#Vorsorge am 14.02.2022

Gendermedizin: Warum Frauen und Männer unterschiedliche Behandlungen brauchen

Gendermedizin: Eine Ärztin misst den Blutdruck einer jungen Frau.
Stocksy / Michela Ravasio

Prof. Dr. med. Stefanie Joos und ihre wissenschaftliche Mitarbeiterin Miriam Giovanna Colombo erklären im Interview, warum geschlechtsspezifische Faktoren in der Diagnostik, bei der Entwicklung von Therapien und auch in der Prävention von Beginn an eine Rolle spielen müssen.

Die biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau sind so alt wie die Menschheit. Vergleichsweise jung ist dagegen die geschlechterspezifische Medizin, die sich mit dem Einfluss von Geschlecht auf Krankheit und Gesundheit beschäftigt. So können Frauen und Männer bei derselben Erkrankung unterschiedliche Symptome zeigen. Außerdem können Medikamente im weiblichen Organismus eine andere Wirkstärke haben als im männlichen. Trotzdem findet das Geschlecht in medizinischen Studien, Lehrbüchern, in der Diagnostik und Gesundheitsversorgung bis heute nicht ausreichend Berücksichtigung.

Das fehlende Bewusstsein für geschlechtsspezifische Unterschiede in der Medizin kritisiert auch Prof. Dr. med. Stefanie Joos, Ärztliche Direktorin des Instituts für Allgemeinmedizin und Interprofessionelle Versorgung am Universitätsklinikum Tübingen. In unserem Interview sprechen wir mit ihr und Miriam Giovanna Colombo, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Allgemeinmedizin und Interprofessionelle Versorgung am Universitätsklinikum Tübingen, über das Schattendasein der Gendermedizin, die geschlechtergerechte Prävention sowie viele weitere geschlechtsspezifische Behandlungsaspekte.

Warum ist das Bewusstsein für geschlechterspezifische Unterschiede in der Medizin zu wenig vorhanden?

SJ: Das mag einerseits daran liegen, dass Frauen generell in vielen früheren klinischen Studien unterrepräsentiert waren und sich die medizinische Forschung meist auf junge, gesunde Männer als Studienkollektiv konzentrierte. Vor allem in Medikamentenstudien war und ist dies der Fall, da die Verstoffwechselung von Medikamenten bei Frauen auch von Menstruationszyklus, Verhütungsmittel-Einnahme und hormonellen Schwankungen abhängen kann.

Die meisten Erkenntnisse zu Wirkungen von bestimmten Therapien wurden hauptsächlich auf der Basis von Studien an Männern entwickelt. Es ist unsicher, inwiefern sich diese Ergebnisse auch für Frauen verallgemeinern lassen. Hierfür entwickelt sich in den letzten Jahren ein zunehmendes Bewusstsein und geschlechterspezifische Unterschiede rücken mehr und mehr in den Fokus.

Geschlechterspezifische Medizin ist an einigen wenigen Universitäten und Forschungseinrichtungen in Deutschland (zum Beispiel das Institut für Geschlechterforschung in der Medizin (GiM) an der Charité Berlin) mittlerweile ein eigener Forschungsbereich. Das Bewusstsein für eine geschlechtergerechte Medizin gewinnt auch in der Ausbildung von Ärztinnen und Ärzten immer mehr an Stellenwert. Jedoch ist die Gendermedizin an den verschiedenen Universitäten noch sehr unterschiedlich vertreten und findet deswegen auch in unterschiedlichem Maß Eingang in die medizinische Lehre. Dabei ist es besonders wichtig, das Bewusstsein für geschlechterspezifische Unterschiede bereits zu Beginn der medizinischen Ausbildung zu schaffen. Hier gibt es definitiv noch viel Entwicklungspotenzial.

In welchen medizinischen Bereichen sind geschlechterspezifische Unterschiede am auffälligsten? Gibt es spezielle Erkrankungen, deren Verläufe sich bei Frauen und Männern stark unterscheiden?

