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Wie viel Smartphone und Internet verträgt das kindliche Gehirn?

Mädchen sitzt auf Couch mit Smartphone in der Hand.
Lesezeit: 3 MinutenAktualisiert: 19.08.2020

Kinder kommen heute immer früher mit Medien in Kontakt. Was können Eltern tun, um sie zu schützen? Wie viel Kontrolle sollte sein? Ein Interview mit dem Medienpsychologen Dr. Thorsten Fehr von der Universität Bremen

Inhalte im Überblick

    Herr Fehr, heute sieht man Kinderwagen mit Tablet-Halterungen. Davon erhoffen sich Eltern wohl frühe Lernschritte ihres Kindes. Kann das gelingen?

    Nein, das kann es nicht. Ich würde davon unbedingt abraten. Ein so kleines Kind muss den echten, dreidimensionalen Raum erst erlernen und begreifen – im wahrsten Sinne des Wortes. Dies ist notwendig für eine gesunde neuronale Vernetzung verhaltensrelevanter Hirnbereiche.

    Viele Kinder lernen heute von klein auf, Medien ganz selbstverständlich zu nutzen. Wo sehen Sie das größte Problem daran?

    Zunächst mal: Es ist keine große Sache für Kinder zu lernen, wo man welches Knöpfchen drückt und wie man über einen Bildschirm wischt. Also, das muss man ihnen nicht frühzeitig beibringen. Worum es uns als Eltern gehen muss, ist inhaltliche Medienkompetenz. Wir müssen Kinder sinnvoll mit Medien konfrontieren und sie dabei begleiten.

    Wie sieht diese Aufgabe aus?

    Alles, was aus Medien auf kleinere Kinder einströmt, kommt völlig ungefiltert an. Sie müssen lernen, wie sie das Gesehene einordnen. Dafür brauchen sie Aufmerksamkeit und Erklärungen. Sie brauchen aber auch klare Grenzen dessen, was sie dürfen. Eines der größten Probleme ist der unbegleitete Zugang zum Internet. Hier müssen Kinder plötzlich und oft unerwartet Inhalte verarbeiten, die ihrem psychischen Entwicklungsstand nicht entsprechen. Ich warne ausdrücklich: Das Internet ist ein weitestgehend kinder- und jugendgefährdender Ort.

    Diese Kinder behalten einen bleibenden seelischen Schaden?

    Ja. Es kann sein, dass da gerade ganze Generationen junger Menschen psychisch verzerrt heranwachsen. Wir gehen als Gesellschaft viel zu lässig mit so einem gravierenden Problem um. In den 80er-Jahren konnten Eltern eine Gefängnisstrafe bekommen, wenn sie Kindern altersbeschränkte Filme mit Gewaltdarstellungen zugänglich machten. Und heute? Das Internet bietet Horror in nie da gewesener Fülle. Es muss auch heute die Aufgabe von Eltern sein, solche schädlichen Inhalte von Kindern fernzuhalten.

    Hilft Kinderschutz-Software?

    Nein. Diese Schutzprogramme funktionieren nicht. Und im Übrigen sind Kinder schlau, sie wissen sie wunderbar zu umgehen.

    Was kann man also konkret tun?

    Zusammen mit den Kindern Regeln einführen. Verbindliche Medienzeiten und den Zweck der Nutzung festlegen. Und dann sollte man getrennte Systeme haben: ein schlichtes Handy, das das Kind für die Sicherheit nutzt und um schnell mal Bescheid sagen zu können, wenn es sich verspätet. So ein Gerät sollte nicht internetfähig sein. Und das zweite System ist zum Spielen, Surfen, Spaß haben – zur Unterhaltung eben. Nur zu bestimmten Zeiten und von den Eltern begleitet.

    Können wir unseren Kindern nicht vertrauen?

    Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Sie können sich in bestimmten Bereichen nicht selbst Regeln auferlegen und sie einhalten. Setzen Sie ein Kind in einen Raum voller Süßigkeiten. Es wird naschen, bis ihm schlecht ist, und langfristig, bis es chronisch krank wird. Genauso ist es mit Computerspielen und dem Surfen im Internet.

    Darf ein Kind zur Einschulung ein Smartphone bekommen?

    Nein, das sollte es nicht. Viele ältere Kinder und Jugendliche haben ein Smartphone oder Tablet sogar am Bett. Das stört einen gesunden Schlaf. Und potenziell jeder dubiose Chat-Partner auf dieser Welt hat Zugang zu unseren Kindern. Das sollte sich jeder bewusst machen. Bildschirmmedien müssen raus aus dem Schlafzimmer.

    Wie begrenzt man Smartphone- und Internetnutzung am besten?

    Wie bei einem Stundenplan in der Schule: Die Kinder dürfen bei der Uhrzeit mitbestimmen.

    Weitere Regeln?

    Am Esstisch hat das Telefon nichts verloren. Es sollte auch nicht als Wecker oder Taschenrechner benutzt werden. Und für jede Display-Stunde eine Stunde Spielen an der frischen Luft. So bleiben Körper und Geist gesund.

    SCHAU HIN! KINDER & MEDIEN
    Mehr Aufmerksamkeit für das, was Kinder mit Medien machen: Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat einen Medienratgeber entwickelt, der Eltern und andere Erziehende über Neuigkeiten und mögliche Gefahren informiert. Die AOK ist Partner dieser Initiative. „SCHAU HIN“ beantwortet Fragen, gibt Orientierung und konkrete alltagstaugliche Tipps für kompetente Mediennutzung: schau-hin.info

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