Unternehmen im Ländle
Spüren und etwas tun
Veröffentlicht am:13.10.2026
8 Minuten Lesedauer
Psychische Gesundheit braucht System – und den Mut, hinzuschauen: Wie MAPAL mit einer Gefährdungsbeurteilung, AOK-Kursen und psychischen Ersthelfern eine Kultur der Aufmerksamkeit schafft.

© AOK
Systematisch herangehen
Psychische Erkrankungen gehören längst zu den größten Herausforderungen in der Arbeitswelt. Seit Jahren steigen die krankheitsbedingten Fehltage aufgrund psychischer Belastungen kontinuierlich an. Gleichzeitig nehmen Arbeitsverdichtung, Fachkräftemangel und wirtschaftliche Unsicherheiten den Beschäftigten immer mehr Kraft. Für Unternehmen bedeutet das nicht nur steigende Ausfallzeiten und Kosten – sondern auch die Verantwortung, ein Arbeitsumfeld zu schaffen, das die psychische Gesundheit stärkt.
Die MAPAL Dr. Kress SE & Co. KG hat sich deshalb entschieden, das Thema systematisch anzugehen. Den Ausgangspunkt bildete eine psychische Gefährdungsbeurteilung. Daraus entwickelte das Unternehmen gemeinsam mit den Beschäftigten konkrete Maßnahmen – von Gesundheitsdialogen über Resilienzkurse bis hin zur Ausbildung psychischer Ersthelfer. Unterstützt wurde MAPAL dabei unter anderem von der AOK Ostwürttemberg.
Erst verstehen – dann handeln
„Uns war wichtig, nicht einfach Einzelmaßnahmen anzubieten, sondern zunächst herauszufinden, wo unsere Mitarbeitenden tatsächlich Belastungen erleben“, sagt Hans Krauss, BGM-Verantwortlicher bei MAPAL. Dafür führte das Unternehmen eine psychische Gefährdungsbeurteilung in Form einer umfangreichen Mitarbeitendenbefragung durch. Die Ergebnisse wurden für insgesamt 19 Arbeitsbereiche individuell ausgewertet. Anschließend fanden Gesundheitsdialoge statt: moderierte Workshops, in denen die Beschäftigten ihre Ergebnisse diskutierten und gemeinsam Lösungen entwickelten.
„Aus jedem Bereich entstand ein eigener Maßnahmenplan“, berichtet Bettina Oppold aus dem Betrieblichen Gesundheitsmanagement. „Gemeinsam mit den Führungskräften haben wir anschließend geprüft, welche Maßnahmen sich konkret umsetzen lassen. Besonders wichtig ist uns jetzt die Nachhaltigkeit. Gute Ideen dürfen nicht im Arbeitsalltag verloren gehen.“ Rund 150 Mitarbeitende beteiligten sich an den Workshops – ein deutliches Zeichen dafür, dass das Thema viele Menschen bewegt.

Resilienz lässt sich trainieren
Ein Baustein der Maßnahmen waren die bei-den AOK-Kurse Lebe Balance, die im Herbst/Winter 2025 sowie im Winter/Frühjahr 2026 im Unternehmen stattfanden. Das wissenschaftlich fundierte Präventionsprogramm unterstützt Beschäftigte dabei, Stress besser zu bewältigen, eigene Kraftquellen zu entdecken und langfristig resilienter zu werden. „Die Nachfrage war von Anfang an groß“, erinnert sich Bettina Oppold. „Viele Mitarbeitende haben gespürt, dass sie etwas für sich tun möchten.“
Kursleiterin Anja Mäurer beobachtet immer wieder, dass bereits kleine Veränderungen eine große Wirkung entfalten können. „Lebe Balance vermittelt keine Patentrezepte. Vielmehr entwickeln die Teilnehmenden individuelle Strategien, die zu ihrem Alltag passen. Besonders wertvoll ist dabei der Aus-tausch in der Gruppe. Viele merken: Mit ihren Herausforderungen sind sie nicht allein.“
„Lebe Balance vermittelt keine Patentrezepte. Vielmehr entwickeln die Teilnehmenden individuelle Strategien, die zu ihrem Alltag passen. Besonders wertvoll ist dabei der Austausch in der Gruppe. Viele merken: Mit ihren Herausforderungen sind sie nicht allein.“

Anja Mäurer
BGM-Koordinatorin und Lebe-Balance-Kursleiterin bei der AOK Ostwürttemberg
Lebe-Balance-Kurse
Die Kurse greifen Themen wie Achtsamkeit, Selbstfürsorge, Kommunikation, Grenzen setzen und den Umgang mit Stress auf. Ziel ist es, die eigene psychische Widerstandskraft nachhaltig zu stärken, sowohl im Beruf als auch im Privatleben.
Führung spielt eine Schlüsselrolle Psychische Gesundheit endet jedoch nicht beim einzelnen Mit-arbeitenden. Auch Führungskräfte prägen maßgeblich, wie offen im Unternehmen mit Belastungen umgegangen wird. „Deshalb denken wir das Thema ganzheitlich“, erklärt Hans Krauss. „Beschäftigte brauchen Angebote zur Stärkung ihrer eigenen Gesundheit. Gleichzeitig müssen auch Führungskräfte lernen, Belastungen frühzeitig wahrzunehmen und gesund zu führen.“

