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Digital Detox – Nun leg doch mal das Ding weg!

Frau mit Rucksack an einem Wasserlauf.
Lesezeit: 5 MinutenAktualisiert: 21.08.2020

Hand aufs Herz: Wie oft haben Sie sich schon vorgenommen, seltener zum Smartphone zu greifen? Medienpsychologe Prof. Dr. Leonard Reinecke weiß, worauf es bei der digitalen Entgiftung ankommt.

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    Es ist immer dabei: am Küchentisch, neben dem Bett, in der Bahn, am Arbeitsplatz. Es klingelt und blinkt von morgens bis abends und bei vielen Menschen auch noch in der Nacht. Vor gut 13 Jahren kamen die ersten bezahlbaren Smartphones auf den deutschen Markt, heute gibt es hierzulande 57 Millionen Nutzer. Statistisch entsperrt jeder von ihnen sein Gerät tagsüber rund 80 Mal – also ungefähr alle zwölf Minuten.  Tendenz:  steigend. Insgesamt verbringen wir jeden Tag diverse Stunden im Netz.

    Das verlangt uns allen viel ab – manchmal zu viel. Deshalb sehnen sich viele Menschen nach mehr Ruhe und danach, wieder häufiger analog zu sein. Brauchen wir alle eine digitale Entgiftung – und wie könnte sie gelingen? Ein Interview mit Dr. Leonard Reinecke, Professor für Medienwirkung und Medienpsychologie am Institut für Publizistik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

    Herr Prof. Reinecke, macht uns das Smartphone krank?

    Nein, das kann man so nicht sagen. Und ich halte überhaupt nichts davon, Smartphones generell zu verteufeln. Denn nicht das Gerät an sich ist das Übel, sondern der Umgang, den wir damit pflegen  –  und den  haben wir schließlich selbst in der Hand.

    Ist das Smartphone für viele zu einem wesentlichen Stressfaktor geworden?

    Ich würde sagen: Menschen fühlen sich gestresst, und das manifestiert sich am Smartphone, weil es der  wichtigste Punkt für die Lebensorganisation ist, gewissermaßen die Schaltzentrale. Deshalb wird das  Handy als ein mit Stress belasteter Gegenstand gesehen.

    Was ist falsch an dieser Sichtweise?

    Wir  dürfen nicht  außer Acht lassen,  dass sich unser Lebensstil insgesamt sehr verändert hat. Arbeitswelten sehen ganz anders  aus als  früher,  das Leben ist viel schneller, hochtouriger geworden. Wir haben also insgesamt mehr Stressoren – nicht alle ergeben sich kausal aus technologischen Entwicklungen.

    Was halten Sie von Digital Detox?

    Der Begriff ist nicht zielführend. Ich sehe nicht, dass digitale Kommunikation toxisch oder gefährlich ist. Die Nutzung ist erst mal wertneutral. Sie bringt gleichermaßen positive wie negative Aspekte in unser Leben. Der Begriff „Digital Detox“ suggeriert, es sei ein Giftstoff, von dem man sich fernhalten muss. Das halte ich für falsch. Es ist eine Entmündigung der Nutzer.

    Einer ARD/ZDF-Onlinestudie zufolge verbringen unter 30-Jährige hierzulande rund 42 Stunden pro Woche im Netz. Schrillen da bei Ihnen keine Alarmglocken?

    Nein, da schrillt nichts. Die Zahl sagt wenig aus. Relativ viele Stunden gehen beispielsweise am Abend fürs  Streaming oder für Netflix drauf. Auch beruflich sind viele Menschen online, das fließt ebenfalls in diese Zahl mit ein.

    Also alles halb so schlimm?

    Bedenklicher als die reine Länge der Nutzung ist die eingeschränkte Autonomie, die sich daraus  entwickeln kann. Man würde sich vielleicht gerne auf etwas anderes konzentrieren, aber WhatsApp funkt immer wieder dazwischen und  fordert  Aufmerksamkeit. Auch sozialer Druck ist nicht zu unterschätzen: Wir hätten vielleicht gerne unsere Ruhe, aber wenn wir nicht schnell genug auf neue Nachrichten reagieren, fühlen wir uns schlecht oder haben Angst, unsere soziale Umwelt zu verprellen. Oder wir haben Sorge, anderswo etwas Wichtiges zu verpassen.

    Wie löst man diesen Zwiespalt auf?

    Die Nutzung des Handys ist stark von Gewohnheiten geprägt. Wenn man unter diesem Automatismus leidet, braucht man eine kritische Bestandsaufnahme. Man sollte überlegen: Wo profitiere ich von dieser Form der Kommunikation, in welchen Situationen bereichert sie mein Leben? Und dann sollte man ebenso die belastenden Situationen analysieren: Wann tut es mir nicht gut?

    Und wohin führt das im besten Fall?

    Diese kritische Selbstreflexion kann dabei helfen, wieder Kontrolle darüber auszuüben, wie, wann, wo und mit wem man kommuniziert. Man lässt sich nicht vom Smartphone oder den vermeintlichen Erwartungen anderer drängen, sondern setzt eigene Prioritäten. Vielleicht probiert man auch mal aus, wie es ist, wenn man 24 Stunden nicht auf Nachrichten antwortet. Man wird merken: Es passiert nichts Schlimmes.

    Das Belastende ist also, nicht einschätzen zu können, wie die Umwelt reagiert?

    Ja. Die Erreichbarkeitserwartung ist ein großes Problem. Ich rate dazu, das Thema im Freundeskreis mal  anzusprechen. Wahrscheinlich geht es anderen ähnlich wie einem selbst. Gemeinsam kann man das Erwartungslevel senken – bis es sich für alle gut anfühlt. Letztlich ist die Smartphone-Nutzung doch auch Verhandlungssache, sie ist nicht unveränderlich.

    Wir brauchen also keine handyfreien Tage?

    Es kann sicher nicht schaden, das Handy einfach mal einen halben oder ganzen Tag zu Hause zu lassen. Noch wichtiger ist aber,  grundsätzlich eine  Sensibilität zu schaffen und sich seines Nutzungsverhaltens bewusst zu werden. Dabei können beispielsweise Apps hilfreich sein, die messen, wie lange und wofür ich mein Smartphone nutze. Auf diese Weise kann man sich vergegenwärtigen, wie viele Stunden man online mit Facebook oder Instagram zugebracht hat – und sich Gedanken machen, ob man das so will.

    Wie oft benutzen Sie Ihr Handy?

    Das ist sehr unterschiedlich. Ich würde sagen, wenn ich reise: sehr viel. Wenn ich im Büro bin: weniger. Im Schnitt zwischen einer und drei Stunden am Tag.

    Würden Sie sagen, vier bis fünf Stunden online am Tag sind okay?

    Für viele, insbesondere junge Nutzerinnen und Nutzer sind solche und auch höhere Zahlen ganz normaler Alltag. Das ist aus meiner Sicht dann unproblematisch, wenn Internet- und Smartphone-Nutzung eingebettet sind in ein vielfältiges „Menü“ an Aktivitäten und Lebensinhalten. Wenn das Internet zum einzigen Lebensmittelpunkt wird, ist das mit Sicherheit problematisch. Wenn es uns dabei unterstützt, unseren Interessen, Aufgaben und Freundschaften nachzugehen und diese mit Leben zu füllen, kann auch eine intensive Nutzung eine Bereicherung sein.

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