Beispiel als vernünftig und verantwortungsbewusst, Sandwichkinder als schüchtern, Nesthäkchen als unselbstständig und Einzelkinder als egoistisch. Diese Annahmen hat die Forschung inzwischen widerlegt.
Wie wirken sich Geschwister tatsächlich auf die Persönlichkeit aus?
Geschwister gehören zu den dauerhaftesten und längsten Beziehungen im Leben eines Menschen. Während Eltern sterben und Freundschaften sowie Partnerschaften enden, bleiben die Geschwisterbeziehungen meist ein Leben lang erhalten – sowohl rechtlich als auch emotional.
Welche Strategien nutzen Geschwister für die eigene Persönlichkeitsentwicklung?
Obwohl Geschwister die eigene Persönlichkeit weniger prägen als lange Zeit angenommen, dienen sie einander als wichtige Ressource. Dies gilt insbesondere in schwierigen Familienkonstellationen, etwa wenn die Eltern als Bindungspersonen ausfallen.
Um ihre eigene Identität zu finden, suchen Geschwister sich eine persönliche Nische. Im Wettstreit um familiäre Ressourcen wie die Aufmerksamkeit der Eltern verfolgen sie zwei Hauptstrategien: Entweder imitieren sie das Verhalten ihrer Geschwister oder sie grenzen sich bewusst ab und entwickeln gegensätzliche Eigenschaften, um eine unbesetzte Rolle in der Familie einzunehmen.

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Wie beeinflusst die lebenslange Geschwisterbeziehung unsere soziale Kompetenz?
Geschwisterbeziehungen zeichnen sich oft durch eine besondere Nähe und Zuneigung aus. Doch genau diese unauflösbare Verbindung birgt Konflikte, die bis zu Ablehnung oder Hass reichen können.
Diese Verbindung ist daher ein wichtiges Trainingsfeld, in dem Kinder lernen, Kompromisse zu schließen und Empathie zu entwickeln. Diese Erfahrungen befähigen sie, soziale Kompetenzen auszubauen und später Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen.
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