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Schlechtes Zeugnis: Was Eltern tun und nicht tun sollten

Vater und Mutter sprechen mit ihrem Sohn über seine schlechten Schulnoten.

© iStock / pixdeluxe

Lesezeit: 7 Minuten06.01.2022

Noten begleiten den Schulalltag. Ob zwischendurch oder auf dem Zeugnis präsentiert, können sie auf manche Schüler beängstigend wirken. Wie wichtig sind sie und wie können Eltern mit schlechten Schulnoten besser umgehen und ihre Kinder unterstützen?

Inhalte im Überblick

    Im Interview beantwortet Schulpsychologe Andreas Heidecke vom schulpsychologischen Dienst der Stadt Köln die spannendsten Fragen.

    Wie wichtig sind Schulnoten?

    Für den Schulerfolg und als Eintrittskarte für Lebenschancen sind Schulnoten und Abschlüsse natürlich schon wichtig. Sie sind aber kein Maß, an dem man den Wert von Personen messen kann. Als Legitimation, also als Berechtigung, sind sie aber wichtig.

    Welche Reaktion löst ein schlechtes Zeugnis bei Eltern aus?

    Das ist sehr unterschiedlich. Ich denke, wir haben schon Eltern, die mit ihrem Kind als Team eng zusammenarbeiten, Lösungen suchen und den Blick nach vorne richten. Es gibt aber auch Eltern, die mit ihrem Kind schon im Laufe des Schuljahres Probleme haben zusammenzuarbeiten, sodass sie keine Form gefunden haben, um als Eltern angemessen teilzunehmen. So haben die Eltern womöglich nicht genügend Informationen bekommen und die Kinder haben die Eltern nicht ausreichend einbezogen. Dann kann so ein Zeugnis nach einem Jahr schon zu Streitereien und zu einem Gegeneinander führen. In Summe trägt das aber nicht zu den besten Schulerfahrungen bei.

    Dürfen Eltern verärgert sein und schimpfen?

    „Verärgert sein“, das machen Eltern nicht extra, sondern häufig als Anzeichen der Solidarität zu ihren Kindern. Dabei handelt es sich jedoch um eine sehr hilflose Reaktion. Verärgert sein dürfen Eltern schon, aber vom Schimpfen ist noch keine Note besser geworden. Schimpfen ist als produktives Lösungsmittel vollkommen ungeeignet. Wenn sich Eltern und Kind nicht als Team zusammenfinden, macht es keinen Sinn, in die Vergangenheit zu sehen. Das Zeugnis sollte ein Anlass sein, um in die Zukunft zu blicken, zu schauen, was besser gemacht werden kann. Anstatt Moralisierungen können konkrete Verabredungen hilfreich sein. Eltern sind Helfende, wenn es um Schule geht. Sie sind nicht die Kontrollierenden, nicht die Strafenden und im Hinblick auf die Schule nicht die Belohnenden. Die Forderungen, um die es geht, sind schließlich die von der Schule und nicht von den Eltern. Kinder haben das Recht auf jede Hilfe der Eltern, um in den Zusammenhängen erfolgreich zu sein. Manchmal fällt es Kindern allerdings schwer, diese Grundrechte in Anspruch zu nehmen oder sie überhaupt zu erfragen.

    „Verärgert sein dürfen Eltern schon, aber vom Schimpfen ist noch keine Note besser geworden.“

    Porträt von Andreas Heidecke

    Andreas Heidecke
    Schulpsychologe vom schulpsychologischen Dienst der Stadt

    © Andreas Heidecke

    Was sollten Eltern nicht tun nach schlechten Noten?

    Streit führt zu keinen besseren Noten, von daher kann man sich das sparen. Manchmal kommt es zwar dazu, dann muss man aber schauen, dass das nicht zu oft passiert. Höchst destruktiv für Kinder ist, wenn sie den Eindruck haben, dass ihr Wert und somit auch die Liebe der Eltern von ihrer Leistungsfähigkeit in der Schule abhängen. Das kann Kinder im höchsten Maße in Not bringen.

