#Diaet am 20.06.2022

Diät: Wie aus einer vermeintlich kontrollierten Gewichtsabnahme eine krankhafte Essstörung werden kann

Eine sitzende, dünne junge Frau gekleidet mit einem weißen BH.
Stocksy / Jess Craven

Viele Menschen nehmen sich immer wieder vor, Gewicht zu verlieren. Doch eine Diät ist nicht gleich Diät. Zum einen gibt es einseitige Blitzdiäten, welche die Gesundheit beeinträchtigen und meistens den gefürchteten Jo-Jo-Effekt zur Folge haben. Empfehlenswerte Diäten wie die „Mittelmeer-Diät“, die „DASH-Diät“ oder die „MAYO-Klinik-Diät“ wiederum gelten im Prinzip als Anleitungen zu einer Ernährungsumstellung hin zu einer ausgewogenen, gesundheitsförderlichen Mischkost.

Prof. Dr. Stephan Zipfel ist unter anderem Ärztlicher Direktor des Kompetenzzentrums für Essstörungen am Universitätsklinikum Tübingen. In unserem Interview spricht der Internist, Psychotherapeut und Ernährungsspezialist über die Gefahren von Diäten, den Umgang mit Personen, die unter Essstörungen leiden, und warum wir weniger von Diäten und mehr von gesunder Ernährung sprechen sollten.

Porträt von Prof. Dr. Stephan Zipfel
Prof. Dr. Stephan Zipfel

Warum kann aus einer „gesunden Diät“ eine krankhafte Essstörung werden?

Die vermeintlich „gesunde Diät“ stellt einen Teil des Problems dar. Eigentlich müsste es „gesunde Ernährung“ heißen. Denn man muss ganz klar sagen, dass bei den wenigsten Menschen eine radikale Diät funktioniert. Bei den meisten Diäten findet eine massive Einschränkung der Nahrungszufuhr und zumeist eine sehr einseitige Ernährung statt. Das wiederum führt zu einem Hungergefühl und häufig auch zu Heißhungerattacken. Darum rutschen viele Menschen nicht in eine Magersucht, in der die Betroffenen mit Untergewicht kämpfen, sondern in andere Essstörungen wie z.B. eine Bulimie oder eine sogenannte Binge Eating-Störung. Bei einer Bulimie nehmen die erkrankten Personen durch Heißhungerattacken oft hochkalorische Nahrung zu sich und erbrechen diese danach wieder.

Das heißt, Diät und Heißhungerattacken gehören unweigerlich zusammen?

Es besteht zumindest ein erhöhtes Risiko, dass während einer Diät Heißhungerattacken entstehen. Oft nehmen Menschen zwar in kurzer Zeit einige Kilos ab, geraten aber anschließend in den „Jo-Jo-Effekt“. Das bedeutet, dass sie das abgenommene Gewicht wieder zunehmen oder sogar noch mehr. Um der erneuten Gewichtszunahme entgegenzuwirken, erbrechen sich einige Betroffene und geraten so in den Bulimie-Teufelskreis. Das heißt, sie versuchen tendenziell sehr wenig zu essen, verfallen aber immer wieder den Heißhungerattacken, bei denen in sehr kurzer Zeit viel ungesunde Nahrung aufgenommen wird – die anschließend erbrochen wird.

Würden Sie aus diesen Gründen generell von einer „radikalen Diät“ abraten?

Wir sollten zumindest weniger von Diäten sprechen, sondern mehr von gesunder Ernährung. Wir müssen von den sehr einseitigen und radikalen Diäten wegkommen, die man sowieso nur maximal drei oder vier Wochen durchhält. Es ist viel nachhaltiger, wenn man seine Ernährung langfristig umstellt. Und wenn man das tut, ist es wichtig, sich in Geduld zu üben, weil der Belohnungsaspekt erst mittelfristig, also nach einigen Wochen einsetzt und nicht wie bei einer Diät bereits nach einigen Tagen. Die besondere Kunst ist es dann in der nächsten Phase das reduzierte Körpergewicht zu halten.

Warum sind vor allem junge Frauen von einer Essstörung betroffen?