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Langfristig dranbleiben
Aus diesem Grund plant MAPAL weitere Module zur Selbstführung im Rahmen des internen Leadership-Programms. So sollen Führungskräfte dabei unterstützt werden, den eigenen Umgang mit Stress zu reflektieren und gleichzeitig gesundheitsförderliche Arbeitsbedingungen für ihre Teams zu schaffen, die langfristig zu einer nachhaltigen Führungskultur beitragen.
MHFA: Hilfe auf Augenhöhe
Ein weiterer Baustein des Gesamtkonzepts sind inzwischen vier ausgebildete Ersthelfer für psychische Gesundheit (MHFA – Mental Health First Aid). Sie lernen, Warnsignale psychischer Erkrankungen frühzeitig zu erkennen, Betroffene anzusprechen und sie bei Bedarf an professionelle Hilfsangebote weiterzuvermitteln.
„Die Ersthelfer ersetzen keine therapeutische Hilfe", betont Bettina Oppold. „Aber sie senken die Hemmschwelle. Viele sprechen zunächst lieber mit einer Kollegin oder einem Kollegen aus dem eigenen Arbeitsumfeld.“ Ergänzt wird das Angebot durch ein internes Mental-Health-Coaching, an das sich Mitarbeitende ebenfalls wenden können.
Bereits geplant sind regelmäßige Auffrischungskurse für ehemalige Lebe-Balance-Teilnehmende. So sollen die erlernten Strategien dauerhaft im Alltag verankert werden.
ERSTE HILFE FÜR PSYCHISCHE GESUNDHEIT
Langfristiger Prozess
Eine Kultur, in der man gehört wird Für Hans Krauss ist entscheidend, dass psychische Gesundheit dauerhaft Teil der Unternehmenskultur bleibt: „Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten mit Veränderungen, Kurzarbeit oder Umstrukturierungen ist es wichtig, dass Mitarbeitende wissen: Wir nehmen ihre Sorgen ernst.“
Auch Bettina Oppold sieht die bisherigen Maßnahmen als Anfang eines langfristigen Prozesses: „Gesundheitsförderung ist kein Projekt mit Enddatum. Wir möchten unsere Angebote kontinuierlich weiterentwickeln und immer wieder überprüfen, was unsere Beschäftigten wirklich brauchen.“
ERFAHRUNGSBERICHT
„Ich habe gelernt, auch einmal Nein zu sagen“
Dennis Wittmers arbeitet seit über 14 Jahren im Facility-Management bei MAPAL. Er nahm an einem Lebe-Balance-Kurs der AOK teil und berichtet von seinen Erfahrungen.
Herr Wittmers, warum haben Sie sich für den Kurs angemeldet?
Psychische Gesundheit war für mich schon vorher ein Thema – beruflich wie privat. Ich hatte die Hoffnung, besser mit Stress umgehen und nach Feierabend leichter abschalten zu können.
Was hat Sie besonders überrascht?
Wie offen die Gruppe war. Niemand musste etwas erzählen oder bei Übungen mitmachen, wenn er sich nicht wohlgefühlt hat. Frau Mäurer hat den Kurs sehr einfühlsam geleitet. Gerade der Austausch mit den anderen war unglaublich wertvoll.
Was nehmen Sie bis heute mit?
Vor allem das Thema Grenzen setzen. Wie sage ich freundlich Nein? Wie kommuniziere ich meine Prioritäten? Das versuche ich heute bewusst im Arbeitsalltag umzusetzen.
Gibt es Übungen, die Sie weiterhin anwenden?
Ja, die Achtsamkeitsübungen. Ich plane mir inzwischen bewusst Zeit für mich ein und lege auch handyfreie Zeiten fest. Neulich habe ich einfach nur den aufgehenden Mond beobachtet. Das klingt banal, aber solche kleinen Momente helfen wirklich dabei, den Kopf freizubekommen.
Hat sich Ihr Blick auf Ihren Arbeitgeber verändert?
Ja. Ich habe das Gefühl, dass wir Mitarbeitenden gehört werden. Die Workshops und die verschiedenen Angebote zeigen, dass sich das Unternehmen wirklich mit unserer psychischen Gesundheit beschäftigt.
Würden Sie Kolleginnen und Kollegen eine Teilnahme empfehlen?
Auf jeden Fall. Wer noch nie dabei war, kann gar nicht beurteilen, ob es etwas bringt. Man muss sich einfach darauf einlassen. Mir persönlich hat es sehr geholfen.
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