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Mein Kind hat sich geoutet – wie kann ich es unterstützen?

Eine Mutter umarmt ihre jugendliche Tochter auf einem Sofa verständnisvoll. Beide lächeln.

© iStock / fizkes

Lesezeit: 7 Minuten04.04.2022

Dass die eigene Tochter lesbisch oder der Sohn schwul ist, lässt Eltern wohl kaum mehr verzweifeln – verunsichert dürften aber selbst die aufgeschlossensten Eltern auch heute noch sein. Ein Gespräch mit einer betroffenen Mutter gibt wertvolle Tipps.

Inhalte im Überblick

    Mein Sohn hat sich geoutet – meine Tochter ist lesbisch: Was nun?

    Im kulturellen Leben oder in der Politik sind homosexuelle Menschen in Deutschland schon lange offen präsent und gesellschaftlich akzeptiert. Auch in unserem persönlichen Umfeld ist Homosexualität oft etwas ganz Alltägliches – viele von uns haben lesbische oder schwule Verwandte, Bekannte, Kollegen oder Freunde. Bei den eigenen Kindern kann es mit dieser Lockerheit aber urplötzlich vorbei sein. Denn die Erkenntnis: „Mein Kind ist homosexuell“ und das Coming-out des eigenen Kindes betreffen ja nicht nur dessen Leben, sondern oft das der ganzen Familie.

    Auch Eltern, die sich als tolerant und weltoffen einschätzen, können nach dem Outing des Kindes verunsichert sein und sich fragen, was das für ihr Kind bedeutet. Das dürfen sie auch – wichtig ist, seinem Kind ungebrochene Liebe und Unterstützung zu zeigen. Schließlich hat sich Ihr Kind ja nicht verändert, nur weil es einen gleichgeschlechtlichen Partner liebt.

    Jemand, der sich damit auskennt, ist Claudia aus Dortmund. Ihr Sohn hat sich als Jugendlicher geoutet und sie selbst wirkt seit Jahren in einer Selbsthilfegruppe für Eltern homosexueller Kinder aktiv mit. Deshalb kann sie nicht nur von ihren eigenen Erfahrungen berichten, sondern weiß auch um die Erlebnisse und Gefühle anderer Eltern, bei deren Kindern sich die sexuelle Orientierung in der Pubertät offenbart hat.

    Outing gegenüber den Eltern: ein Vertrauensbeweis

    Wenn Jugendliche mit ihren Eltern über ihre sexuelle Orientierung sprechen, ist das allein schon ein enormer Vertrauensbeweis. So hat es auch Claudia erfahren. „Das Coming-out gegenüber den Eltern ist wie ein Geschenk. So viele Ängste und Gedanken damit auch verbunden sind, ist doch bei den Eltern meist eine große Dankbarkeit zu spüren, dass sie als Gesprächspartner hinzugezogen worden sind und die Kinder sich öffnen.“

    Ab welchem Alter sich Jugendliche ihrer sexuellen Orientierung bewusst werden, ist ihrer Erfahrung nach unterschiedlich. „Mein eigener Sohn war schon 18 Jahre alt, aber bei den anderen Eltern aus der Gruppe fand das Outing in der Regel zwischen 16 und 17 statt.“

    „Das Coming-out gegenüber den Eltern ist wie ein Geschenk.“

    Claudia
    Mutter eines schwulen Sohnes

    Eltern: nicht immer die erste Adresse

    Manche Jugendliche wenden sich zuerst an ihren engsten Freundeskreis, bevor sie sich in der Familie öffnen. Bei Claudia war es anders: „In unserem Fall war ich als Mutter die erste Adresse und es war dann herzzerreißend, wie mein Sohn in den Tagen darauf es seinen Freuden mitteilte. Bei den Mädchen war das überhaupt kein Thema. Aber er hatte auch drei, vier Jungen als Freunde – da ist ihm das Coming-out nicht leichtgefallen. Insbesondere bei seinem besten Freund war es schwer.“

    Wenn andere Menschen noch vor den Eltern von der Homosexualität ihres Kindes erfahren, kann das die Eltern traurig machen. Das darf man nicht persönlich nehmen. Manche Kinder spüren eine diffuse Angst, mit ihrem Bekenntnis zur Homosexualität auf Ablehnung zu stoßen.

