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Spiritual Care: Welche Rolle Spiritualität in der Pflege spielen kann
Veröffentlicht am:05.01.2026
6 Minuten Lesedauer
Viele Menschen haben spirituelle Bedürfnisse. Bei Spiritual Care fließen diese Bedürfnisse in ein ganzheitliches Pflegekonzept für pflegebedürftige und kranke Menschen ein. Was genau verbirgt sich hinter diesem Verständnis von Pflege?

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Was ist Spiritual Care?
Spiritual Care ist eine vergleichsweise neue Idee, um die spirituelle Dimension in das Gesundheits- und Pflegewesen einzubeziehen. Spiritual Care spielt insbesondere im Hospizwesen und in der Palliativmedizin eine Rolle, also in Bereichen, in denen Menschen mit weit fortgeschrittenen Erkrankungen und begrenzter Lebenserwartung betreut werden. Schwerkranke Menschen, die sich intensiv mit dem Thema Tod auseinandersetzen, haben besondere spirituelle Bedürfnisse. Diese zu erfüllen und als Ressource für die Begleitung von kranken und pflegebedürftigen Menschen zu nutzen, ist der Grundgedanke von Spiritual Care.
Die erste Professur für Spiritual Care in Deutschland wurde im Jahr 2010 an der Technischen Universität München eingerichtet. Die Fachleute des Lehrstuhls definieren Spiritual Care als die „gemeinsame Sorge von Medizin, Pflege, Psychotherapie, Seelsorge und anderen Gesundheitsberufen für die Spiritualität kranker Menschen.“
Was ist Spiritualität?
Diese Definition enthält jedoch einen weiteren Begriff, der einer Erläuterung bedarf: „Spiritualität”. Spiritualität und Religiosität sind nicht das Gleiche, aber ursprünglich bezog sich Spiritualität ausschließlich auf die Frömmigkeit von Gläubigen. Ungefähr seit den 1960er Jahren versteht man unter Spiritualität jedoch nicht mehr nur religiöse Vorstellungen, sondern auch atheistische sinnstiftende Weltanschauungen. Spiritual Care richtet sich an gläubige und nichtgläubige Menschen. Spiritualität ist auch eine Auseinandersetzung mit den letzten Fragen des Lebens und das Bedürfnis, einen Sinn in Leben, Leid und Tod zu finden. Wenn jemand eine schwerwiegende Diagnose erhält, gewinnt diese Sinnsuche an Bedeutung. Vor allem deshalb geht die Initiative für Spiritual Care auf die Palliativmedizin zurück.
Spiritual Care hat den Ursprung in der Palliativmedizin
Die Nähe von Spiritual Care zur Palliativmedizin zeigt sich schon darin, dass „Spiritual Care” eine Wortschöpfung in Analogie zum englischen „Palliative Care” ist. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) gehört zu einer palliativmedizinischen Versorgung neben der körperlichen auch die spirituelle Betreuung. Mit anderen Worten: Es ist nicht weniger wichtig, spirituelle Bedürfnisse von Patientinnen und Patienten zu erfüllen, als sie körperlich zu versorgen. Mittlerweile ist Spiritual Care als Betreuungskonzept nicht mehr auf das Lebensende begrenzt, sondern ein Synonym für die spirituelle Dimension in allen Bereichen des Gesundheits- und Pflegewesens geworden. Es geht darum, alle Gesundheitsberufe in ein ganzheitliches Konzept einzubeziehen, das auf die körperlichen und geistigen Bedürfnisse von pflegebedürftigen und kranken Menschen abzielt.
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Der Einfluss des spirituellen Wohlbefindens auf die Lebensqualität von pflegebedürftigen und kranken Menschen gilt als wissenschaftlich gesichert. Die Lebensqualität von Patientinnen und Patienten kann verbessert werden, wenn medizinisches und pflegerisches Fachpersonal deren spirituellen Bedürfnisse erkennt und berücksichtigt.

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Die Rolle der Pflegenden
Um Gläubige in Pflege- und Gesundheitseinrichtungen kümmern sich Geistliche. In Deutschland sind das vor allem christliche, jüdische und muslimische Seelsorger und Seelsorgerinnen. Da diese Seelsorgekräfte aber nur begrenzte Zeit in den Einrichtungen verbringen und keine permanenten Ansprechpartner und -partnerinnen sind, kommt den Pflegenden eine besondere Rolle zu: Sie sind die ersten Kontaktpersonen für Betroffene und Angehörige. Außerdem fungieren sie als Bindeglied zwischen den betreuten Menschen und den hauptamtlich Seelsorgenden, den Ärzten und Ärztinnen sowie Therapeuten und Therapeutinnen. Für nichtreligiöse Menschen in Gesundheitseinrichtungen, die eine professionelle seelsorgerische Betreuung durch Geistliche ablehnen, kann das Pflegepersonal die wichtigste Unterstützungsressource sein.
