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Wie schützt man Kinder und Jugendliche vor sexueller Gewalt?
Veröffentlicht am:19.03.2026
9 Minuten Lesedauer
Prävention kann dabei helfen, sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche zu verhindern. Wie Sie Heranwachsende mit Wissen, Gesprächen und Strategien schützen und im Ernstfall Hilfe bieten können.

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Inhalte im Überblick
- Was ist sexuelle Gewalt?
- Wie häufig findet sexuelle Gewalt statt?
- Prävention: Wie schützt man Kinder und Jugendliche vor sexueller Gewalt?
- Wie tragen Bildungs- und Betreuungseinrichtungen zur Prävention sexueller Gewalt bei?
- Schutz vor sexueller Gewalt: Wie können Eltern Kinder und Jugendliche stärken?
- Wie spricht man mit Kindern und Jugendlichen über sexuelle Gewalt?
- Welche Hilfsangebote gibt es für Betroffene und Angehörige?
Was ist sexuelle Gewalt?
Sexuelle Gewalt oder sexueller Missbrauch an Kindern bezeichnet jede sexuelle Handlung, die gegen den Willen eines Kindes oder Jugendlichen erfolgt. Sie basiert immer auf einem Machtgefälle – beispielsweise zwischen einem Erwachsenen und einem Kind – und ist daher niemals legal. Bei unter 14-Jährigen werden sexuelle Handlungen stets als sexualisierte Gewalt gewertet, selbst wenn das Kind vermeintlich einverstanden wäre.
In der Öffentlichkeit und im Strafgesetzbuch ist meist von sexuellem Missbrauch oder Kindesmissbrauch die Rede. Das Strafgesetzbuch meint mit diesen Formen sexueller Gewalt jedoch ausschließlich die strafbaren Formen.
Menschen aus der Wissenschaft und Praxis verwenden häufig die Begriffe sexuelle Gewalt und sexualisierte Gewalt für sexuelle Übergriffe. Damit heben sie den gewalttätigen Charakter der Taten hervor:
- Sexuelle Gewalt betont, dass es sich um Gewalt handelt, die mit sexuellen Mitteln ausgeübt wird.
- Sexualisierte Gewalt geht einen Schritt weiter und verdeutlicht, dass Täterinnen und Täter Sexualität gezielt als Machtinstrument nutzen, um Gewalt auszuüben.
Wie häufig findet sexuelle Gewalt statt?
Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ist weltweit verbreitet. Doch ausreichend Daten zum genauen Ausmaß und den Kontexten fehlen – auch in Deutschland.
Laut der polizeilichen Kriminalstatistik wurden im Jahr 2024 insgesamt 16.354 Fälle von Missbrauch an Kindern sowie 1.191 Fälle an Jugendlichen zur Anzeige gebracht. Die Dunkelziffer liegt jedoch weit höher, denn viele Taten werden nicht gemeldet und erscheinen daher nicht in der offiziellen Statistik.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass in Deutschland bis zu eine Million Menschen im Laufe ihrer Kindheit oder Jugend sexuelle Gewalt durch Erwachsene erfahren haben oder noch erfahren. Das entspricht ein bis zwei Kindern pro Schulklasse.
Wer ist von sexueller Gewalt betroffen?
Eine aktuelle Studie liefert Anhaltspunkte über das Ausmaß sexueller Gewalt in Deutschland. Dafür wurden mehr als 3.000 Menschen im Alter von 18 bis 59 Jahren befragt. 12,7 Prozent der Befragten gaben an, selbst von sexueller Gewalt betroffen gewesen zu sein.
Bei sexueller Gewalt zeigt sich ein deutliches Gefälle zwischen den Geschlechtern: Frauen gaben mit 20,6 Prozent deutlich häufiger an, betroffen gewesen zu sein, als Männer mit 4,8 Prozent. 37,4 Prozent der Betroffenen berichteten zudem, die Straftat zum Zeitpunkt der Befragung noch niemandem gemeldet zu haben.
Wo findet sexueller Missbrauch statt?