    Verständnis für Homosexualität offenbaren

    Manche Eltern entwickeln eine Ahnung von der sexuellen Orientierung ihres Kindes, noch bevor es sich outet. Von solchen Fällen berichtet Claudia. Die ihr bekannten Eltern haben ihre Kinder allerdings nicht direkt darauf angesprochen. „Es haben alle gewartet, bis das Kind sich selbst outet.“ Wenn Sie selbst vermuten, dass Ihr Kind homosexuell ist, können Sie ihm die Angst vor Zurückweisung nach dem Coming-out nehmen, indem Sie Ihre eigene Aufgeschlossenheit gegenüber Lesben und Schwulen demonstrieren. Sie können beispielsweise homosexuelle Bekannte oder Prominente zum Gesprächsthema machen und dabei erkennen lassen, dass Homosexualität für Sie kein Problem darstellt.

    Nach dem Outing: Wie kann ich mein Kind unterstützen?

    Wenn das eigene Kind einem schließlich sagt: „Ich bin lesbisch“ oder: „Ich bin schwul“, kann das neben der Dankbarkeit für das Vertrauen auch widersprüchliche Gefühle auslösen. Wie war es bei Claudia? „Ich selbst war relativ entspannt.“

    Aber Eltern beschäftigt oft noch etwas anderes: „Mein Mann und ich hatten viele Ängste: Ob das Kind irgendwelchen Anfeindungen ausgesetzt sein wird, ob es glücklich weiter durchs Leben geht. Ich hatte kein Problem damit, dass mein Kind homosexuell ist, wohl aber die Sorge: Was kommt auf meinen Sohn zu?“ Viele Eltern treiben Bedenken um, dass ihr Kind wegen seiner sexuellen Neigung Probleme im Leben haben könnte.

    Im Zweifel externe Hilfsangebote nutzen

    Aber was, wenn der Jugendliche selbst wegen seiner neu entdeckten oder endlich bewusst gewordenen sexuellen Orientierung verunsichert ist? „Um sein Kind zu unterstützen, ist es wichtig, es zu akzeptieren, wie es ist. Vor allem ist Zuhören wichtig.

    Wenn man trotz aller Akzeptanz keinen Zugang findet oder das Gefühl hat, es reicht nicht aus, dass ich dem Kind ganz offen zur Seite stehe: Dann glaube ich, dass es das A und O ist, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, weil die elterlichen Sorgen vielleicht nicht die richtigen Schritte zulassen. Man selbst kann ja nur signalisieren: Es ist alles gut!“ Zumindest in den Großstädten gibt es neben digitalen Angeboten auch Ansprechpartner vor Ort und bei akuten Problemen hilft vielleicht die Nummer gegen Kummer. „Man muss ja nicht gleich eine Therapie machen.“ Regelmäßige Treffs bei Vereinen, die sich der sexuellen Diversität verpflichtet fühlen, der dort mögliche Austausch mit anderen homosexuellen Jugendlichen oder die Beratung durch Sozialarbeiter können sehr hilfreich sein. Sie vermitteln: „Ich bin nicht allein mit meinen Sorgen.“

    Sich outen – richtige Entscheidung in jeder Situation?

    Die gesellschaftliche Akzeptanz von Homosexualität mag in Deutschland relativ hoch sein. Aber sie bewahrt die Jugendlichen nicht davor, ständig neu über ein Outing nachdenken zu müssen. Claudia kennt das von ihrem eigenen Sohn, der mittlerweile ein Erwachsener ist: „Der Jugendliche kommt im Laufe des Lebens ständig in neue Situationen, in denen er sich immer wieder fragen muss: Sage ich es oder sage ich es nicht? Oft gibt es ja überhaupt keinen Anlass dazu, sich zu outen. Aber wenn man zum Beispiel in gesellschaftlichen Diskussionen Stellung beziehen will, kann das mit einem Outing verbunden sein – immer wieder neu.“

    „Der Jugendliche kommt im Laufe des Lebens ständig in neue Situationen, in denen er sich immer wieder fragen muss: Sage ich es oder sage ich es nicht?“