MC: Da gibt es viele Beispiele. Besonders deutlich sind beispielsweise die Unterschiede bei einigen rheumatologischen und kardiologischen Erkrankungen. Frauen sind deutlich häufiger von Erkrankungen wie der rheumatoiden Arthritis betroffen. Auch die Osteoporose tritt sehr viel häufiger bei Frauen als bei Männern auf.

Im kardiologischen Bereich liegen die Männer dann wiederum vorne, etwa beim Auftreten von akuten Herzinfarkten. Hierbei unterscheiden sich Männer und Frauen nicht nur bezüglich der Häufigkeit, sondern auch hinsichtlich der Symptome. Bei Männern lassen sich häufiger die klassischen Symptome eines Herzinfarkts feststellen: ein Engegefühl in der Brust oder das Ausstrahlen des Schmerzes in den linken Arm. Bei Frauen hingegen kann sich ein Herzinfarkt mit weniger eindeutigen Symptomen wie Schmerzen im Oberbauch oder Übelkeit äußern. Das ist auch ein Grund dafür, warum bei Frauen eher die Gefahr besteht, dass ein Herzinfarkt übersehen wird. Die Kenntnis solcher geschlechterspezifischen Unterschiede kann also tatsächlich lebensrettend sein.

Gibt es Arzneistoffe, die bei Frauen anders wirken als bei Männern?

SJ: Das ist eine wichtige Frage, die Gegenstand aktueller Forschung ist. Männer und Frauen unterscheiden sich im Hinblick auf Körpergewicht, Körperfettanteil sowie bezüglich ihrer hormonellen und enzymatischen Ausstattung. Außerdem erleben Frauen im Laufe des Lebens mehr hormonelle Schwankungen im Vergleich zu Männern; einerseits durch den weiblichen Zyklus und andererseits durch mögliche Schwangerschaften und die Menopause.

Vor dem Hintergrund dieser physiologischen Unterschiede erscheint es einleuchtend, dass einige Medikamente von Männern und Frauen unterschiedlich verstoffwechselt werden. Daraus ergibt sich auch, dass für Frauen bei einigen Medikamenten andere Dosierungen benötigt werden, um die gleiche Wirkung zu erzielen wie bei Männern.  Es zeigte sich zudem, dass Frauen ein höheres Risiko haben, sogenannte unerwünschte Arzneimittelnebenwirkungen zu erleben. Das kann wiederum ein Zeichen für eine inadäquate Dosierung eines Medikaments sein.

Was ist Gendermedizin?

Die Gendermedizin ist ein Teilgebiet der Humanmedizin. Sie beschäftigt sich mit dem Einfluss von Geschlecht auf die Prävention, Entstehung, Diagnose, Therapie und Erforschung von Erkrankungen. Dabei werden sowohl Fragen thematisiert, die das biologische Geschlecht betreffen, beispielsweise die Genetik und den Hormonstoffwechsel, als auch das soziokulturelle Geschlecht – etwa im Hinblick auf Geschlechterrollen und Lebensstile. Ziel ist eine Verbesserung der Qualität der medizinischen Versorgung durch mehr Gendersensibilität. Die Gründung der ersten Gendermedizin-Institute erfolgte im Jahr 2001 in New York, 2002 am Karolinska-Institut in Stockholm und 2003 an der Charité in Berlin.

Wie wichtig ist eine geschlechtergerechte Prävention und wie lassen sich Risikofaktoren genderspezifisch festlegen?

SJ: Geschlechtergerechte Prävention ist sehr wichtig, da wir aus Studien wissen, dass Vorsorgemaßnahmen bei Männern und Frauen nicht immer gleich wirksam sind. Das betrifft die Primärprävention, also die Art von Prävention, die das Auftreten einer Erkrankung verhindern soll. Aber ebenfalls die Sekundär- und Tertiärprävention, bei der es um die Behandlung und das Verhindern einer Verschlechterung oder eines Wiederauftretens einer Erkrankung geht. Hierbei spielen auch andere Faktoren eine Rolle, wie zum Beispiel der jeweilige Lebensstil sowie unterschiedliche Erwartungen und Bedürfnisse von Männern und Frauen an die gesundheitliche Versorgung.

