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Eltern sein und Paar bleiben: Tipps für die Beziehung

Ein lesbisches Eltern-Paar mit zwei Kindern sitzt auf der Couch. Alle lachen.

© iStock / JLco - Julia Amaral

Lesezeit: 6 Minuten31.03.2022

Das Baby weint und der Schlafmangel zerrt an den Nerven – auf Eltern warten viele neue Herausforderungen. Fehlende Freiräume und Kommunikationsprobleme können dann zu Konflikten führen. Wie Paare den Übergang zu einer glücklichen Elternschaft meistern.

Inhalte im Überblick

    Porträt von Miriam Fritz, systemische Therapeutin und Beraterin für Einzelne, Paare und Familien.

    © Sonja Tobias

    Eine Beziehung verändert sich nach der Geburt des ersten Kindes wesentlich, das weiß auch Miriam Fritz. Sie ist Systemische Therapeutin und Beraterin für Einzelne, Paare und Familien. Im Interview verrät Frau Fritz, wie sich Eltern als Team sehen können. Außerdem gibt sie praktische Tipps für den Familienalltag.

    Wie verändert sich die Beziehung mit Kind?

    Ein Kind schafft ganz wunderbare Veränderungen. Paare erleben das Wunder des Anfangs, eine tiefe Bindung und Liebe zu ihrem Kind – das macht natürlich eine ganze Menge mit beiden Partnern. Gleichzeitig gibt es aber eine sehr große Herausforderung, denn das Duo verwandelt sich in ein Trio. Die Dreierkonstellation ist manchmal gar nicht so einfach. Vor allem Väter beschreiben den Übergang von der Partnerschaft in die Elternschaft als Herausforderung. Zwar beobachten sie gerne die Mutter-Kind-Einheit, sind aber in vielen Dingen wie dem Stillen außen vor.

    Dieser Effekt kann sich verstärken, wenn der Mann zeitnah in sein Berufsleben zurückkehrt. Beim Partner kann das Gefühl, außen vor zu sein, zu Unzufriedenheit oder sogar Eifersucht führen. Außerdem müssen sich Paare mit dem Thema Fremdbestimmung beschäftigen. Plötzlich ist da ein kleines Wesen, das viele Bedürfnisse hat. Dem Partner kann ich im Alltag signalisieren, wenn ich Ruhe brauche, und lege mich dann zum Beispiel in die Badewanne. Von meinem Partner kann ich also erwarten, dass er seine Bedürfnisse für mich zeitweise zurückstellt. Bei einem Baby klappt das natürlich nicht – hier muss ich immer zur Stelle sein und fühle mich damit ein Stück weit fremdbestimmt.

    Warum kommt es bei Eltern häufiger zum Streit?

    Gerade zu Beginn der Elternschaft können Partner unvorhergesehene Konflikte austragen. Zum Beispiel dann, wenn sich Paare im Vorfeld keine Gedanken dazu gemacht haben, wie sie die Aufteilung nach der Geburt gestalten: Wer geht mit wie vielen Stunden zurück in den Job? Wer kümmert sich um den Haushalt und die Betreuung des Kindes? Haben Paare die Aufgaben nicht klar verteilt, können ganz harmlose Situationen die Stimmung aufheizen, wie zum Beispiel der volle Geschirrspüler oder der volle Windeleimer.

    Eine gute Kommunikation und eine strukturierte Aufgabenverteilung beugen Streitigkeiten schon vor der Geburt vor. Paare können aber natürlich nicht in die Zukunft sehen und alles planen. Auf manche Paare warten besondere Herausforderungen, wie der Umgang mit einem „Schreikind“, ein besonders ausgeprägter Schlafmangel oder unterschiedliche Ansichten zum Thema Erziehung. Diese Herausforderungen machen Partner dünnhäutiger und empfänglicher für Streitereien.

    Besonders häufig führt Folgendes zum Streit:

    • fehlende Kommunikation zwischen den Partnern
    • die Zurückstellung eigener Bedürfnisse
    • fehlende Freiräume
    • unterschiedliche Erziehungsstile
    • besondere Herausforderungen wie der Umgang mit einem Schreikind oder Krankheiten

    Wie wachsen Eltern als Team zusammen?

    Beim ersten Date standen damals die Eigenschaften und Attraktivität als Frau und Mann und nicht die Rolle des Vaters oder der Mutter im Mittelpunkt. Frischgebackene Eltern lernen sich nach der Geburt also gewissermaßen neu kennen. Damit sich Partner in der Vater- oder Mutterrolle wiederfinden und ihre gegenseitigen Bedürfnisse erfahren, gibt es ein ganz einfaches Rezept: gute Kommunikation. Dazu gehört, seine eigenen Vorstellungen und Wünsche zu äußern, aber auch dem Partner gut zuzuhören.

    Folgende Tipps können die Teamfähigkeit frischgebackener Eltern stärken:

    • Auszeiten einplanen: Fragen wie „Was brauchst du gerade?“ und „Welche Auszeiten benötigst du?“ tragen dazu bei, Auszeiten „gerecht“ aufzuteilen. Das ist ganz wichtig, denn der Tapetenwechsel füllt die Kraftreserven beider Partner wieder auf. Damit die Auszeiten nicht unter den Tisch fallen, können sich Eltern einen Vermerk in ihren Kalender schreiben.
    • Wöchentlicher Treff: Ähnlich wie bei einem Business-Meeting können sich Paare wöchentlich treffen. Dabei besprechen sie die nächste Woche, Termine, die anstehen, wer dafür zuständig ist und Wünsche bei der Umsetzung. Dieses wöchentliche Meeting ist auch eine wunderbare Gelegenheit, sich als Paar wertzuschätzen und wahrzunehmen.
    • Für Unterstützung sorgen: Ein kleines, aber zuverlässiges Netzwerk an hilfsbereiten Menschen ist unbezahlbar, besonders für frischgebackene Eltern. Wenn die Großeltern die Kinder hüten, kann das Paar seine romantische Beziehungsseite wiederentdecken. Geht die gute Freundin mit dem Baby eine Runde spazieren, können Eltern den Haushalt auf Trab bringen.

