AOK Bremen/Bremerhaven

Bremen läuft 10 - Der Selbstversuch

Veröffentlicht am:07.05.2026

7 Minuten Lesedauer

Wie es ist, bei "Bremen läuft 10" mitzutrainieren wollen einige Kolleginnen und Kollegen der AOK Bremen/Bremerhaven selbst erleben und haben sich angemeldet: Seit dem 19. April trainieren sie und rund 740 weitere Läuferinnen und Läufer, um im Juni bestenfalls zehn Kilometer zu schaffen. Ob es allen gelingt berichten wir bis dahin hier.

© Jens Lehmkühler

Stefanie läuft los

Eine Gruppe Läuferinnen und Läufer in Bewegung in der Natur auf einem Weg an einem See.
Stefanie (2.v.r.) dreht ihre ersten Runden in der Gruppe.

© Jens Lehmkühler

Bremen läuft 10 – bislang immer ohne mich. Zigmal hatte ich es mir vorgenommen und mich dann doch nicht angemeldet. Dieses Mal aber bin ich Teil der leuchtend grünen 805-köpfigen Community, die seit dem 20. April auf Bremer Laufstrecken unterwegs ist, um in Bewegung zu kommen. Gehend, laufend, aber immer fürs Herz.

Der Start — 20. April

Grün ist es am Unisee immer, heute aber flimmert der Rasen neongrün. Hunderte Läuferinnen und Läufer sind gekommen, um sich der großen Bewegung „Bremen läuft 10“ anzuschließen. Sie wollen joggen, sie wollen walken, vor allem wollen sie eins: runter vom Sofa und endlich wieder aktiv werden. So wie ich: 58 Jahre alt, Redakteurin bei der AOK Bremen/Bremerhaven

Liegend die Piste runter

Früher – das ist schon viele Jahre her - bin ich schon mal gejoggt. Ich habe auch Tennis gespielt und bin Ski gefahren, beim letzten Mal allerdings nur sehr kurz: Nach einem Sturz, keine zehn Minuten nach Ausstieg aus der Gondel, ging es statt im Stehen liegend den Berg hinunter. Was folgte war eine Kreuzband-OP, nach der ich nicht wieder richtig in Bewegung gekommen bin. In einer Reha im vergangenen Herbst habe ich den Spaß am Sport wieder entdeckt. Ich bin geschwommen, ich habe an den Geräten trainiert und bin gewalkt. Warum es also nicht mal wieder versuchen mit dem Laufen? Schließlich habe ich mein Knie operieren lassen, damit ich wieder alles machen kann…

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Rekorde über Rekorde

Auf der Liegewiese am Unisee wimmelt es von Läuferinnen und Läufern. 805 haben sich angemeldet, so viel wie noch nie. Ein Großteil holt sich an diesem Sonntag am Stand der AOK ihre neongrünen Shirts ab. Danach teilen sie sich auf. Es gibt 41 Gruppen. Auch das ist ein Rekord – und heute dazu ziemlich unübersichtlich. Ich suche die 2F. Die Zahl steht für den Trainingstag, der Buchstabe für die Gruppe. Meine Gruppe trainiert dienstags und ist die letzte im Alphabet. Mahndorf ist als Trainingsort schließlich ganz frisch dazugekommen.

Eine bunte Truppe

Lauf-Trainer Markus Oberließen erzählt den Teilnehmenden, worauf sie achten sollten.
Trainer Markus Oberließen erklärt, worauf es beim Einstieg ankommt.

© Jens Lehmkühler

Markus Oberließen auch. Er ist der Trainer der kleinen Mahndorf-Truppe, die bunter nicht sein könnte. Susanne will mit dem Laufen beginnen. Kalle möchte nach Herzinfarkt und Herzklappen-OP statt spazieren und Radfahren auch mal wieder laufen. Lutz joggt eigentlich regelmäßig, hat aber keine Lust mehr, im Bürgerpark seine Runden zu drehen. Axel und ich, zwei Mittfünfziger, sind schon mal gejoggt, warten aber auf den Moment, dass uns Laufen keine Quälerei ist, sondern Spaß macht. Wiebke, mit 33 die Jüngste, hat pausiert und will jetzt wieder einsteigen. Und dann sind da noch Fredy und Petra, ein Ehepaar in den 60ern. Er spielt Eishockey, sie schwimmt und macht Spinning. Wie soll das alles zusammenpassen? Markus ist zuversichtlich – was das Training angeht und auch unsere Ziele. Er werde Strecken wählen, bei denen einige einen Umweg laufen können und jede und jeder genau das Tempo, das er will und kann. „Ihr werdet das schaffen“, verspricht er uns. „Ich habe es schließlich auch geschafft.“ Vom Einsteiger zum Marathonläufer.