MC: Um geschlechterspezifische Risikofaktoren festlegen zu können, muss einem zuallererst bewusst sein, dass diese existieren können. Mittels Literaturrecherche werden bereits aus früheren Studien bekannte Risikofaktoren, beispielsweise für das Auftreten einer Erkrankung, identifiziert. Expertinnen und Experten auf dem jeweiligen Fachgebiet können außerdem noch weitere Risikofaktoren beisteuern, die ihnen in ihrem klinischen Alltag vermehrt aufgefallen sind. Diese gesammelten Risikofaktoren werden dann in der jeweiligen Studie berücksichtigt.

Im Rahmen der statistischen Auswertung der Studie bestimmt man nachfolgend die Risikofaktoren, für die ein Zusammenhang mit dem Auftreten der Erkrankung mit gewisser Sicherheit anzunehmen ist.  Dabei betrachtet man die gesamte Studienpopulation sowie Männer und Frauen getrennt voneinander. So lassen sich geschlechterspezifische Risikofaktoren für eine Erkrankung – zumindest grob gesagt – identifizieren.

Was muss bei der Betrachtung geschlechterspezifischer Unterschiede neben den anatomischen und physiologischen Besonderheiten von Mann und Frau noch berücksichtigt werden?

SJ: Wie schon gesagt, müssen auch Unterschiede von Männern und Frauen im Hinblick auf Lebensstilfaktoren, wie zum Beispiel bei der Ernährung und der sportlichen Aktivität berücksichtigt werden. Dazu zählen auch Nikotin- und Alkoholkonsum. Außerdem kann sich die Einstellung von Männern und Frauen gegenüber gesundheitsfördernden Maßnahmen oder Vorsorgeuntersuchungen unterscheiden.

Darüber hinaus spielt nicht nur das biologische Geschlecht eine Rolle, sondern auch das soziale Geschlecht, welches weit über eine rein binäre Unterscheidung von Männern und Frauen hinausgeht. Es wird unter anderem von soziokulturellen Rollen und Verhalten in einer Gesellschaft bestimmt. Wie sich Menschen selbst in einer Gesellschaft wahrnehmen, kann sich natürlich auf deren Gesundheit auswirken und ist deswegen auch für die Medizin von Bedeutung. Hier sind wir in der medizinischen Forschung allerdings noch am Anfang – meist wird in Studien dann doch „nur“ zwischen Männern und Frauen unterschieden.

Das Projekt „Frauengesundheit und Prävention“

Innerhalb des Forschungsprojekts „Frauengesundheit und Präventionsmedizin“ haben Prof. Dr. med. Stefanie Joos, Direktorin des Instituts der Allgemeinmedizin und Interprofessionelle Versorgung des Uniklinikums Tübingen, und ihr Team sowie das Team um Prof. Dr. med. Stephanie Wallwiener von der Unifrauenklinik Heidelberg, und das Forschungsinstitut für Frauengesundheit des Uniklinikums Tübingen die anonymisierten Daten von knapp vier Millionen AOK-Versicherten im Hinblick auf verschiedene Schwerpunktthemen analysiert und nach geschlechtsspezifischen Gesichtspunkten ausgewertet.

Das erste Schwerpunktthema war die chronische Niereninsuffizienz – eine Erkrankung der Nieren, die vor allem im Alter auftritt. Hierbei fand das Forschungsteam beispielsweise heraus, dass die Erkrankung generell häufiger bei Frauen auftritt als bei Männern. Bei Männern wird sie jedoch in einem früheren Stadium diagnostiziert. Zudem bekamen Frauen ab 65 Jahren mit erstmalig aufgetretener chronischer Niereninsuffizienz im Vergleich zu Männern häufiger Medikamente verordnet, die im Alter nur mit Einschränkungen beziehungsweise besonderer Vorsicht eingenommen werden sollten.