    „Damit sich Partner in der Vater- oder Mutterrolle wiederfinden und ihre gegenseitigen Bedürfnisse erfahren, gibt es ein ganz einfaches Rezept: gute Kommunikation.“

    Miriam Fritz
    Systemische Therapeutin und Beraterin für Einzelne, Paare und Familien

    Wie wichtig ist Paarzeit?

    Paarzeit ist meiner Erfahrung nach sehr wichtig. Sie sorgt dafür, dass die Eltern als Paar und nicht nur als Trio vorkommen. Die bewusste Zeit zu zweit schafft eine Verbindung, intime Momente und Gefühle von Sympathie sowie Zuneigung. Eine Paarzeit muss kein großes Event sein, denn das ist oft wieder mit Kochen, Aufhübschen oder der Babysitter-Organisation verbunden. Genau das kann zu Stress führen, den frischgebackene Eltern vermeiden möchten. Entscheidend ist, dass ich mich und meinen Partner wahrnehme. Das klappt auch ganz gut zu Hause oder beim Spaziergang, zum Beispiel, wenn der Nachwuchs schläft. Im Gespräch bleiben – das ist viel wichtiger als der perfekte Ort.

    Apropos Gespräch: Elternteile unterhalten sich im besten Fall während der Paarzeit nicht über Funktionales wie Wäschewaschen oder anstehende Termine, sondern über Gefühle, Gedanken oder was sie sonst noch bewegt. So kommen Paare auf eine viel tiefere Ebene und lassen einen Gefühlsaustausch zu. Paare, die nicht so recht wissen, wie sie tiefe Gespräche anfangen sollen, können auf spezielle Kartensets setzen. Damit stellen sich Partner abwechselnd Fragen wie: „Welchen Wunsch möchtest du dir in unserer Beziehung noch erfüllen?“

    Welche Tipps helfen Eltern, sich als Paar nicht zu verlieren?

    Viele Paare mit Kind geben als Trennungsgrund an, dass sie sich auseinandergelebt haben, sie nur noch als Elternteam funktionieren und Zärtlichkeiten keine Rolle mehr spielen. Mit einem regelmäßigen Austausch können Paare einem „Auseinanderleben“ vorbeugen. Das klappt besonders gut, wenn Partner offen über ihre Bedürfnisse und Wünsche kommunizieren. Unausgesprochene Erwartungen, die im Raum stehen, wie „Er muss doch wissen, dass er mir das Kind mal abnehmen soll, wenn er von der Arbeit kommt“, können wiederholt Streitigkeiten hervorrufen.

    Schließlich können selbst sehr feinfühlige Partner nicht immer wissen, was ihr Gegenüber beschäftigt. Anstatt viel Groll zu sammeln und dem Partner nachts um 1 Uhr Vorwürfe zu machen, können Paare ein sogenanntes Zwiegespräch führen – ein vertrauensvolles Gespräch, in dem beide Elternteile ihre Gedanken austauschen. Das klappt so: Ich rede fünf Minuten, dann spricht mein Partner fünf Minuten zu der Frage: Wie geht es mir zurzeit in der Beziehung? Insgesamt können Paare dafür drei Runden ansetzen, sodass jeder Partner 15 Minuten redet. Auch hier stehen Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche im Mittelpunkt – eine vorwurfsvolle Haltung oder gar Beleidigungen finden in dem Zwiegespräch aber keinen Platz.

    Eine lächelnde Frau und ein Mann in Bademänteln liegen und umarmen sich.
    Paare sollten auch als Eltern offen ihre Wünsche und Bedürfnisse kommunizieren.

    © iStock / nd3000

    Wie erhalten Eltern die Anziehung und das Sexleben aufrecht?

    Diese Frage beschäftigt sehr viele Paare. Ich rate Partnern dazu, zunächst herauszufinden, was ihnen selbst Spaß macht und ihnen Lust verschafft. Sex nur dem Partner zuliebe, dabei bleibt meist ein Liebender auf der Strecke. Paaren, die durch ihre Elternrolle den Kopf voller To-dos haben, hilft oft ein Tapetenwechsel. Wie wäre es mit Zärtlichkeiten im Urlaub oder im Hotel in der Stadt? Paare können sich auch langsam an das Thema herantasten, zum Beispiel mit ausgiebigen Kuscheleinheiten oder zärtlichen Massagen.

    „Ich rate Partnern dazu, zunächst herauszufinden, was ihnen selbst Spaß macht und ihnen Lust verschafft.“

    Miriam Fritz
    Systemische Therapeutin und Beraterin für Einzelne, Paare und Familien

    Wann sollten Eltern über eine Beratung oder Therapie nachdenken?

    Eltern profitieren dann von einer Beratung beziehungsweise Therapie, wenn sie wiederholt heftig streiten, auch vor dem Kind, und nicht mehr aus den Vorwurfsspiralen aussteigen können sich also ständig gegenseitig Vorwürfe machen. Eine Therapie ist grundsätzlich ein längerer Prozess und widmet sich auch tieferen, seelischen Verletzungen. In einer Beratung erhalten Partner in erster Linie Impulse für ein liebesvolles Miteinander und erlernen dort Kommunikationstechniken.

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