Liebe & Sexualität
Menschen in queeren Beziehungen meistern Krisen oft als Team
Veröffentlicht am:05.03.2026
5 Minuten Lesedauer
Queere Paare stehen oft besonderen Herausforderungen gegenüber. Psychologe, Paartherapeut und Sexualberater Tobias Herrmann-Schwarz verrät im Interview, welche das sind und wie sie daran gemeinsam wachsen können.

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Wenn Liebe zusätzliche Hürden überwinden muss
Was unterscheidet queere Beziehungen von heterosexuellen? Auf den ersten Blick scheinen sie ähnliche Herausforderungen zu haben: Kommunikationsprobleme, unterschiedliche Bedürfnisse, Alltagsstress. Doch queere Paare tragen zusätzlich eine Last, die andere nicht kennen – und entwickeln dadurch oft besondere Stärken. Psychologe, Paartherapeut und Sexualberater Tobias Herrmann-Schwarz erklärt im Interview, wie queere Menschen in Paar- oder Mehrpersonenbeziehungen Krisen meistern.
Herr Herrmann-Schwarz, mit welchen Anliegen kommen queere Menschen in Paar- oder Mehrpersonenbeziehungen zu Ihnen?
Ein klassisches Problem lautet: „Wir kommunizieren nicht mehr gut miteinander.“ Das trifft in der Regel auf Menschen in heterosexuellen und queeren Beziehungen zu. Ein queeres Paar kam beispielsweise zu mir, weil der Ton rau geworden war. Theoretisch wussten beide, wie gute und gewaltfreie Kommunikation funktioniert, nur praktisch klappte es nicht mehr. Wir haben dann das Konzept der vier Seiten einer Nachricht durchgespielt: Sachebene, Beziehungsebene, Selbstoffenbarung, Appell. Oft verstehen wir etwas anders, als es gemeint war. Die beiden haben das humorvoll aufgegriffen. Wenn es hitzig wurde, sagte einer: „Denk an unsere Therapie!“ Dann überlegten sie: Auf welcher Ebene bewegen wir uns gerade? Worum geht es wirklich? Dieses Modell ist simpel, aber sehr wirksam.
Reicht es also, an der Kommunikation zu arbeiten?
Die Kommunikationsprobleme sind oft nur die Oberfläche. Darunter liegen bei queeren Paaren häufig spezifische Herausforderungen: Wie gestalten wir unsere Beziehung – monogam oder offen? Wie viel Autonomie braucht jede Person? Die meisten tragen bestimmte heteronormative Vorstellungen mit sich: Man „muss“ drei Mal die Woche Sex haben, zu einem bestimmten Zeitpunkt zusammenziehen, irgendwann heiraten. Dann stellen sie fest, dass diese gesellschaftlichen Erwartungen gar nicht den eigenen Bedürfnissen entsprechen. Einer braucht vielleicht mehr Zeit für sich allein. Die andere ist neugierig auf weitere sexuelle Erfahrungen. Solche Wünsche passen nicht ins vermeintlich klassische Schema, das führt zu Spannungen und offenbart die eigentlichen Themen hinter den Kommunikationsproblemen.
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Wenn die queere Beziehung in der Öffentlichkeit zur Belastung wird
Welche Rolle spielen Diskriminierung und Ablehnung zusätzlich zu den gesellschaftlichen Erwartungen?
Die schwingen fast immer mit, werden aber selten als Hauptthema angesprochen. Die Erfahrungen tauchen eher nebenbei auf. Etwa, wenn es um die Frage geht, wie man sich in der Öffentlichkeit verhält, beispielsweise, ob man auf der Straße Händchen hält. Solche alltäglichen Dinge, die Heterosexuelle gar nicht hinterfragen, sind bei queeren Paar- und Mehrpersonenbeziehungen oft mit Unsicherheit oder Angst verbunden. Erst vor kurzem wurden zwei Frauen angegriffen und verletzt, weil sie sich geküsst haben. Das passiert immer wieder. Schon ein Kuss in der Öffentlichkeit wirft die Frage auf: Sind wir hier sicher? Diese ständige Wachsamkeit, dieser zusätzliche Rucksack an Stress, den trägt jedes queere Paar mit sich. Dazu kommen dann noch die üblichen Beziehungskonflikte.
Tobias Herrmann-Schwarz