Nur ein bisschen schnuppern

An diesem Sonntag werden wir nur schnuppern. Ein bisschen joggen für den Anfang. „Wer außer Puste ist, geht einfach weiter“, gibt uns Markus mit auf den Weg und läuft an. 400 Meter am Unisee entlang und dann auch schon wieder retour. Noch einmal dehnen, und dann ist Schluss für heute. Alle düsen nach Hause, hinein in die Wärme. Nur Markus bleibt. Wie wir alle ist er bei kalten sechs Grad an diesem Sonntagmorgen ganz schön ins Bibbern gekommen. Jetzt wird er sich warmlaufen mit seinen Trainerkollegen. Und ein bisschen Tempo machen. Er hat es schließlich schon geschafft.

Woche 1 — 22. April

Okay, Markus hat beim ersten Treffen ein bisschen viel versprochen. Ja, das Thermometer ist über zehn Grad geklettert, aber so richtig schön ist anders. Immerhin ist es trocken. Gutes Wetter für Jogger also, unkt Wiebke und klärt auf: Erst bei Regen zeige sich, wer ein echter Läufer ist und wer eben nur ein Jogger. Der bleibt bei Regen zu Hause. Wir sollen wohl Läufer werden. „Training ist bei jedem Wetter“, stellt Markus klar. „Es sei denn, es gewittert.“

Erste Lektionen des Lauf-ABC

Ihm fröstelt, während er unsere Namen nacheinander abhakt: „Lasst uns schnell loslegen mit dem Aufwärmen.“ Wir kreisen die Füße, um die Gelenke zu „schmieren“, wir dehnen unsere Waden und Muskeln im Bein und auch in den Armen. Dann geht es auch schon los mit ein bisschen Techniktraining, die ersten Lektionen des Lauf-ABC. „Erst mal nur auf den Fußspitzen gehen“, fordert Markus. Danach wechseln wir auf die Fersen. Die nächsten Meter legen wir zurück, in dem wir die Knie bei jedem Schritt vorne hochziehen, danach versuchen wir, den Allerwertesten zu treffen. Unseren eigenen. Gut, dass Markus das klarstellt.

Das Lauf-ABC

Das Lauf-ABC soll helfen, die Lauftechnik, die Koordination und den Laufstil nachhaltig zu verbessern. Es beinhaltet mehrere Übungen, die lustig aussehen, aber effektiv für einen effizienten und verletzungsfreien Lauf sein sollen.

  • Anfersen: Die Füße beim Laufen dynamisch Richtung Gesäß führen
  • Skippings: Knie vorne anziehen, kurzer Bodenkontakt, dabei berühren nur die Fußballen den Boden, die Arme schwingen mit
  • Kniehebellauf: Knie nach oben anheben und das freie Bein in einer kreisförmigen Bewegung nach vorne führen
  • Überkreuzungslauf: Man bewegt sich seitlich und kreuzt die Beine abwechselnd vor und hinter dem Körper
  • Seitensprünge: Man hüpft seitwärts - das eine Bein geht vor, das andere zieht nach, beide schließen in der Luft
  • Hopsersprünge: Hüpfen wie im Kindergarten
  • Rückwärtslauf: Damit kann man Koordination und Gleichgewicht stärken
  • Steigerungslauf: Auf einer Strecke von etwa 100 Metern die Geschwindigkeit erhöhen, aber nur so weit, dass es lockeres Laufen bleibt
  • Fußgelenksarbeit: Stehend von der Zehenspitze zur Ferse abrollen, trainiert Waden- und Fußmuskulatur

Quelle: lauftipps.ch

Ein Versprechen an den Trainer

Die Laufrunde, die er ausgesucht hat, startet am Parkplatz des Mahndorfer Sees und führt einmal um die Reitanlage herum. „Es ist völlig in Ordnung, wenn ihr zwischendurch Gehpausen macht“, sagt Markus noch, als wir starten. „Ihr müsst mir nur versprechen, dass ihr dann auch irgendwann wieder loslauft.“ Mit der Zeit, so die Erfahrung, sollten die Gehpausen kürzer und die Laufzeiten ausgedehnter werden. 