Spiritual Care steht noch am Anfang
Während die konfessionelle Klinikseelsorge in Deutschland etabliert ist, muss sich Spiritual Care als überreligiöses Konzept erst noch durchsetzen. Das heißt auch: Wie Fachkräfte im Pflege- und Gesundheitswesen das Thema Spiritualität am besten für die Versorgung nutzen, ist eine Frage, die Forschende sowie Praktiker und Praktikerinnen nach und nach zu beantworten suchen. Damit das Pflegepersonal spirituelle Anliegen von Pflegebedürftigen, Patientinnen und Patienten erkennen, passende Angebote finden und ein spirituell inspirierendes Umfeld schaffen kann, ist zunächst eine feste Integration von Spiritual Care in die Ausbildung und Weiterbildung in Gesundheitsberufen wichtig.
Seelsorge und Spiritual Care – wo ist der Unterschied?
Die heutige Klinikseelsorge basiert auf dem Grundsatz der unvoreingenommenen Begleitung. Somit richtet sich Seelsorge nicht nur an christliche Menschen, sondern ist in der Regel offen für alle – auch Nichtchristen und Nichtchristinnen können sich überlegen, ob sie die Unterstützung von konfessionellen Seelsorgenden in Anspruch nehmen möchten. Im Gesundheitswesen sind die Begriffe „Klinikseelsorge” und „Spiritual Care” bis zu einem gewissen Grad deckungsgleich. In beiden Fällen geht es darum, Spiritualität als Schutz- und/oder Heilungsfaktor im Umfeld von Krankheit und Sterben zu nutzen.
Ein wichtiger Unterschied ist aber der interdisziplinäre Ansatz von Spiritual Care. Hierbei arbeiten Ärzte und Ärztinnen, Pflegepersonal, Psychotherapeuten und -therapeutinnen sowie andere medizinische Fachkräfte zusammen. Seelsorgende können auch eine Rolle spielen, jedoch nicht unbedingt die zentrale.
Wie Spiritual Care in der Praxis aussehen kann
In Deutschland leben Menschen verschiedener Religionen und Nichtgläubige. Wenn ein neuer Patient oder eine neue Patientin in eine Einrichtung aufgenommen wird, sollte eine mögliche Religionszugehörigkeit erfragt werden. Das ist der erste Schritt, um spirituelle Bedürfnisse besser berücksichtigen zu können. Darauf können Betroffene und Angehörige achten. Elementares Wissen auf Seiten des Pflegepersonals über die Hauptreligionen und religiöse Praktiken hilft im nächsten Schritt weiter. Nur so ist es möglich, angemessen auf religiös-spirituelle Wünsche oder eben nicht-religiöse Vorstellungen zu reagieren und gut mit den Angehörigen umzugehen.
Pflegeeinrichtungen und insbesondere Hospize sollten außerdem einen Ruhe- oder Besinnungsraum anbieten, den pflegebedürftige und kranke Menschen sowie ihre Angehörigen zur inneren Einkehr und gegebenenfalls zum Gebet nutzen können. Wichtig ist: Auch ausdrücklich christliche Einrichtungen zeigen sich gegenüber Menschen aller Glaubensrichtungen und Nichtgläubigen offen.
Für Spiritual Care ist Zwischenmenschlichkeit und Empathie zentral. Sie zu leben, ist Aufgabe aller, die an der Betreuung beteiligt sind, seien es Ärzte und Ärztinnen, Pflegende, Therapeuten und Therapeutinnen oder Geistliche.
Konkrete Unterstützung im Rahmen von Spiritual Care
Zur Spiritual Care in der Praxis kann gehören:
- Jemand ist für betreute Menschen da, nimmt ihre Bedürfnisse und/oder Ängste wahr.
- Jemand interessiert sich für die Einzigartigkeit des jeweiligen Menschen.
- Jemand wertschätzt die individuellen Lebensgeschichten.
- Jemand bietet seinen Beistand an.
- Jemand greift spirituelle und/oder religiöse Themen auf, die dem betreuten Menschen wichtig sind.
- Jemand bietet auch den Angehörigen Hilfe an und bindet sie in den Begleitungsprozess ein.
In der Regel legen religiöse Menschen Wert auf eine Betreuung durch Geistliche ihrer Religionsgemeinschaft. Diese muss von der Einrichtung vermittelt werden und ist dann ein wesentlicher Bestandteil von Spiritual Care. Das gemeinsame Beten oder Meditieren ist eine wertvolle spirituell-religiöse Kraftquelle.
Was unterscheidet Spiritual Care von psycho-sozialer Unterstützung?
Zu den Methoden von Spiritual Care können zwar auch Meditation, gemeinsames Singen oder Beten gehören – unverzichtbar ist aber die Möglichkeit zum Gespräch, um Gehör und Wertschätzung zu finden. Sprechen und Zuhören bilden die Grundlage der spirituellen Beziehung zwischen Pflegebedürftigen und den Menschen, die sie versorgen. Vor diesem Hintergrund besteht der Einwand, Spiritual Care ohne religiöse Dimension habe nichts mit Spiritualität zu tun, sondern drehe sich ausschließlich um die psychischen und sozialen Bedürfnisse von pflegebedürftigen und kranken Menschen. Es gibt jedoch keinen zwingenden Unterschied zwischen Spiritualität und psychosozialen Aspekten. In der Praxis verschmelzen beide miteinander. Spiritualität profitiert vom zwischenmenschlichen Austausch – und umgekehrt.
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