Dafür gibt es mehrere Gründe: Jungen Mädchen wird von der Gesellschaft suggeriert, dass sie schlank sein müssen. Heutzutage hat das Internet und insbesondere Social Media einen großen Einfluss auf junge Menschen und besonders auf junge Frauen. Durch unrealistische Vorbilder wird ihnen hier täglich vermittelt, dass eine dünne Figur nicht nur erstrebenswert, sondern auch normal sei. Dabei sieht die Realität vollkommen anders aus – die Menschen sind eher übergewichtig als schlank. Das heißt, wir leben in einer Wahrnehmungsschere. Aber auch die Pubertät mit all ihren Herausforderungen und die damit einhergehenden körperlichen Veränderungen spielen eine große Rolle für die Entwicklung von Essstörungen.

Mögliche Ursachen einer Essstörung

Übergewicht und Diät allein müssen nicht zwangsläufig zu einer Essstörung führen. Die meisten Menschen sind zum Zeitpunkt, wenn sie an Bulimie erkranken, normal gewichtig, einige auch leicht über- oder untergewichtig. Häufig spielt bei ihnen und in ihrem Umfeld eine starke Fixierung auf das äußere Erscheinungsbild eine Rolle, sie haben häufig ein geringes Selbstwertgefühl und zeigen Unsicherheiten im Umgang mit anderen Menschen. Oft kommen auch belastende Erfahrungen hinzu (zum Beispiel Trennung, Stress, Umzug, Verlust einer Bezugsperson, Mobbing – oder auch körperliche Veränderungen in der Pubertät). Auch Leistungssportler in gewissen Disziplinen, bei denen insbesondere das Körpergewicht eine große Rolle spielt, haben ein erhöhtes Risiko für eine Essstörung. Größtenteils sprechen die Betroffenen weder über ihre sehr ausgeprägten Diätregeln noch über ihre Essanfälle.

Was sind häufig die ersten Anzeichen einer Essstörung und wie können insbesondere Eltern von Betroffenen reagieren?

Ein erstes Anzeichen dafür, dass der gewöhnliche Ess-Zyklus gestört sein könnte, ist eine sehr einseitige Ernährung. Häufig werden dann nur niedrigkalorische Nahrungsmittel, wie Reis und Gemüse, in kleinen Portionen gegessen. Zudem tritt oft eine räumliche Abgrenzung auf, die Mädchen ziehen sich zurück und wollen lieber allein essen. Gerade in der Pubertät kommt oft noch eine gereizte Stimmung hinzu. Jetzt ist es für die Eltern besonders wichtig, den Kontakt zu halten und nachzufragen, wie es der Tochter geht. Es muss ein gemeinsamer Weg gefunden werden, die Not des Kindes zu erkennen. Sollte sich das Kind komplett abschotten, sollte unbedingt ein Profi hinzugezogen werden. Erster Ansprechpartner kann hier der Kinder- oder Hausarzt sein. Dieser vermittelt Kontakt zu Beratungsstellen, bei denen mit den Eltern, aber vor allem auch mit den Kindern gesprochen wird. Für viele Jugendliche ist es einfacher, sich vor Fremden zu öffnen als vor der eigenen Familie.

Essstörung: Hier findest du Hilfe

Wer an einer Essstörung leidet oder jemanden kennt, der betroffen ist, ist nicht auf sich allein gestellt. Es gibt viele Anlaufstellen, die Hilfe leisten:

  • Um eine Essstörung zu bewältigen, kann der Besuch einer Selbsthilfegruppe insbesondere durch den Austausch mit anderen Betroffenen hilfreich sein. Es gibt spezielle Gruppen für Bulimie, Magersucht und die Binge-Eating-Störung.
  • Es kann helfen, über seine Gedanken rund um Essen und Nicht-Essen mit jemandem zu sprechen, der die Situation von außen betrachtet. Die „Nummer gegen Kummer“ ist anonym und kostenlos. Speziell ausgebildete Beratende nehmen sich Zeit und hören zu.
  • Wer an einer Essstörung leidet, sollte sich in Therapie begeben. Hierzulande gibt es zahlreiche spezialisierte Kliniken, die Betroffene auf ihrem Heilungsweg begleiten.

