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Transgender-Erfahrungsbericht: „Ich habe es schon als Kind gemerkt!“

Ein Transgender-Paar blickt in die Kamera.

© iStock / FG Trade

Lesezeit: 9 Minuten14.04.2022

Sich dem eigenen Geschlecht nicht zugehörig fühlen: Woran merken das Kinder, Jugendliche oder Erwachsene? Zwei Trans-Personen teilen in ihrem Erfahrungsbericht ihre Erlebnisse und machen Transmenschen Mut.

Inhalte im Überblick

    Hallo Kim, hallo Flynn, möchtet ihr euch kurz vorstellen?

    Kim: Ich heiße Kim und bin 20 Jahre alt. Bei meiner Geburt teilten mir Mediziner*innen weibliche Geschlechtsmerkmale zu. Ich selbst identifiziere mich als non binary, genderfluid. Das bedeutet, ich fühle mich an manchen Tagen weiblich und an anderen männlich. Manchmal fühle ich mich auch neutral/geschlechtsunspezifisch – ich bin also nicht auf ein Geschlecht festgelegt.

    Flynn: Ich heiße Flynn und bin 18 Jahre alt. Auch mir teilten die Mediziner*innen aufgrund körperlicher Merkmale das weibliche Geschlecht bei meiner Geburt zu. Ich identifiziere mich als trans*-maskulin, also als männlich.

    Wann habt ihr gemerkt, dass ihr euch mit dem Geschlecht unwohl fühlt?

    Kim: Das merkte ich sehr früh, etwa mit sechs oder sieben Jahren. Schon damals wünschte ich mir, dass mich andere mit einem Jungsnamen, mit John, ansprechen. Rückblickend ist das eigentlich Quatsch, denn der Name, den meine Eltern mir gaben, ist glücklicherweise geschlechtsunspezifisch – früher war mir das aber nicht bewusst. Außerdem spielte ich schon immer lieber mit Jungs und dem Spielzeug meiner Brüder. Damals lehnte ich mich gegen alles auf. Ich rebellierte beispielsweise, indem ich partout keine Kleider anzog oder lange Haare ablehnte. Mit dieser Art von Trotz reagierte ich darauf, dass mich die Außenwelt in die Mädchen-Schublade steckte.

    Flynn: Ich prägte schon als kleines Kind, mit sechs oder sieben Jahren, den Satz: Ich bin mehr Junge als Mädchen. Die Idee, ein Junge zu sein, fand ich damals einfach praktisch. Bei mir war es ähnlich wie bei Kim, auch ich spielte lieber mit Lego als mit Barbie. Zu formellen Events trug ich tatsächlich Kleider, das war kein Problem für mich, meistens verdreckten sie aber beim wilden Spiel auf dem Feld. Apropos spielen – auch ich spielte lieber mit Jungs. In der fünften Klasse gestaltete sich das aber nicht mehr so einfach. Wir waren jetzt alle älter und die Jungs fanden es komisch, mit einem Mädchen abzuhängen. Das war damals sehr unangenehm für mich.

    Wusstet ihr direkt etwas mit Begriffen wie „Transgender“ anzufangen?

    Kim: Mit etwa 15 Jahren beschäftigte ich mich intensiv mit mir und mit dem, wie ich mich fühlte. Zu dem Zeitpunkt dachte ich mir, ich möchte zwar kein Mädchen, aber eigentlich auch kein Junge sein. Ich hatte das Gefühl, dass das alles nicht zu mir passt – das löste eine große Unsicherheit in mir aus. Mit dem Begriff „Transgender“ konnte ich damals noch nichts anfangen, allerdings beschäftigten sich einige Menschen in meiner Umgebung mit dem Thema. Durch sie und durch Vorbilder beispielsweise auf Instagram setzte ich mich Stück für Stück mehr mit meiner Transidentität auseinander.

