Zum Hauptinhalt springen
AOK – Die Gesundheitskasse

Wie gefährlich ist Cannabis wirklich?

Eine Marihuanaknolle liegt auf einem Grinder – der Cannabiskonsum wächst stetig.

© iStock / MysteryShot

Lesezeit: 7 MinutenAktualisiert: 31.05.2021

Vor allem von Jugendlichen und jungen Erwachsenen wird Cannabis oft als weiche Droge verharmlost. Doch gerade im Jugendalter ist der Konsum von Marihuana oder Haschisch mit besonderen Risiken verbunden. Weil sich das Gehirn noch im Auf- und Umbau befindet, können zahlreiche langfristige Schädigungen auftreten. Darunter fallen etwa Psychosen, Depressionen und Intelligenzminderung. Prof. Dr. med. Rainer Thomasius behandelt cannabissüchtige Kinder und Jugendliche am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Im Interview klärt er über die Gefahren des Konsums auf.

Inhalte im Überblick

    Prof. Dr. med. Rainer Thomasius ist Ärztlicher Leiter am Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, außerdem Präsident der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie (DG-Sucht).

    Wer konsumiert eigentlich Cannabis?

    Die aktuelle Drogenaffinitätsstudie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zeigt: Am häufigsten konsumieren die 18- bis 24-Jährigen. Die 12-Monats-Prävalenz gibt an, dass in den letzten zwölf Monaten mindestens einmal oder öfter Cannabis konsumiert wurde. Sie liegt in dieser Gruppe bei 23 Prozent. Bei den 12- bis 17-Jährigen ist sie mit 8 Prozent niedriger.

    Es konsumieren außerdem deutlich mehr junge Männer als junge Frauen, die Geschlechter gleichen sich aber bei den Konsumquoten immer weiter an. Bei den 12- bis 17-jährigen Jungen beträgt die 12-Monats-Prävalenz beispielsweise 10 Prozent und bei den Mädchen 5,8 Prozent.

    Steigt der Cannabiskonsum allgemein an?

    2004 gab es ein Hochplateau, dann ist der Konsum bis 2012 abgesunken. Seitdem steigt der gelegentliche Konsum von Cannabis allerdings wieder an. Die Zahlen basieren auf der 12-Monats- und der Lebenszeitprävalenz. Letztere meint, dass die Substanz mindestens einmal oder öfter im gesamten Leben konsumiert wurde.

    Ist Cannabis eine Einstiegsdroge?

    Wer Cannabis zum ersten Mal konsumiert, ist im Durchschnitt 15,3 Jahre alt. Dies ist aber bevölkerungsstatistisch betrachtet, der Konsum findet in Risikopopulationen, also Gruppen, die anfällig für Drogen sind, deutlich früher statt, etwa mit zwölf oder dreizehn Jahren. Cannabis ist mehr eine Übergangs- als eine Einstiegsdroge, da die ersten konsumierten Substanzen meist Alkohol und Tabak sind. Cannabis steht also an dritter Stelle in der Konsumabfolge. Zehn bis 20 Prozent nehmen ergänzend oder ausschließlich andere illegale, harte Drogen wie etwa Stimulanzien, Amphetamine, Kokain oder Halluzinogene. Opiate wie Heroin werden heute von Jugendlichen nur noch sehr selten konsumiert.

    „Cannabis ist mehr eine Übergangs- als eine Einstiegsdroge, da die ersten konsumierten Substanzen meist Alkohol und Tabak sind. Cannabis steht also an dritter Stelle in der Konsumabfolge.“

    Porträt von Prof. Dr. med. Rainer Thomasius

    Prof. Dr. med. Rainer Thomasius
    Ärztlicher Leiter am Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ), Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

    Erhöht ein hoher THC-Gehalt die Suchtgefahr?

    Cannabis hat einen höheren THC-Gehalt als früher. Dadurch steigt die Suchtgefahr. Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Suchtpotenzial sowie den dokumentierten Störungen und dem Anstieg des THC-Gehalts. Tetrahydrocannabinol ist die psychoaktiv wirksame Hauptsubstanz in Cannabisprodukten.

