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Aggressionen bei Jugendlichen: Tipps für Eltern

Jugendlicher mit einem Aggressionsproblem lässt sich wider Willen von einem Therapeuten beraten.

© iStock / KatarzynaBialasiewicz

Lesezeit: 6 Minuten09.12.2021

Zur Entwicklung von Jugendlichen gehören auch verbale und körperliche Auseinandersetzungen. Durch übersprießende Hormone in der Pubertät können auch Aggressionen entstehen. Wie können Eltern darauf reagieren?

Inhalte im Überblick

    Mögliche Ursachen jugendlicher Aggression

    Ist das eigene Kind aggressiv, ohne dass die Eltern einen ersichtlichen Grund erkennen, stellen sich die meisten Eltern die Frage, was sie falsch gemacht haben könnten.

    Prof. Dr. Stephan Bender, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Uniklinik Köln

    © Uniklinik Köln / Michael Wodak

    „Aggressionen bei Jugendlichen sind häufig Symptom einer Überforderung“, erläutert Prof. Dr. Stephan Bender, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Uniklinik Köln.

    Wenn Jugendliche vor Problemen stehen, die sie auf konstruktiv verbale Weise nicht lösen können, werden Aggressionen begünstigt.

    Ein impulsives Temperament, das emotionale Erregung und sehr schnell eine sogenannte Kampf-oder-Flucht-Reaktion auslöst, tut sein Übriges: „Dann kommt es über die zur Verfügung gestellte Energie, die Wut, die möglicherweise mit hochkommt, schneller zu Aggressionen.“

    „Aggressionen bei Jugendlichen sind häufig Symptom einer Überforderung.“

    Prof. Dr. Stephan Bender
    Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Uniklinik Köln

    Faktoren, die aggressives Verhalten begünstigen

    Vorbilder für erfolgreiches aggressives Handeln bestärken die eigene Neigung, Konflikte über Aggressionen zu lösen. „Jugendliche haben im realen Leben und in zweiter Linie über unterschiedliche Medien, die sie konsumieren, an aggressiven Vorbildern gesehen, dass es funktioniert, sich über Aggressionen Respekt zu verschaffen und sich durchzusetzen. Wenn die aggressive Art sich durchzusetzen besser funktioniert als eine konstruktive, fange ich schneller an draufzuhauen oder werde auf andere Weise gewalttätig.“

    Worauf können Eltern vorbeugend achten?

    Eltern sollten eine positive Vorbildfunktion erfüllen und Konflikte selbst von Anfang an konstruktiv und mit Worten lösen. „Ganz wichtig ist es, beim Kind diese Fertigkeiten auszubilden, indem man mit dem Kind sachlich argumentiert, damit das Kind lernt, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen, korrekt zu benennen und sich in konstruktiver Form einzubringen; damit die eigenen Emotionen wahrgenommen und reflektiert werden und das Kind merkt, es kommt – vor allem langfristig – weiter, wenn es in gelungener sozialer Interaktion Konflikte lösen kann.“

    Bei sehr impulsiven Kindern können Strategien zur Impulskontrolle trainiert werden, damit es gelingt, sich schon vor einer aggressiven Handlung wieder zu beruhigen. „Und schließlich sind für Jugendliche Empathie und Emotionswahrnehmung sehr wichtig: Dass sie lernen, die Gefühle anderer wahrzunehmen und zu respektieren. Denn wenn ich bewusst wahrnehme, dass es jemand anderem schlecht geht, wenn ich aggressiv bin – auch das ist aggressionspräventiv, weil ich dann nicht nur nach mir und meiner eigenen Wut schaue, sondern eine Lösung finde, die auch für das Gegenüber angemessen ist.“

    Signale für eine anhaltend aggressive Phase bei Jugendlichen

    Wenn Eltern das Gefühl haben, mit kontinuierlichen Regelverletzungen ihrer Kinder und aggressiven Konflikten nicht mehr selbst umgehen zu können, sollten sie ärztlichen Rat suchen – bevor man vermehrt zum Elterngespräch in die Schule einbestellt wird oder im schlimmsten Fall Anzeigen von der Polizei ins Haus flattern. Oft mehren sich bereits vorher die Anzeichen im sozialen Umfeld der betroffenen Jugendlichen, etwa wenn Sie feststellen, „dass die Freundschaften sich einengen auf Freundschaften mit anderen Jugendlichen, die ebenfalls einen eher aggressiven Umgangsstil pflegen und das untereinander akzeptieren.“

    Jugendlicher mit Aggressionen will seinen Vater schlagen, wird aber abgehalten.
    Beim Parent Battering richten sich die Aggressionen der Jugendlichen direkt an die Eltern. Dabei kann es auch zu gewaltsamen Übergriffen kommen.

    © iStock / T Turovska

    Parent Battering: Ursachen, Umgang und Therapie

    Der deutsche Begriff für Parent Battering lautet „Elternmisshandlung“: Es geht also um gewaltsame Übergriffe von Kindern und Jugendlichen auf ihre Eltern. „Je besser die Jugendlichen – und vorher die Kinder – Respekt vor den Eltern gelernt haben und auch, dass die Eltern sie respektieren, desto seltener kommt es zu Parent Battering.“ Demgegenüber ist der schlimmste Fall, „wenn die Eltern früher selbst ihre Erziehung mit Gewalt durchgesetzt und, solange sie körperlich überlegen waren, die Kinder auch geschlagen haben.“ Ein jetzt beispielsweise Siebzehnjähriger hat also gelernt, dass sich der Stärkere über Gewalt durchsetzen kann, und wendet diese Strategie gegen die Eltern an. „Hier spielt wieder die Vorbildfunktion herein: Wenn ich in jungen Jahren gewaltfreie Erziehung und konstruktiven Umgang mit Problemen erlebt habe, ist die spätere Wahrscheinlichkeit von Parent Battering gering.“