Kinder und Jugendliche, die von einer Essstörung betroffen sind und am Haus- und FacharztProgramm der AOK Baden-Württemberg teilnehmen, können im Fachgebiet Psychotherapie und Psychiatrie von einer multiprofessionell und psychosozial ausgerichteten Versorgung profitieren, die psychisch erkrankte Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene sowie deren Familien in ihrem direkten Lebensumfeld versorgen kann, ihre psychische Gesundheit stärkt und ihre Teilhabe am Leben fördert.

Wie hoch sind die Heilungschancen bei Essstörungen?

Unsere Klinik hat die weltweit größte Therapiestudie für an einer Magersucht erkrankte junge Frauen durchgeführt. Dabei hat sich gezeigt, dass etwa 40 Prozent aller Betroffenen fünf Jahre nach der Behandlung keinerlei Symptome mehr haben. Das betrifft nicht nur Essstörungen, sondern auch allerlei andere psychische Erkrankungen. Diese 40 Prozent sind also tatsächlich geheilt, das ist der gute Teil der Nachricht. Weniger gut ist, dass immer noch 60 Prozent übrigbleiben, die entweder einen schweren chronischen Verlauf oder eine Art Mischbild haben und noch unter verschiedenen körperlichen und psychischen Folgen der Krankheit leiden.

Wer nun doch eine Diät in Erwägung zieht, was würden Sie dieser Person raten?

Das kommt immer auf die Ausgangssituation an. Schwierig wird es bei den Personen, die zu massiven Gewichtsausschlägen neigen. Also die, die viel abnehmen und auch wieder viel zunehmen. Dieser Personengruppe rate ich dringend von einer radikalen Diät ab. Hier wäre ein mittelfristiges Gewichtsziel mit einer gesunden Umstellung der Ernährung das Ziel. Die nationalen Therapieleitlinien zur Behandlung des Übergewichts setzen dabei zunächst auf einer Gewichtsreduktion von zumindest fünf Prozent des Körpergewichts. Alkohol und fettiges Essen sollten dabei reduziert werden und generell müsste eine Ernährungsumstellung erfolgen. Denn auch hier stellt sich nicht nur die Frage, wie ich konsequent an Gewicht verlieren kann, sondern wie ich meine erzielten Erfolge (Gewichtsreduktion, Nahrungsumstellung und Bewegungssteigerung) halten kann.

In der Coronazeit mussten die Menschen in ihren Wohnungen bleiben. Haben Essstörungen dadurch zugenommen?

Nicht zwingend Essstörungen, aber die Zahl der Menschen mit Übergewicht, insbesondere im Bereich der Kinder und Jugendlichen, ist drastisch um bis zu 60 Prozent gestiegen. Unsere Ambulanz wurde seit Beginn der Corona-Pandemie förmlich überrannt. Das liegt sowohl an der Reduktion von Bewegung, als auch an dem Verzehr hochkalorischer und ungesunder Nahrungsmittel. Aber auch die psychische Komponente spielt eine große Rolle. Viele Menschen und insbesondere Kinder- und Jugendliche sind in den Zeiten des harten Lockdowns depressiv geworden, weil sie das Haus nicht verlassen durften und wenig oder keine sozialen Kontakte pflegen konnten. Da war die Flucht ins Essen ein beliebter „Trost“.

Zum Schluss noch etwas Positives: Sie haben gemeinsam mit anderen Experten das Projekt „STARKIDS“ ins Leben gerufen. Worum handelt es sich dabei?

Es geht um die Behandlung und Prävention von Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen. Das ist ein großes Projekt, das sich im Augenblick in der Interventionsphase befindet. 1.000 Kinder und Jugendliche in Baden-Württemberg folgen gemeinsam mit ihren Familien einem Stufenplan, um ihr Übergewicht zu behandeln und für eine langfristig gute Ernährung sensibilisiert zu werden. Teilnehmen können Familien mit übergewichtigen Kindern im Alter von 3 bis 17 Jahren, die bei der AOK versichert sind und am HausarztProgramm teilnehmen. Das langfristige Ziel von „STARKIDS“ ist, dass das Programm Teil der Regelversorgung aller gesetzlichen Krankenkassen wird.

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