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Sternenkinder: Abschied vor dem Kennenlernen

Die Hände der Mutter halten die Füße ihres Sternenkindes.

© iStock / sacherjj

Lesezeit: 6 MinutenAktualisiert: 27.09.2021

Sternenkind, Schmetterlingskind, Engelskind: Es gibt verschiedene Bezeichnungen für Kinder, die tot geboren werden oder kurz nach der Geburt sterben. Offiziell gelten Grenzwerte hinsichtlich Gewicht und Alter, die zwischen Fehl- und Totgeburt unterscheiden. All das spielt für Eltern jedoch selten eine Rolle, denn letztlich bedeutet es für sie ein und dasselbe: Sie müssen von ihrem verstorbenen Kind Abschied nehmen – und stehen nun vor der gigantischen Herausforderung, irgendwie mit diesem Verlust weiterzuleben. Wie das gelingen kann, erzählt Taja in diesem Interview.

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    Taja erfährt in der 20./21. Schwangerschaftswoche, im Rahmen einer Routineuntersuchung, dass ihr Baby nicht mehr lebt. Bereits vor diesem Termin hat die heute 30-Jährige seit Längerem ein ungutes Gefühl, das sie aus ihrer ersten Schwangerschaft mit ihrem Sohn nicht kennt. Später stellt sich heraus: Ihr Baby war zu diesem Zeitpunkt bereits etwa drei Wochen tot. Im Interview erzählt Taja ihre Geschichte. Sie berichtet, was es bedeutet, sein Kind zu verlieren, weshalb das eigene Bauchgefühl so wichtig ist und wie man es schaffen kann, solch einen Verlust zu verarbeiten.

    Wie hast du herausgefunden, dass dein Baby nicht mehr am Leben ist?

    Das war bei der ersten großen Ultraschalluntersuchung. Doch bereits bei den Voruntersuchungen im Krankenhaus haben sich die Ärzte immer wieder besprochen und sich selbst Fragen gestellt. Das Baby hatte eine merkwürdige Lage und die Ultraschallbefunde waren nicht mehr ganz eindeutig.

    Mein Mann und ich wurden in der ersten Schwangerschaft mit unserem Sohn mit den ganzen Untersuchungen so wahnsinnig gemacht. Immer wieder wurde die Größe des Kopfumfanges untersucht. Das wollten wir in der nächsten Schwangerschaft vermeiden, daher hatten wir lediglich zu Beginn eine Ultraschalluntersuchung vorgenommen. Da war das Baby noch am Leben.

    Was ist anschließend passiert?

    Ich wusste, dass man sein totes Baby ab der 14. Schwangerschaftswoche normal entbinden muss. Ich wollte dennoch operiert werden, aber man sagte mir im Krankenhaus, dass es für den eigenen Körper besser wäre, wenn man die Schwangerschaft mit der Geburt abschließt. Und dass es auch für den Körper besser sei, wenn das Baby nicht einfach „herausgerissen“ wird.

    Es war ein schlimmes Gefühl. Der Frauenarzt gab mir die Überweisung für das Krankenhaus, ich sollte mich dort anmelden und in den nächsten Tagen einen Termin zur Einleitung bekommen. Da ich aber von mir selbst und dem toten Baby in mir so angeekelt war, habe ich dem Krankenhaus ziemlichen Druck gemacht. Ich wollte das Kapitel einfach abschließen und nicht erst nach zwei Tagen hinkommen, sondern auf direktem Weg. Im Krankenhaus wurden dann einige Gespräche über den Ablauf geführt und diverse Ultraschalls gemacht. Die Geburt wurde eingeleitet und es ging, Gott sei Dank, relativ schnell. 

    Wie hast du diese Situation empfunden?

    Ich hatte keinerlei Schmerzen oder Ähnliches bei meiner Fehlgeburt, einfach nur ein verdammt ungutes Gefühl – was mich beinahe das Leben gekostet hätte. Dadurch, dass erst relativ spät aufgefallen ist, dass das Baby gestorben ist, kam es fast zu einer Schwangerschaftsvergiftung. Und selbst als die Frauenärztin den Tod festgestellt hat, wurde die Geburt nicht sofort eingeleitet. Man wird nur direkt vom Frauenarzt zum Krankenhaus zur sofortigen Einleitung geschickt, wenn man Blutungen oder Ähnliches hat. Aber sollte nicht jede Frau das Recht haben, die Geburt des toten Babys mit sofortiger Wirkung einleiten zu lassen?

    Hattest du nach der Geburt die Möglichkeit, dich von deinem Sternenkind zu verabschieden?

    Man wird im Krankenhaus gefragt, ob man sich von seinem Baby verabschieden möchte. Ob man es halten und anschauen möchte. Allerdings haben wir uns dagegen entschieden und auch die Ärzte haben uns davon abgeraten, da sie selbst nicht wussten, in welchem Zustand das Baby sein würde. Im Nachhinein betrachtet war es auch gut so.

    Das Krankenhaus in Lüneburg bietet den Sternenkind-Eltern an, sein Baby mit vielen anderen Sternenkindern beisetzen zu lassen oder selbst eine Beerdigung zu planen. Letzteres kam für uns aber nicht in Frage. Wahrscheinlich ist das einfach typabhängig und es kommt eventuell auch auf die Schwangerschaftswoche an. Das Baby wurde mit dem Angebot von dem Krankenhaus Lüneburg mit anderen Sternenkindern beigesetzt.