    Strafen halte ich aus ethischen Gründen nicht für sinnvoll. Umgekehrt können Eltern aber Absprachen mit ihren Kindern treffen. Dazu gehört beispielsweise ein Tagesablauf. Das würde so aussehen, dass man den Kindern vermittelt: „Du machst erst deinen Job, in dem Fall die Schule oder die Hausaufgaben, und danach belohnst du dich, zum Beispiel mit Sport.“ Dabei kann allerdings auch die Konsequenz beinhaltet sein: „Wenn du noch nicht fertig bist, kannst du mit dem Sport noch nicht anfangen.“ Eltern vertreten die Konsequenz somit nicht mit Ärger, sondern auf Basis einer Verabredung, die mit dem Kind vereinbart wurde. Die Verabredung muss mit Kindern allerdings früh genug getroffen werden, damit die Kinder auch die Möglichkeit haben, negative Konsequenzen abzuwenden.

    Es gibt Situationen, in denen sich ein Kind unheimlich viel Mühe gegeben hat und trotzdem nicht fertig geworden ist. Der Nachwuchs hat sich aber schon zum Fußball verabredet. Dann ist es sicherlich sinnvoll, die Mühe des Kindes zu honorieren, auch wenn es noch nicht fertig geworden ist. Eine zu zwanghafte Enge sollte nicht entstehen. Schließlich kann es sein, dass der Lehrer zu viel aufgegeben hat. Generell gilt: Wenn sich ein Kind einsetzt, muss es auch die Möglichkeit haben, Gewinn zu erzielen.

    Wie können Eltern ihr Kind unterstützen?

    Das hängt in der Summe von dem Alter des Kindes ab. Wenn Kinder jünger sind, macht es durchaus Sinn, mehr klare Vorschläge zur Tagesstruktur und zur Organisation des Arbeitsplatzes oder des Arbeitsablaufes zu machen. So können Eltern kleineren Kindern Alternativen an die Hand geben.

    Bei Kindern gibt es grundsätzlich zwei Fäden, an denen wir als Eltern ziehen können:

    1. Kontrolle und Begleitung: Das spielt vor allem bei kleineren Kindern eine Rolle.
    2. Vertrauen: Das kann bei älteren Schülern eine deutlich wirksamere Methode sein. Hier würde man eher fragen: „Brauchst du Hilfe?“

    Das „Ich verlasse mich auf dich“ kann bei älteren Kindern genutzt werden. Hier muss allerdings eine gute Dosierung gefunden werden, was nicht zuletzt auch vom Kind selbst abhängt. Ab einem bestimmten Alter sind Kontrolle und Begrenzung nicht mehr geeignet, um wesentlichen Einfluss zu nehmen. Wenn Kinder älter sind, ist die Selbstständigkeit ein größeres Ziel als die Fehlerfreiheit von erledigten Hausaufgaben. Ein generelles Alter gibt es dafür nicht. Eltern können das aber erproben. Zeigen sich Kinder überfordert mit dem Vertrauen und der Selbstständigkeit, kann der Umfang der selbst zu erledigenden Aufgaben beispielsweise wieder zurückgefahren werden.

    „Wenn Kinder älter sind, ist die Selbstständigkeit ein größeres Ziel als die Fehlerfreiheit von erledigten Hausaufgaben.“

    Porträt von Andreas Heidecke

    Andreas Heidecke
    Schulpsychologe vom schulpsychologischen Dienst der Stadt Köln

    © Andreas Heidecke

    Sollten gute Noten belohnt werden?

    Ein konsequenter Schulpsychologe würde jetzt „Nein“ sagen. Eltern sind im Rollengefüge Helfende. Wenn Eltern eine sehr große Anteilnahme am schulischen Geschehen der Kinder nehmen, zum Beispiel mit viel Kontrolle oder sogar Strafen, erwecken sie beim Kind den Eindruck, dass die Schule eine wahnsinnig wichtige Sache für sie ist. Das hat bei Schülern häufig die Konsequenz, dass ihre Eigenmotivation leidet. Es gibt Kinder, die sagen: „Ich bleibe nicht sitzen, weil meine Mama mir früh genug Bescheid sagt.“ Wenn wir als Eltern ein zu großes Maß an Interesse zeigen, können wir also die Eigenmotivation der Kinder untergraben.

    In der Pubertät kann ich zudem die Schule als Feld der Rebellion anbieten, wenn ich den Eindruck erweckt habe, dass die Schule sehr wichtig für mich als Elternteil ist. Generell sollten Eltern nicht das Missverständnis aufkommen lassen, was darin besteht: „Ich mache das für meine Eltern, es ist für meine Eltern wichtig.“

    Mutter und Sohn arbeiten gemeinsam an den schlechten Schulnoten und klatschen sich nach erfolgreichem Erledigen der Hausaufgaben motiviert ab.
    Wenn der Nachwuchs schlechte Schulnoten mit nach Hause bringt, sind auch die Eltern gefragt. Gemeinsames Lernen und Hausaufgabenmachen können eine Lösung sein.

