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Ist Babysprache ratsam oder schadet sie dem Kind?

Papa und Kleinkind kommunizieren in Babysprache.

© iStock / petrunjela

Lesezeit: 6 MinutenAktualisiert: 21.09.2021

Wenn es um die Kommunikation mit Babys und Kleinkindern geht, wechseln viele Eltern in die Babysprache, auch „infant direct speech“ genannt. So wird beispielsweise nicht gefragt, ob sich das Kind verletzt, sondern ob es „aua aua gemacht“ hat. Doch wie sinnvoll ist diese Babysprache wirklich? Fördert sie den Spracherwerb der Kinder – oder kann sie ihn möglicherweise einschränken? Dr. Manuel Bohn gibt im Interview Antworten auf genau diese Fragen.

Inhalte im Überblick

    Dr. Manuel Bohn ist Psychologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut in Leipzig. Im Rahmen seiner Forschung beschäftigt er sich mit den psychologischen Grundlagen von Sprache. Dabei geht es sowohl um den Spracherwerb von Kindern als auch die begleitenden Faktoren, die bei diesem Erwerb von Bedeutung sind.

    Was genau ist die sogenannte Babysprache?

    Unter Babysprache versteht man im Grunde die Sprache, die man benutzt, um mit kleinen Kindern zu sprechen. Im Vergleich zu der Sprache, in der man mit Erwachsenen spricht, modifizieren wir also die Art und Weise, wenn wir uns an Kinder wenden. Wir verwenden eine größere Reichweite an Modulation, es wird langsamer gesprochen, es werden einfachere Wörter verwendet, es werden längere Pausen gemacht – allgemein ist die Sprache höher.

    Dabei geht es nicht nur um die Sprache selbst: Das Ganze ist immer eingebettet in eine bestimmte Form der Interaktion. Meistens schaut man das Kind an, macht entsprechende Gesichtsausdrücke. Nicht nur die Laute werden also abgewandelt, sondern auch Mimik und Gestik. Es geht um das ganze Paket, das damit einhergeht.

    Würden Sie sagen, dass wir diese Sprache intuitiv benutzen?

    Da stellt sich die Frage – was ist intuitiv, was ist bewusst? In dem Moment realisieren wir natürlich, dass wir in der Babysprache sprechen. Allerdings gehen wir nicht an das Baby heran und denken: Da ist ein Baby, jetzt muss ich Babysprache sprechen. Aus der Perspektive ist es also bestimmt intuitiv.

    Es ist nichts, was man beigebracht bekommt. Babysprache ist auch sehr weit verbreitet – man sieht sie nicht nur im westlichen Kontext, sondern auch in vielen anderen Kulturen. Es gibt demnach keine formale Anleitung, wie man mit Kleinkindern sprechen muss.

    Mutter hält Kind auf dem Arm und kommuniziert in Babysprache.
    Babysprache hat nur einen Lerneffekt, wenn die Eltern direkt in Kontakt mit ihrem Kind treten. Tonaufnahmen vom Band bringen nichts.

    © iStock / recep-bg

    Kann Babysprache den Spracherwerb fördern?

    Wir wissen nicht, ob es einen kausalen Zusammenhang dazwischen gibt, wie Eltern mit einem einjährigen Kind sprechen und wie die vollentwickelte Sprache von Kindern später aussieht. Deswegen muss man die Frage stellen: Welchen Effekt hat Babysprache darauf, wie die Kinder diese Sprache wahrnehmen?

    Und hier sieht man, dass Kinder durchaus ein Interesse daran haben. Das ist gesichert und auch weit verbreitet: Wenn wir Kinder mit Babysprache ansprechen, präferieren sie diese Sprache im Vergleich zur „erwachsenen“ Variante. Es ist ein Interesse für diese Babysprache da.

