Pflegetipps
Biografiearbeit im Pflegeheim: Tipps für Pflegekräfte
Veröffentlicht am:19.02.2026
11 Minuten Lesedauer
Ein Lied, ein Foto, ein Geruch können bei älteren Menschen und Menschen mit Demenz positive Erinnerungen wecken: an die Schulzeit, den Urlaub am Meer oder den ersten Kuss. Warum Erinnerungsarbeit in der Pflege so wichtig ist und Ideen für den Alltag.

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Erinnerungsarbeit: Wie sie in der Pflege eingesetzt wird
Das Altern bringt körperliche, kognitive und soziale Veränderungen mit sich. Ältere Menschen und Menschen mit Demenz verlieren immer mehr ihr Erinnerungsvermögen. Auch das psychische Wohlbefinden kann abnehmen. Für die Gesundheit spielt es jedoch eine wichtige Rolle. Erinnerungen an schöne Erfahrungen und Erlebnisse aus der Vergangenheit können dazu beitragen, das psychische Wohlbefinden und das Selbstbewusstsein zu stärken. Erinnerungen können auch dabei helfen, mit Problemen und Schwierigkeiten umzugehen.
Biografiearbeit und Erinnerungsarbeit werden in der Pflege genutzt. Bei der Biografiearbeit geht es darum, etwas über die Lebensgeschichte und den Lebensweg einer Person zu erfahren, bei der Erinnerungsarbeit stehen persönliche Erinnerungen im Mittelpunkt. Beide können dabei unterstüzen, die Kommunikation mit pflegebedürftigen Menschen zu fördern, ihre Gedächtnisleistung anzuregen, ihre kognitiven Fähigkeiten zu erhalten und ihre Lebensqualität zu verbessern. Manche blühen dadurch regelrecht auf und lassen sich besser in das soziale Gefüge einbinden.
Biografie- und Erinnerungsarbeit sind außerdem wichtig, um zu verstehen, warum sich ein Senior oder eine Seniorin in einer bestimmten Situation in einer bestimmten Weise verhält. Mit den Informationen können Pflegepersonen individueller und persönlicher auf sie eingehen. So wissen sie, welche Interessen die Betroffenen haben, was sie mögen, was sie ablehnen und welche Umstände und Strukturen sie als Person geformt haben. Pflegepersonen können ihr Verhalten, ihre Wünsche und Sehnsüchte so besser verstehen und ihre Pflegemaßnahmen individuell anpassen.
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Lebensgeschichten nutzen: Vorteile für die Pflege
Life Story Work (die Arbeit mit Lebensgeschichten) ist ein Ansatz, um Erinnerungen an die Vergangenheit zu rekonstruieren. Ältere Menschen werden zum Beispiel gebeten, eine Geschichte über sich selbst und ihre Identität zu erzählen. Pflegepersonen erfahren so mehr über deren Werte, Fähigkeiten und Fertigkeiten. Studien zeigen, dass sich Life Story Work positiv auf das psychosoziale Wohlbefinden, die soziale Kompetenz, die Lebensqualität, die Freude und das Interesse am Leben auswirken kann. Allerdings sind weitere Studien dazu notwendig.
In Taiwan untersuchte eine Studie 2025, wie sich die Arbeit mit Lebensgeschichten in Gruppen auswirkt. Acht Wochen lang trafen sich Menschen ab 65 Jahren einmal pro Woche. Jede Sitzung dauerte zwei Stunden. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden ermutigt, sich mithilfe von Lieblingsliedern, wichtigen Dokumenten und Fotos an frühere Erlebnisse zu erinnern und sie mit anderen zu teilen. Nach acht Wochen war ihre Einstellung zum Alter positiver. Sie nahmen mehr am sozialen Leben teil, ihr Optimismus, Vertrauen, Zugehörigkeits- und Selbstwertgefühl waren gestärkt.
Zu einem anderen Ergebnis kam eine Cochrane-Metaanalyse, die 22 Studien zur sogenannten Reminiszenztherapie bei Menschen mit Demenz ausgewertet hat. Fotos oder Musik sollten Erinnerungen wecken und zu Gesprächen anregen. Untersucht wurde, wie sich die Therapie auf die Lebensqualität, Kognition, Kommunikation, das Verhalten auswirkte. Die Effekte waren gering. Am größten war aber ein Nutzen bei Bewohnerinnen und Bewohnern in Pflegeheimen zu erkennen.