    „Je besser die Jugendlichen – und vorher die Kinder – Respekt vor den Eltern gelernt haben und auch, dass die Eltern sie respektieren, desto seltener kommt es zu Parent Battering.“

    Prof. Dr. Stephan Bender
    Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Uniklinik Köln

    Aber auch das gegensätzliche elterliche Verhalten ist wenig zielführend: „Wenn Eltern sehr nachgiebig sind, immer alles auf sich nehmen, sich so als Opfer anbieten, keinen Respekt einfordern und keine Autoritätspersonen darstellen, dann suggerieren sie den Jugendlichen: ‚Mach doch, was du willst‘, und laden selbst zur Gewalt ein.“ Deshalb ist eine natürliche Autorität, die schon in jungen Jahren des Kindes möglichst gewaltfrei umgesetzt wird, äußerst wichtig.

    Genetische Disposition

    In manchen Fällen ist der Einfluss der Eltern weder ursächlich, noch kann er die Folgen abmildern: „Es gibt mitunter genetisch bedingte Störungen, das können auch Spontanmutationen sein, infolge derer Jugendliche nicht in der Lage sind, Empathie wahrzunehmen. Sie sind dann vollkommen gefühlskalt.“

    Therapieansätze

    Die Therapie hängt davon ab, welche Ursachen des Parent Battering identifiziert worden sind. „Meistens geht es darum, dass Eltern wieder natürliche Respektspersonen werden können, dass Kinder und Jugendliche Respekt vor den Eltern haben und umgekehrt – und man aggressionsfreie verbale konstruktive Konfliktlösungsstrategien etablieren kann.“ Nur bei Jugendlichen, die tatsächlich komplett gefühlskalt sind, ist die einzige Möglichkeit, ihnen Respekt zu vermitteln, indem ihre aggressiven Handlungen negative Konsequenzen nach sich ziehen. „Das läuft in diesen Fällen auf einer rein kognitiven Ebene und über Konsequenzen ab. Aber das ist eine seltene Ausnahme.“

    Wie können Eltern aggressiven Jugendlichen helfen und sie unterstützen?

    Zum einen sollten Eltern sich bemühen, die emotionale Bedürftigkeit aggressiver Jugendlicher zu erkennen. „Ich bin nur aggressiv, weil …“, mag sich der Jugendliche sagen. „Dieses ‚Weil‘ zu verstehen, also das, was gerade auch emotional mit dem Kind oder Jugendlichen passiert, ist häufig ein wichtiger Ansatz, um zu erfahren, welche Bedürfnisse hinter aggressivem Verhalten stecken.“

    Zum anderen muss dieses „Weil“ nicht nur nachempfunden, sondern auch entkräftet werden. Man zeigt Verständnis für das Bedürfnis des Jugendlichen, was aber nicht als Rechtfertigung verstanden werden darf, sich weiter aggressiv zu verhalten. „Das heißt, dass die Regeln und auch die Konsequenzen trotzdem ganz klar sein müssen und es auch immer eine entsprechende Konsequenz geben muss.“ Sonst greift wieder der Lerneffekt und der Jugendliche bewertet Aggressionen als eine erfolgreiche Handlungsstrategie.

    Der beste Tipp für Eltern ist, beide Aspekte zielführend zu verknüpfen: „Auf der einen Seite eine ganz konsequente Haltung, was Regeln angeht, und auf der anderen Seite aber auch Einfühlsamkeit: ‚Ich versuche zu verstehen, was da bei dir los ist.‘“

    Medizinisch-therapeutische Behandlungsformen

    „Wenn die Impulskontrolle sehr schwierig ist und man das Gefühl hat, der oder die Jugendliche hat keinen Spielraum mehr, sich zwischen aggressiver Reaktion und konstruktiver Lösung zu entscheiden, dann kann eine Unterstützung mit Medikamenten, die Impulsspitzen abfangen, geboten sein.“ Eine medikamentöse Therapie kann die Selbststeuerung günstig beeinflussen, löst das Problem allein aber nicht, weswegen eine psychotherapeutische Begleitung sinnvoll ist. Hier entsprechen die Handlungsoptionen grundsätzlich denjenigen der Eltern, allerdings professionell durchgeführt.

    Multisystemische Therapie

    „Es gibt eine Therapieform, die sich aus meiner Sicht besonders bewährt hat und die sich Multisystemische Therapie nennt. Bei Aggressionen darf man nicht die Vorstellung haben, dass jemand einmal in die Klinik kommt, irgendwie behandelt wird, und dann ist es gut. Für eine Aggressionstherapie ist ein Therapie-Setting notwendig, das über längere Interventionszeiträume viele Professionen und das komplette Umfeld miteinbezieht und auch koordiniert.

    Es ist wichtig, dass die Lehrer wissen, was zu Hause läuft, und die Eltern, was in der Schule, und auch Sozialarbeiter involviert sind. Es bedarf eines Kontingenzmanagements mit Verstärkern für prosoziales Verhalten, wenn Konflikte gut gelöst werden, und mit negativen Konsequenzen für aggressives Verhalten. Hinzu kommen Trainings, bei denen Fertigkeiten zur Konfliktlösung geübt werden, und Empathietraining, um eine Umgebung zu schaffen, die die Jugendlichen dazu motiviert, die erlernten Fertigkeiten tatsächlich einzusetzen. Dieses koordinierte und multiprofessionelle Vorgehen ist notwendig, weil ansonsten – im schlimmsten Fall – die Verstärker in der Peergroup mehr Gewicht haben als alle therapeutischen oder elterlichen Anstrengungen, die auf der anderen Seite erfolgen.“

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