#Schmerz am 19.10.2021

Entspannungstechniken bei chronischen Leiden: Mit Autogenem Training und Co. gegen den Schmerz

Junge Frau macht Entspannungsübungen, da sie unter chronischen Schmerzen leidet.
Stocksy / Mihajlo Ckovric

Bei der Behandlung chronischer Schmerzen setzen Experten auf die sogenannte multimodale Schmerztherapie. Dazu gehören neben psychotherapeutischen Verfahren auch spezielle Entspannungsverfahren. Warum Progressive Muskelentspannung und Autogenes Training bei Schmerzen helfen und worauf es dabei ankommt, liest du hier.

Migräne, Rückenschmerzen, Arthrose: Chronischer Schmerz hat viele Gesichter. Wichtig ist, trotzdem in Bewegung zu bleiben und weiterhin aktiv am Leben teilzunehmen. Damit das funktioniert, können sogenannte Entspannungsübungen helfen, Schmerzattacken zu begegnen oder diese sogar abzuwenden.

Warum das so ist und wie die Übungen auf unser Schmerzempfinden wirken, erklärt Dr. Martin Krumbeck, leitender Arzt für spezielle Schmerztherapie.

Dr. Martin Krumbeck ist Leiter und Chefarzt vom Schmerztherapiezentrum Bad Mergentheim sowie Inhaber einer eigenen Praxis für spezielle Schmerztherapie. Zudem führt er das regionale Schmerzzentrum und bietet Fortbildungen sowie Konferenzen zum Thema Schmerz an.

Dr. Martin Krumbeck ist Leiter und Chefarzt vom Schmerztherapiezentrum Bad Mergentheim sowie Inhaber einer eigenen Praxis für spezielle Schmerztherapie. Zudem führt er das regionale Schmerzzentrum und bietet Fortbildungen sowie Konferenzen zum Thema Schmerz an.

Warum ist Entspannung bei chronischen Schmerzen wichtig?

Entspannungsmethoden wie Autogenes Training sind ein wichtiger Bestandteil der multimodalen Schmerztherapie. Die Übungen sollen Betroffenen helfen, in sich hineinzuhören und auf Schmerzattacken richtig zu reagieren, oder diese im besten Falle sogar rechtzeitig abzuwenden.

Wege zur Entspannung gibt es viele: Das kann ein Saunagang, ein heißes Bad oder die Ruhephase nach einer Bewegungseinheit sein. Allerdings ist das oft nicht so einfach. DennPatienten mit einer chronischen Schmerzkrankheit leiden unter einem hohen – manchmal permanenten – inneren Erregungsniveau, ausgelöst durch den anhaltenden Schmerz. Folglich haben sie Schwierigkeiten, die eigene innere Anspannung zu regulieren und runterzufahren.

Was spielt sich dabei im Körper ab?

Das Schmerzsystem im Gehirn ist mittlerweile sehr gut erforscht. Mediziner haben unter anderem festgestellt, dass nicht nur eine, sondern verschiedene Regionen im Gehirn auf Schmerzen reagieren. Neben den Gefühlszentren und spezifischen Schmerzzentren wird bei Schmerzen auch immer das Stress- bzw. Überlebenssystem mit aktiviert.

Die Systeme arbeiten eng zusammen. Das erklärt die dauerhafte Anspannung chronischer Schmerzpatienten, die unter anderem mit Muskelverspannungen, Schlaflosigkeit, Reizdarmsyndrom sowie innerer Unruhe einhergehen kann.

Chronische Schmerzen haben oft den Hintergrund, dass im Überlebens- und Stresssystem eine erhöhte Erregbarkeit herrscht. Durch Entspannungsverfahren soll diese reduziert werden.

Welche Entspannungstechniken bieten sich bei chronischen Schmerzen an?

Letztlich bewirken die Übungen mehr Achtsamkeit für den eigenen Körper. Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung oder Fantasiereisen sind einige Beispiele. Ebenso meditative Bewegungsformen, bei denen es neben sportlichen Elementen auch viel um die Atmung und Körperwahrnehmung geht, wie Qi-Gong und Yoga, kommen zur Entspannung bei chronischen Schmerzen in Frage.

Dabei muss sich keiner auf nur eine Technik festlegen. Eine Mischung aus mehreren Übungen ist ebenso wirksam.