    Neun Prozent der Cannabiskonsumenten entwickeln eine Abhängigkeit. Beginnt der Konsum allerdings im Jugendalter und findet regelmäßig statt, werden bis zu 50 Prozent der Konsumenten abhängig.

    Welche Folgen kann der Cannabiskonsum haben?

    Akute Wirkungen, die eintreten können, sind:  

    • Panikattacken
    • psychotische Symptome
    • Aufmerksamkeits-, Konzentration- und Koordinationsstörungen
    • Übelkeit

    Zu den Langzeitfolgen zählen:

    • Psychotische Störungen, wie cannabisinduzierte Psychosen oder Schizophrenien. Die Wahrscheinlichkeit, eine solche Erkrankung zu entwickeln, steigt bei Konsumenten um 40 bis 100 Prozent gegenüber Nicht-Konsumenten.
    • Affektive Störungen wie Depressionen, Angststörungen, bipolare Störungen und Suizidalität. Die Wahrscheinlichkeit, eine Depression zu entwickeln, liegt bei Konsumenten im Vergleich zu Nicht-Konsumenten um 30 bis 60 Prozent höher.
    • Beeinträchtigung der Kognition bei Konsum im Jugendalter: Gedächtnisfunktionen, Lernleistung, Aufmerksamkeit, die Fähigkeit zum Problemlösen und Intelligenz vermindern sich. Das führt bei Abhängigen häufig zu einem Leistungsknick in der Schule und zum Abbruch der Ausbildung. Jugendliche verlieren außerdem frühere Freizeitinteressen und ziehen sich in die Gemeinde der ebenfalls Konsumierenden zurück.
    • Körperliche Folgen: Möglich sind Lungen- und Atemwegserkrankungen, Hodenkrebs, außerdem Frühgeburten und Entwicklungsstörungen des Kindes bei Konsum in der Schwangerschaft.

    Die Ursache für die kognitiven Auswirkungen ist die hohe Verwundbarkeit des jugendlichen Gehirns. Es ist sehr empfindlich für den erhöhten THC-Gehalt in den heute konsumierten Substanzen. Es gibt einen Forschungszuwachs an neuen internationalen Studien, die belegen, dass sich hirnstrukturelle Veränderungen im zentralen Nervensystem ereignen, wenn Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung Cannabis konsumieren.

    Bis zum 22. Lebensjahr befindet sich das Gehirn im Umbauprozess. THC stört diesen Prozess: Es bildet sich nicht ausreichend Ummantelungssubstanz. Das kann dann eben erwähnte Folgen haben. Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Intelligenz leiden.

    Frau dreht mit Cannabis einen Joint

    © iStock / FangXiaNuo

    Sind diese Folgen irreversibel?

    Das ist noch unklar, zur Beurteilung dieser Fragestellung wären sehr lang angelegte Studien notwendig. Bisher kommen die Studien zu unterschiedlichen Ergebnissen. In der Suchtklinik sehen wir allerdings schon eine gewisse Erholung der kognitiven Funktionen, wenn die Abstinenz sichergestellt ist. Ob das nun an der biologischen Reparation liegt oder daran, dass brachliegende Hirnareale bestimmte Funktionen übernehmen, wissen wir nicht.

    Wer ist besonders gefährdet, abhängig zu werden?

    Jeder Konsum im Jugendalter ist eine Risikokonstellation. Und zwar in dreierlei Hinsicht:

    1. Biologisch: Das zentrale Nervensystem befindet sich noch im Aufbau und ist besonders empfindlich für die THC-Effekte.
    2. Entwicklungspsychologisch: Bei Jugendlichen sind Kontrollfunktionen sowie die Selbstreflexion noch recht schwach ausgebildet. Sie können noch nicht so agieren, dass sie ihr Selbst beschützen. Das Sich Ausprobieren ist in Pubertät und Adoleszenz ein alterstypischer Prozess. Die Steuerungsfunktionen übernehmen noch die Eltern beziehungsweise die engsten Bezugspersonen.
    3. Sozial: Die Orientierung an Gleichaltrigen ist stark ausgeprägt. Ältere sind Vorbilder. So entsteht ein sozialer Druck, ihnen nachzueifern, wenn sie konsumieren.

