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Kinder verlernen die Handschrift

Ein Kind schreibt mit Handschrift seine Hausaufgaben.

© iStock / romrodinka

Lesezeit: 3 MinutenAktualisiert: 27.05.2021

Ein Drittel der Schülerinnen und Schüler hat Probleme mit dem Schreiben – und an den Schulen ist zu wenig Zeit zum Üben. Dabei fördert das Schreiben mit der Hand Motorik, Kreativität und Gedächtnis.

Inhalte im Überblick

    Wird die Handschrift verdrängt?

    Zarte Linien, Schleifen und Schwünge, die schließlich ein Wort bilden: Die Handschrift ist ein kreativer Prozess, an dem 30 Muskeln und 17 Gelenke beteiligt sind. Eine uralte Kulturtechnik, die zwölf Areale im Gehirn herausfordert. Und doch verschwindet die komplexe Fingerübung zunehmend aus dem Alltag. 

    Bildungsforscher sehen die Handschrift in Gefahr. Denn immer seltener greift man zum Stift, stattdessen wird auf Computertastaturen und Displays getippt. Ab und an ein Einkaufszettel, ein paar Notizen auf einem Post-it, einige Weihnachtskarten mit handschriftlichen Grüßen – viel mehr schreiben die meisten Menschen nicht. Auch an den Schulen kommen immer mehr Tablets und Laptops zum Einsatz. 

    Ob jemand ein A oder O tippt, macht keinen Unterschied, das ist immer nur die eine gleiche Bewegung. Wer jedoch Buchstaben mit der Hand schreibt, der fordert seiner Motorik und Kreativität viel mehr ab. Darum sind Psychologen und Neurowissenschaftler noch nicht bereit, die Handschrift zu einem Relikt aus der Vergangenheit zu erklären – selbst wenn die Digitalisierung die bewährte Kulturtechnik immer mehr verdrängt. Denn das Schreiben per Hand schult nicht nur die Koordinationsfähigkeit, sondern macht auch schlau. 

    Kinder und Medien

    Sie fragen sich, ob Ihr Kind zu viel Zeit mit Smartphone und Internet verbringt? Der AOK-Bundesverband ist Partner der Initiative des Bundesfamilienministeriums SCHAU HIN! Was Dein Kind mit Medien macht.

    Handschreiben ist gut für das Lesen und die Rechtschreibung

    „Das Handschreiben ist genauso wichtig wie das Lesen und die Orthographie“, sagt Dr. Marianela Diaz Meyer, Geschäftsführerin des gemeinnützigen Schreibmotorik Instituts. „Handschreiben unterstützt die Rechtschreibung, das Textverständnis, letztlich die schulischen Leistungen insgesamt. Handschreiben ist nicht mit Tippen zu vergleichen. Denn diese differenzierten Bewegungen der Finger und des Handgelenks aktivieren das Gehirn – und unterstützen somit das Lernen.“ Zudem blieben handschriftliche Notizen besser im Gedächtnis.

    Ein Mädchen lernt und schreibt mit Handschrift.
    Die Handschrift ist eine gute motorische Übung, sie beansprucht 30 Muskeln und 17 Gelenke.

    © iStock / Hakase_

    Diese positiven Wirkungen auf Schulkinder bestätigen über 90 Prozent der für eine Studie des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) befragten Lehrkräfte. Zugleich kritisieren sie, dass es häufig zu wenig Zeit für individuelle Förderung und das Üben in der Schule gebe. Wenn Kinder zudem noch motorische Defizite aufweisen, weil sie auch zu Hause nicht die notwendige Unterstützung bekommen können, gerieten die Lehrer an „die Grenze des Machbaren“.

    Das Ergebnis: Ungefähr ein Drittel der Kinder hat Probleme damit, eine gut lesbare, flüssige Handschrift zu entwickeln. Lehrkräfte von weiterführenden Schulen sehen im Schnitt sogar bei 43 Prozent ihrer Schüler Schwierigkeiten. Jungen sind laut der VBE-Untersuchung noch deutlich häufiger von Schreibschwächen betroffen als Mädchen.

    „Handschreiben aktiviert das Gehirn und unterstützt somit das Lernen.“

    Dr. Marianela Diaz Meyer
    Leiterin des Schreibmotorik Instituts in Heroldsberg

    So klappt es mit einer schönen Handschrift

    Dabei können schon kleine Veränderungen helfen. „Möglichst den Stift mit wenig Druck auf dem Papier aufsetzen und locker in der Hand halten – dann kann man auch flott schreiben“, so Diaz Meyer. Denn gerade das falle vielen Kindern und Studenten schwer: längere Zeit zu schreiben, ohne dass die Finger oder das Handgelenk schmerzen.

    Darum rät die Motorik-Expertin: „Es ist ganz wichtig, für das Handschreiben den ganzen Körper zu entspannen, die Schultern ein bisschen locker zu machen, sie vor dem Schreiben hin und her zu bewegen und zwischendurch den Arm auszuschütteln.“ Zudem empfiehlt sie mehr Bewegungsspiele für Kinder, sowohl in der Schule als auch zu Hause.

    Eltern könnten ihre Kinder mit Spielen wie Fangen und dem gemeinsamen Laufen durch einen Hindernisparcours fördern. Und Vorbild sein, indem sie selbst auch wieder mehr mit der Hand schreiben.

    Paradoxerweise entsteht momentan zeitgleich zum Bedeutungsverlust ein neuer Kult um die Handschrift. Auf Instagram gilt meditatives „Handlettering“ als Trend. Edle Schreibgeräte, hochwertiges Briefpapier und Tagebücher boomen. Manager beschäftigen „Handschriften-Coaches“, um ansprechend und leserlich schreiben zu lernen. Vielleicht hat die Handschrift ja noch eine Chance.

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