Sexuelle Gewalt ereignet sich häufig im nahen sozialen Umfeld, also an Orten, an denen man einander kennt. Dazu zählen etwa die Familie, der Freundes- und Bekanntenkreis, die Nachbarschaft sowie Einrichtungen für Bildung, Sport und Freizeit.
Am häufigsten geschieht sexuelle Gewalt in der Familie oder durch Verwandte. Dabei sind Frauen häufiger betroffen als Männer. Männer erleben sexuelle Gewalt dagegen häufiger in Sport- und Freizeiteinrichtungen, im kirchlichen Umfeld sowie im Rahmen staatlicher Kinder-, Jugend- und Familienhilfe.
31,7 Prozent der Befragten gaben an, sexuelle Gewalt über das Internet und soziale Medien erfahren zu haben. Hier sind die Täterinnen und Täter meist Fremde. Durch intensive, persönliche Chats kann bei Kindern und Jugendlichen leicht der Eindruck entstehen, sie stünden mit einer vertrauen Person in Kontakt. Das erschwert es ihnen, mögliche Gefahren zu erkennen.
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Prävention: Wie schützt man Kinder und Jugendliche vor sexueller Gewalt?
Kinder und Jugendliche können sich oft nicht selbst schützen. Sie sind in besonderem Maße auf informierte Erwachsene als Ansprechpersonen angewiesen, die wissen, wie Kinder sich schützen können und wo sie Hilfe finden. Ob Eltern, Lehrkräfte, Erziehende oder Trainerinnen und Trainer in Sportvereinen: Nur wer informiert ist, kann helfen.
Wirksame Prävention von sexueller Gewalt setzt zudem auch bei potenziellen Täterinnen und Tätern an. Das Ziel besteht darin, Erst- und Wiederholungstaten zu verhindern.
Für alle Präventionsmaßnahmen gelten folgende Grundsätze:
- Prävention beginnt mit Respekt. Wenn Erwachsene die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen ernst nehmen, sie und ihre Rechte respektieren, schaffen sie eine schützende Basis.
- Sexueller Missbrauch ist möglich. Alle Beteiligten sollten anerkennen, dass Missbrauch kein Versehen ist, sondern ein reales Risiko für Heranwachsende darstellt.
Wie tragen Bildungs- und Betreuungseinrichtungen zur Prävention sexueller Gewalt bei?
In Einrichtungen und Organisationen sind institutionelle Schutzkonzepte entscheidend. Sie tragen dazu bei, dass Kitas, Schulen, Sportvereine oder Arztpraxen zu Orten werden, an denen Kinder und Jugendliche besser vor sexueller Gewalt geschützt werden und Betroffene Hilfe erhalten.
Besonders Lehr- und Betreuungspersonen gehören außerhalb der Familie zu den wichtigsten Bezugspersonen von Kindern und Jugendlichen. Sie bemerken Warnsignale für sexuelle Gewalt oft als Erste und müssen schnell handeln, um wirksam Hilfe zu leisten. Dies erfordert Geduld, Empathie und Offenheit. So können Kinder und Jugendliche in Not besser erreicht werden.
Broschüre: Schutzkonzepte gegen sexuelle Gewalt
Die Leitung einer Einrichtung oder ihr Träger ist dafür verantwortlich, Schutzkonzepte zu entwickeln und umzusetzen. Die Broschüre „Was muss geschehen, damit nichts geschieht?“ der Unabhängigen Bundesbeauftragten gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen (UBSKM) erläutert die wesentlichen Bestandteile eines Schutzkonzepts.
Schutz vor sexueller Gewalt: Wie können Eltern Kinder und Jugendliche stärken?
Eltern und andere Bezugspersonen können durch eine präventive Erziehung dazu beitragen, Kinder und Jugendliche vor sexuellem Missbrauch zu schützen. Im Kern stärkt eine solche Erziehung die Kinder, indem sie ihnen mit Liebe und Respekt begegnet, ihre Persönlichkeit achtet und ihre Selbstbestimmung fördert.
Eine präventive Erziehung bietet zwar keinen absoluten Schutz, kann das Risiko für sexuelle Gewalt aber verringern. Zudem hilft sie dabei, Missbrauch frühzeitig zu erkennen und zu stoppen und die psychische Verarbeitung zu unterstützen. Eine präventive Erziehung umfasst verschiedene Bestandteile.