    Aus diesen drei Gründen kann Cannabiskonsum bei Jugendlichen äußerst schnell in eine körperliche Abhängigkeit führen. Die Sucht entwickelt sich zügig und heftig. Der Unterschied ist im Vergleich zu erwachsenen Konsumenten immens: Ihr Hirn ist ausgereift, sie verfügen über eine hinreichende Steuerungsfunktion und ihre Abgrenzungsfähigkeit gegenüber anderen Personen ist besser als im Jugendalter. Jugendliche bleiben durch den Konsum auf einem pubertären Entwicklungsniveau stehen. Sie kommen aus eigener Kraft nicht mehr aus der Sucht heraus.

    Besonders gefährdet sind außerdem Kinder und Jugendliche, die schon vor dem Konsum psychisch auffällig waren:

    • Bei Mädchen können das etwa Ängstlichkeit, Selbstunsicherheit, Essstörungen oder frühe Traumatisierungen sein.
    • Bei Jungen ist es vor allem die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS).

    Die auf diese Weise vorbelasteten und für Cannabismissbrauch besonders anfälligen Jugendlichen haben alle etwas gemeinsam: Ein Defizit in der Emotionsregulation. Das bedeutet: Sie können ihre eigenen Gefühle über die Kognition schwer beeinflussen, können sich beispielsweise nicht selbst beruhigen und sind der Angst oder den Depressionen ausgesetzt.

    „Jugendliche bleiben durch den Konsum auf einem pubertären Entwicklungsniveau stehen. Sie kommen aus eigener Kraft nicht mehr aus der Sucht heraus.“

    Prof. Dr. med. Rainer Thomasius
    Ärztlicher Leiter am Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ), Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

    Wie läuft die Therapie bei einer Cannabisabhängigkeit ab?

    Ein entscheidender Punkt unterscheidet die Suchtstörung des Jugendlichen von einer Sucht im Erwachsenenalter: Die in aller Regel fehlende Motivation zur Verhaltensänderung.

    Während Erwachsene die Folgen ihres Konsums deutlich spüren, indem sie etwa körperliche Probleme entwickeln, arbeitsunfähig werden oder Partnerschaften auseinandergehen, ist das bei Jugendlichen nicht der Fall. Im Gegenteil: Es besteht ein subjektiver Gewinn durch den Konsum. Denn die jungen Konsumenten nutzen Cannabis, wie eben beschrieben, zur Emotionsregulation. Wer depressiv ist, erfährt durch Cannabis beispielsweise eine euphorisierende Wirkung, wer unter Ängsten leidet, kann diese durch den Konsum dämpfen.

    Weil die Motivation und Einsicht fehlen, sind es die Angehörigen der Jugendlichen, die Hilfe suchen. Sie können sich an Suchtberatungsstellen, Suchtambulanzen und Schwerpunktpraxen wenden. Hier können Abhängige ambulant behandelt werden. Dort kann auch entschieden werden, ob ein stationärer Aufenthalt in einer Suchtklinik für Jugendliche notwendig ist.

    Bei der Suchttherapie von Kindern und Jugendlichen wenden wir andere Verfahren an als bei Erwachsenen. Während für Ältere die kognitive Verhaltenstherapie der Goldstandard ist, arbeiten wir mit Jüngeren familienbezogen und familientherapeutisch, setzen außerdem Pädagogik, Sport-, Musik- und Ergotherapie ein.

    Wie hoch ist der Behandlungserfolg?

    Der ist bescheiden, langfristig abstinent sind nach der Therapie nur etwa 25 Prozent. Das liegt daran, dass Suchtstörungen im Jugendalter fast nie alleine auftreten. Begleitende psychische Störungen, die wichtige Trigger für die Entstehung einer Suchtstörung sind, sind häufig vorhanden. Es bestehen also neben der Cannabisabhängigkeit zum Beispiel Depressionen, Angsterkrankungen oder Essstörungen. Diese müssen in der Therapie aufgegriffen und behandelt werden.