    Durch dieses gesteigerte Interesse wird davon ausgegangen, dass es den Kindern dabei hilft, etwas über Sprache zu lernen. Darüber, wie Sprache aufgebaut ist, welche Töne vorkommen, wie die Segmentierung funktioniert – gepaart mit der erhöhten Aufmerksamkeit, die durch diese Gestaltung der Sprache miteinhergeht.

    Der Effekt von Babysprache ist also, dass die Babys aufmerksamer sind. Man bietet ihnen etwas, das für sie interessant ist, wodurch sie sich intensiver damit beschäftigen. Deswegen kann gesagt werden, dass Babysprache durchaus förderlich ist und das Erlernen von Sprache erleichtert.

    „Babysprache ist interessant für Babys, wodurch sie sich intensiver damit beschäftigen. Deswegen kann gesagt werden, dass Babysprache durchaus förderlich ist und das Erlernen von Sprache erleichtert.“

    Dr. Manuel Bohn
    Max-Plack-Institut

    Wie wichtig ist die zuvor genannte Interaktion?

    Sehr wichtig. Wir lernen ja Sprache nicht nur, indem wir Sprache hören – sonst könnten wir Kinder ganz einfach vor den Fernseher oder das Radio setzen. So funktioniert das aber nicht. Sprache ist etwas, das wir von anderen Menschen lernen und das benutzt wird, um sich auf die Welt zu beziehen. Deswegen können wir sie nur lernen, indem wir mit anderen Menschen interagieren und mit ihnen über die Welt in Kontakt treten. Das ist unbedingt notwendig. Deswegen sind diese Interaktionsmuster, die mit der Babysprache einhergehen, auch förderlich für den Spracherwerb.

    Es werden bestimmte Aspekte der Umgebung besonders hervorgehoben und betont. Das erleichtert es den Kindern, sich auf diese Sachen zu fokussieren und die Wörter dafür zu erlernen.

    Wie wichtig ist es, ob wir viel oder wenig mit Babys sprechen?

    Es gibt gute Untersuchungen, dass die Menge an Sprache, die Kinder hören, eine relativ hohe Vorhersagekraft für ihre eigenen späteren sprachlichen Fähigkeiten hat. Jedoch lässt sich nicht direkt die Verbindung herstellen: „Wie viel Babysprache hörst du, wie groß ist dein Wortschatz später.“

    Es geht viel mehr über den Umweg: Babysprache steigert das Interesse der Kinder, deswegen haben sie in dem Moment eine größere Möglichkeit, etwas über Sprache zu lernen. Kinder, die im frühen Leben viel Sprache lernen – wovon wahrscheinlich ein großer Teil diese Babysprache ist – haben später einen größeren Wortschatz.

    „Kinder, die im frühen Leben viel Sprache lernen – wovon wahrscheinlich ein großer Teil diese Babysprache ist – haben später einen größeren Wortschatz.“

    Dr. Manuel Bohn
    Max-Plack-Institut

    Wie sinnvoll sind typische Ausdrücke der Babysprache – wie beispielsweise „Wauwau“ anstatt „Hund“

    Diese Synonyme haben oftmals die Eigenschaft, dass sie für Kinder einfacher zu produzieren sind. Sie bestehen, wie auch „Wauwau“, oft aus Wiederholungen und sind sehr vokallastig (a, e, o, u, i). Dadurch fangen die Kinder früher an zu sprechen oder lernen diese Wörter früher, weil sie sie leichter selbst aussprechen können.

    Wenn wir mit kleinen Kindern sprechen, versuchen wir im Grunde, unsere Sprache so zu gestalten, dass sie für sie einfacher zu erwerben und einfacher zu sprechen ist. Quasi eine Anpassung der komplexen Sprache auf das sich noch entwickelnde, kleine Kind.

    Gibt es einen Punkt, an dem man aufhören sollte, in Babysprache zu sprechen?

    Die Frage ist ja immer: Was ist das Entwicklungsziel? Das Entwicklungsziel ist natürlich, dass das Kind die Sprache seines Umfelds erlernt. Ewigkeiten sollte man somit nicht in Babysprache sprechen, sondern sie als guten Einstieg sehen. Im Grunde genommen fungiert sie wie Stützräder: Sie helfen einem zwar am Anfang, man kann deswegen aber noch nicht Fahrradfahren.