Positve Erinnerungen wecken bei Menschen mit Demenz
Menschen mit Demenz brauchen positive Erinnerungen. Ihr Erfahrungsschatz ist reich, doch aufgrund ihrer Erkrankung können sie oft nicht darauf zugreifen. Um die Erinnerung wachzurufen, nutzen Pflegepersonen verschiedene Dinge und Gegenstände. Dazu gehören:
- persönliche Fotos
- alte Ansichtskarten von den Orten, wo die Person früher lebte
- alltägliche Gebrauchsgegenstände früherer Jahrzehnte
- Lebensmittel, die sie aus der Kindheit und ihrem späteren Leben kennen
- Spielzeug: entweder aus dem persönlichen Besitz oder das typisch für die vergangenen Jahrzehnte ist
- alte Briefe, Zeugnisse oder andere Schriftstücke
- Musik: zum Beispiel Weihnachts-, Kinder-, Kirchen-, und Volkslieder
- Kinderreime und Sprichwörter
- Gegenstände, die an den früheren Beruf oder an ein Hobby erinnern, etwa ein Schraubendreher oder eine Nähmaschine
- religiöse Symbole
- typische Düfte aus vergangenen Tagen, zum Beispiel ein Parfüm
Die Gegenstände können einzeln oder zusammen verwendet werden. Eine andere Möglichkeit ist, damit einen Raum zu dekorieren oder einen Erinnerungskoffer zusammenzustellen.
Was ist ein Erinnerungskoffer?
Gegenstände aus vergangener Zeit werden in einen alten Koffer gepackt. Damit sie wiedererkannt werden, müssen es Originale sein. Der Erinnerungskoffer kann auch einen Pass oder eine Arbeitsbescheinigung enthalten, um freie Assoziationen anzuregen. Ein solcher Koffer eignet sich auch in der Pflege von Menschen mit Migrationsgeschichte. Insbesondere dann, wenn die Kommunikation mit ihnen aufgrund der Demenz noch schwieriger oder nahezu unmöglich ist. Bevor der Koffer bestückt wird, muss das Herkunftsland ermittelt werden, damit die Gegenstände in der Muttersprache des Betroffenen benannt werden können. Angehörige und Bekannte können bei der Zusammenstellung unterstützen.
Was gehört in einen Erinnerungskoffer?
In den Koffer kommen vertraute Gegenstände. Zum Beispiel:
- Kinderspielzeug: In vielen Ländern wird mit den gleichen Gegenständen gespielt. Etwa mit Murmeln, einem Springseil, Stöcken, Steinen und Kugeln. Auch ein Buch mit Kinderreimen – in der jeweiligen Muttersprache – sollte auf keinen Fall fehlen.
- Küchenutensilien aus früheren Zeiten: zum Beispiel Dosenöffner, Teigroller, eine Schürze oder alte Rezepte.
- Erinnerungen an die Schulzeit: eine kleine Tafel, Stifte, Schulbücher.
- Urlaubserinnerungen: Fahrkarten, Kamera, Fotos von Reisen (zum Beispiel auch in die Heimat).
- Fotos aus dem Leben: das erste Auto, alte Zeitungen, Fotos aus dem Verein, von der Arbeit, der Familie oder vom Haushalt.
Passende Angebote der AOK
Familiencoach Pflege
Das Online-Selbsthilfe-Programm bietet Hilfe zur Selbsthilfe. Es unterstützt Sie dabei, den seelisch belastenden Pflegealltag besser zu bewältigen und sich vor Überlastung zu schützen.
Biografiearbeit und digitale Hilfsmittel
Pflegeeinrichtungen nutzen für die Biografiearbeit auch spezielle Tablets. Sie bieten die Möglichkeit, ein individuelles Profil auf einem Tablet anzulegen. Die Inhalte sind auf eine bestimmte Person ausgerichtet. Bewohnerinnen und Bewohner eines Pflegeheimes können damit Videos, Bilder oder Musik abspielen, Rätsel lösen und Spiele spielen. Betreuungspersonen berichten davon, dass solche Tablets dazu anregen, miteinander ins Gespräch zu kommen oder dass pflegebedürftige Menschen mehr über sich erzählen. Sie unterstützen auch dabei, dass sie ruhiger werden und besser einschlafen, zum Beispiel mit klassischer Musik.

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Hat die Erinnerungarbeit auch Grenzen?
Pflege, die mit biografischen Elementen arbeitet, sollte beachten, dass auch negative Erinnerungen geweckt werden können. Die meisten Menschen hatten in ihrem Leben Erlebnisse, an die sie nicht gerne erinnert werden möchten. Bei Frauen und Männern im hohen Alter können es Krieg und Gewalt sein. Solche schmerzlichen Erinnerungen sollten nicht wieder geweckt werden. Deshalb sind Sensibilität und eine gute Beobachtungsgabe gefragt, um Konflikte rechtzeitig zu vermeiden.
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