    © iStock / Paperkites

    Wie gefährlich ist Leistungsdruck durch die Eltern?

    Wenn Kinder glauben, dass sie nur für Leistungen geliebt werden, ist das höchst destruktiv und im höchsten Maße bedrohlich. Dabei drohen Folgen für die seelische Gesundheit. Die Rolle der Eltern als Helfende verträgt sich nicht mit Druck-Ausüben. Es gibt aber natürlich im Zusammenhang mit schulischen Misserfolgen Druck, der sich alleine durch den Misserfolg für die Kinder ergibt. Eine Schule ist ein toller Ort, der die Kinder stark, selbstbewusst und glücklich machen kann, aber unter der Bedingung, dass die Kinder die Hilfe bekommen, um erfolgreich zu sein.

    Bei Misserfolgen ist häufig das Gegenteil der Fall. Kinder können dann in ihrer Motivation Schaden erleiden. Dann kann es sein, dass sie ihre schulischen Pflichten noch weniger erfüllen. Auch Probleme mit Gleichaltrigen oder psychosomatische Störungen können auftreten. Schulischer Misserfolg ist sicherlich das, was für Kinder am beeinträchtigsten ist. Eltern können die Not, die sich daraus ergibt, zuspitzen, indem sie sich nicht zugewandt verhalten.

    Wann ist ein Gespräch mit dem Lehrer sinnvoll?

    Wenn ich das Zeugnis erhalte und bin überrascht, habe ich im Laufe des Jahres weder das Gespräch mit meinem Kind noch mit dem Lehrer gesucht. Dinge, die sich im schlechten Zeugnis widerspiegeln, sind Dinge, die ich lange vorher erfahren könnte, zum Beispiel in Gesprächen mit Lehrern. Wenn ich nach dem Erhalt des Zeugnisses die Möglichkeit habe, kurzfristig mit dem Lehrer zu sprechen, und mein Kind einverstanden ist, sollte ich das machen. Dabei sollte nicht im Mittelpunkt stehen, was schiefgelaufen ist, sondern welche weiteren Hilfen das Kind braucht. Welche Hilfen kann ich als Elternteil leisten und was macht der Lehrer.

    In erster Linie haben Lehrer nicht den Auftrag zu bewerten, sondern zu fördern. Als Elternteil kann ich gezielt nachfragen, was ich tun kann. Eltern sollten sich danach im Klaren darüber sein, dass es jetzt einen Neustart gibt. Dazu kann mit dem Kind gemeinsam überlegt werden, was nächstes Jahr anders sein soll. Eine erste Frage kann sein: „Hast du eine Idee, was du besser machen kannst?“ Fällt es dem Kind schwer, das zu formulieren, können Eltern auch Hilfestellung geben: „Darf ich dir vorschlagen, wo du ansetzen kannst?“ Bei zukünftigen (Lern-)Absprachen helfen konkrete Verabredungen: wann, zu welcher Zeit, wie lange, in welcher Form. Das Kind zu fragen, ob es möchte, dass man als Erwachsener noch einmal Anteil daran nimmt, kann sinnvoll sein.

    „Eltern sollten sich danach im Klaren darüber sein, dass es jetzt einen Neustart gibt. Dazu kann mit dem Kind gemeinsam überlegt werden, was nächstes Jahr anders sein soll.“

    Porträt von Andreas Heidecke

    Andreas Heidecke
    Schulpsychologe vom schulpsychologischen Dienst der Stadt Köln

    © Andreas Heidecke

    AOK unterstützt bei Schulproblemen

    Möchte ein Schüler in der Schule nicht mitwirken oder hat Probleme mit Schulnoten, steckt dahinter nicht immer Unverständnis oder Bequemlichkeit. Manche Kinder haben ADHS (Zappelphilipp-Syndrom), eine Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) oder Dyskalkulie. Andere fühlen sich durch Mitschüler gemobbt. Wenn die Schulnoten anhaltend schlecht sind, kann es ratsam sein, den Blick zu weiten und gezielt Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die AOK übernimmt die Kosten für notwendige Diagnosestellungen und Behandlungen. Eltern, die sich austauschen möchten, können dafür das kostenlose Forum Eltern & Kind nutzen. Hier antworten AOK-Experten sowie Eltern und geben wertvolle Impulse für den Schulalltag.

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