Schweinehund läuft mit

Bin ich alleine unterwegs, habe ich meist schon nach einem Kilometer das Gefühl, dass ich gehen muss. Ich laufe zu schnell los und komme deshalb aus der Puste. Vor allem aber ist mein innerer Schweinehund mein steter Begleiter und übertönt Musik oder Hörbuch. Erst auf dem Laufband habe ich in den vergangenen Monaten erfahren, wie geschmeidig es ist, gleichmäßig zu laufen. Heute bin ich draußen auf Asphalt unterwegs, aber es läuft trotzdem wie geschmiert. Ich groove mich mit Wiebke ein. Die 33-Jährige kommt gebürtig aus Schleswig-Holstein, hat in Bremen studiert und ist jetzt in Mahndorf sesshaft geworden.

Langsam, aber konstant

Kalle im Gespräch mit anderen Läufern.
Kalle möchte nach einem Herzinfarkt wieder mit dem Laufen anfangen.

© Jens Lehmkühler

Früher ist sie viel gelaufen. Mit dem Job und dem Hausumbau ist der Sport in der letzten Zeit aber etwas kurzgekommen. Mit ihrem Partner zu laufen, ist für sie momentan keine Option. „Der läuft viel zu viel und zu schnell.“ Aber mit uns funktioniert’s. Wir joggen langsam, aber konstant. Eine Runde nach der anderen, ein ganzes Stück vor den anderen. Mein innerer Schweinehund meldet sich kein einziges Mal. Ich bin überrascht, als Wiebke nach einem Blick auf ihre Uhr meldet, dass wir die drei Kilometer schon geschafft haben. Bis zum Ende kommt noch ein weiterer hinzu. „Das ist gut“, sagt Markus. Selbst Kalle, der Herzpatient, hat drei Kilometer zurückgelegt. Ganz bedächtig: Laufend, gehend, immer im Wechsel.

Hausaufgabe zum Abschied

Dehnen zum Abschluss, dann sind wir entlassen – mit einer Hausaufgabe für diejenigen, die zehn Kilometer anstreben. „Das ist ein ambitioniertes Ziel“, sagt der Trainer. „Wer das schaffen will, sollte neben dem Training noch zwei Sporteinheiten einschieben.“ Es müsse nicht joggen sein. Eishockey, Spinning oder Spaziergänge funktionieren auch, um die Ausdauer zu stärken. Apropos „müssen“: Müssen muss hier niemand. Joggen nicht, zehn Kilometer schon gar nicht. Beim Abschlussevent im Juni wird im Bürgerpark eine 2,5 Kilometer lange Runde ausgeschildert sein. Die kann jeder absolvieren, so oft er will. Wiebke und ich sind nach diesem Start euphorisch. Sollten wir die zehn Kilometer voll machen, könnten wir uns doch gleich zum Zehn-Kilometer-Lauf am Marathonwochenende anmelden.

Woche 2 — 28. April

Na toll, das ist ja super gelaufen. Erst eine fette Erkältung, dann eine Blockade im Rücken. Ich habe es langsam angehen lassen, diese Woche. Einmal Krafttraining für die Arme, mehrmals Gymnastik mit YouTube, dafür aber ausgiebige Spaziergänge. Schnell waren die nicht – mein vierbeiniger Begleiter wollte nicht so wie ich.

Ein Trikot – eine Community

Zwei Sportlerinnen halten ein Trikot in leuchtendem Grün mit AOK-Logo und Stiftung Bremer Herzen hoch.
Die Trikots sieht man schon von Weitem gut.

© Jens Lehmkühler

Immerhin hat Trainer Markus Oberließen gesehen, dass ich bemüht war. Auf dem Deich ist er mir entgegengekommen. Ich musste gleich an Doris von Wulfen von der Stiftung Bremer Herzen denken, die bei der Auftaktveranstaltung allen Teilnehmenden riet, in den neongrünen Shirts der Aktion zu trainieren. Sie seien ein klares Wiedererkennungszeichen, berichtete sie beim Auftakt am Unisee: „Ich selbst laufe oft damit am Werdersee und werde immer gegrüßt  — von Menschen, die ich gar nicht kenne.“ Markus erkenne ich auch schon von Weitem. Das grüne Trikot trägt er zwar nicht, dafür aber seine grüne Trainingsjacke, die er auch bei unseren ersten Verabredungen getragen hat. Seine Kinder seien beim Sport, erzählt er. Beste Gelegenheit, ein bisschen für sich zu tun und zu laufen.