    Es gibt aber keine Altersvorgaben, ab wann man mit Babysprache aufhören sollte. Bei der ganzen sprachlichen Entwicklung von Kindern ist der stabilste Befund in der Forschung, dass Kinder sich zwischen anderthalb und drei Jahren ganz extrem voneinander unterscheiden. Deswegen lässt sich nicht sagen: „Ab zwei Jahren sollte man aufhören, in Babysprache zu sprechen.“ Ganz einfach, weil Kinder sich sehr unterschiedlich entwickeln.

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    Worauf ist beim Sprechen von Babysprache zu achten?

    Es gibt eigentlich nicht wirklich etwas, das man bei der Babysprache falsch machen könnte. Wichtig ist, die Babysprache nicht um der Babysprache wegen zu sprechen – sondern um mit seinem Kind in Kontakt zu treten. Sie ist ein Mittel zum Zweck, kein Selbstzweck. Es bringt nichts, Babysprache auf Tonband aufzunehmen und seinem Kind vorzuspielen. Daraus wird das Kind nichts lernen.

    In welcher Form funktioniert die Kommunikation von der anderen Seite aus – wie teilen Babys sich ihren Eltern mit, bevor sie auf die Babysprache reagieren können?

    Das ist eine sehr interessante Frage, denn aus psychologischer Sicht sind Augenreiben oder Schreien nicht wirklich Kommunikation. Zwar sendet das Kind ein Signal aus, das bei den Eltern ankommt – aber es ist kein bewusstes Signal. Das Kind reibt sich nicht die Augen, um den Eltern zu sagen, dass es müde ist.

    Die Eltern deuten das Signal lediglich. Es ist also keine absichtliche Kommunikation. Bei der Babysprache ist das anders. Wenn die Kinder anfangen, Laute oder Gesten zu produzieren – dann beginnt die intentionale Kommunikation. Wenn Signale produziert werden mit der Absicht, etwas mitzuteilen.

    Welche weiteren Faktoren beeinflussen den Spracherwerb?

    Das kann man sich auf unterschiedlichen Ebenen anschauen. Natürlich wird der Spracherwerb von übergeordneten Variablen beeinflusst, wie der Bildung der Eltern oder dem sozioökonomischen Status. Es ist aber nicht klar warum das so ist, also was der kausale Zusammenhang ist. Stattdessen schaut man sich an, in welchen Situationen und Interaktionen Kinder Sprache erwerben.

    In der einfachsten Variante lernen wir ein Wort, eine Lautäußerung, die eine systematische Beziehung hat zu irgendeinem Objekt in der Welt. Um das machen zu können, muss ich zunächst dieses Wort wahrnehmen können. Aber ich muss vor allen Dingen auch lernen, dass es sich auf dieses Objekt bezieht.

    Und diese Verbindung kriege ich nur auf Ebene einer sozialen Interaktion mit einer anderen Person hin. Beispielsweise, indem auf das Objekt gezeigt oder es hochgehoben wird. All diese Komponenten sind wichtig, damit Kinder Sprache lernen.

    Welche Vorteile haben Kinder, mit denen in Babysprache gesprochen wird?

    Kinder präferieren diese Sprache im Gegensatz zur Erwachsenensprache. Sie hilft ihnen außerdem dabei, den Sprachfluss zu gliedern. Wenn man ihnen beispielsweise eine Fantasiesprache vorspricht, können sie die einzelnen Elemente eher gliedern, wenn in Babysprache gesprochen wird.

    Wird Kindern ein Wort in Babysprache präsentiert, lernen sie es eher, als wenn es in Erwachsenensprache präsentiert wird. Ganz viel hängt aber mit dem zuvor erwähnten Interesse für diese Babysprache zusammen.

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