Offenheit im Team, Sicherheit in der Kommunikation
Ob Beobachtungen, Fragen oder Unsicherheiten offen geäußert werden, hängt maßgeblich von der Offenheit und dem angstfreien Arbeitsklima ab. Warum es gerade in der Pflege besonders wichtig ist, Dinge ansprechen und frei und offen kommunizieren zu können, erfahren Sie auf dieser Seite.

Was ist psychologische Sicherheit?
Auf einer Station bemerkt eine Pflegekraft eine kleine, aber auffällige Veränderung im Zustand eines Patienten. Sie zögert: Ist das relevant genug, um es anzusprechen? Müsste sie gleich wissen, um was es sich handeln könnte – wird ihr das als Nichtwissen und Inkompetenz ausgelegt? Wird der Hinweis ernst genommen, ihr Hilfe angeboten, der Fall diskutiert – oder macht man sich über sie lustig, weil sie scheinbar nicht Bescheid weiß? Solche Situationen gehören zum Pflegealltag.
Psychologische Sicherheit beschreibt ein Arbeitsklima, in dem Beschäftigte Gedanken, Hinweise und Bedenken ohne Angst vor negativen Konsequenzen ansprechen können.
Der Begriff stammt aus der Organisationsforschung und wurde maßgeblich von der Harvard-Professorin Amy Edmondson geprägt (siehe Exkurs unten). Heute gilt psychologische Sicherheit als wichtiger Faktor für funktionierende Teamarbeit, Lernprozesse und Versorgungsqualität – insbesondere in komplexen Arbeitsfeldern wie der Pflege.

Pflegekräfte tragen hohe Verantwortung, arbeiten unter Zeitdruck und müssen Entscheidungen zum Teil eigenverantwortlich treffen bzw. auch im Team abstimmen. Wenn Hinweise auf Risiken oder Fehler nicht offen angesprochen werden, entstehen Unsicherheit im Team, Frust und Motivationsverlust. All das kann sich negativ auf die Zusammenarbeit, die Leistungsbereitschaft und langfristig auch auf die Gesundheit der Pflegekräfte aber auch auf die Patientensicherheit auswirken. Psychologische Sicherheit schafft die Grundlage dafür, dass Beobachtungen geteilt, Fragen gestellt und Verbesserungen angestoßen werden können.
Ein solches Klima stärkt die Gesundheit und Zufriedenheit der Beschäftigten und damit auch die Patientensicherheit. Pflegekräfte, die ihre Perspektiven einbringen können und bemerken, dass ihre Hinweise ernst genommen werden, empfinden ihre Arbeit häufiger als sinnvoll und wirksam. Das reduziert psychische Belastungen, beugt Erschöpfung vor und verbessert die Zusammenarbeit im Team. Gleichzeitig steigt die Bindung an den Arbeitgeber: Beschäftigte bleiben eher in Einrichtungen, in denen sie Vertrauen, Wertschätzung und echte Mitgestaltung erleben.
So kann psychologische Sicherheit gelingen
Eine offene Kommunikationskultur entsteht nicht von allein. Sie braucht aktives Handeln – von Pflegedienstleitungen / Bereichsleitungen / Stationsleitungen und Pflegekräften gleichermaßen.

Eine zufällige Entdeckung im Krankenhaus
Das Konzept der psychologischen Sicherheit ist aus dem Krankenhauskontext heraus entstanden – und das ist kein Zufall. Die Harvard-Professorin Amy Edmondson stieß Mitte der 1990er-Jahre auf das Konzept – mitten in einer Studie zu Medikamentenfehlern in US-amerikanischen Kliniken. Ihr Forschungsauftrag war zunächst klar umrissen: Sie sollte messen, ob eine bessere Teamarbeit auf den Stationen mit weniger Fehlern zusammenhing.
Das Ergebnis erstaunte sie. Die Daten zeigten das genaue Gegenteil ihrer Erwartung: Stationen mit nachweislich besserer Teamqualität meldeten mehr Fehler – nicht weniger. Die Erklärung: Diese Teams machten nicht häufiger Fehler, sie sprachen offener darüber. Genau dieses Klima – in dem Probleme ohne Angst vor Konsequenzen angesprochen werden können – beschrieb Edmondson 1999 erstmals als „psychologische Sicherheit.
Dass das Konzept seinen Ursprung im Gesundheitswesen hat, ist nicht ohne Grund. Nirgendwo sonst sind die Folgen fehlender Offenheit so unmittelbar spürbar: Wenn Pflegefachpersonen oder Ärztinnen und Ärzte schweigen, weil sie Kritik oder Konsequenzen fürchten, können Fehler unentdeckt bleiben und im schlimmsten Fall Patientinnen und Patienten zu Schaden kommen.
Quellen:

Kern der psychologischen Sicherheit ist eine funktionierende Teamkultur. Pflege ist Teamarbeit und erfordert ein Zusammenspiel vieler Beteiligter: Pflegekräfte, Stationsleitungen, ärztliche Leitung, Therapeutinnen und Therapeuten sowie Angehörige. Damit dieses Miteinander funktioniert, braucht es klare Absprachen, verlässliche, wertschätzende Kommunikation und gegenseitige Unterstützung – etwa beim Schichtwechsel, bei der gemeinsamen Versorgung von Patientinnen und Patienten oder bei Rücksprachen mit anderen Berufsgruppen. Eine gute Teamarbeit sorgt dafür, dass Informationen vollständig ankommen, Aufgaben sinnvoll verteilt werden und der Alltag auch unter Zeitdruck besser organisiert werden kann.
Psychologische Sicherheit in Teams
Eine gesunde Teamkultur trägt dazu bei, Arbeitsprozesse sicherer und effizienter zu gestalten. Informationen werden schneller und zuverlässiger weitergegeben, Missverständnisse treten seltener auf, Verantwortlichkeiten sind klar geregelt und Entscheidungen besser abgestimmt. In einem respektvollen, wertschätzenden Umfeld fällt es Beschäftigten leichter, Fragen zu stellen, Unsicherheiten anzusprechen oder auf mögliche Fehler hinzuweisen – ein wichtiger Faktor, um Stress zu reduzieren und damit die Gesundheit der Mitarbeitenden zu schützen.
Sie können Belastung teilen und erfahren mehr Unterstützung. Beschäftigte, die sich wohlfühlen und emotional an das Unternehmen gebunden sind, wechseln zudem seltener den Arbeitsplatz.
Lesen Sie hier, wie die AOK Baden-Württemberg mit „PiP – Prävention in der Pflege“ die gesundheitlichen Ressourcen der Mitarbeitenden verbessert und damit auch das Wohl der Pflegebedürftigen steigert.
Eine gesunde Teamkultur gestalten
Woran man eine gesunde Teamkultur erkennt
- Absprachen sind klar, verbindlich und für alle nachvollziehbar.
- Verantwortlichkeiten sind geklärt und bekannt.
- Informationen werden vollständig und rechtzeitig weitergegeben.
- Kolleginnen und Kollegen unterstützen sich gegenseitig, auch in belastenden Situationen.
- Rückfragen, Hinweise und Kritik können offen und sachlich geäußert werden.
- Der Umgang im Team ist respektvoll und wertschätzend – unabhängig von Funktion oder Berufsgruppe.
- Feedback ist konstruktiv und auf Verbesserungen ausgerichtet, Erfolge werden gemeinsam wahrgenommen.
Wie Teamkultur bewusst gestaltet werden kann
- Führungskräfte sind sich ihrer Vorbildfunktion bewusst und kommunizieren offen und respektvoll
- Strukturierte und verlässliche Übergaben etablieren.
- Regelmäßige kurze Teamabstimmungen im Arbeitsalltag einplanen.
- Feste Ansprechpersonen für bestimmte Aufgaben oder Situationen benennen.
- Offene Feedbackmöglichkeiten schaffen und aktiv nutzen.
- Rückfragen und Hinweise ausdrücklich einladen und wertschätzend aufnehmen.
- Kollegiale Unterstützung gezielt fördern, etwa bei körperlich oder emotional belastenden Tätigkeiten.
- Klare Kommunikationsregeln im Team vereinbaren und und auf deren Einhaltung achten.
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