Vom Wiedereinsteiger zum Marathonläufer

Es ist gerade drei Jahre her, dass Markus selbst an der Aktion „Bremen läuft 10“ teilgenommen hat. Früher, so erzählt er, habe er viel Sport getrieben und sei auch häufig gejoggt. Dann kamen der Job und die Familie, und die Zeit für Sport wurde knapp. 2022 wollte er wieder durchstarten und meldete sich bei der Aktion der Stiftung Bremer Herzen an. „Und ich laufe immer noch – heute sogar Marathons.“ Daran denkt von uns noch niemand. Die Runde, die Markus – seit diesem Jahr Trainer für Bremen läuft 10 - für diesen Dienstag herausgesucht hat, misst gerade mal gut ein Sechzehntel der Marathonstrecke. Am See entlang, einmal durch die Büsche und wieder auf den Deich, gut zweieinhalb Kilometer. „Das können wir ja zwei bis dreimal machen“, sagt er - und erntet Lachen.

Jeder findet seinen eigenen Rhythmus

Gemeinsam setzen wir uns in Bewegung. Schnell laufen selbst die Schnellsten nicht, doch die Gruppe wird auseinandergezogen. Ich lasse mich mitziehen, gehe das Tempo von Lutz und Markus mit. Es ist nicht meins - das merke ich schon nach wenigen Minuten. Wie hatte Lutz kurz zuvor festgestellt? „Ich muss erst meinen Rhythmus finden.“ Recht hat er. Langsamer läuft‘s für mich besser und ist in den Augen unseres Trainers auch die richtige Herangehensweise: Wir sollen erst einmal versuchen, Strecke zu machen. „Das Tempo kommt später von ganz allein.“

Glücklich auf kleinen Runden

Die kurzen Laufrunden kommen mir entgegen. Das Ziel ist bald in Sichtweite und ich kann einschätzen, ob ich mir noch eine weitere Runde zutraue oder nicht. Das ist etwas anderes als am Start einer 5-Kilometer-Runde zu stehen, bei der ich eventuell scheitern und dann höchstens abbrechen könnte. Am Ende toppe ich meine Laufrunde vor der Haustür – und merke es nicht einmal.  Als wir zum Parkplatz zurückkehren, habe ich das gute Gefühl, dass ich wohl noch hätte weiterlaufen können. Mein Körper hatte nichts dagegen. Doch nur Lutz zieht die dritte Runde durch. Er kommt ins Ziel, als wir schon mit dem Dehnen fertig sind. 7,2 Kilometer. Chapeau!

Woche 3 — 5. Mai

Die Woche war niederschmetternd. Sonntagnachmittag habe ich mich erstmals wieder alleine auf den Weg gemacht. In meiner Vorstellung stand ich die ganze Zeit auf der Bremse, um nicht wieder zu schnell zu starten, doch schon nach wenigen hundert Metern musste ich mir eingestehen, dass ich statt der Bremse wohl das Gaspedal erwischt hatte. Die Luft war raus. Also: gehen, zu Atem kommen und ganz langsam von vorne starten. Als ich endlich meinen Rhythmus gefunden habe, war die Runde durch die Marsch schon nahezu vorbei. 

Herzpatient läuft mit

Ein Sportler in grünem Trikot beim Aufwärmen.
Kalle ist aktiv geworden und konnte nach langer Krankengeschichte wieder neuen Schwung finden.

© Jens Lehmkühler

Szenenwechsel: Dritter Trainingstag in der Mahndorfer Marsch. War was? Ganz entspannt geht es voran. Acht sind wir beim Training, wir laufen in zwei Grüppchen. Markus hält zu beiden Kontakt, sprintet immer wieder hin und her. Ich laufe vorne mit, wo wir alle ein gemeinsames, entspanntes Tempo gefunden haben, und mir das Laufen heute wieder leichtfällt. Wir reden miteinander, und mein innerer Schweinehund hat nichts zu melden. Er kommt gar nicht dazwischen.