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Der Psychologe, Paartherapeut und Sexualberater arbeitet schwerpunktmäßig mit Menschen aus der LGBTQ+ Community zusammen und unterstützt sie bei ihren persönlichen Anliegen und Problemen.
Wie wichtig ist dann für queere Paare beziehungsweise Menschen in Mehrpersonenbeziehungen die Akzeptanz im näheren sozialen Umfeld?
Das ist ein zentrales Thema. Ich beobachte oft, dass queere Menschen sich stärker von ihrem Herkunftsumfeld lösen als heterosexuelle Paare. Sie reflektieren bewusster, mit wem sie Zeit verbringen möchten, wer ihnen guttut – und wer nicht. Der Begriff „Familie“ bedeutet für sie nicht automatisch Sicherheit und Geborgenheit. Viele queere Paar- und Mehrpersonenbeziehungen erleben im Familien- und Bekanntenkreis Diskriminierung. Dann ist es wichtig, zurück in die Selbstwirksamkeit zu finden. Der erste Schritt ist Achtsamkeit: Wo liegt das Problem, wo wurden Grenzen überschritten? Welche Handlungsoptionen habe ich? Wo finde ich Verbündete? Welche rechtlichen Schritte gibt es womöglich? Zudem helfen sichere Rückzugsorte – sogenannte safer spaces –, wo jeder Mensch so sein kann, wie er ist.

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Wie queere Menschen in Paar- oder Mehrpersonenbeziehungen sich gegenseitig stärken können
Was können queere Paare tun, wenn die Familie kein safer space ist?
Als Team zusammenhalten und die Partnerperson wissen lassen: Es gibt mindestens einen Menschen, der hinter dir steht. Zudem hilft es, gezielt nach Räumen in der queeren Community zu suchen, wie queerfreundliche Cafés, Bars, Events oder ein Ehrenamt, wenn man aktiv werden möchte. Und es oft vor, dass sich sogenannte Wahlfamilien aus dem Freund*innen- und Bekanntenkreis entwickeln, die ein liebevoller und würdiger Ersatz für die Blutsfamilie sind. Auch eine psychologische Beratung kann unterstützen. Vielen Paaren geben kleine Rituale wie Spaziergänge oder Achtsamkeitsübungen wieder Kraft.
Inwiefern fördern solche Rituale die Beziehung?
In der Therapie arbeite ich daran, dass Paare Herausforderungen zusammen angehen: Sie arbeiten gemeinsam gegen das Problem und nicht gegeneinander. Das gelingt am besten, wenn sie regelmäßig einen Check-in machen: Wie geht es mir gerade, beispielsweise auf einer Skala von eins bis zehn? Wo stehst du? Wenn eine Person bei zwei ist und die andere bei sieben, können sie sich gegenseitig auffangen. Entscheidend dabei ist zu spüren: Wir gehen Sachen zusammen an. Wenn Paare das erleben, ist sehr viel gewonnen.
Haben queere Paare und polyamor lebende Menschen auch besondere Stärken?
Ja, durchaus. Menschen in queeren Paar- oder Mehrpersonenbeziehungen sind oft besser darin, Probleme als Team anzugehen. Dieses sogenannte dyadische Coping funktioniert gut, weil sie durch den Minderheitenstress gelernt haben: Wir müssen zusammenhalten. Außerdem haben viele einen besseren Zugang zu sich selbst. Wer sich mit seiner sexuellen Identität auseinandersetzen musste, weiß oft klarer, wer er*sie ist und was er*sie braucht. Viele haben in queeren Beziehungen und Mehrpersonenbeziehungen bereits erkannt: Das klassische Bild – Mann, Frau, Haus, Kind – passt bei uns sowieso nicht. Deshalb fällt es ihnen leichter, sich von gesellschaftlichen Erwartungen zu lösen und eigene Wege zu gehen. Bei heterosexuellen Paaren sind diese heteronormativen Vorstellungen oft fester verankert. Die Ablösung davon ist dann mühsamer.
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Wie viele Sitzungen haben Ihre Klienten und Klientinnen durchschnittlich?
Im Schnitt fünf bis sieben. Manche Paare kommen nur zweimal und haben ihr Thema geklärt. Andere brauchen mehr Zeit, wenn viele Konflikte übereinanderliegen. Spannend finde ich Paare, die halbjährlich zum Check-in kommen, obwohl gerade alles gut läuft. Sie wollen einfach sichergehen, dass sich nichts anbahnt. Das ist eine sehr wertschätzende Haltung der eigenen queeren Beziehung gegenüber.
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