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Fibromyalgie: dauerhafter Muskelschmerz

Frau leidet durch ihre Fibromyalgie unter schmerzen Gelenken und massiert ihre Hand.

© iStock / ljubaphoto

Lesezeit: 5 MinutenAktualisiert: 22.09.2021

Ein Gefühl wie ein Muskelkater, das aus dem Nichts kommt. Scheinbar wahllos treten die Beschwerden auf. Oft zeigen sie sich am Rücken, um sich von dort auf die Arme und Beine auszubreiten. Hinzu kommen Begleiterscheinungen wie Schlafstörungen und Erschöpfung. Fibromyalgie heißt das Schmerzgespenst, das Betroffene in Schüben heimsucht. Im Volksmund wird das Schmerzsyndrom auch Weichteilrheuma genannt. Prof. Dr. Winfried Häuser ist Facharzt für Innere Medizin; Spezielle Internistische Intensivmedizin sowie Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie; Spezielle Schmerztherapie. Er verrät im Interview, wie Patienten mit der richtigen Therapie die Krankheit besser in den Griff bekommen und was sie selbst tun können.

Inhalte im Überblick

    Welche Beschwerden können auf ein Fibromyalgiesyndrom hinweisen?

    Es gibt sogenannte Leitsymptome, die sich als besonders bedeutsame Anzeichen herausstellen. Bei der Fibromyalgie werden insgesamt drei davon unterschieden:

    1. Chronische Schmerzen, die mindestens drei Monate anhalten und beide Körperseiten betreffen. Die Schmerzen können an den Beinen, Armen oder am Rücken auftreten.
    2. Nicht erholsamer Schlaf. Fibromyalgie-Patienten fühlen sich am nächsten Tag wie gerädert.
    3. Müdigkeit und Erschöpfung können ebenfalls auf eine Fibromyalgie-Erkrankung hindeuten.

    Neben den einschlägigen Symptomen können noch weitere Beschwerden in Verbindung mit der Erkrankung und einem Fibromyalgie-Schub stehen. Seelische Beschwerden wie Niedergeschlagenheit, innere Unruhe und Konzentrationsprobleme oder Kopfschmerzen werden beobachtet.

    Wie wird die Erkrankung diagnostiziert und welcher Facharzt ist zuständig?

    Zunächst erhebt der Mediziner die Krankengeschichte, die sogenannte Anamnese. Hier wird beispielsweise gefragt, welche Symptome bestehen und ob es ähnliche Beschwerden in der Familie gibt. Die Anamnese dient dazu, andere Erkrankungen auszuschließen, die die Symptome womöglich besser erklären. Medikamente können Muskelschmerzen auslösen, daher ist es wichtig zu erfahren, ob Arzneimittel eingenommen werden. Um ein Fibromyalgiesyndrom zu diagnostizieren, müssen die drei oben genannten Kernsymptome vorliegen. Im Anschluss erfolgt die körperliche Untersuchung.

    Basislaborwerte, die mithilfe einer Blutuntersuchung bestimmt werden können, geben Aufschluss darüber, ob Erkrankungen des Stoffwechsels, eine Blutarmut oder Gelenkentzündungen in Betracht kommen. Patienten können auch eine sekundäre Fibromyalgie haben. Sie kann als Folgeerkrankung auftreten, wenn bereits eine entzündlich-rheumatische Erkrankung wie eine rheumatoide Arthritis diagnostiziert wurde. Das trifft auf etwa 20 bis 30 Prozent der Fibromyalgie-Patienten zu. Ein Fibromyalgiesyndrom diagnostizieren, das kann übrigens auch der Hausarzt. Hierfür kann er einen Fibromyalgiesymptome-Fragebogen nutzen.

    Der Hausarzt stellt auch eine Überweisung zu einem Facharzt für Neurologie oder zu einem Stoffwechselspezialisten aus, wenn andere Erkrankungen vermutet werden. Da die Fibromyalgie keine klassische rheumatologische Erkrankung ist, muss nicht zwangsweise ein Rheumatologe zur Diagnosestellung aufgesucht werden.

    „Der Hausarzt kann eine Fibromyalgie diagnostizieren. Werden andere Erkrankungen vermutet, kann auch eine Überweisung zu einem Neurologen oder einem Stoffwechselspezialisten sinnvoll sein. Ein Rheumatologe ist also nicht die einzige Anlaufstelle.“

    Prof. Dr. Winfried Häuser
    Facharzt für Innere Medizin; Spezielle Internistische Intensivmedizin sowie Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie; Spezielle Schmerztherapie

    Welche Rolle spielt dabei die Arzt-Patienten-Kommunikation?