Die hintere Gruppe ist langsamer unterwegs. Dort läuft auch Kalle. Sein Arzt hat ihm empfohlen, es vorsichtig angehen zu lassen, denn Kalle ist Herzpatient. Seit 2004 kämpft der heute 67-Jährige mit Problemen, hatte unter anderem bereits einen Herzinfarkt. Eine Ursache habe man nicht wirklich ausmachen können, berichtet er. „Mein Arzt in der Reha sagte mir, ich hätte einfach Pech gehabt.“ Inzwischen hat er einige Stents, mehrere Bypässe und eine neue Herzklappe. Seine Krankengeschichte, die lange Zeit im Krankenhaus und seine Reha zu Coronazeiten hätten ihm zugesetzt, erzählt er. „Das hat mir psychisch wirklich zu schaffen gemacht“. Er sei nicht depressiv gewesen, aber antriebslos und lethargisch.

Arzt wünschte „Viel Spaß“

Seit Oktober besucht er eine Selbsthilfegruppe am Klinikum Links der Weser. „Seitdem bin ich alle vier Wochen dort, höre zu und erzähle von mir selbst“, berichtet er. Das habe in ihm einen Umschwung bewirkt. Der ehemalige Schichtleiter bei Jacobs Kaffee meldete sich im Fitnessstudio an und ging zum Rehasport. Und dann entdeckte er in der Selbsthilfegruppe einen Flyer von Bremen läuft 10. „Ich habe meinen Arzt gefragt, ob ich da wohl mitmachen könne. Der hat mich nur angeguckt und gesagt: Viel Spaß!“ Die Blutwerte seien in Ordnung, er solle nur darauf achten, sich nicht zu überschätzen und zu sehr zu fordern.

Zehnwöchige Gesundheitstour

Die Stiftung Bremer Herzen hatte exakt Kalles Krankheitsbild im Blick, als sie „Bremen läuft 10“ vor neun Jahren initiierte. Denn regelmäßige Bewegung, die hier zumindest zehn Wochen lang trainiert wird, ist laut Stiftungsvorsitzendem Professor Dr.  Rainer Hambrecht das beste Medikament, um Erkrankungen des Herzens vorzubeugen. Damit meint er Bewegung, die uns ins Schwitzen bringt, aber nur so anstrengend ist, dass wir problemlos noch kurze Sätze sprechen können. „Das Training sorgt dafür, dass die Gefäßinnenhäute stärker durchblutet werden und geschmeidig bleiben“, erklärt Professor Hambrecht. So wird verhindert, dass es zu Ablagerungen von Fett und Kalk kommt, die schlimmstenfalls zu Blutgerinnseln und zu einem Herzinfarkt führen können. „Schon ein vierwöchiges Training kann die Funktionsfähigkeit der Innenwände der Gefäße verbessern und sogar reparieren“, weiß der Kardiologe und fügt an: „„Bremen läuft 10“ ist eine zehnwöchige Gesundheitskur.“

Ein Vertrag mit sich selbst

Eine zehnwöchige Gesundheitskur! Das stellt jegliche Anstrengung doch gleich in ein anderes Licht. Kalle weiß davon noch nichts, doch die Kur nimmt er bestimmt gerne mit. Ob er am Ende die zehn Kilometer schafft oder nicht, ist ihm völlig egal. An diesem Dienstag macht er wieder nach drei Kilometern Schluss. „Das reicht mir erst mal völlig“, sagt der Bremer.  Auf jeden Fall werde er dranbleiben, versicherte er. „Dass ich hier eine Teilnehmergebühr zahlen musste, ist für mich eine gute Selbstmotivation. Ich habe quasi einen Vertrag mit mir selbst unterschrieben.“  

Nächstes Ziel: Acht Kilometer

Markus hat mit Kalle und Axel schon das Dehnen abgeschlossen, als die große Gruppe um kurz nach acht am Parkplatz ankommt. Sechs Kilometer geschafft. „Nächste Woche laufen wir bis zum Deich, dann haben wir acht Kilometer“, kündigt Markus an, und inzwischen lacht niemand mehr. Der Glaube wächst: Die Erste von uns hat ihre Anmeldung für den Zehn-Kilometer-Lauf im September schon abgeschickt.

Woche 4 - 12. Mai

Eine Gruppe Läuferinnen und Läufer in Trainingtrikots läuft lachend über Wege in der Natur.
Der Mai lässt sich gut an. Bestes Wetter erleichtert den Lauf.