Das Team um Prof. Dr. med. Stephanie Wallwiener untersuchte zudem den Zusammenhang zwischen dem Auftreten einer Präeklampsie in der Schwangerschaft und der Entwicklung einer chronischen Niereninsuffizienz. Dabei kam heraus, dass Frauen mit einer Präeklampsie in der Schwangerschaft im Vergleich zu Frauen ohne Präeklampsie in der Schwangerschaft ein erhöhtes Risiko für das spätere Auftreten einer chronischen Niereninsuffizienz haben.

Im Rahmen des zweiten und aktuellen Schwerpunktthemas des Teams um Frau Prof. Joos geht es um die Polymyalgia rheumatica. Dabei handelt es sich um eine entzündlich-rheumatische Erkrankung, die Frauen doppelt so häufig betrifft wie Männer und mit erheblichen Einschränkungen der Lebensqualität der Betroffenen einhergeht.

Die Ziele des Projektes sind es, mithilfe der gewonnenen Erkenntnisse Präventionspotenziale aufzudecken und die Ergebnisse in die wissenschaftliche Forschung sowie die ärztliche Fort- und Weiterbildung einfließen zu lassen.

Wie sieht der Forschungsstand zur Gendermedizin heute aus und wie schnell entwickelt diese sich?

SJ: Der Forschungsstand hängt stark von dem jeweiligen Fachgebiet ab. In manchen Fachgebieten, wie der zuvor erwähnten Rheumatologie oder der Kardiologie sind geschlechterspezifische Unterschiede schon länger bekannt als in anderen Gebieten. Die Tatsache, dass die Gendermedizin sich an einigen Universitäten als eigener Forschungszweig entwickelt hat, zeigt, dass ein Bedarf an fächerübergreifender Forschung in dem Bereich besteht. Auch in Ausschreibungen für wissenschaftliche Fördermittel wird immer mehr Wert auf eine geschlechterspezifische Betrachtung gelegt.

MC: Die Entwicklung ist einerseits schnell und andererseits langsam. Zwar wird in den letzten Jahren vermehrt zu geschlechterspezifischen Unterschieden geforscht und in medizinischen Fachzeitschriften publiziert. Allerdings dauert es oft lange, bis die wissenschaftlichen Erkenntnisse tatsächlich im klinischen Alltag ankommen. Nur weil eine einzige Studie Hinweise auf geschlechterspezifische Unterschiede im Hinblick auf eine Erkrankung findet, bedeutet das nicht, dass sich sofort etwas in der Behandlung der betreffenden Patienten und Patientinnen ändert.

Dafür benötigt es dann weitere und vor allem größere Studien, welche die Erkenntnisse bestätigen oder sogar weiter präzisieren. Und natürlich Experten und Expertinnen, die dieses neue Wissen aufgreifen und es in tatsächlich umsetzbare (Präventions-)Maßnahmen für die medizinische Versorgung übersetzen.

Mit welchen Schwierigkeiten hat die geschlechterspezifische Forschung zu kämpfen?

SJ: Wie in jedem Forschungsgebiet, hängt viel von den zur Verfügung stehenden Ressourcen ab. Diese wiederum sind davon abhängig, ob ein Thema gerade viel Aufmerksamkeit erfährt oder nicht. Für die geschlechterspezifische Forschung ist es wichtig, dass mögliche Unterschiede zwischen dem männlichen, weiblichen und diversen Geschlecht bei jeder Studie mitgedacht werden – und zwar in allen medizinischen Bereichen und unabhängig davon, ob das Thema gerade interessant ist oder nicht.

Gerade weil Frauen in früheren Studien oft unterrepräsentiert waren und weil wir wissen, dass sich Frauen und Männer in vielerlei Hinsicht unterscheiden, müssen mögliche geschlechterspezifische Unterschiede immer mitberücksichtigt werden.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Gendermedizin?

SJ: Für die Forschung auf diesem Gebiet wünsche ich mir, dass sie weiter an Bedeutung gewinnt und damit die Möglichkeit hat, wichtige Erkenntnisse zu liefern, die für alle Geschlechter gleichermaßen adäquate Präventions- und Therapiemaßnahmen ermöglicht.

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