    Flynn: Meine Eltern sind vergleichsweise offen. Zwar redeten wir nie darüber, aber es war irgendwie klar: Es gibt auch bisexuelle oder homosexuelle Menschen und Trans-Personen. Viel anfangen konnte ich mit dem Begriff „Transgender“ trotzdem nicht. Ich kannte auch niemanden, der eine Transidentität lebt. Als ich 16 Jahre alt war, kam die Corona-Pandemie. Nun hatte ich viel Zeit, mich mit der Frage zu beschäftigen, warum ich mich in meinem Körper unwohl fühlte. Mir kam der Gedanke, dass das nicht an Schönheitsidealen liegt, sondern daran, dass das nicht mein Körper ist. Ich begann mich im Internet zu informieren, klickte durch YouTube-Videos und fühlte mich sofort verstanden. Nach einem Jahr kam ich dann zu dem Ergebnis, dass ich trans*-maskulin bin. Ich fühle mich männlich, aber präsentiere mich an manchen Tagen auch etwas femininer, was vollkommen in Ordnung für mich ist.

    „Mir kam der Gedanke, dass das nicht an Schönheitsidealen liegt, sondern daran, dass das nicht mein Körper ist.“

    Flynn
    entdeckte mit 16 Jahren seine Transidentität

    Wie hat euer Umfeld auf euer Transgender-Outing reagiert?

    Kim: Bis jetzt wissen meine Eltern nichts von meiner Transidentität. Ich müsste ihnen die Welt wohl völlig neu erklären, denn für sie gibt es nur Männer und Frauen. Diesen Schritt habe ich bis heute nicht gewagt. Da ich einen geschlechtsneutralen Namen trage und kein Testosteron einnehmen möchte, muss ich mich nicht outen – ich bin halt so, wie ich bin. Trotzdem öffnete ich mich einigen Menschen in meinem Umfeld. Auf mein Outing reagierten eigentlich alle Personen durchweg gut, nur eine Freundin weigerte sich, mich mit anderen Personalpronomen (dey/denen) anzusprechen. Das schockierte mich damals sehr, weil sie selbst in der Szene unterwegs ist.

    Flynn: Sehr toll war für mich das Outing bei den Pfadfindern. Durch die Corona-Lage konnten wir uns nur im Video-Chat treffen. Vorher suchte ich mir drei maskuline Namen mit einer Freundin aus, die mir gut gefielen. Ich fragte meine Gruppe, natürlich nur rein hypothetisch, welcher Name am besten zu mir passt. Am Ende des Treffens fragte ich dann, ob sie mich so nennen würden. Alle waren unglaublich herzlich zu mir und meine Gruppenleiterin fragte mich auch ob wir meine Personalpronomen zu er/ihn ändern sollen  Das gab mir Selbstvertrauen und so weihte ich am nächsten Tag auch meine Freundesgruppe in der Schule ein. Ich vertraute mich anfangs nur meiner Direktorin an, kurz vor dem  Ende des Schuljahres dann auch meinem Theaterlehrer.. Zusammen beschlossen wir, dass ich mich nach  der Schulaufführung eines Theaterstückes outen würde. Mit dem Mikro in der Hand teilte ich allen Besucher*innen mit, dass ich mich nun als Junge identifiziere und einen neuen Namen trage. Alle klatschten – das war wirklich ein tolles Gefühl. Meine Direktorin setzte sich dann für mich ein, auf jeder Klausur durfte ich meinen neuen Namen schreiben, obwohl ich ihn noch nicht offiziell geändert hatte. Auch alle Lehrkräfte wurden bei einem Treffen informiert und einige haben mich danach beglückwünscht und alle haben ihr Bestes gegeben, meinen neuen Namen und Pronomen zu benutzten. Es lief also überall gut, außer bei meinen Eltern. Meine Mutter weigerte sich zunächst, mich mit Flynn anzusprechen, das hat sich glücklicherweise geändert. Mit meinem Vater habe ich inzwischen kaum bis keinen Kontakt mehr – er akzeptiert mich jetzt zwar aber wir verstehen uns immer noch nicht sonderlich gut.