© Jens Lehmkühler

Schon beim ersten Training ist mir aufgefallen, was eine kleine überschaubare Laufrunde mit mir macht. Ich komme schnell am Ziel an und kann gut einschätzen, ob ich mir eine weitere Runde zutraue – und meist laufe ich dann weiter.

Das ist auch der Tipp, den Herwig Renkwitz vom Bremer Leichtathletikverband mir gibt, um mein Turbo-Problem zu lösen. Vorweg gesagt: „Turbo“ ist relativ. Wenn ich angesichts meines Lauftempos von Schnelligkeit spreche, lächeln meine Handball-Töchter nur müde. Aber für meine Verhältnisse bin ich alleine eben viel zu schnell unterwegs. Mein Herz pumpt wild und ich komme aus der Puste.

Das Tempo steigert sich von allein

Renkwitz rät, zu Beginn eine sehr begrenzte Strecke zu wählen und ganz langsam loszulaufen. Er betont: „Langsam meint: kurz vorm Gehen oder Walken.“ Wenn ich dann eingelaufen sei, könne ich eine schnelle Runde probieren, und mich dadurch an mein Tempo herantasten, in dem ich mich wohl fühle. „Man muss seinen eigenen Körper kennenlernen“, sagt er. Schneller werde man nach einigen Wochen von ganz alleine. Und wer dann wirklich gegen die Zeit arbeite, könne Sprints oder Intervallläufe einbauen. So weit bin ich noch lange nicht.

Gegenseitig mitziehen

Beim Sonntagslauf fange ich einfach mal so langsam an wie beim dienstäglichen Lauftraining. Aus dem Lauf-ABC heraus trabe ich ganz langsam los und benötige die schnelle Runde gar nicht mehr, denn ich komme gut zurecht. Im Laufe der Zeit werde ich etwas schneller, jogge aber relativ konstant und komme nach sechs Kilometern glücklich wieder zu Hause an.

Ein Phänomen ist, dass ich in der Gruppe über Geschwindigkeiten und Strecken eigentlich gar nicht nachdenke. Das hat auch Wiebke schätzen gelernt: „Man unterhält sich und denkt gar nicht darüber nach, wie lang die Strecke wohl noch ist“, sagt sie. Darum ist „Bremen läuft 10“ für uns tatsächlich ein gutes (Wieder-) Einstiegstraining. „Bestenfalls hat jede und jeder einen Begleiter, die einen mittragen“, formuliert es Sonja. Und so ist es: Kann ich mit dem einen mal nicht gut mithalten, ziehe ich selbst die Zügel an und trabe mit der nächsten weiter, die aufschließt. An diesem Dienstag werden die meisten von uns sieben Kilometer gelaufen sein, einige sind etwas früher in Richtung Parkplatz umgekehrt. Trainer Markus findet es gut, denn eines müsse man immer bedenken: „Weite Strecken sind gut – aber man muss sie aber auch noch zurücklaufen.“

Woche 5 - 19. Mai

Unsere Mahndorfer Truppe ist vor viereinhalb Wochen mit zehn Läuferinnen und Läufern gestartet. Jetzt sind wir noch neun. Eine Teilnehmerin hat sich zurückgezogen. Als einzige der Gruppe war sie blutige Anfängerin, dementsprechend schwer fiel es ihr zu Beginn mit den anderen mitzuhalten. Als dann noch Knieprobleme hinzukamen, stieg sie aus. Wir anderen waren alle Wiedereinsteiger und damit – ebenso wie die Anfänger – die klassischen Adressaten für das Projekt der Stiftung Bremer Herzen. „Bremen läuft 10“, so sagt Professor Rainer Hambrecht, sei gedacht für alle, die endlich mit Sport anfangen wollen oder lange nichts gemacht hätten. Die typischen Bewegungsmuffel eben, „bei denen Sport nur noch in der Erinnerung präsent ist.“ 

Unterschiedliche Startbedingungen

Gruppenbild von acht Läuferinnen und Läufern im Grünen.
Sonja (hinten, 2.v.r.) will wieder mit dem Sport anfangen und fühlt sich in der Gruppe wohl.

