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Deckel auf und fertig: Wie gesund sind Quetschies wirklich?

Asiatisches Kind isst etwas.
Lesezeit: 4 MinutenAktualisiert: 30.09.2020

Auf den ersten Blick überzeugen die bunt gestalteten Quetschbeutel damit, dass sie praktisch für unterwegs sind, sei es beim Einkaufen oder bei einem Ausflug. Immerhin passen sie leicht in die Handtasche, der Nachwuchs kann sie alleine in den Händen halten und das Fruchtmus daraus saugen – ohne Verschütten oder Kleckern. Dabei wird aber schnell vergessen, dass es sich bei dem Fruchtmus trotz der Aufdrucke „ohne Zuckerzusatz“ und „aus 100 Prozent Obst“ um ein quietschsüßes Industrieprodukt handelt.

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    Dipl.-oec. troph. Silke Restemeyer ist Ernährungswissenschaftlerin und arbeitet bei der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE)

    Was steckt wirklich in den Quetschbeuteln?

    „Es werden oft sehr süße Fruchtsorten verwendet und Fruchtmark, Apfelsaft- oder Traubensaftkonzentrat wird zugegeben“, sagt Silke Restemeyer, Ökotrophologin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE). „Das führt zu einem hohen Zuckergehalt und macht Quetschies noch süßer.“ Ein Beutel enthält eine Menge von etwa 18 Gramm Zucker, das entspricht sechs Stück Würfelzucker. Damit erreicht ein Quetschie schon fast die maximal empfohlene Zufuhr für Kinder von circa 25 Gramm freiem Zucker pro Tag. Durch die industrielle Verarbeitung gehen viele der im Obst enthaltenen Vitamine verloren. Besonders Vitamin C reagiert sehr empfindlich auf Licht und Hitze. Was aber erhalten bleibt, ist der natürliche Fruchtzucker, und der kann sich nach der Meinung von Experten negativ auf die Gesundheit der Sprösslinge auswirken.

    Risiko Übergewicht und Verdauungsprobleme bei Kindern

    Generell gilt: Verzehren Kinder häufig zu viel Zucker durch die Nahrung, prägt das ihre Geschmacksvorlieben, und sie greifen auch später vermehrt zu süßen Lebensmitteln. Folglich steigt das Risiko, dass sie übergewichtig werden. Diese Gefahr besteht auch bei Quetschies, die von der Lebensmittelindustrie oft bereits für Kinder ab dem vierten oder fünften Monat beworben werden. Hinzu kommt, dass das breiige Fruchtmus aufgrund seiner Konsistenz rasch im Darm anlangt, der Dünndarm die Fruktose aber nur schlecht verarbeiten kann. „Das kann bei Kleinkindern schnell dazu führen, dass die Verdauung überfordert ist und sie Bauchschmerzen, Durchfall oder Blähungen bekommen“, sagt Restemeyer.

    Verschiedeme Obstsorten auf einem Tisch.
    Quetschies kann man ganz einfach selber machen - so weiß man auch, was drin ist.

    Fruchtmus fördert Milchzahn-Karies

    Aus Sicht von Zahnmedizinern ist neben dem Fruchtzucker auch problematisch, dass der Nachwuchs das Mus aus dem Beutel saugt. „Dadurch werden die Oberkiefer-Frontzähne umspült. Wenn das Fruchtmus zwischen den Zähnen verbleibt, kann es zu Karies kommen. Dafür sorgen die im Zahnbelag enthaltenen Bakterien, die den Zucker verstoffwechseln“, erklärt Professor Dr. Ulrich Schiffner, Zahnmediziner und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde. „Im Alter von drei Jahren hat jedes siebte Kind Karies und dann nicht nur ein, sondern gleich vier Löcher.“ Zudem können Quetschies den Zahnschmelz angreifen, da sie einen sauren pH-Wert besitzen. Weil Milchzähne weniger Mineralstoffe haben als die bleibenden Zähne, reagieren sie viel stärker auf die Säure.

    Quetschies fehlt der Lerneffekt für Kinder

    Neben den gesundheitlichen Aspekten kann sich der häufige Verzehr von Quetschies ungünstig auf die Entwicklung der Kleinen auswirken, geben die Experten zu bedenken. Den Geschmack der Früchte erkennen, riechen oder tasten – all das bietet das gemischte Fruchtmus aus dem Quetschbeutel nicht. Auch wird der Kaumuskel nicht trainiert, wenn das pürierte Obst und Gemüse gesaugt wird. „Der Kaumuskel ist aber nicht nur beim Essen, sondern auch für die Sprachentwicklung des Kindes wichtig“, sagt die Ökotrophologin. „Daher sollten Eltern ihre Kleinen frühzeitig an den Verzehr von geschnittenem Gemüse und Obst gewöhnen.“

    Besser zu frischem Obst und Gemüse greifen

    Obwohl frisches Obst ebenfalls zuckerhaltig ist, ist es dennoch besser für die Zähne, weiß Professor Schiffner: „Ein frischer, geschnittener Apfel wird von den hinteren Backenzähnen gekaut. Dort fließt mehr Speichel und das Kind schluckt während des Essens automatisch herunter. Der Kauvorgang selber produziert zusätzlich Speichel, der die Säuren etwas neutralisieren kann.“ In jedem Fall ist eine richtige Mund- und Zahnhygiene wichtig, um die Milchzähne der Kids zu schützen.

    „Für Kinder unter einem Jahr sind Quetschies ungeeignet. Darüber hinaus sollten sie eher als Süßigkeit betrachtet und mit ihrem hohen Fruchtzuckergehalt nur selten verzehrt werden.“

    Dipl.-oec. troph. Silke Restemeyer
    Ernährungswissenschaftlerin

    Quetschies erst ab einem Jahr reichen

    Sollte also lieber ganz auf die praktischen Quetschbeutel verzichtet werden? Die Ökotrophologin rät: „Für Kinder unter einem Jahr sind Quetschies ungeeignet. Darüber hinaus sollten sie eher als Süßigkeit betrachtet und mit ihrem hohen Fruchtzuckergehalt nur selten verzehrt werden. Wichtig ist, auf die Zutatenliste zu achten und auf Produkte auszuweichen, die nur aus Fruchtpüree und -mark bestehen, und auf solche mit einem möglichst niedrigen Zuckergehalt. Begriffe, die auf ‚ose‘ enden, deuten beispielsweise auf zugesetzten Zucker hin.“ Als Alternative greifen Eltern auch gerne zu selbstbefüllbaren Quetschbeuteln oder Saugflaschen. Die sparen zwar Kosten und sind umweltfreundlicher als die Plastik-Quetschies im Handel. Doch Professor Schiffner betont: „Das Prinzip, dass die Kinder das Mus aus dem Beutel oder der Flasche saugen und die Zähne dabei umspülen, bleibt dasselbe. Besser wäre es, die Kinder würden das selbst pürierte Mus löffeln. Doch das ist natürlich weniger praktisch.“ Deshalb ist das frische Obst aus dem Garten oder vom Markt wohl immer noch die beste Alternative zu den bunten Quetschies. So werden die Milchzähne geschont und die Kleinen werden nicht nur nebenbei versorgt, sondern lernen, mit allen Sinnen zu essen.

    Gesunde Ernährung
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