Wie Sie Kinder durch Wissen und Akzeptanz stärken
- Persönliche Grenzen wahren: Kinder benötigen Erfahrungen, in denen ältere Personen ihre Grenzen achten, ihre Meinung wertschätzen und sie zur Mitgestaltung ermutigen.
- Recht auf körperliche Selbstbestimmung stärken: Kinder und Jugendliche sollten ihren Körper als wertvoll und schön begreifen lernen. Abwertende Bemerkungen über den Körper anderer sind tabu. Zu diesem Recht gehört auch, selbst zu entscheiden, wer sie in welcher Situation fotografiert.
- Sexuelle Bildung unterstützen: Täterinnen und Täter nutzen kindliche Unwissenheit oft aus. Deshalb sollten Eltern oder andere Bezugspersonen altersgerecht mit Kindern über Sexualität sprechen. Kinder, die Begriffe für Geschlechtsteile und sexuelle Vorgänge kennen, können leichter über grenzverletzende Erfahrungen und Übergriffe reden. Gespräche mit Gleichaltrigen oder Jugendmagazine können diesen Lernprozess ergänzen.
- Widersprechen dürfen: Kinder und Jugendliche sollten die Erfahrung machen dürfen, dass Erwachsene nicht immer im Recht sind und ein „Nein“ akzeptiert wird. Das kann es ihnen erleichtern, Unbehagen und Abwehr bei sexuellen Übergriffen auszudrücken.
- Keine Schuld zuweisen: Menschen, die sexuelle Gewalt erlitten haben, sind niemals schuld. Erwachsene sollten dies Kindern und Jugendlichen deutlich vermitteln. Denn Täterinnen und Täter nutzen die Schuldgefühle, die sich bei den meisten Betroffenen entwickeln, oft gezielt aus.
Aufmerksames Zuhören und offene Gespräche geben Rückhalt
- Offen sprechen und Vertrauen fördern: Ein offenes Familienleben ohne belastende Geheimnisse ermutigt Kinder, sich bei Problemen frühzeitig anzuvertrauen. Dazu brauchen sie Bezugspersonen, die ihnen zuhören und sich für ihre Sorgen interessieren.
- Über sexuellen Missbrauch sprechen: Wichtig ist zudem, dass Kinder früh den Unterschied zwischen Sexualität und sexueller Gewalt verstehen. Informierte Kinder und Jugendliche können Situationen oft besser einschätzen und sprechen eher über Probleme.
- Über Gefühle austauschen: Täterinnen und Täter manipulieren oft die Gefühle und die Wahrnehmung der Betroffenen. Kinder und Jugendliche sollten daher lernen, ihre eigene Wahrnehmungsfähigkeit zu schärfen und ihre Gefühle auszudrücken.
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Wie spricht man mit Kindern und Jugendlichen über sexuelle Gewalt?
In solchen Gesprächen ist es besonders wichtig, dass Kinder und Jugendliche erleben: „Meine Mutter, mein Patentonkel oder meine Lehrerin weiß, dass es sexuelle Gewalt gibt. An sie kann ich mich wenden, wenn mir etwas passiert.“
Erfahrungen zeigen, dass Kinder und Jugendliche mit dem Thema oft sachlich umgehen und es neben andere Gefahren einordnen. Entscheidend ist die Herangehensweise.
Was ist in Gesprächen über sexuelle Gewalt zu beachten?
- Deutlich sein: Benennen Sie Missbrauch klar und vermeiden Sie Andeutungen.
- Keine Ängste schüren: Verzichten Sie auf die detaillierte Schilderung aller möglichen Handlungen und schweren Auswirkungen. Angst führt nicht zu besserem Schutz, sondern kann Kinder verunsichern und ihr Grundvertrauen beeinträchtigen.
- Sparsam mit Regeln und Verboten umgehen: Wenn Sie Regeln oder Verbote vereinbaren, um Kinder vor sexueller Gewalt zu schützen, machen Sie unmissverständlich klar: Die Schuld liegt niemals beim Kind. Selbst wenn es gegen eine Regel verstößt, muss es keine Strafen fürchten. Nur ohne Angst werden sich Kinder anvertrauen.