© Jens Lehmkühler

Dass alle Wiedereinsteiger sind, heißt aber nicht, dass alle gleich (schnell) vorankommen. Einige sind leichtfüßiger unterwegs, andere etwas schwerfälliger. Die einen ziehen schon das Tempo an, die anderen bremsen sich, weil sie noch nicht schnell, dafür aber weit vorankommen wollen. Kalle schleppt seine gesundheitliche Vorgeschichte mit sich, Sonja, wie sie selbst sagt, ein paar Kilo zu viel. Sie ist während der Coronazeit in die Wechseljahre gekommen. „Das hat mich völlig aus dem Sport katapultiert“, sagt sie. In ihrem Unternehmen hat sie sich einer Laufgruppe angeschlossen, die im Juni auch gemeinsam am Be2Run teilnehmen will. Hier muss sie sechs Kilometer bewältigen, mit unserer Dienstagsgruppe strebt sie mehr an.

Die Ablenkung beim Laufen hilft

Bremen läuft 10 steht für zehn Kilometer in zehn Wochen. „Das heißt, die Teilnehmer werden so fit gemacht, dass sie die zehn Kilometer schaffen können“, sagt Professor Hambrecht. Die Betonung liege auf kann. Niemand muss. Weil Kalle heute fehlt und Axel schon wieder umgedreht ist, ist Sonja heute die einzige der langsameren Truppe. Alleine ist sie trotzdem nicht. Zum Glück, sagt sie lachend: „Ich bin nun mal kein Selbst-Entertainer.“ Reihum passen sich die Läuferinnen und Läufer ihrem Tempo an, und sie läuft immer weiter. Sie mag die Ablenkung beim Laufen. Insgesamt kann sie sich besser aufraffen, wenn andere dabei sind. Deshalb sieht Sonja „Bremen läuft 10!“ als Chance, wieder reinzukommen und ein bisschen fitter zu werden. 

Bremen läuft 10 als Start für etwas Neues

Ursprünglich hatte Markus in der vergangenen Woche angekündigt, dass wir heute bis zum Bollener Deich durchziehen werden. Jetzt will er schon beim Tempo 30-Schild Schluss machen, das die Landesgrenze zwischen Bremen und Niedersachsen markiert. 200 Meter vor dem Deich. Wie jetzt? Der Deich war doch das Ziel, sage ich und laufe weiter. Und Sonja denkt wohl das gleiche. Und sie spricht es aus, als wir ihr auf dem Rückweg kurz hinter dem Verkehrsschild begegnen. Umkehren ist nicht, erst zum Deich und dann geht es zurück. 

Zusammen laufen wir weiter. Zum Deich, nur für das gute Gefühl! Erst dann geht‘s zurück zum Sportplatz, unserem dienstäglichen Treffpunkt. Die anderen sind schon ein gutes Stück voraus, sie haben den Umweg zum Deich ausgelassen und sind nach den vier Kilometern noch leichtfüßiger unterwegs als wir. „Wenn ich schnell bin, laufe ich eine Neuner-Pace“, weiß Sonja und grinst. „Ansonsten eben langsamer.“ Na und? „Zeit spielt bei Bremen läuft 10 keine Rolle“, betont Professor Rainer Hambrecht. Es gehe auch nicht um eine Wettkampfvorbereitung, eher um den Start in etwas Neues. „Bremen läuft 10 ist ein Auffangbecken für Menschen, die sich einen Ruck geben wollen, überhaupt wieder anzufangen. Der Fokus liegt allein auf Regelmäßigkeit.“ Darum gehört das Training in Gruppen zum Programm. Die Stiftung Bremer Herzen setzt auf die sozialen Kontakte. Die Teilnehmenden lernen beim Laufen die anderen Gruppenmitglieder kennen und bestenfalls schätzen. Wenn sie sich dann auch nach dem Abschlusslauf zum Training verabreden, hat die Stiftung Bremer Herzen ihr Ziel erreicht. 

Wald mit schmalem Weg im Sauerland

© Stefanie Waterkamp

Woche 6 - 26. Mai

Der sechste Trainingstag läuft ohne mich. Mit fast schlechtem Gewissen gönne ich mir eine Geburtstags-Auszeit – nicht ohne mir eine eigene Hausarbeit aufzugeben. Training am Wochenende. Das bedeutet: Laufen im Sauerland. Für einen Flachlandtiroler, der gerade erst wieder angefangen hat zu laufen, eine echte Herausforderung, wie ich am frühen Morgen des Pfingstsonntags erkenne.