    Habt ihr Beratungsstellen oder Informationsangebote wahrgenommen?

    Kim: Ich selbst suchte keine Beratungsstellen auf. Ehrlich gesagt wusste ich bis gerade nicht, dass es so etwas überhaupt gibt. Ich kenne nur den Weg über Psycholog*innen, bei denen Trans-Personen mehr über sich selbst erfahren können und mit ihnen verschiedene Angebote wie die Testosteroneinnahme oder geschlechtsangleichende Operationen besprechen. Für mich kommt das aber derzeit nicht infrage, deshalb informierte ich mich nie in diese Richtung.

    Flynn: Bei uns in der Nähe, in Tübingen, gibt es eine Aktion namens „KaffeeTrans*“. Da schrieb ich damals gemeinsam mit der vertrauten Freundin eine E-Mail hin, um Kontakt aufzunehmen. Später besuchte ich auch die Treffen. Die Trans-Personen sitzen dort zusammen, unterhalten sich und essen ein Stück Kuchen – die Transidentität ist also nicht ständiges Thema. Trotzdem erhielt ich hier wertvolle Anlaufstellen, für den Fall, dass ich Hormone einnehmen möchte oder mir eine geschlechtsangleichende Operation wünsche. Letzten Monat besuchte ich tatsächlich eine Beratungssprechstunde – dort können Trans-Personen eine Diagnose und ein Indikationsschreiben, beispielsweise für Medikamente erhalten. Ich erfuhr erst kürzlich, dass ich bald Testosteron einnehmen kann, genau das ist mein Ziel. Außerdem denke ich darüber nach, eine Mastektomie zu machen, mir also das Brustgewebe entfernen zu lassen.

    Welche Herausforderungen gab es damals und gibt es heute noch?

    Kim: Mein Zweitname ist eine Herausforderung für mich. Da mein Name Kim geschlechtsunspezifisch ist, mussten mir meine Eltern noch einen eindeutig weiblichen zuordnen. Wahrscheinlich lasse ich den Zweitnamen irgendwann aus meinen Personalien löschen, aber noch ist das aufgrund der Gesetzeslage sehr schwierig. Deshalb verschweige ich ihn einfach. Wenn ich aber zum Beispiel in Arztpraxen bin, finden mich die Mitarbeiter*innen häufig nicht im System. Dann muss ich den Zweitnamen doch nennen – das ist mir unangenehm.

    Flynn: Menschen in meinem Umfeld lesen mich als weiblich, ich aber fühle mich männlich – das ist die größte Herausforderung für mich im Alltag. Deshalb habe ich mir 2021 die Haare komplett abrasiert. Manchmal trage ich einen sogenannten Binder, damit meine Oberweite flacher erscheint. Zwar fühle ich mich mit dem Binder wohler, ich kann ihn aber nicht täglich tragen, da ich dann Rippenschmerzen bekomme. Eine weitere Herausforderung ist meine Stimme. Ich war mit meiner Stimme immer zufrieden, aber auch sie erscheint vielen Personen weiblich. Dadurch kommt es manchmal zu peinlichen Situationen – Fremde wissen nicht genau, ob sie mich mit „Herr“ oder „Frau“ ansprechen sollen.

    Trans-Personen können sich bei Schwierigkeiten an einen Psychologen wenden.
    Wer eine Transgender-Persönlichkeit bei sich vermutet und sich outen möchte, kann Hilfe bei einem Psychologen oder anderen Trans-Personen finden.

    © iStock / FG Trade

    Wie wichtig ist es euch, dass ihr euch „angenommen“ fühlt?

    Kim: Für mich kommt es dabei stark darauf an, um welche Person es geht. Wenn mir die Person egal ist oder ich sie nicht kenne, ist es mir auch egal, ob sie mich so annimmt, wie ich bin. Bei Menschen in meiner Umgebung ist es mir aber schon wichtig, dass sie mich akzeptieren. Als meine Freundin damals nach meinem Outing nicht auf mich einging, traf mich das wirklich hart, auch wenn ich es überspielte.