    Welche Unterstützung hast du nach der Geburt von ärztlicher Seite bekommen?

    Nach meinem Krankenhausaufenthalt war ich noch einmal beim Frauenarzt. Dieser hat direkt nach der Geburt des Babys einen Anruf vom Krankenhaus bekommen, dass es schon fünf nach zwölf war, dass es für mich nicht gut aussah. Immerhin war das Baby drei Wochen tot in mir. Daher bin ich einfach nur dankbar, dass ich überlebt habe.

    Inwiefern hat sich der Umgang deiner Mitmenschen mit dir anschließend verändert?

    Es gab Menschen, die davon wussten. Aber die haben mich nur bemitleidend angeschaut. Das hat mich am allermeisten gestört: dass die Leute schauen und nichts sagen. Mir hätte niemand sein Beileid aussprechen müssen, aber diese Blicke waren anfangs schlimm.

    Als ich dann angefangen habe, über die Fehlgeburt zu sprechen, haben mir einige Frauen im Gespräch mitgeteilt, dass sie ebenfalls eine oder sogar mehrere Fehlgeburten hatten. Ich hoffe einfach, dass das bald kein Tabuthema mehr ist.

    „Es gab Menschen, die davon wussten. Aber die haben mich nur bemitleidend angeschaut. Das hat mich am allermeisten gestört: dass die Leute schauen und nichts sagen.“

    Taja
    Sternenkind-Mama

    Was hat dir langfristig dabei geholfen, den Verlust zu verarbeiten?

    Viel reden. Anfangs war es mir unangenehm und ich habe die Dinge runtergespielt. Heute weiß ich, dass es wichtig war, offen über das Thema zu sprechen. Und wahrscheinlich hat mir auch ein Jahr später der positive Schwangerschaftstest geholfen, nachdem wir uns lange unsicher waren, ob wir es noch einmal wagen sollen. Aber ich würde sagen, dass die nachfolgende Schwangerschaft unsere ganz eigene Therapie war. Sie war wirklich schwer. Es gab Tage, da hatte ich schreckliche Angst, dann Tage voller Freude.

    Jeden Monat habe ich etwas Neues für das Baby gekauft, um mich abzulenken. Und ich würde lügen, wenn ich sage, dass die Schwangerschaft genauso „easy“ war, wie die von unserem ersten Sohn. Plötzlich gab es diese ganzen Ängste und Risiken in meinem Kopf, die es dort vorher nicht gab. Dieses unbeschwerte Gefühl war nicht mehr da. Aber am Ende wussten wir, dass diesmal alles gut wird.

    Ein trauerndes Paar hält sich an den Händen, da sie den Tod ihres Kindes verkraften müssen.
    Der Verlust eines Kindes kann für Partnerschaften eine große Herausforderung darstellen.

    © iStock / cokada

    Was war in Hinblick auf deine Partnerschaft wichtig, um das Geschehene gemeinsam verarbeiten zu können?

    Dass man ehrlich zueinander ist. Dass man sagt, wie man sich fühlt und dass man viel redet. Vielleicht haben wir auch den Vorteil, dass wir zu dem Zeitpunkt schon einen gesunden Sohn hatten. Da war man einfach noch dankbarer.

    Würdest du sagen, dass sich deine Ärzte damals angemessen verhalten haben?

    Ich glaube, ich hatte damals mehr Mitleid mit der Ärztin. Wie gesagt, ich hatte von Anfang an ein komisches Gefühl und eine Frauenärztin möchte natürlich immer sagen, dass es dem Baby gut geht und dass das kleine Herzchen ordentlich schlägt. Sowas ist natürlich immer traurig.

    Wie geht ihr als Familie heute mit der Situation um?

    Mein Mann und mir ist jede Sekunde bewusst, dass wir noch einen kleinen Sohn haben, dass er es nur leider nicht zu uns geschafft hat. Umso dankbarer sind wir, dass wir zwei tolle Jungs bei uns haben. Unser erster Sohn war damals noch ziemlich klein, erst zweieinhalb Jahre. Daher weiß er davon nichts. Vielleicht werden wir es ihm irgendwann, wenn er erwachsen ist, mal erzählen.

    Hast du einen Ratschlag für Mütter und Eltern, die sich in einer ähnlichen Situation befinden?

    Bitte geht zum Arzt, wenn ihr ein komisches Bauchgefühl habt, wenn ihr denkt, dass etwas nicht stimmt oder ihr einfach mal für euch wissen müsst, ob es dem Baby gut geht – und nutzt die Vorsorgeuntersuchungen für Schwangere.

    Während meiner Schwangerschaft nach der Fehlgeburt war ich häufiger beim Arzt. Nicht nur, weil die Ärzte es wollten, sondern auch aus Angst und für die Bestätigung, dass alles gut ist. Damit es mir besser geht. Genau dieses Recht hat man. Und Ärzte sollten jede Frau ernst nehmen, die sagt, dass sie ein doofes Gefühl hat oder nach ihrem Baby schauen möchte. 

    „Bitte geht zum Arzt, wenn ihr ein komisches Bauchgefühl habt, wenn ihr denkt, dass etwas nicht stimmt oder ihr einfach mal für euch wissen müsst, ob es dem Baby gut geht.“

    Taja
    Sternenkind-Mama

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