Chronischer Schmerz: Was ist das eigentlich genau?

Wenn Schmerzen länger als drei Monate anhalten, sprechen Mediziner von einem chronischen Verlauf. An der Entstehung und Entwicklung ist das sogenannte Schmerzgedächtnis beteiligt. Wie es funktioniert, wie es behandelt wird und ob wir es vielleicht sogar austricksen können, liest du hier im umfassenden Artikel.

Können Schmerzpatienten durch regelmäßige Übungen geheilt werden?

Bei chronischen Schmerzen ist die Schmerzfreiheit nicht das primäre Ziel. Durch die regelmäßigen Übungen soll vor allem das Nervensystem langfristig verändert werden.  Es gibt zum Beispiel Migränepatienten, bei denen die Übungen dank regelmäßiger Wiederholungen sehr effektiv sind und dadurch ein positiven Einfluss auf die Krankheit erzielt werden kann.

Das bezieht sich vor allem auf die Häufigkeit und Stärke der Attacken. Bahnt sich eine Migräneattacke an, können geübte Patienten schneller einen Entspannungsmodus erreichen und den Schmerz abmildern oder gar verhindern.

Durch regelmäßiges Üben von Entspannungstechniken kann man aktiv Einfluss nehmen. Das Gefühl von Kontrolle über den Schmerz ist das, wonach sich chronische Schmerzpatienten sehnen: Was kann ich präventiv tun, um die Symptome positiv zu beeinflussen?

Bei Migräne, Kopfschmerz und anderen Schmerzkrankheiten ist bewiesen, dass Entspannungsverfahren eine gute Wirksamkeit auf die Schmerzentwicklung haben.

Wie oft muss man die Übungen durchführen, um Besserung zu erlangen?

Progressive Muskelentspannung zum Beispiel sollten Patienten gerade in der Anfangsphase täglich ausführen, damit das Gehirn den Prozess des Loslassens verinnerlichen kann. Die Schmerzen sollten sich in der Regel nach zwei bis drei Wochen bessern. Es gibt aber auch Hinweise darauf, dass es mithilfe der Progressiven Muskelentspannung schneller gehen kann: Einige Betroffene berichten über eine Linderung bereits nach der ersten Sitzung.

Andere Entspannungsverfahren wie Meditation oder Autogenes Training müssen hingegen etwas länger geübt werden, bevor eine Form der Entspannung erreicht wird und der Schmerz beziehungsweise seine Entwicklung beeinflusst werden kann.

Der Schmerz ist dabei nicht unbedingt das erste Symptom, das sich verändert:  Die Übungen fördern zunächst die Konzentrationsfähigkeit und die Wahrnehmung des eigenen Körpers. Wie fühlt sich mein Körper unter Anspannung an, wie in der Entspannungsphase?

Welche Übungen bieten sich für welche Schmerzerkrankung an?

Progressive Muskelentspannung hat immer etwas mit Anspannen und Loslassen der Muskeln zu tun. Während einer Migräneattacke wird diese Methode daher nicht empfohlen. Hier würden Schmerztherapeuten eher zu Autogenem Training raten.

Bei allen Erkrankungen, die mit einer hohen Muskelanspannung einhergehen, wie beispielsweise chronische unspezifische Rückenschmerzen, hilft die Progressive Muskelentspannung sehr gut. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt über die Möglichkeiten und entwickeln Sie gemeinsam einen Übungsplan.

Gemeinsam gegen den Schmerz!

Für Patienten mit chronischen Schmerzen bietet das Schmerztherapiezentrum Bad Mergentheim professionelle Hilfe an. Die Fachklinik für Spezielle Schmerztherapie und Schmerzpsychotherapie behandelt chronische Schmerzpatienten auf Basis eines ganzheitlichen Therapiekonzepts. Dieses beinhaltet psychische, physische und soziale Aspekte.

Was muss man als Anfänger bei Entspannungsübungen beachten?

Grundsätzlich sind die Verfahren für alle Menschen geeignet. Bei einigen wenigen psychiatrischen Schmerzerkrankungen, insbesondere bei einer Traumafolgestörung, sollten Betroffene sich allerdings zunächst mit dem behandelnden Arzt absprechen.