    Der Cannabiskonsum hat aber die Hirnreifung der Patienten behindert. Zusätzlich wurde durch den Konsum der altersgerechte psychische Reifungsprozess ausgebremst. Ein 17-Jähriger befindet sich dann zum Beispiel auf dem Niveau eines 14-Jährigen, wenn er zu uns in Behandlung kommt. Das erschwert die Therapie immens. Außerdem kommen viele junge Suchtpatienten aus desolaten Familienverhältnissen: Elternteile sind etwa selbst süchtig oder die Bindung zwischen Eltern und Kind ist ungünstig.

    Ein erheblicher Anteil der in der Suchtklinik behandelten Jugendlichen kehrt bei Beendigung der Therapie nicht zu den Eltern zurück sondern entscheidet sich für eine Unterbringung in einer Jugendhilfeeinrichtung. Die Cannabissucht gibt es aber durchaus auch bei gutsituierten Jugendlichen, sie zieht sich durch alle Bevölkerungsschichten.

    Spielt die genetische Veranlagung auch eine Rolle?

    Definitiv, sie wurde in vielen Studien untersucht. Bei einer Alkoholabhängigkeit resultieren etwa 50 Prozent des Risikos aus den genetischen Anlagen. Bei illegalen Substanzen wie Cannabis sind es deutlich weniger: etwa 20 Prozent. Die Umweltfaktoren liegen bei 80 Prozent.

    In unserer Suchtabteilung haben etwa 50 Prozent der jungen Patienten mindestens einen süchtigen Elternteil. Die Sucht des Elternteils kann sich auf Alkohol, Medikamente oder harte Drogen beziehen. Demnach scheint auch aus klinischer Sicht ein hohes Gewicht auf den genetischen Anlagen zu liegen. Dabei darf man aber nicht vergessen: Süchtige Eltern gehen anders mit ihrem Kind um als nicht süchtige Personen, die Bindungsstile und der Erziehungsstil werden durch die Suchtstörung empfindlich beeinträchtigt. Es handelt sich also in der Regel um ein komplexes Zusammenspiel aus genetischen Anlagen und Umweltfaktoren.

    Auch eine Legalisierung von Cannabis zählt zu den Umweltfaktoren. Was würde sie verändern?

    Da das Thema im Rahmen der Bundestagswahlen wieder relevant werden wird, gab es bereits einen Appell der kinder- und jugendpsychiatrischen Fachgesellschaft und Verbände. Eine Legalisierung wäre fatal! Jede Legalisierung führt nachgewiesen zu einem ansteigenden Konsum. Entscheidend ist aber, dass Cannabisabhängigkeit im Jugendalter zunehmen würde.

    Leidtragende einer Legalisierung sind also die Kinder und Jugendlichen. Das zeigen US-amerikanische Studien, in denen die Legalisierungs- mit den Nichtlegalisierungsstaaten verglichen wurden. Die cannabisbezogenen Störungen stiegen bei Kindern und Jugendlichen im Zusammenhang mit der Legalisierung deutlich an. Die Verantwortung für diese Konsequenzen würden die gesundheitspolitisch Verantwortlichen zu tragen haben.

    Sie sind nicht allein

    Informationen und Unterstützung finden

    War dieser Artikel hilfreich?

    Mehr zu Drogen

    Ein Person übergibt jemandem ein Tütchen mit Legal Highs.
    Drogen
    Mann in einer Sweatshirtjacke steht in einem Park und raucht.
    Nikotin

    Frau bei Blutspende.
    Achtsamkeit
    Eine Frau hat selbstgemachte Creme in eine Schüssel gefüllt
    Achtsamkeit
    Ein älterer Herr genießt Musik hören über Kopfhörer
    Entspannung
    Eine Frau entscheidet sich im Geschäft für nachhaltige Seife.
    Achtsamkeit