    Claudia
    Mutter eines schwulen Sohnes

    Das Coming-out ist eine Entscheidung, die auch im Familienkreis ansteht – und eine Entscheidung, die Sie Ihrem Kind selbst überlassen sollten. Claudia berichtet: „Unser Sohn hat sich im Familienkreis nur denjenigen gegenüber geoutet, bei denen er wusste, dass die Beziehung stabil ist und dass sie kein Problem damit haben würden. Seine Großeltern beispielsweise haben es nie erfahren. Kinder unterscheiden sehr wohl, egal wie offen sie allgemein damit umgehen, wem konkret sie damit konfrontieren wollen – oder ob sie im Einzelfall sagen: Das ist es mir gar nicht wert.“ Eine differenzierte Herangehensweise daran, wem man sich öffnet, kann also durchaus angemessen sein und beiden Seiten Probleme ersparen. Letztlich muss sich auch niemand outen, das ist eine ganz persönliche Entscheidung.

    Eine Frau, die an einem Treffen für Eltern homosexueller Kinder teilnimmt, wendet sich der Kamera zu.
    In Elterngruppen können betroffene Eltern ihre Sorgen und Gefühle teilen.

    © iStock / Halfpoint

    Wie kann ich mir als Elternteil selbst helfen?

    Claudia kennt mittlerweile ältere Eltern, die schon vor längerer Zeit mit dem Outing ihrer Kinder umgehen mussten. Bei ihnen wurde gelegentlich noch die Frage der eigenen elterlichen Verantwortung für die Homosexualität der Kinder gestellt. Eine solche Frage ist weder angemessen, noch weiterführend. „Heute ist ja allgemein bekannt, dass weder genetische Aspekte noch eine zu enge Bindung an das Kind oder eine behütende Erziehung irgendeine Rolle spielen.“ Früher war das anders und solche belastenden Gedanken kamen bei manchen Eltern auf – gut, wenn man dann in einer Gruppe war, in der sich das thematisieren ließ. Schwerwiegende emotionale Probleme der Eltern oder gar Schuldgefühle haben aber abgenommen – wohl auch eine Folge des gesellschaftlichen Wandels.

    „Elterntreffs sind vor allem ein Ort, um offen zu sprechen und seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Eltern können ihre Gefühle, ihre Ängste, ihre Sorgen loswerden. Oft ist da der Elterntreff die erste Gelegenheit, um das zu tun, und dann kommt der Punkt, an dem sie die sexuelle Orientierung akzeptiert haben und ihre Kinder tatkräftig unterstützen“, weiß Claudia nach vielen Runden mit betroffenen Eltern. „Es geht also weniger um konkrete Konsequenzen wie: ‚Werde ich jetzt noch Oma?‘, sondern darum, dass jemand zuhört, der aus eigener Erfahrung Verständnis für einen hat. Allerdings ist es natürlich auch so: Die Eltern, die in eine solche Gruppe kommen, haben von vornherein die Bereitschaft, sich zu öffnen, und wollen mit Homosexualität offen umgehen.“

    „Elterntreffs sind vor allem ein Ort, um offen zu sprechen und seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen.“

    Claudia
    Mutter eines schwulen Sohnes

    Wo finde ich Hilfsangebote?

    Das Bündnis der Eltern, Freunde und Angehörigen von Homosexuellen (BEFAH) hat sich als bundesweite Organisation leider aufgelöst, aber es gibt noch vereinzelte Ortsgruppen. In zahlreichen Städten existieren weitere Vereine und Selbsthilfegruppen. Ein zentrales Verzeichnis liegt allerdings nicht vor. Eine erste Orientierung ist über das Regenbogenportal des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend möglich. Vielversprechend ist auch eine Anfrage bei den jeweiligen Landesverbänden des Lesben- und Schwulenverbands (LSVD).

    Auch für die Jugendlichen selbst gibt es Unterstützungsangebote. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat unter dem Banner der Liebesleben-Initiative einen Online-Beratungsfinder eingerichtet, der zwar nicht alle Anbieter abdeckt, aber dennoch viele Stellen anführt. Die Suche im Liebesleben-Beratungsfinder kann mit dem Regenbogenportal ergänzt werden.

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