    Die Arzt-Patienten-Kommunikation ist sehr wichtig. Hierbei kommt es darauf an, dem Patienten zu signalisieren: „Ich nehme deine Beschwerden ernst“. Dem Betroffenen hilft es auch, ein Erklärungsmodell zur Seite gestellt zu bekommen. Bei Fibromyalgie liegt nämlich eine Störung der zentralen Schmerzverarbeitung im Gehirn vor und nicht etwa ein Verschleiß der Gelenke. Nachvollziehen zu können, wie es zu den Beschwerden kommt, hilft Patienten bei der Verarbeitung ihrer Erkrankung.

    Wie entsteht eine Fibromyalgie?

    Heute nimmt man an, dass Fibromyalgie-Schmerzen auf eine gestörte Schmerzverarbeitung zurückgeführt werden können. Es gibt Faktoren, die zur Entstehung beitragen oder die Erkrankung verschlimmern. Hier werden entzündliches Rheuma, Dauerstress, der über viele Jahre hinweg besteht, Operationen oder womöglich Infektionen angegeben. Auch eine familiäre Vorbelastung, emotionale Vernachlässigung im Kindesalter oder Traumata könnten eine Rolle spielen.

    Frau liegt abgeschlagen im Bett, weil sie unter Fibromyalgie leidet.
    Ein Symptom einer Fibromyalgie sind Reizdarmsyndrom und ständige Abgeschlagenheit.

    © iStock / LumiNola

    Wie wird die Fibromyalgie behandelt?

    Schmerzmittel stehen nicht primär im Vordergrund. Vielmehr geht es darum, realistische Therapieziele zu erfassen, um die Lebensqualität zu verbessern. Eine komplette Schmerzfreiheit erlangen die Patienten in der Regel nicht. Allerdings kann Bewegung in Form von leichtem Ausdauertraining (zum Beispiel Walken), moderatem Krafttraining und Dehnübungen helfen. Das Thema Stressbewältigung ist ebenfalls wichtig. Dazu können auch Entspannungsmaßnahmen wie Meditation beitragen. Fibromyalgie-Patienten müssen lernen, ihre Kräfte einzuteilen. So kann es sinnvoll sein, dass die Hausarbeit von einer Haushaltshilfe erledigt oder ein Gärtner zur Pflege des Gartens bestellt wird.

    Die Schlafhygiene fördert nicht nur die Entspannung, sondern kann auch Müdigkeit am nächsten Tag entgegenwirken. Einschlafrituale bringen Ruhe und erleichtern das Einschlafen. Nicht zuletzt sollten eventuell bestehende psychische Begleiterscheinungen behandelt werden. Eine posttraumatische Belastungsstörung, Depressionen und Co. können die Beschwerden bei einem Fibromyalgie-Syndrom verstärken.

    „Bewegung, Stressbewältigung, Entspannung, die richtige Schlafumgebung und die Einteilung der Kräfte können das Wohlbefinden von Fibromyalgie-Patienten verbessern.“

    Prof. Dr. Winfried Häuser
    ist Facharzt für Innere Medizin; Spezielle Internistische Intensivmedizin; Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie; Spezielle Schmerztherapie

    Können entzündungshemmende Nahrungsmittel helfen?

    Hier ist die Datenlage sehr dünn. Heilfasten und vegetarische Kost kann von Patienten ausprobiert werden, eine Garantie für eine Beschwerdebesserung gibt es jedoch nicht.

    Was können Patienten selbst tun?

    Patienten sind die Hauptakteure, wenn es um die Behandlung der Fibromyalgie geht. Sie können maßgeblich dazu beitragen, ihr Wohlbefinden zu steigern. Das funktioniert beispielsweise, indem sie Stress in ihrem Alltag reduzieren. Welche Entspannungsmaßnahmen dafür gewählt werden, bleibt dem Patienten selbst überlassen. Tai-Chi, Qigong oder Yoga stehen beispielsweise zur Verfügung. Etwa 90 Prozent der Betroffenen reagieren empfindlich auf Kälte. Wärme wird hingegen oft als wohltuend empfunden. Eine Wärmedecke, der Besuch eines Thermalbads oder ein heißes Bad lindern Schmerzen. Auch die Angehörigen können einen wichtigen Beitrag leisten. Sie können beispielsweise Verständnis aufbringen und bei schweren Aufgaben zur Hand gehen.

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