- Eigene Ängste kontrollieren: Kinder spüren, wenn Bezugspersonen überfordert sind oder sich fürchten. Im schlimmsten Fall schweigen sie, um Sie zu schonen.
- Wut zurückhalten: Negative Äußerungen über die Täterin oder den Täter können betroffene Kinder davon abhalten, etwas zu erzählen. Oft haben sie zwiespältige Gefühle gegenüber diesen Personen und fühlen sich genötigt, sie zu schützen.
- Prävention von Aufklärung trennen: Sprechen Sie zuerst positiv über Körper, Liebe und Sexualität. Kinder sollten diese Themen als normal kennenlernen, bevor Sie die Gefahren von Missbrauch thematisieren.
- Rolle von Freundinnen und Freunden anerkennen: Thematisieren Sie, dass sich manche Kinder zuerst ihren Freundinnen und Freunden anvertrauen. Würdigen Sie dies als wichtigen Schritt.

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Was sollten Kinder über sexuelle Gewalt wissen?
- Sexuelle Gewalt kann Kindern unabhängig von ihrem Geschlecht widerfahren.
- Die Täter sind häufig männlich und erwachsen, aber auch Jugendliche, Frauen und Kinder können Täterinnen und Täter werden.
- Täterinnen und Täter stammen oftmals aus dem nahen Umfeld des Kindes und sind selten Fremde. Wichtig ist jedoch: Die meisten Erwachsenen und Jugendlichen handeln verantwortungsvoll und missbrauchen nicht.
- Täterinnen und Täter sieht man ihre Absichten nicht an.
- Die Schuld an sexueller Gewalt liegt immer bei der Täterin oder dem Täter – niemals beim Kind.
- Sexuelle Gewalt beginnt oft schleichend, löst verwirrende Gefühle aus und fühlt sich nicht immer wie Gewalt an.
- Sie kann auch ohne direkten Körperkontakt stattfinden, zum Beispiel durch die Forderung von Nacktfotos.
- Sexuelle Gewalt geschieht auch digital, zum Beispiel in Chatrooms und sozialen Netzwerken.
Setzen Sie sich nicht unter Druck, alle Themen in einem einzigen Gespräch über sexuelle Gewalt behandeln zu müssen. Das überfordert Sie und Ihr Kind. Sprechen Sie stattdessen einzelne Aspekte bei passenden Gelegenheiten an – das ist leichter und wirksamer.
Wie spricht man altersgerecht über sexuelle Gewalt?
Mit Kindern im Kindergartenalter sollten Sie noch nicht direkt über sexuellen Missbrauch sprechen, da dies Ängste auslösen kann. Hier steht die präventive Erziehung im Vordergrund. Erklären Sie nur in Ausnahmefällen, was Missbrauch ist. Zum Beispiel, wenn
- Kinder direkt danach fragen,
- sie verwirrende Informationen aufgeschnappt haben oder
- erfahren haben, dass ein befreundetes Kind sexuell missbraucht wurde.
Ältere Kinder und Jugendliche haben meist bereits ein Vorwissen über sexuelle Gewalt. Knüpfen Sie als Eltern oder andere Bezugsperson genau daran an. Fragen Sie gezielt, was Ihr Kind bereits weiß, wie es das Thema bewertet und welche Fragen es dazu hat.
Welche Hilfsangebote gibt es für Betroffene und Angehörige?
Es gibt zahlreiche Hilfsangebote, die Sie unterstützen, wenn Sie sich Sorgen um ein Kind machen, einen Verdacht hegen oder selbst betroffen sind. Das Hilfe-Portal Sexueller Missbrauch bietet Online- und Telefonberatung. Schreib-Ollie berät Jugendliche und Erwachsene online zu allen Fragen zu diesem Thema.
Darüber hinaus zeigt der Erste-Hilfe-Leitfaden Betroffenen konkrete Hilfswege auf und erklärt, wie Angehörige unterstützen können.
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