Während der Entspannungsphase kann es unter Umständen zu sogenannten Flashbacks kommen. Das heißt, dass die traumatischen Geschehnisse wieder in Erinnerung gerufen werden können.

Ansonsten kann jeder die unterschiedlichen Übungen für sich ausprobieren. Anleitung findet man im Internet, über Apps, in Büchern oder auf CDs. Apps bieten sich vor allem für junge Menschen an, da diese stets über das Smartphone abrufbar sind. Auf der Homepage diverser Krankenkassen gibt es auch Download-Material oder kostenlose Online-Kurse, zum Beispiel bei der AOK.

Worauf kommt es bei den Übungen am meisten an?

Das A und O bei den Übungen ist, am Ball zu bleiben und nicht sofort auf ein Wunder zu hoffen. Die größte Herausforderung ist, dass Betroffene die erlernten Übungen auch zu Hause diszipliniert ausführen.

Das hat unter anderem etwas mit der Alltagsstruktur zu tun, aber auch ganz klar mit der eigenen Motivation. Die Verfahren zu kennen Ist der erste Schritt, da regelmäßige Üben der Erfolgsfaktor. Wer einmal geübt ist, dem reichen dann vielleicht auch Einheiten von nur fünf Minuten anstatt den anfänglichen zwanzig, um die gewünschte Entspannungsphase zu erreichen.

Welche spezielle Übung für zu Hause können Sie empfehlen?

Das Thema Achtsamkeit, also die bewusste Wahrnehmung über die Sinne, spielt bei Entspannungsübungen eine wichtige Rolle: Wie wirkt etwas Reales von außen auf mich und was macht das mit mir und meinem Inneren? Diese Wechselwirkung lehre ich in Verbindung mit dem Projekt „Freundschaft mit dem Körper schließen“.

Hierbei nimmt man zunächst bewusst einen Körperteil wahr und blickt innerlich oder atmet dann freundlich in ihn hinein. Das kann begleitet sein von einem „Hallo! Guten Morgen!“ oder einer Aussage wie „Danke, dass du da bist!“. Die Tatsache, dass ich selbst liebevoll zu einem Körperteil bin, führt bei ganz vielen Menschen zu einer Entspannung. Ähnlich wie bei der Achtsamkeitsübung „Bodyscan“ schaue ich in jeden Teil meines Körpers hinein, nicht nur in den schmerzenden Bereich.

So funktioniert die Übung:

  • Setz dich ganz entspannt auf einen Stuhl, schließe die Augen und konzentriere dich zunächst auf deinen linken Fuß, danach auf deinen rechten (So kannst du von unten bis oben einmal durch den Körper lauschen.).
  • Wie fühlt sich dein Fuß an? Begrüße deine Füße mit einem liebevollen „Guten Morgen, liebe Füße!“ und schaue dann freundlich in sie hinein, lächle dabei.
  • So gehst du Schritt für Schritt durch deinen Körper.
  • Am Ende kannst du dich ganz bequem auf dem Stuhl hinlümmeln und die Hände auf deinen Unterbauch legen und noch etwas mit deiner Aufmerksamkeit in deinem Unterbauch verweilen.

Du wirst merken, dass so immer mehr eine liebevolle Nähe zu deinem Körper entsteht.

Der Körper benötigt in seiner Gesamtheit Aufmerksamkeit, es macht keinen Sinn, sich nur um schmerzende Regionen zu kümmern. Beobachten können wir, dass sich die Einstellung gegenüber den Schmerzen und dem Körper durch diese Übung langfristig ändert: Die meisten Menschen sind wütend auf ihren Körper, wenn der Schmerz da ist.

Wer sich dagegen auch auf gesunde Körperregionen konzentriert, kann ein ganzheitliches positives Gefühl für sich selbst erlangen.

Der neue Podcast „Leib und Seele“

Sich mit der Entstehung, Wahrnehmung und Verarbeitung von Schmerzen auseinanderzusetzen, hilft, besser mit ihnen zurechtzukommen. In „Leib und Seele“, dem neuen Podcast der AOK Baden-Württemberg, geht die Moderatorin Lilly Wagner zusammen mit verschiedenen Schmerzexperten dem Thema auf die Spur.

Leidest du unter chronischen Schmerzen und machst regelmäßig Übungen zur Entspannung?

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