Laufen im Mittelgebirge

Mir kommt ein Gespräch nach meinem Umzug vom Harz an die Weser in einer Bankfiliale in Achim in den Sinn. Fast 30 Jahre ist das her, aber diesen anerkennenden Blick der Bankberaterin, als wir über das Fahrradfahren im Mittelgebirge sprechen, werde ich nicht vergessen. Weil sie – wenn überhaupt – in der norddeutschen Tiefebene fuhr, konnte sie sich gar nicht vorstellen, dass man wie ich dort mit dem Drahtesel unterwegs sein könnte, wo es rauf und runter geht. Das war vor der Zeit, als E-Bikes das Radlerleben leichter machten und bevor ich mich selbst an das Leben auf dem platten Land gewöhnt hatte. Nun also Sauerland. Auf und ab, das hatte ich fast vergessen. Ich bin in der alten Heimat eindeutig zu oft mit dem Auto unterwegs.

Die Steigung will kein Ende nehmen

Erster Anstieg an unserem Hausrestaurant vorbei. Sonst gehe ich den Weg nur vom Parkplatz bis zur Eingangstür, und ich weiß sehr wohl, dass die Steigung von zehn Prozent für ältere Besucher wie meine Mutter eine Herausforderung ist. Joggend, so merke ich schnell, ist der Weg schon für 59-jährige eine Nummer, aber zu Beginn meiner Laufrunde noch leicht zu schaffen. Und ich freue mich, dass es danach wunderbar bergab geht. Aber wer unten ist, muss auch wieder hinauf. Und wenn ich irgendwann wieder zum Haus meiner Freundin zurückwill, muss ich noch mal über den Schwitter Berg, der uns trennt - jetzt aber nicht am Rande vorbei, sondern mitten drüber. Der Weg an Feuerwehr und Friedhof vorbei, vor allem die Steigung, nimmt kein Ende. „Spürbare Hanglage“ verrät mir Google. Mir kommt es vor wie alpines Gelände. Auch hier erreicht die Steigung passagenweise mehr als zehn Prozent.

Schöne Abwechslung auf Waldwegen

Selfie von Stefanie auf einem Waldweg
Kein Asphalt, dafür Waldwege mit kleinen Hindernissen.

© Stefanie Waterkamp

Hinter dem Friedhof beginnt der Wald und es geht noch weiter bergauf. Den größten Teil des Weges jogge ich voran. Manchmal kämpfe ich, manchmal gewinnt der innere Schweinehund und ich gehe ein paar Schritte. Aber ich lege immer wieder los und freue mich über meine Ausdauer. Das Laufen ist schön, so ganz anders als bei uns im Norden, wo fußläufig gar kein Wald zu erreichen ist und die Wege in der Regel asphaltiert sind. Hier sind die Waldwege stark zugewachsen und ich muss mächtig aufpassen, nicht über Wurzeln zu stolpern. Dafür aber ist das Panorama prächtig. Es macht Spaß, ich genieße das Grün, die sich windenden Wege und die Geräusche, die überall zu hören sind. Vogelgezwitscher, Blätterrascheln, das Knacken kleiner Äste. Sind das schon die Glücksgefühle, die beim Laufen ausgeschüttet werden sollen? Wie dem auch sei: Ich bin froh, als ich nach gut drei Kilometern am Punkt ankomme, an dem es nicht noch höher hinausgeht und ich wieder herunterkomme, kurz, steil, anstrengend. Unten geht es plan an der Lahr entlang, danach noch eine leichte Steigung und ich bin angekommen. Wenn das nicht ein Steig(er)ungslauf war, dann weiß ich es auch nicht.

Angepasstes Training bei Hitze

Meine Truppe schwitzt übrigens mindestens so wie ich, obwohl sie im Flachland unterwegs ist. Am Dienstag zeigt das Thermometer 30 Grad. Dummerweise haben wir für den Tag einen Videodreh mit unserem Fotografen verabredet. Einmal hatten wir den Termin schon verschoben, weil es regnete. Weil uns das auch die nächste Woche droht, trommelt der Trainer trotz Sonne und Hitze alle zusammen. „Wir bewegen uns heute nur leicht, sehen aber dynamisch aus.“ Es ist geglückt, und sie hatten sogar Spaß dabei. Nächste Woche geht es wieder richtig weiter.

Text: Stefanie Waterkamp, Fotos: Jens Lehmkühler

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