    Flynn: Ja, so sehe ich es mittlerweile auch. In meinem Freundeskreis, in der Schule oder bei den Pfadfindern ist es mir sehr wichtig, dass ich mich angenommen fühle aber das werde ich auch. Anfangs passte ich mich für die Gesellschaft stark an – ich drängte mich selbst in eine möglichst maskuline Rolle, damit auch andere mich männlich lesen. Irgendwann sagte ich mir dann, ich brauche die gesellschaftliche Bestätigung nicht. Ich weiß, dass mich die Gesellschaft nie komplett so akzeptiert, wie ich wirklich bin. Mittlerweile bin ich der Meinung, dass nicht ich, sondern die Gesellschaft sich anpassen muss.

    Was kann die Gesellschaft für Trans-Personen tun?

    Kim: Mir fallen dazu drei Punkte ein. Zunächst finde ich es wichtig, dass Menschen Trans-Personen ihre Identität nicht absprechen – bei der Transidentität handelt es sich nicht um eine Phase, um ein Imitieren oder einen Ruf nach Aufmerksamkeit. Alleine das wäre schon eine so entlastende Sache für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Außerdem wünsche ich mir, dass Trans-Personen das dritte Geschlecht überall angeben können, zum Beispiel, wenn sie ein Zugticket buchen. Was sind deine Pronomen (er/sie/ihm/ihr/dey/denen)? Diese Frage am Gesprächsanfang zu stellen – das finde ich als dritten Punkt eine tolle Sache. Natürlich ist auch Aufklärung immer noch sehr wichtig, um einer Ausgrenzung vorzubeugen und wichtige Hilfen anzubieten.

    Flynn: Genau, da kann ich nur zustimmen. Egal, wie mich jemand liest, ich wünsche mir, dass diese Person meine Pronomen, also er/ihn, respektiert und nutzt. Wer sich für das Thema Transgender interessiert oder das Thema schwer verdaulich findet, kann sich im Internet gut informieren – ich finde nicht, dass nur Trans-Personen die Aufgabe haben, aufzuklären.

    „Mittlerweile bin ich der Meinung, dass nicht ich, sondern die Gesellschaft sich anpassen muss. Ich finde auch nicht, dass nur Trans-Personen die Aufgabe haben, aufzuklären“

    Flynn
    entdeckte mit 16 Jahren seine Transidentität

    Was ratet ihr Menschen, die bei sich eine Transidentität vermuten?

    Kim: Ich rate ihnen, sich Menschen anzuvertrauen, die viel Verständnis haben und ihnen das Geschlecht nicht absprechen. Sie können sich selbst ein Netzwerk bilden, zum Beispiel mit Selbsthilfegruppen oder Trans-Personen in sozialen Medien. Außerdem möchte ich diesen Menschen gerne sagen, dass sie sich dem Druck der Gesellschaft nicht ausliefern müssen – sie müssen keine Erwartungen erfüllen, nur sie selbst sein.

    Flynn: Ich habe mich damals zuerst den Pfadfindern und  meiner Freundesgruppe in der Schule aber auch Trans-Personen im „KaffeeTrans*“ anvertraut und das hat mir sehr geholfen – ich finde es sehr wichtig, sich mit anderen darüber auszutauschen. Seine eigene Transidentität zu entdecken, ist aber oft mit Unsicherheit verbunden. Mit verschiedenen Szenarien können sich Trans-Personen der Sache langsam nähern. Ich fand beispielsweise in einem Würfelspiel, in dem ich eine männliche Rolle einnehmen wollte, heraus, dass ich mich mit männlichen Personalpronomen sehr wohl fühle. Außerdem kann es Transmenschen auf der Suche nach sich selbst helfen, online in eine Rolle zu schlüpfen – in einem Chatroom können sie sich einen anderen Namen geben und schauen, wie sich das anfühlt.

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